Vatikanmedium übt Kritik an päpstlicher Kommunikationspolitik

Sein Wille ist zu respektieren und Punkt, aber...

Wiederholt waren in der Vergangenheit zwei Versionen von Papst-Ansprachen im Umlauf. Nun übt eine papstnahe, öffiziöse Einrichtung des Vatikans Kritik an dieser Kommunikationspolitik von Franziskus.
Wiederholt waren in der Vergangenheit zwei Versionen von Papst-Ansprachen im Umlauf. Nun übt eine papstnahe, öffiziöse Einrichtung des Vatikans Kritik an dieser Kommunikationspolitik von Franziskus.

(Rom)  Mit Aus­sa­gen von Papst Fran­zis­kus gibt es seit sei­nem Amts­an­tritt eini­ge Pro­ble­me. Das betrifft nicht nur man­che Inhal­te, son­dern auch die For­men der Kom­mu­ni­ka­ti­on. Das gilt nicht nur für sei­ne „pri­va­ten“ Äuße­run­gen, son­dern auch für Wort­mel­dun­gen mit lehr­amt­li­chem Anspruch. Unter­schied­li­che Text­ver­sio­nen beschäf­ti­gen nicht nur Jour­na­li­sten, son­dern Theo­lo­gen, Kir­chen­recht­ler und alle, die sich mit ihnen beschäf­ti­gen. Das beklag­te neu­er­dings sogar eine dem Papst sehr nahe­ste­hen­de Stel­le.

Gemeint ist das Inter­net­me­di­um Il Sis­mo­gra­fo (Der Seis­mo­graph), das irgend­wo zwi­schen dem vati­ka­ni­schem Staats­se­kre­ta­ri­at und dem Kom­mu­ni­ka­ti­ons­di­kaste­ri­um ange­sie­delt ist. Sei­ne Arbeit besteht in der Zusam­men­stel­lung einer Pres­se­rund­schau über Papst Fran­zis­kus und sei­ne Akti­vi­tä­ten. Dazu kom­men gele­gent­li­che, natür­lich nur offi­ziö­se Kom­men­ta­re der Ereig­nis­se. Lei­ter des Medi­ums ist der Chi­le­ne Luis Badil­la Mora­les, einst Mini­ster in der Volks­front­re­gie­rung von Sal­va­dor Allen­de.

Badil­la und Il Sis­mo­gra­fo ver­tei­di­gen Papst Fran­zis­kus Gewehr bei Fuß, manch­mal sogar mit schwin­del­erre­gen­der Akro­ba­tik wie der Ver­such, Anfang des Jah­res, auf die Kri­tik von Kar­di­nal O’Malley an Aus­sa­gen von Papst Fran­zis­kus zum Fall Bar­ros mit einer Dis­kre­di­tie­rung des Kar­di­nals zu reagie­ren.

Inzwi­schen übte aber selbst Il Sis­mo­gra­fo Kri­tik an der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­po­li­tik von Papst Fran­zis­kus mit dem Arti­kel „Fran­zis­kus. Alles anhal­ten, es wird geän­dert. Eini­ge not­wen­di­ge Über­le­gun­gen mit Haus­ver­stand“:

„Am ver­gan­ge­nen Don­ners­tag, den 27. Sep­tem­ber, ist etwas gesche­hen, das unbe­ach­tet blieb, obwohl es sich um eine sehr wich­ti­ge Ände­rung han­delt, die die Ver­brei­tung des Lehr­am­tes von Papst Fran­zis­kus und damit die Arbeit der Jour­na­li­sten betrifft, die gewohn­heit­mä­ßig die päpst­li­chen Akti­vi­tä­ten mit­ver­fol­gen.“

Mit einer Chro­no­lo­gie zeig­te Il Sis­mo­gra­fo der Ereig­nis­se auf:

1.

Am 27. Sep­tem­ber, Don­ners­tag, rich­te­te Papst Fran­zis­kus in der Late­ran­ba­si­li­ka eine „wich­ti­ge Rede“ an die Teil­neh­mer des Fort­bil­dungs­kur­ses der Diö­ze­se Rom zum The­ma Ehe und Fami­lie, der von der Römi­schen Rota ver­an­stal­tet wur­de.

