Überraschungsbesuch von Venezuelas Präsident Maduro bei Franziskus — Papst empfängt „Unterdrücker statt Unterdrückte“

Venezuelas "bolivarischer" Staatspräsident Nicolas Maduro bei der ersten Audienz bei Papst-Franziskus im Jahr 2013. Maduro schenkte dem papst ein Bild des venezolanischen Staatsgründers Simon Bolivar.
Venezuelas "bolivarischer" Staatspräsident Nicolas Maduro bei der ersten Audienz bei Papst-Franziskus im Jahr 2013. Maduro schenkte dem papst ein Bild des venezolanischen Staatsgründers Simon Bolivar.

(Rom) Gestern abend wur­de der „boli­va­ri­sche“ Staats­prä­si­dent von Vene­zue­la über­ra­schend von Papst Fran­zis­kus in Audi­enz emp­fan­gen. Die vene­zo­la­ni­sche Oppo­si­ti­on wirft dem Papst vor, den „Unter­drücker statt die Unter­drück­ten“ emp­fan­gen zu haben.

Nico­las Madu­ro über­nahm 2013 das Prä­si­den­ten­amt nach dem Tod von sei­nem Vor­gän­ger und Par­tei­ge­nos­sen Hugo Cha­vez. Madu­ro und Cha­vez ent­stam­men der laut Eigen­de­fi­ni­ti­on „anti­im­pe­ria­li­sti­schen, ant­ka­pi­ta­li­sti­schen, inter­na­tio­na­li­sti­schen, cha­vi­sti­schen, sozia­li­sti­schen“ Boli­va­ri­schen Revo­lu­ti­ons­be­we­gung. 2007 grün­de­ten sie die Sozia­li­sti­sche Ein­heits­par­tei Vene­zue­las (PSUV), deren Vor­sit­zen­der Madu­ro heu­te ist.

In den ver­gan­ge­nen Tagen berei­ste Vene­zue­las Staats­ober­haupt meh­re­re Staa­ten. Er besuch­te Aser­bai­dschan, den Iran und Sau­di-Ara­bi­en, wo er in Riad von König Sal­man ibn Abd al-Aziz emp­fan­gen wur­de. Vene­zue­la besitzt die größ­ten Erd­öl­la­ger der Welt und den­noch lebt die Bevöl­ke­rung in bit­te­rer Armut.

Madu­ros Eltern, der vene­zo­la­ni­sche Vater war Jude, die kolum­bia­ni­sche Mut­ter Katho­li­kin, waren bereits in der vene­zo­la­ni­schen Links­be­we­gung aktiv. Nico­las Madu­ro wur­de katho­lisch getauft und erzo­gen. Eine Zeit­lang sei Madu­ro Anhän­ger des 2011 ver­stor­be­nen indi­schen Gurus Sathya Sai Baba gewe­sen. Er selbst bezeich­net sich als Christ.

Das vati­ka­ni­sche Pres­se­amt ver­öf­fent­lich­te gestern abend fol­gen­de Erklä­rung:

„Die Begeg­nung fand vor dem Hin­ter­grund der besorg­nis­er­re­gen­den Situa­ti­on der poli­ti­schen, sozia­len und wirt­schaft­li­chen Kri­se statt, die das Land durch­macht und die sich stark auf das täg­li­che Leben der gesam­ten Bevöl­ke­rung aus­wirkt. Auf die­se Wei­se wünsch­te der Papst, dem das Wohl aller Vene­zo­la­ner am Her­zen liegt, wei­ter­hin sei­nen Bei­trag zugun­sten der Insti­tu­tio­na­li­tät des Lan­des und jedes Schrit­tes anzu­bie­ten, der dazu bei­trägt, die offe­nen Fra­gen zu lösen und ein grö­ße­res Ver­trau­en zwi­schen den ver­schie­de­nen Sei­ten zu schaf­fen. Er hat dazu ein­ge­la­den, mit Mut den Weg des ehr­li­chen und kon­struk­ti­ven Dia­logs zu beschrei­ten, um die Lei­den der Men­schen, vor allem der Armen, zu lin­dern und ein Kli­ma eines erneu­er­ten sozia­len Zusam­men­halts zu för­dern, das es erlaubt, mit Hoff­nung auf die Zukunft der Nati­on zu blicken.“

Maduro und die vatikanische „Desinformation“

In Vene­zue­la behaup­te­ten Regime­kri­ti­ker zuvor, Madu­ro ver­su­che so lan­ge als mög­lich im Aus­land zu blei­ben, um sich nicht den dra­ma­ti­schen Pro­ble­men im Land und der Oppo­si­ti­on stel­len zu müs­sen.

Maduro wurde vor seinem überraschenden Zwischenstopp in Rom vom saudischen König Salman ibn Abd al-Aziz empfangen.
Madu­ro wur­de vor sei­nem über­ra­schen­den Zwi­schen­stopp in Rom vom sau­di­schen König Sal­man ibn Abd al-Aziz emp­fan­gen.

