Mehrheit und Minderheit der DBK vor Papst Franziskus

Interkommunion
Heute findet die Konfrontation in Sachen Interkommunion zwischen Minderheit und Mehrheit der Deutschen Bischofskonferenz in Rom statt. Wie aber wird sich Papst Franziskus verhalten?

(Rom ) Nach­dem die Dubia (Zwei­fel) der vier unter­zeich­ne­ten und wei­te­rer unter­stüt­zen­der Kar­di­nä­le zum umstrit­te­nen nach­syn­oda­len Schrei­ben Amo­ris lae­ti­tia zur Kom­mu­ni­on für wie­der­ver­hei­ra­te­te Geschie­de­ne noch unbe­ant­wor­tet sind, wur­den Papst Fran­zis­kus von Kar­di­nal Woel­ki und wei­te­ren sechs deut­schen Bischö­fen bereits neue Dubia zur Kom­mu­ni­on für Pro­te­stan­ten vor­ge­legt. Heu­te fin­det im Vati­kan die Kon­fron­ta­ti­on bei­der Sei­ten zur Inter­kom­mu­ni­on vor Papst Fran­zis­kus statt.

Am Mon­tag reagier­te das vati­ka­ni­sche Pres­se­amt mit der Ankün­di­gung, daß Fran­zis­kus am heu­ti­gen 3. Mai im Vati­kan „eine Grup­pe von deut­schen Kar­di­nä­len und Bischö­fen“ trifft. An der Begeg­nung neh­men auch eini­ge römi­sche Dikaste­ri­en­lei­ter teil, „um das The­ma einer even­tu­el­len Zugangs zur Eucha­ri­stie für nicht-katho­li­sche Ehe­gat­ten in gemisch­ten Ehen zu behan­deln“

Römische Konfrontation

Die „deut­sche Dele­ga­ti­on“ besteht aus Rein­hard Kar­di­nal Marx, einem der mäch­tig­sten Kir­chen­für­sten als Erz­bi­schof von Mün­chen und Frei­sing, Vor­sit­zen­der der Deut­schen Bischofs­kon­fe­renz (DBK) , Ver­tre­ter Euro­pas im C9-Kar­di­nal­s­rat und Vor­sit­zen­der des vati­ka­ni­schen Wirt­schafts­rats. Der Kar­di­nal mit beson­de­rem Gespür für gesell­schaft­li­che Akzep­tanz fiel in jüng­ster Zeit durch sein

  • Lob für Mar­tin Luther,
  • die Zulas­sung wie­der­ver­hei­ra­te­ter Geschie­de­ner zu den Sakra­men­ten,
  • den ein­sei­ti­gen Vor­stoß zur Zulas­sung der Pro­te­stan­ten zu Kom­mu­ni­on,
  • die Bereit­schaft zu Homo-Seg­nun­gen
  • und zuletzt durch Sym­pa­thie für Karl Marx auf, den Begrün­der und Theo­re­ti­ker des gott­lo­sen dia­lek­ti­schen Mate­ria­lis­mus und des dar­auf auf­bau­en­den Mar­xis­mus und Sozialismus/Kommunismus her­vor­ge­gan­gen sind, auf die sich Leni­nis­mus, Sta­li­nis­mus, Trotz­kis­mus, Mao­is­mus, Neo­mar­xis­mus und zahl­rei­che ande­re Ismen beru­fen.

Alle­samt The­men, mit denen sich ein Kar­di­nal kei­ne Ver­dien­ste erwirbt.

