Anklage eines Priester: „Wir verhungern in Venezuela. Das Schweigen von Papst Franziskus ist schlimm“

Don José Palmar kritisiert die Haltung von Papst Franziskus, der in der schweren Krise, in der Venezuela steckt, das sozialistische Regime unterstützt.
Don José Palmar kritisiert die Haltung von Papst Franziskus, der in der schweren Krise, in der Venezuela steckt, das sozialistische Regime unterstützt.

(Cara­cas) In Vene­zue­la befin­det sich die „Boli­va­ri­sche Revo­lu­ti­on“ in ihrer größ­ten Kri­se. Die Ver­sor­gungs­la­ge hat sich dra­ma­tisch ver­schlech­tert. Das Regime hat abge­wirt­schaf­tet und ver­sucht mit Gewalt und Sprech­ver­bo­ten die Kon­trol­le zu behal­ten. Die jüng­ste „Idee“ des Vize­prä­si­den­ten Diosdado Cabel­lo sind Tafeln in allen öffent­li­chen Ämtern, auf denen geschrie­ben steht: „Hier spricht man nicht schlecht über Cha­vez“. Sozia­li­sti­scher Per­so­nen­kult um den ersten „boli­va­ri­schen“ Prä­si­den­ten Hugo Cha­vez, der von 1998 bis 2013 regier­te. Auf die zuneh­men­den Volks­pro­te­ste reagiert die Regie­rung hart. 33 Tote sind die Bilanz des zurück­lie­gen­den Monats. Aus dem Wider­stand gegen das „Castri­sti­sche Narko­re­gime“, wie er es nennt, ragt ein katho­li­scher Prie­ster her­aus.

Der Papst empfängt Unterdrücker statt Unterdrückten

Die Regie­rung des „boli­va­ri­schen Sozia­lis­mus“ unter Staats­prä­si­dent Nico­las Madu­ro nahm im Okto­ber des Vor­jah­res, als es eng wur­de, sogar Zuflucht bei Papst Fran­zis­kus im Vati­kan. Dabei stand das Regime der Kir­che bis­her sehr feind­se­lig gegen­über. Der Papst emp­fängt „Unter­drücker statt Unter­drück­te“, lau­te­te damals die Kri­tik.

Papst Franziskus und Präsident Maduro im Oktober 2016
Papst Fran­zis­kus und Prä­si­dent Madu­ro im Okto­ber 2016

Die päpst­li­chen Sym­pa­thien für lin­ke Regie­run­gen und Bewe­gun­gen sind bekannt. Ent­spre­chend stützt das katho­li­sche Kir­chen­ober­haupt Madu­ro. Dabei geht es nicht nur dar­um, „den Frie­den zu bewah­ren“, wie Fran­zis­kus vor weni­gen Tagen zur Vene­zue­la-Kri­se sag­te, nach­dem gewalt­tä­ti­ge Pro­te­ste aus­ge­bro­chen waren. Es geht auch dar­um, eine bestimm­te poli­ti­sche Rich­tung zu unter­stüt­zen — in Vene­zue­la die regie­ren­de Ver­ei­nig­te Sozia­li­sti­sche Par­tei Vene­zue­las (PSUV). Der PSUV ist die größ­te Links­par­tei Latein­ame­ri­kas. Sie führt dem fünf­zacki­gen, roten Stern als Par­tei­sym­bol, dem Erken­nungs­zei­chen der bol­sche­wi­sti­schen Uto­pie seit der kom­mu­ni­sti­schen Okto­ber­re­vo­lu­ti­on 1917 in Ruß­land.

Damit befin­det sich der Papst auf Kol­li­si­ons­kurs mit der Kir­che des latein­ame­ri­ka­ni­schen Lan­des, die sich seit 1998 einem sozia­li­sti­schen Regime gegen­über sieht, das ihr kei­nes­wegs gewo­gen ist. Kar­di­nal Uro­sa warf Madu­ros Vor­gän­ger Hugo Cha­vez bereits 2002 vor, eine kom­mu­ni­sti­sche Dik­ta­tur zu errich­ten. 2015 bezeich­ne­te die Vene­zo­la­ni­sche Bischofs­kon­fe­renz den „tota­li­tä­ren“ Cha­rak­ter des Regimes als „größ­tes Pro­blem“ des Lan­des.

Fran­zis­kus reagier­te auf der Ebe­ne der Per­so­nal­po­li­tik, indem er mit dem Auf­bau einer ihm nahe­ste­hen­den Hier­ar­chie begann. Dem amtie­ren­den Pri­mas von Vene­zue­la, dem regime­kri­ti­schen Erz­bi­schof von Cara­cas, Jor­ge Kar­di­nal Uro­sa, stell­te er als Gegen­ge­wicht einen zwei­ten Kar­di­nal zur Sei­te, Bal­ta­zar Por­ras Card­ozo, den Erz­bi­schof von Meri­da, der einen umgäng­li­che­ren Ton mit der Regie­rung pflegt.

