Kommunikationschef des Vatikans stürzt über Lettergate

Benedikt-Brief
Unverbrüchliche Treue, Manipulation hin oder her? Papst Franziskus mit Msgr. Dario Edoardo Viganò.

(Rom) Papst Fran­zis­kus hat den Rück­tritt von Msgr. Dario Edo­ar­do Viganò als Prä­fekt des Kom­mu­ni­ka­ti­ons­se­kre­ta­ri­ats des Hei­li­gen Stuhls ange­nom­men. „Der Fäl­scher fällt“, titel­te Info­Va­ti­ca­na.

Der Rück­tritt erfolg­te nach der Mani­pu­la­ti­on eines Brie­fes von Bene­dikt XVI., die Viganò zu ver­ant­wor­ten hat. Die Ent­schei­dung wur­de heu­te von Vati­kan­spre­cher Greg Bur­ke bekannt­ge­ge­ben.

Die Kunst der Manipulation
Die „Kunst“ der Mani­pu­la­ti­on

Bis zur Ernen­nung eines neu­en Dikaste­ri­en­lei­ters beauf­trag­te Fran­zis­kus die Num­mer Zwei des Kom­mu­ni­ka­ti­ons­se­kre­ta­ria­tes, Msgr. Lucio Adrián Ruiz, mit den Auf­ga­ben Viganòs.

Das Kom­mu­ni­ka­ti­ons­se­kre­ta­ri­at war von Papst Fran­zis­kus am 27. Juni 2015 als neu­es vati­ka­ni­sches Dikaste­ri­um errich­tet wor­den. Dar­in wer­den alle Vati­kan­me­di­en zusam­men­ge­faßt. Auf die­se Wei­se ent­stand vor kur­zem die neue Nach­rich­ten­platt­form Vati­can News. Die­se war nun auch in den Let­ter­ga­te-Skan­dal invol­viert, wie die Brief-Mani­pu­la­ti­on genannt wur­de.

Msgr. Viganò war 2015 von Fran­zis­kus zum ersten und bis­her ein­zi­gen Prä­fek­ten des neu­en „Mini­ste­ri­ums“ gemacht wor­den. Neben der Neu­or­ga­ni­sa­ti­on der Medi­en fiel er bis­her durch das umstrit­te­nen Abschal­ten der Kurz­wel­len­sen­der von Radio Vati­kan und eine teils belä­chel­te Ver­tei­di­gung des Rede­stils von Papst Fran­zis­kus auf.

Nach­dem am ver­gan­ge­nen Sams­tag, 17. März, vom Vati­ka­ni­sten San­dro Magi­ster unter Beru­fung auf „unwi­der­leg­ba­re Quel­len“ wei­te­re unter­schla­ge­ne Tei­le des Bene­dikt-Brie­fes ent­hüllt wur­den, hat­te der Vati­kan die Flucht nach vor­ne ange­tre­ten und den voll­stän­di­gen Brief des vor­ma­li­gen Pap­stes ver­öf­fent­licht. Damit war die Mani­pu­la­ti­on offen­sicht­lich gewor­den, die in den Tagen zuvor noch abge­strit­ten oder mini­miert wur­de.

Damit war Msgr. Viganò als Lei­ter des Dikaste­ri­ums, das für den Skan­dal ver­ant­wort­lich war, und als jener, der die gesam­te Ange­le­gen­heit per­sön­lich insze­niert hat­te, untrag­bar gewor­den. Erste Rück­tritts­auf­for­de­run­gen waren bereits am 13. März, dem fünf­ten Jah­res­tag der Erwäh­lung von Papst Fran­zis­kus laut gewor­den.

Das Thronjubiläum

Mit dem Thron­ju­bi­lä­um hängt alles zusam­men. Viganò woll­te Papst Fran­zis­kus ein beson­de­res Geschenk berei­ten: ein Lau­da­tio von Bene­dikt XVI. auf das Pon­ti­fi­kat von Fran­zis­kus. Dabei ging es nicht nur um ein Lob von der höchst­mög­li­chen Stel­le, der eines ande­ren, wenn auch gewe­se­nen Pap­stes, son­dern dar­um, der lau­ter wer­den­den Kri­tik an der Amts­füh­rung von Fran­zis­kus einen Rie­gel vor­zu­schie­ben. In der päpst­li­chen Entou­ra­ge wird bear­wöhnt, daß ein Teil der Katho­li­zi­tät mehr auf Bene­dikt als auf Fran­zis­kus blickt und sich die­se Ten­denz ver­stärkt, je mehr der amtie­ren­de Papst irri­tie­ren­de Aus­sa­gen macht und umstrit­te­ne Hand­lun­gen setzt.