Zwei Kardnäle, zwei Positionen: Reinhard Marx und Rainer Maria Woelki (rechts)
Zwei Kard­nä­le, zwei Posi­tio­nen: Rein­hard Marx und Rai­ner Maria Woel­ki (rechts)

Am Tref­fen nimmt auch Rai­ner Maria Kar­di­nal Woel­ki, der Erz­bi­schof von Köln teil, der die Min­der­hei­ten­po­si­ti­on der Dubia-Trä­ger anführt. Dabei sind die Bischö­fe Felix Genn von Mün­ster und Karl-Heinz Wie­se­mann von Spey­er, letz­te­rer als Vor­sit­zen­der der Glau­bens­kom­mis­si­on der Bischofs­kon­fe­renz. Dazu noch Bischof Rudolf Voder­hol­zer von Regens­burg, neben Kar­di­nal Woel­ki ein Unter­zeich­ner des Schrei­bens, mit dem Rom zur Stel­lung­nah­me ange­ru­fen wur­de, sowie Bischof Ger­hard Fei­ge von Mag­de­burg als Vor­sit­zen­der der Öku­mene­kom­mis­si­on der DBK und der omni­prä­sen­te und ein­fluß­rei­che Gene­ral­se­kre­tär der DBK, der Jesu­it Hans Lan­gen­dör­fer.

Von der Römi­schen Kurie neh­men fol­gen­de Dikaste­ri­en­lei­ter an der Aus­spra­che teil: Glau­bens­prä­fekt Luis Ladar­ia Fer­rer SJ, Kar­di­nal Kurt Koch vom Päpst­li­chen Rat zur För­de­rung der Ein­heit der Chri­sten, der Sale­sia­ner Mar­kus Grau­lich als Unter­se­kre­tär des Päpst­li­chen Rates für die Geset­zes­tex­te und P. Her­mann Geiß­ler von der geist­li­chen Fami­lie Das Werk in sei­ner Funk­ti­on als zustän­di­ger Amts­lei­ter für Glau­bens­fra­gen an der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on.

Im Vor­feld hat­te Papst Fran­zis­kus am ver­gan­ge­nen Sams­tag, 28. April, den Prä­fek­ten der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on, Kuri­en­erz­bi­schof Luis Ladar­ia Fer­rer SJ, in Audi­enz emp­fan­gen. Ladar­ia, wie Fran­zis­kus ein Jesu­it, war vom Papst Anfang Juli 2017 zum Nach­fol­ger des von ihm ent­las­se­nen Kar­di­nals Ger­hard Mül­ler ernannt wor­den. Beglei­tet wur­de Ladar­ia von Msgr. Gia­co­mo Moran­di, der im Zuge der Per­so­nal­ro­cha­de von Fran­zis­kus zum Sekre­tär der Kon­gre­ga­ti­on ernannt wur­de.

Über den Inhalt der Begeg­nung wur­de nichts bekannt, doch ist anzu­neh­men, daß sie der Vor­be­rei­tung der heu­ti­gen Aus­spra­che mit den deut­schen Bischö­fen dien­te.

Laut Chro­no­lo­gie der Ereig­nis­se war es der ein­sei­ti­ge Vor­stoß der Deut­schen Bischofs­kon­fe­renz, der das The­ma Inter­kom­mu­ni­on, Zulas­sung von Nicht-Katho­li­ken zur Eucha­ri­stie, auf die Tages­ord­nung der Welt­kir­che setz­te. Am ver­gan­ge­nen 20. Febru­ar beschloß die Mehr­heit der DBK eine Hand­rei­chung, laut der pro­te­stan­ti­sche Ehe­part­ner von Katho­li­ken „unter bestimm­ten Bedin­gun­gen“ zur Kom­mu­ni­on zuge­las­sen sei­en. Anfüh­rer der Mehr­heits­mei­nung ist der DBK-Vor­sit­zen­de Kar­di­nal Marx.

Dreizehn Bischöfe widersprachen

13 von 60 damals anwe­sen­den Bischö­fen stimm­ten gegen den Marx-Vor­stoß. Das ist zwar weni­ger als ein Vier­tel, doch damit war eine Min­der­hei­ten­mei­nung for­mu­liert. Am 22. März leb­ten sie­ben die­ser Bischö­fe dem Hei­li­gen Stuhl schrift­lich ihre Zwei­fel vor, womit der Beweis erbracht wur­de, daß es in Deutsch­land „noch katho­li­sche Bischö­fe gibt“. Das Schrei­ben ging an Glau­bens­prä­fekt Ladar­ia, an „Öku­mene­mi­ni­ster“ Kar­di­nal Koch, an Juan Ignacio Arrie­ta Och­oa de Chin­che­tru den Sekre­tär und der­zeit amts­füh­ren­den Lei­ter des Päpst­li­chen Rates für die Geset­zes­tex­te sowie an den Apo­sto­li­schen Nun­ti­us für Deutsch­land, Msgr. Niko­la Eter­ovic.