„Randpriester“ Don José Palmar platzte der Kragen

Padre José Palmar
Pad­re José Palmar

Der sich zuspit­zen­de Kon­flikt zwi­schen Regie­rung und Oppo­si­ti­on, der in den ver­gan­ge­nen 35 Tagen 33 Todes­op­fer for­der­te, wur­de ein katho­li­scher Prie­ster lan­des­weit bekannt. Ihm platz­te der Kra­gen, als er die Wor­te von Papst Fran­zis­kus hör­te, mit denen die­ser am ver­gan­ge­nen Sams­tag auf dem Rück­flug aus Ägyp­ten „regime­stüt­zend“ zur Kri­se in Vene­zue­la Stel­lung nahm.

Es han­delt sich um Don José Palmar, seit 27 Pfar­rer an der Kir­che Unse­rer Lie­ben Frau von Gua­da­lu­pe in Mara­cai­bo. Aus der Per­spek­ti­ve Roms, ein armer Prie­ster an den Rän­dern. Mit meh­re­ren spek­ta­ku­lä­ren Aktio­nen wand­te sich der Prie­ster schon gegen die staat­li­che Gewalt. Aus Soli­da­ri­tät mit pro­te­stie­ren­den Stu­den­ten ket­te­te er sich 2015 öffent­lich an. Im ver­gan­ge­nen Janu­ar bot er sich als „Ersatz“ im Aus­tausch für die Frei­las­sung des vom „boli­va­ri­schen“ Geheim­dienst SEBIN ver­haf­te­ten oppo­si­tio­nel­len Gemein­de­rats von Mara­cai­bo, Jor­ge Luis Gon­za­lez, an.

„Prie­ster an den Rän­dern, Publi­zist, Mari­en­ver­eh­rer, erster Mär­ty­rer des Castri­sti­schen Nar­ko-Madu­ris­mus.“

So wird Don José Palmar beschrie­ben, und so sieht er sich auch sel­ber.

Nun wider­sprach er öffent­lich Papst Fran­zis­kus. Die­ser hat­te sein Enga­ge­ment als „Befrie­dungs­ak­tio­nen“ bezeich­net. Don Palmar spricht hin­ge­gen von „einer Spal­tung der Oppo­si­ti­on“.

„Es ist trau­rig, daß Papst Fran­zis­kus, den wir als Papst ver­eh­ren, sich so abschät­zig über unse­ren Kampf für die Wie­der­ge­win­nung der Wür­de Vene­zue­las geäu­ßert hat und kei­ne Ankla­ge gegen das Narko­re­gime erhebt, das uns aus­hun­gert und tötet.
Wenn Papst Fran­zis­kus uns ersucht, mit dem Narko­re­gime von Madu­ro den Dia­log zu pfle­gen, dann – ver­zei­hen Sie mir, Hei­li­ger Vater – erklä­re ich mich in kle­ri­ka­ler Rebel­li­on. Mit der Tyran­nei gibt es kei­nen Dia­log.“

Unter­zeich­net:

„Pad­re José Palmar – Rand­prie­ster“.

Am 1. Mai leg­te Don Palmar wegen der unter­schied­li­chen Posi­tio­nen, die der Vati­kan und die Orts­kir­che gegen­über dem Madu­ro-Regime ein­neh­men, auf Twit­ter nach:

„Zu sagen, daß die Oppo­si­ti­on spal­tet, ist nichts Unge­wöhn­li­ches, weil sie Poli­ti­ker sind. Das Chri­sten­tum gespal­ten zu sehen, ist aber ein Skan­dal. Wir hin­ter­ge­hen Chri­stus.“

Und wei­ter:

„Hei­li­ger Vater Fran­zis­kus, in aller Demut und allem Respekt, als unser Vater und ober­ster Hir­te, geben Sie Vene­zue­la ein Wort des Zuspruchs.“

„Papst beweist völlige Unkenntnis der Situation in Venezuela“

Gleich­zei­tig beklag­te der Prie­ster, daß alle Bit­ten an das Inter­na­tio­na­le Rote Kreuz, in Vene­zue­la tätig zu wer­den, als Beob­ach­ter, aber vor allem zur medi­zi­ni­schen Ver­sor­gung der pro­te­stie­ren­den Bevöl­ke­rung, bis­her erfolg­los geblie­ben sind.