Zum Jubi­lä­um Fünf Jah­re Papst Fran­zis­kus soll­te damit Schluß sein, indem Bene­dikt als Lau­da­tor des der­zei­ti­gen Pon­ti­fi­kats die­ser Pola­ri­sie­rung ent­zo­gen wird. Dem ent­zog sich aber Bene­dikt, der Viganòs Absich­ten besten­falls ahnen konn­te. Damit war der gan­ze Plan des Kom­mu­ni­ka­ti­ons­prä­fek­ten Ver­gan­gen­heit. Das aber woll­te Viganò nicht akzep­tie­ren und griff zum Mit­tel der Mani­pu­la­ti­on. Er woll­te etwas nach­hel­fen, um sein Ziel doch noch zu errei­chen.

Der Schuß ging nach hin­ten los, denn unter den am 12. März anwe­sen­den zwei Dut­zend Jour­na­li­sten saß auch San­dro Magi­ster, dem ein Ver­dacht kam.

Rücktritt überfällig

Viganòs Rücktrittsschreiben
Viganòs Rück­tritts­schrei­ben

Nach dem indi­rek­ten Mani­pu­la­ti­ons­ein­ge­ständ­nis mit der Ver­öf­fent­li­chung des voll­stän­di­gen Ori­gi­nal­brie­fes war der näch­ste Schritt über­fäl­lig. Am Mon­tag, 19. März, schrieb Msgr. Viganò dem Papst einen aus­führ­li­chen Brief, mit dem er ihm den Rück­tritt mit­teil­te.

Sei­ne Arbeit habe in den ver­gan­ge­nen Tagen „vie­le Pole­mi­ken“ aus­ge­löst.

„Unab­hän­gig von den Absich­ten, desta­bi­li­siert das, die gan­ze und gro­ße Reform­ar­beit, die Sie mir im Juni 2015 anver­traut haben“.

Die Mani­pu­la­ti­on wird als „Arbeit“ umschrie­ben. Kei­ne Schuld­ein­ge­ständ­nis, kein Bedau­ern, kei­ne Ent­schul­di­gung — vor allem gegen­über Bene­dikt XVI.

Er dank­te für die „väter­li­che Beglei­tung“ und die „erneu­er­te Wert­schät­zung, die Sie mir auch bei unse­rem jüng­sten Tref­fen zei­gen woll­ten“.

Um jedoch zu ver­hin­dern, daß „mei­ne Per­son auf irgend­ei­ne Wei­se ver­zö­gern, beschä­di­gen oder sogar blockie­ren könn­te“, was im Motu pro­prio von 2015 fest­ge­legt wur­de, mit dem Fran­zis­kus das Kom­mu­ni­ka­ti­ons­se­kre­ta­ri­at errich­te­te, „vor allem aber aus Lie­be zur Kir­che und zu Ihnen, Hei­li­ger Vater, bit­te ich Sie, mei­nen Wunsch, zur Sei­te zu tre­ten, anzu­neh­men und, wenn Sie es wün­schen, mich bereit zu hal­ten, auf ande­re Wei­se mit­zu­ar­bei­ten.“

Viganò zitiert in sei­nem Schrei­ben die päpst­li­che Weih­nachts­bot­schaft an die Römi­sche Kurie von 2016, daß es „nicht genügt“, die Per­so­nen „aus­zu­tau­schen“, son­dern es „erneu­er­te“, nicht nur „neue“ Per­so­nen brau­che. Ein Treue­be­kennt­nis zur Pro­gram­ma­tik des der­zei­ti­gen Pon­ti­fi­kats.

Die Reaktion von Papst Franziskus

Schreiben von Papst Franziskus
Die Ant­wort von Papst Fran­zis­kus

Papst Fran­zis­kus ant­wor­te­te mit heu­ti­gem Datum mit einem fast eben­so aus­führ­li­chen Schrei­ben, mit dem er den Rück­tritt Viganòs annahm. Bei­de Schrei­ben las­sen erken­nen, daß der Schritt alles ande­re als gewollt ist.