„Wie immer teil­te das vati­ka­ni­sche Pres­se­amt mit­tels E‑Mail und mit dem übli­chen ‚Embar­go‘ den Text der Rede, den der Papst hal­ten wür­de, den beim Hei­li­gen Stuhl akkre­di­tier­ten Jour­na­li­sten mit (Bul­le­tin 701).“

Im Bul­le­tin wur­de den Jour­na­li­sten die Sperr­frist wie gewohnt erklärt: „Embar­go. Bis zum Moment, in dem der Text gespro­chen ist, gilt nur das gespro­che­ne Wort vor­be­halt­lich ande­rer Vor­ga­ben.“ Im Klar­text, die schrift­lich vor­lie­gen­de Fas­sung darf solan­ge nicht ver­öf­fent­licht wer­den, bis der Papst die Rede gehal­ten hat.

2.

Etwas spä­ter, um 18.17 Uhr, ver­schick­te das vati­ka­ni­sche Pres­se­amt eine zwei­te E‑Mail:

„Es wird mit­ge­teilt, daß die vom Hei­li­gen Vater im Zuge der Audi­enz für die Teil­neh­mer des von der Diö­ze­se Rom und vom Gerichts­hof der Rota Roma­na (Bul­le­tin 701) ver­an­stal­te­ten Fort­bil­dungs­kur­ses gehal­te­ne Rede kei­ne Ände­run­gen erfah­ren hat und daher ver­brei­tet wer­den kann.“

3.

Der Hin­weis, die Rede habe kei­ne Ände­run­gen erfah­ren, ent­sprach aber nicht den Tat­sa­chen, was natür­lich die Jour­na­li­sten wuß­ten, die in der Late­ran­ba­si­li­ka per­sön­lich anwe­send waren – aller­dings nur sie. Papst Fran­zis­kus hat­te den Text der Rede weit­ge­hend in der vor­be­rei­te­ten Form vor­ge­le­sen, wie er im Bul­le­tin 701 den Jour­na­li­sten zuge­lei­tet wor­den war. Aller­dings füg­te er, wie es sei­ne Art ist, zahl­rei­che Ergän­zun­gen und impro­vi­sier­te Ein­schü­be in den Text ein.

„Eini­ge Jour­na­li­sten mach­ten pri­vat sofort auf den Unter­schied auf­merk­sam wischen dem, was sie gehört, gese­hen und auf­ge­zeich­net hat­ten, und dem, was das Pres­se­amt ver­schickt hat­te. Anders gesagt: Es han­del­te sich fak­tisch um ‚zwei Reden‘.“

4.

Wenig spä­ter wur­de die Rede des Pap­stes offi­zi­ell sowohl auf der Inter­net­sei­te des vati­ka­ni­schen Pres­se­am­tes als auch jener des Hei­li­gen Stuhls ver­öf­fent­licht. Dabei han­del­te es sich um den mit Sperr­frist an die Jour­na­li­sten aus­ge­ge­be­nen Text und nicht um die Rede, die Papst Fran­zis­kus gehal­ten hat­te.

5.

Der offi­zi­ell ver­öf­fent­lich­te Text der Rede ent­hielt nicht die impro­vi­sier­ten Ergän­zun­gen von Fran­zis­kus. Zahl­rei­che Medi­en ver­öf­fent­lich­ten den vor­be­rei­te­ten, aber nicht authen­ti­schen Text, dar­un­ter die öffent­lich-recht­li­che Rund­funkamstalt RAI, pri­va­te Fern­seh­sen­der und selbst das Papst Fran­zis­kus beson­ders nahe­ste­hen­de Nach­rich­ten­por­tal Vati­can Insi­der sei­nes Haus­va­ti­ka­ni­sten Andrea Tor­ni­el­li. Die­se Medi­en hat­ten kei­ne Jour­na­li­sten vor Ort und wuß­ten daher nichts von den Ände­run­gen. Im kon­kre­ten Fall betraf es vor­wie­gend nur ita­lie­ni­sche Medi­en, da es sich um eine Ver­an­stal­tung der Diö­ze­se Rom han­del­te. Die­sel­ben Unter­schie­de zwi­schen vor­be­rei­te­ten und tat­säch­lich gehal­te­nen Reden gab es in der Ver­gan­gen­heit aber auch bei inter­na­tio­nal bedeu­ten­den Ereig­nis­sen. Il Sis­mo­gra­fo schreibt dazu:

„Es ist offen­sicht­lich, daß die­sen Ereig­nis­sen ein prä­zi­ser Wil­le des Pap­stes zugrun­de liegt. Es ist nicht ein­mal als Hypo­the­se denk­bar, daß eine Vor­ge­hens­wei­se die­ser Art ohne die Zustim­mung des Pap­stes ent­schie­den wer­den könn­te. Er woll­te so han­deln, indem er nach­träg­lich neue Über­le­gun­gen hin­zu­füg­te, die dann nicht in das Kor­pus der Äuße­run­gen inte­griert wur­den, das dem Pres­se­amt über­ge­ben und von die­sem ver­brei­tet wur­de, und das ist auf den Buch­sta­ben genau zu respek­tie­ren. Das ist sein Wil­le und Punkt.“

6.

