Der Papst und der linke Diktator

Franziskus desavouiert Venezuelas Bischöfe

Drohung: „Tod den Priestern“, gezeichnet PSUV, wurde in Venezuela auf etliche Kirchenmauern geschmiert.
Drohung: „Tod den Priestern“, gezeichnet PSUV, wurde in Venezuela auf etliche Kirchenmauern geschmiert.

(Rom) Betreibt Papst Fran­zis­kus eine „zyni­sche Real­po­li­tik“? Die­se Fra­ge stellt der Vati­ka­nist der ita­lie­ni­schen Tages­zei­tung Il Foglio, Matteo Mat­zuz­zi, mit Blick auf Vene­zue­la.

Die vene­zo­la­ni­schen Bischö­fe ste­hen der sozia­li­sti­schen Regie­rung von Nico­las Madu­ro nicht nur distan­ziert, son­dern ableh­nend gegen­über. In einer Erklä­rung zu sei­ner Ange­lo­bung für die zwei­te Amts­zeit spra­chen sie von einer „ille­gi­ti­men“ Macht­aus­übung. Der Ange­lo­bung am 10. Janu­ar blie­ben sie kon­se­quent fern.

Schon 2015 hat­ten sie Madu­ros Regime einen „tota­li­tä­ren“ Cha­rak­ter atte­stiert und den Prä­si­den­ten und sei­ne sozia­li­sti­sche Par­tei PSUV als „größ­tes Pro­blem“ des Lan­des bezeich­net.

Ganz anders die Posi­ti­on des Vati­kans:

Papst Fran­zis­kus emp­fing Madu­ro bereits mehr­fach im Vati­kan und zeig­te sich demon­stra­tiv an der Sei­te des sozia­li­sti­schen Dik­ta­tors. Vor vier Tagen ent­sand­te ent­sand­te er einen offi­zi­el­len Ver­tre­ter des Hei­li­gen Stuhls zur Ange­lo­bung. Madu­ro bedank­te sich aus­drück­lich dafür.

Reinigung nach PSUV-Schmiererei
Rei­ni­gung nach PSUV-Schmie­re­rei

Nico­las Madu­ro regiert Vene­zue­la seit 2013, seit dem Tod sei­nes Vor­gän­gers und Kampf­ge­fähr­ten Hugo Cha­vez. Vor weni­gen Tagen ließ er sich für eine zwei­te Amts­zeit ange­lo­ben.

Seit 2015 ist die demo­kra­ti­sche Gewal­ten­tei­lung aus­ge­schal­tet. Bei den dama­li­gen Par­la­ments­wah­len gewann die Oppo­si­ti­on zwei Drit­tel der Man­da­te. Seit­her herrscht Madu­ro dik­ta­to­risch mit Not­ver­ord­nun­gen.

Da er und sei­ne Ver­ei­nig­te Sozia­li­sti­sche Par­tei in Vene­zue­la (PSUV) kei­ne Aus­sich­ten haben, bei demo­kra­ti­schen Wah­len eine aus­rei­chen­de Unter­stüt­zung im Volk zu erhal­ten, fin­den im Land kei­ne Wah­len mehr statt. Die Regio­nal­wah­len wer­den seit 2016 ver­zö­gert und Prä­si­dent­schafts­wah­len ver­hin­dert, nach­dem das Par­la­ment Madu­ro für abge­setzt erklär­te.

Madu­ro ließ ohne recht­mä­ßi­ge Volks­wahl eine „ver­fas­sungs­ge­ben­de Ver­samm­lung“ ein­be­ru­fen, die mit treu­en PSUV-Anhän­gern besetzt war. Von die­ser Ver­samm­lung ließ er sich erneut zum Prä­si­den­ten „wäh­len“.

Aus die­sem Grund wird die Ange­lo­bung vom 10. Janu­ar von vie­len Staa­ten nicht aner­kannt. Die vene­zo­la­ni­schen Bischö­fe spra­chen am 9. Janu­ar von einer „unrecht­mä­ßi­gen“ Macht­an­eig­nung, die kei­ne Aner­ken­nung ver­die­ne, weil sie weder demo­kra­tisch noch gesetz­mä­ßig erfolg­te.

Die mei­sten euro­päi­schen Staa­ten blie­ben der Ange­lo­bung fern. Anders ver­hielt sich der Vati­kan.

Wäh­rend die Orts­kir­che Madu­ros Usur­pa­ti­on scharf kri­ti­sier­te, ent­sand­te der Hei­li­ge Stuhl Msgr. Geor­ge Koo­va­kod zur Ange­lo­bungs­ze­re­mo­nie. Madu­ro zeig­te sich gerührt.