Papst Fran­zis­kus hat­te am ver­gan­ge­nen Sams­tag, als Madu­ro sich bereits auf Aus­lands­rei­se befand, den Apo­sto­li­schen Nun­ti­us für Argen­ti­ni­en, Msgr. Emil Paul Tscher­rig, nach Vene­zue­la geschickt, um zwi­schen Regie­rung und Oppo­si­ti­on zu ver­mit­teln. Die Oppo­si­ti­on bezeich­net die Regie­rung lie­ber als „Dik­ta­tur“.

Kri­tik wird auch am Vati­kan laut. Dem ehe­ma­li­gen Allen­de-Mini­ster Luis Badil­la, der den halb­of­fi­ziö­sen vati­ka­ni­schen Pres­se­dienst Il Sis­mo­gra­fo lei­tet, wer­den ideo­lo­gi­sche Sym­pa­thien für die latein­ame­ri­ka­ni­schen Links­be­we­gun­gen und Links­re­gie­run­gen nach­ge­sagt. Badil­la bezeich­ne­te den Madu­ro-Besuch als „muti­ge Geste“, um „Papst Fran­zis­kus zu tref­fen und über das Dra­ma sei­nes Lan­des zu spre­chen“.

„Qua­si inko­gni­to“, so Badil­la, sei Madu­ro gestern nach­mit­tag in San­ta Mar­ta ein­ge­trof­fen, wo „er sich lan­ge auf­hielt, um mit dem Hei­li­gen Vater und eini­gen von des­sen eng­sten Mit­ar­bei­ter über die dra­ma­ti­sche Situa­ti­on in sei­nem Land zu spre­chen“. Das Land ste­he am „Rand des Abgrunds“, so Badil­la. Es dür­fe „weder Sie­ger noch Besieg­te“ geben, so der ehe­ma­li­ge Allen­de-Mit­strei­ter.

Über­setzt hei­ße das, so Krei­se, die dem madu­ro-kri­ti­schen Erz­bi­schof von Cara­cas nahe­ste­hen, daß Papst Fran­zis­kus den abseh­ba­ren Sturz der „boli­va­ri­schen“ Macht­ha­ber ver­hin­dern wol­le. In Vene­zue­la geht der­zeit die Angst um, die „Boli­va­ri­sten“ könn­ten das inzwi­schen unver­meid­lich schei­nen­de Ende ihrer Herr­schaft nicht gewalt­los akzep­tie­ren.

Badil­la habe es jeden­falls geschafft, die Ereig­nis­se durch „Des­in­for­ma­ti­on“ so zu ver­dre­hen, daß der päpst­li­che Emp­fang für den „Unter­drücker“ als „muti­ger Schritt“ erschei­ne. Tat­sa­che sei viel­mehr, daß von Fran­zis­kus bereits zwei­mal die „Unter­drücker, aber noch nie die „Unter­drück­ten“ in Audi­enz emp­fan­gen wur­den.

Am 9. Okto­ber hat­te Papst Fran­zis­kus die Ernen­nung eines zwei­ten Vene­zo­la­ners zum Kar­di­nal bekannt­ge­ge­ben. Am kom­men­den 19. Novem­ber wird Bal­ta­zar Enri­que Por­ras Card­ozo, der Erz­bi­schof von Méri­da, vom Papst zum Kar­di­nal erho­ben. Beob­ach­ter sehen auch dar­in einen päpst­li­chen Ver­such, die „boli­va­ri­sche“ Volks­front zu unter­stüt­zen. Der bis­her ein­zi­ge Kar­di­nal des Lan­des, Jor­ge Libe­ra­to Kar­di­nal Uro­sa Savi­no, Erz­bi­schof von Cara­cas und Pri­mas von Vene­zue­la, ist für sei­ne kri­ti­sche Hal­tung gegen­über dem sozia­li­sti­schen Regime bekannt.

Kar­di­nal Uro­sa Savi­no hat­te sich bei der Bischofs­syn­ode 2015 gegen die päpst­li­chen Plä­ne einer Auf­wei­chung des Ehe­sa­kra­ments gestellt. Die Kar­di­nal­s­kre­ierung von Erz­bi­schof Por­ras Card­ozo die­ne der Neu­tra­li­sie­rung von Kar­di­nal Uro­sa Savi­no, wäh­rend die Regie­rung einen rang­ho­hen katho­li­schen Ansprech­part­ner erhal­ten soll. Kri­ti­ker spre­chen davon, daß Papst Fran­zis­kus zur Stüt­zung der Sozia­li­sti­schen Ein­heits­par­tei PSUV sogar die Spal­tung der vene­zo­la­ni­schen Kir­che bil­li­gend in Kauf zu neh­men schei­ne.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: vatican.va/SPA (Screen­shots)