Am 3. Mai ver­öf­fent­lich­te Info­bae ein Inter­view mit Don Palmar, dar­in warf der Prie­ster Fran­zis­kus vor in lin­ken Träu­men nach­zu­hän­gen, denen die Rea­li­tät wider­spricht:

„Was Papst Fran­zis­kus sag­te, beweist eine völ­li­ge Unkennt­nis der Situa­ti­on in Vene­zue­la.“

„Wenn der Hei­li­ge Vater in Rom sich zu Fra­gen des Glau­bens und der Moral äußert, bin ich ver­pflich­tet, ihm bedin­gungs­los zu gehor­chen, weil er mit dem siche­ren Strahl der Wahr­heit spricht. Wenn er aber über poli­ti­sche Din­ge spricht, habe ich das Recht, ande­rer Mei­nung zu sein.“

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Don Jose Palmar, nach dem Überfall eines "chavistischen" Schlägertrupps im Oktober 2016
Don Jose Palmar, nach dem Über­fall eines „cha­vi­sti­schen“ Schlä­ger­trupps im Okto­ber 2016

Don José Palmar war am 19. Febru­ar 2014 ver­letzt wor­den, als die Guar­dia Nacio­nal gewalt­sam gegen eine regime­kri­ti­sche Kund­ge­bung auf der Pla­za Repú­b­li­ca von Mara­cai­bo vor­ging. Dabei wur­de die 22 Jah­re alte Schön­heits­kö­ni­gin Géne­sis Car­mo­na erschos­sen. Wäh­rend Don Palmar über­leb­te, kam für die jun­ge Wirt­schafts­stu­den­tin jede Hil­fe zu spät. Euro­päi­sche Medi­en hat­ten weni­ge Wochen zuvor aus­führ­lich über den Raub­mord an einer frü­he­ren vene­zo­la­ni­schen Schön­heits­kö­ni­gin berich­tet, den poli­ti­schen Mord an Géne­sis Car­mo­na aber ver­schwie­gen.

Angrif­fe gegen sei­ne Per­son muß­te der Prie­ster bereits mehr­fach erdul­den. Zuletzt lau­er­te ihm am 26. Okto­ber 2016 ein „cha­vi­sti­scher“ Schlä­ger­trupp auf und prü­gel­te ihn kran­ken­haus­reif. Er rech­net jeder­zeit mit einem Atten­tat: „Sie wer­den mich wohl ver­haf­ten oder umbrin­gen, aber ich kann nicht anders, als die­ses Unrecht zu bekla­gen.“

Anfang Janu­ar 2015 wur­de sei­ne Pfarr­kir­che geschän­det. Don Palmar ist über­zeugt, daß der Auf­trag vom „boli­va­ri­schen“ Bür­ger­mei­ster der Stadt erging. Der Altar wur­de geschän­det und Schmier­schrif­ten gegen den Pfar­rer und die Kir­che ange­bracht. Auf den Fuß­bo­den der Kir­che wur­de gepin­selt: „Die ein­zi­ge Kir­che die erleuch­tet, ist eine Kir­che, die brennt“.

Das sei es, was das Regime und des­sen Anhän­ger wirk­lich über die Kir­che den­ken, so Don Palmar, der über die Hal­tung von Papst Fran­zis­kus nur den Kopf schüt­teln kann.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: reportero24/notitotal/Twitter (Screen­shots)

 

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5 Kommentare

  1. Man kann wirk­lich nur noch den Kopf schüt­teln, denn es ver­schlägt einen förm­lich die Spra­che, bei all den Din­gen, die heu­te den Gläu­bi­gen vom Lehr­amt zuge­mu­tet wer­den. Ich bete für alle Men­schen, die vom hl. Vater in größ­ter Not allei­ne gelas­sen und ein­fach igno­riert wer­den. Das ist ein Skan­dal. Hof­fent­lich hat das irgend­wann ein Ende hof­fent­lich erkennt der hl. Vater bald, was er den tat­säch­li­chen Armen und Ver­folg­ten antut.

  2. Durch kaum nach­voll­zieh­ba­ren Ent­schei­dun­gen und irra­tio­na­le Hand­lun­gen fügt Papst F. der Kir­che schwe­ren Scha­den zu.

  3. Lan­ge Zeit heg­te ich Sym­pa­thien für die Cha­vez-Regie­rung, weil sie anti­ame­ri­ka­nisch war. Mei­ne Über­zeu­gung bröckelt.

  4. Es sind beim Papst neue Kom­mu­ni­ka­ti­ons­for­men zu beob­ach­ten: Flug­zeug­pres­se­kon­fe­ren­zen
    Reden las­sen durch Drit­te
    Ansto­ßen von Pro­zes­sen
    Schwei­gen
    Dia­log­ver­wei­ge­rung
    Her­ab­set­zung der Gläu­bi­gen

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