Ende 2016, als es in vie­len vene­zo­la­ni­schen Städ­ten wegen der Ver­sor­gungs­eng­päs­se zu Unru­hen und Pro­te­sten gegen das Regime kam, schie­nen die Tage Madu­ros gezählt. Madu­ro flüch­te­te sich damals über­ra­schend in den Vati­kan. Papst Fran­zis­kus emp­fing den Unter­drücker, wäh­rend die Unter­drück­ten vor der Tür blie­ben. Damit ret­te­te er das Regime vor einem Volks­auf­stand.

Kir­chen­feind­lich­keit

In den Rei­hen der Oppo­si­ti­on ste­hen auch zahl­rei­che Prie­ster: „Weil die Men­schen nichts mehr zu essen haben“, so Pfar­rer José Palmar von Mara­cai­bo. Für sei­nen Pro­test war der Prie­ster im Febru­ar 2014 von einem cha­vi­sti­schen Schlä­ger­trupp des Regimes über­fal­len und ins Kran­ken­haus geprü­gelt wor­den.

Obwohl Vene­zo­la­ner sogar in Rom auf spek­ta­ku­lä­re Wei­se auf die kata­stro­pha­le Situa­ti­on in ihrer Hei­mat auf­merk­sam mach­ten, blieb Papst Fran­zis­kus unge­rührt.

Zum fünf­ten Jah­res­tag der Erwäh­lung von Papst Fran­zis­kus zeig­te sich Madu­ro eupho­risch: „Papst Fran­zis­kus hat der Rech­ten den Mund gestopft“.

Die Kir­che setzt immer auf Dia­log und bemüht sich in Kon­flik­ten zu ver­mit­teln. Den­noch liegt der Fall in Vene­zue­la anders. Er geht über die übli­chen diplo­ma­ti­schen Gepflo­gen­hei­ten des Hei­li­gen Stuhls hin­aus.

Zunächst schwieg Fran­zis­kus lan­ge Zeit zur Staats­kri­se in Vene­zue­la. Dann leg­te er im Som­mer 2017 ein Papier vor, das selbst wohl­wol­len­de Medi­en den „schlech­te­sten diplo­ma­ti­schen Wisch des Pon­ti­fi­kats“ nann­ten.

Kri­ti­ker wer­fen Fran­zis­kus vor, Par­tei für das Regime zu ergrei­fen. Selbst in gemä­ßig­ten Krei­sen ist von einer „Des­avou­ie­rung“ der Bischö­fe die Rede.

Die Situa­ti­on läßt sich am ehe­sten mit der neu­en Ost­po­li­tik gegen­über der eben­falls sozia­li­sti­schen Volks­re­pu­blik Chi­na ver­glei­chen.

Mat­zuz­zi fragt sich:

„Han­delt es sich also um eine Bekun­dung des guten Wil­lens durch den Vati­kan, um einen ‚effi­zi­en­ten‘ Ver­hand­lungs­ka­nal mit dem Regime zu haben?“

„Kann sein“, so sei­ne Ant­wort. Tat­sa­che sei jedoch, daß die unmit­tel­ba­re Wir­kung aber eine ganz ande­re ist, näm­lich eine Schwä­chung der Vene­zo­la­ni­schen Bischofs­kon­fe­renz. Deren Kri­tik am Regime wird vor den Augen der Öffent­lich­keit durch die rang­hö­he­re Auto­ri­tät des Pap­stes über­trumpft. Der Wider­stand der vene­zo­la­ni­schen Kir­che gegen das kir­chen­feind­li­che Regime Madu­ros und sei­ne „cha­vi­sti­schen“ Ideo­lo­gie, als deren Grals­hü­ter Madu­ro sich sieht, wur­de zwar nicht gebro­chen, wird aber durch Papst Fran­zis­kus gebremst und geschwächt.

Wie der kon­kre­te Fall zeigt, zögert das Kir­chen­ober­haupt auch nicht, der Orts­kir­che in den Rücken zu fal­len. Mat­zuz­zi sagt es nicht expli­zit, in Vene­zue­la wird es in Kir­chen­krei­se aber aus­ge­spro­chen: Es besteht der Ein­druck, daß für Papst Fran­zis­kus das sozia­li­sti­sche Regime wich­ti­ger ist als die katho­li­sche Orts­kir­che.

Die ist Repres­si­on und Gewalt aus­ge­setzt. Jüngst wur­de auf ver­schie­de­ne Kir­chen­mau­ern die Paro­le geschmiert: „Tod den Prie­stern“, gezeich­net „PSUV“.

Text: Andre­as Becker
Bild: El Pita­zo (Screen­shots)