Der Vati­ka­nist San­dro Magi­ster sieht eine Par­al­le­le zwi­schen den Dubia der vier Kar­di­nä­le zu Amo­ris lae­ti­tia und den Beden­ken der sie­ben deut­schen Bischö­fe. Dabei fällt auf, daß bei­de Dubia-Initia­ti­ven von einem Köl­ner Erz­bi­schof unter­zeich­net wur­den. Die Dubia zur Kom­mu­ni­on für wie­der­ver­hei­ra­te­te Geschie­de­ne von Kar­di­nal Joa­chim Meis­ner, und die Dubia zur Kom­mu­ni­on für Pro­te­stan­ten von des­sen Nach­fol­ger Kar­di­nal Rai­ner Maria Woel­ki. Woel­ki war in frü­he­ren Jah­ren Weih­bi­schof von Meis­ner in Köln.

Bischof Voder­hol­zer, der zwei­te Min­der­hei­ten­ver­tre­ter, der heu­te in Rom anwe­send ist, ist nicht nur Mül­lers Nach­fol­ger als Bischof von Regens­burg, son­dern war bereits in jun­gen Jah­ren des­sen Assi­stent an der Uni­ver­si­tät Mün­chen und zuletzt sein Con­sul­tor an der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on. Bei­de betreu­en die Her­aus­ga­be der gesam­mel­ten Wer­ke von Joseph Kar­di­nal Ratzinger/Benedikt XVI.

Päpstliche Strategie: Dominoeffekt auslösen

Den Mehr­heits­ver­hält­nis­sen in der Bischofs­kon­fe­renz ent­spre­chend ist die Gegen­sei­te heu­te stär­ker ver­tre­ten. Den bei­den Min­der­hei­ten­ver­tre­tern ste­hen mit Marx, Genn, Fei­ge, Wie­se­mann und Lan­gen­dör­fer gleich fünf Mehr­heits­ver­tre­ter gegen­über. Sie alle wol­len luthe­ri­sche Ehe­part­ner zur Kom­mu­ni­on zulas­sen, ohne daß sie zur katho­li­schen Kir­che kon­ver­tie­ren müs­sen. Aus­gangs­punkt der DBK-Hand­rei­chung ist die fik­ti­ve Annah­me, daß es wegen der Nicht-Zulas­sung zur Kom­mu­ni­on zu einer Ehe­kri­se kom­men könn­te, was unver­ant­wort­lich sei. Die wirk­lich­keits­frem­de Prä­mis­se erin­nert an den nicht min­der fik­ti­ven „Schrei des Vol­kes“, gemeint war ein angeb­li­cher „Schrei“ wie­der­ver­hei­ra­te­ter Geschie­de­ner, die aber nichts an ihrem Stand der schwe­ren Sün­de ändern wol­len, nach der Kom­mu­ni­on, den die Syn­oda­len der Fami­li­en­syn­ode 2014 laut Papst Fran­zis­kus hören soll­ten.

Der DBK-Vor­stoß wirft in Wirk­lich­keit weit­rei­chen­de Fra­gen auf: Wenn luthe­ri­sche Ehe­part­ner ohne Not­wen­dig­keit zur Kon­ver­si­on zur Kom­mu­ni­on zuge­las­sen wären, wie könn­te man ande­ren Luthe­ra­nern die Zulas­sung noch ver­wei­gern? Und wenn die Luthe­ra­ner zuge­las­sen sind, wie könn­te man sie noch den Angli­ka­nern ver­wei­gern? Die Fra­gen lie­ßen sich wei­ter fort­set­zen.