„Wir sehen es aller­dings als unse­re Pflicht, zu sagen, daß die­se Vor­ge­hens­wei­se bei der Ver­brei­tung des Lehr­am­tes des Pap­stes zumin­dest in eini­gen Situa­tio­nen ein Feh­ler ist und dazu führt, Miß­ver­ständ­nis­se, ein The­ma für die Medi­en und absur­de, sinn­lo­se und unnö­ti­ge Pole­mi­ken zu schaf­fen.“

Und wei­ter:

„Wenn der Papst zu Grup­pen spricht, ob gro­ße oder klei­ne, ist es offen­sicht­lich, daß das, was er sagt, ob er einen vor­be­rei­te­ten Text liest oder impro­vi­siert, not­wen­di­ger­wei­se öffent­li­che Inhal­te sind. Nur für den Fall einer Pri­vat­au­di­enz gilt das nicht.“

Der Punkt ist von Bedeu­tung, weil das­sel­be päpst­li­che Umfeld einen ande­ren Stand­punkt dazu ein­nahm und zwi­schen „pri­va­ten“ und öffent­li­chen Äuße­run­gen unter­schied. Nur letz­te­re sei­en Teil des Lehr­am­tes, wäh­rend Inter­views, die der Papst die­ser oder jener Zei­tung gibt, zum Bei­spiel sei­nem Freund Euge­nio Scal­fa­ri, nicht Teil des Lehr­am­tes sei­en. Selbst dazu fehl­te bis­her aber eine wirk­li­che Klar­stel­lung, da die­se Inter­pre­ta­ti­on vom Vati­kan selbst kon­ter­ka­riert wur­de, indem die Scal­fa­ri-Inter­views vom Vati­kan­ver­lag in ein Buch mit Papst-Inter­views auf­ge­nom­men wur­den.

Luis Badil­la for­dert in sei­nem Arti­kel das vati­ka­ni­sche Pres­se­amt auf, die vor­be­rei­te­te Rede mit den impro­vi­sier­ten Ergän­zun­gen des Pap­stes zu ver­öf­fent­li­chen, so daß es nur eine Fas­sung gibt. Der Rest erzeu­ge „nur Ver­wir­rung“. Das gel­te um so mehr bei „heik­len The­men“. Schnell kön­ne dar­aus ein Fall für die Medi­en wer­den, aber anders als gewollt.

7.

Es stel­le sich schließ­lich nicht nur die Fra­ge, so Il Sis­mo­gra­fo, was die Jour­na­li­sten zitie­ren, son­dern auf wel­che Quel­le sich Wis­sen­schaft­ler und Intel­lek­tu­el­le stüt­zen kön­nen. Was gilt? Was ist glaub­wür­dig und authen­tisch für den Fall, daß es Wider­sprü­che in den bei­den Fas­sun­gen, der vor­be­rei­te­ten und der tat­säch­lich gehal­te­nen Rede gibt? Gilt der Text, der auf der offi­zi­el­len Inter­net­sei­te des Hei­li­gen Stuhls (Vatican.va) ver­öf­fent­licht wird, der aber nicht mit dem über­ein­stimmt, was die Ohren­zeu­gen gehört haben und von Jour­na­li­sten und ande­ren wie­der­ge­ge­ben und wei­ter­ver­brei­tet wird?

„Dabei han­delt es sich nicht um eine unbe­deu­ten­de Fra­ge, nicht nur um Lau­nen von Büro­kra­ten und Akten­stap­lern. Es geht um eine ern­ste Sache, näm­lich um die Auto­ri­tät der Quel­len und um die Ein­deu­tig­keit der Papst­wor­te. Es wäre bes­ser, zu ver­mei­den, Ver­wir­rung und Pole­mi­ken zu ver­meh­ren.“

Zur Kom­mu­ni­ka­ti­on von Papst Fran­zis­kus sie­he auch:

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Il Simo­gra­fo (Screen­shot)