„Nach lan­ger Über­le­gung und acht­sa­mer Abwä­gung der Beweg­grün­de Ihres Ansu­chens respek­tie­re ich ihre Ent­schei­dung und neh­me, obwohl es mir schwer­fällt, den Rück­tritt als Prä­fekt an.“

Kein Wort des Tadels für ein offen­sicht­li­ches Fehl­ver­hal­ten. Mit ande­ren Wor­ten: Hät­te es nicht den Medi­en­wir­bel gege­ben, hät­te Fran­zis­kus Viganò wegen der Mani­pu­la­ti­on nicht fal­len­ge­las­sen.

Das tut er auch jetzt nicht. Mit der Annah­me des Rück­tritts ernann­te er den bis­he­ri­gen Prä­fek­ten zum Asses­sor am sel­ben Kom­mu­ni­ka­ti­ons­se­kre­ta­ri­at.

Das ist, als müß­te ein Mini­ster zurück­tre­ten, um zugleich Mini­ste­ri­al­di­rek­tor des­sel­ben Mini­ste­ri­ums zu wer­den. Aus die­sem Grund ist bereits von einem „künst­le­ri­schen“ Rück­tritt die Rede.

Viganò hat­te zunächst die Mani­pu­la­ti­on eines Fotos des Bene­dikt-Brie­fes, mit der die bei­den letz­ten Zei­len unle­ser­lich gemacht wor­den waren, als „künst­le­ri­sches“ Foto bezeich­net. Es habe sich um kei­ne Mani­pu­la­ti­on gehan­delt, son­dern ledig­lich um eine vom Foto­gra­fen gewähl­te ästhe­ti­sche Form der Bild­kom­po­si­ti­on.

Das heu­ti­ge Schrei­ben von Papst Fran­zis­kus läßt einen „künst­le­ri­schen“ Rück­tritt ver­mu­ten. Der Papst begrün­det die Ernen­nung zum Asses­sor mit den Wor­ten:

„Um dem neu­en Prä­fek­ten ihren mensch­li­chen und pro­fes­sio­nel­len Bei­trag bei dem vom Kar­di­nal­s­rat gewoll­ten und von mir appro­bier­ten und geteil­ten Reform­pro­jekt zu lei­sten. Eine Reform, die mit der unmit­tel­bar bevor­ste­hen­den Fusi­on des Osser­va­to­re Roma­no in ein ein­zi­ges Kom­mu­ni­ka­ti­ons­sy­stem des Hei­li­gen Stuhls und die Ein­glie­de­rung der Vati­kan­drucke­rei in ihre Schluß­pha­se getre­ten ist.“

Fran­zis­kus greift die Wor­te in Viganòs Rück­tritts­schrei­ben zur Kuri­en­re­form und der Erneue­rung des Per­so­nals auf und läßt durch­blicken, die Hal­tung des zurück­ge­tre­te­nen Prä­fek­ten als exem­pla­risch zu betrach­ten. Die „Reform der Kir­che“ sei nicht so sehr ein „Pro­blem“ von Orga­ni­gram­men, son­dern des rich­ti­gen „Dienst­gei­stes“.

Ein Rück­tritt wegen eines schuld­haf­ten Fehl­ver­hal­tens sieht anders aus.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: SMM/Vatican.va (Screen­shots)

1 Kommentar

  1. Soll­te nicht die eigent­li­che Bot­schaft an die Gläu­bi­gen durch Papst Bene­dikt den XVI, wenn auch der Skan­dal Zeug­nis von Unord­nung und Unge­hor­sam in die­sen hohen Rän­gen der römisch katho­li­schen Hier­ar­chie belegt, zu den­ken geben und ent­spre­chend stär­ker gewich­tet wer­den? Aus mei­ner, wenn auch beschei­de­nen War­te, ein deut­li­ches Zei­chen für das Wir­ken Got­tes, der einem den Gläu­bi­gen ent­ris­se­nen und abge­schirm­ten Papst eine deut­li­che Geste erlaubt die mög­li­cher­wei­se als Rich­tungs­wei­send ver­stan­den wer­den darf. Gott der All­mäch­ti­ge bleibt sei­ner Kir­che auch in gröss­ter Not wie ver­spro­chen treu.

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