Die Ein­schrän­kung auf die luthe­ri­schen Ehe­part­ner von Katho­li­ken scheint das Pro­blem auf den ersten Blick zu begren­zen. In Wirk­lich­keit stößt sie ein weit grö­ße­re  Tür auf. Das scheint auch der Zweck der Übung zu sein. Der bekann­te „Ein­zel­fall“ dient als Tür­öff­ner zu einer Fra­ge, die man aus tak­ti­schen Grün­den nicht direkt ange­hen möch­te, um kei­ne zu gro­ßen Wider­stän­de zu pro­vo­zie­ren. Es soll zunächst nur ein „klei­ner“ Stein ange­sto­ßen wer­den mit der Absicht, einen Domi­no­ef­fekt aus­zu­lö­sen. Papst Fran­zis­kus nennt das: „Pro­zes­se ansto­ßen“.

Kardinal Müller: Marx-Vorstoß „ekklesiologischer Nihilismus“

Auf römi­scher Sei­te ste­hen den fünf DBK-Mehr­heits­ver­tre­tern mit Ladar­ia, Koch, Geiß­ler und Grau­lich Kir­chen­ver­tre­ter gegen­über, von denen bis­her kei­ne Stel­lung­nah­men zu einer Ände­rung einer so zen­tra­len und heik­len Fra­ge bekannt sind. Ganz im Gegen­teil.

Am 20. April stell­te sich zudem Kar­di­nal Mül­ler hin­ter die sie­ben Bischö­fe der DBK-Min­der­hei­ten­po­si­ti­on. Seit sei­ner Ent­las­sung durch Papst Fran­zis­kus ist der deut­sche Kuri­en­kar­di­nal zwar ohne direk­te Auf­ga­be, genießt aber den­noch, oder gera­de wegen sei­ner Ent­las­sung in Tei­len der Kir­che nach wie vor gro­ßes Anse­hen. Sei­ne Stel­lung­nah­me blieb zudem sicher nicht ohne Ein­druck auf sei­nen Nach­fol­ger Ladar­ia. Kar­di­nal Mül­ler fäll­te auf der US-ame­ri­ka­ni­schen Sei­te First Things und der ita­lie­ni­schen Sei­te Nuo­va Bus­so­la Quo­ti­dia­na ein ver­nich­ten­des Ver­dikt über den von Marx ange­führ­ten DBK-Vor­stoß, den er als „ekkle­sio­lo­gi­schen Nihi­lis­mus“ brand­mark­te, der „einen Abgrund auf­tut, der die Kir­che am Ende ver­schlingt“.

Durch sei­ne Ent­las­sung kann er aller­dings an der heu­ti­gen Begeg­nung nicht teil­neh­men. Eine Kon­fron­ta­ti­on unter Deut­schen hät­te der Sache noch eine beson­de­re Note gege­ben. Tat­säch­lich ist die Kir­che des deut­schen Sprach­rau­mes heu­te, wie in ver­gan­ge­nen 500 Jah­ren bereits mehr­fach, der gro­ße Unru­he­herd in der Welt­kir­che. Wider­stän­de und Abwei­chun­gen gibt es in ande­ren Sprach­räu­men auch, aber mehr im Lais­sez-fai­re-Stil und im Zusam­men­hang mit Macht­fra­gen. Anders bei den Deut­schen. Da geht es ans Ein­ge­mach­te und Prin­zi­pi­el­le. Man sucht die grund­sätz­li­che Aus­ein­an­der­set­zung zur Glau­bens­leh­re. Dahin­ter wird die gro­ße Wun­de sicht­bar: die Spal­tung des deut­schen Vol­kes durch die Refor­ma­ti­on, die aus sei­nen Rei­hen her­vor­ge­gan­gen ist.

Das Schrei­ben der sie­ben Dis­si­den­ten-Bischö­fe wur­de in ver­schie­de­ne Spra­che über­setzt und ist inzwi­schen inter­na­tio­nal bekannt. Sie haben der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on vier Dubia vor­ge­legt. Vor allem die zwei­te Fra­ge ver­langt nach einer grund­sätz­li­chen Klä­rung, ob die DBK-Hand­rei­chung mit der Glau­bens­leh­re der Kir­che ver­ein­bar ist.

Die vier­te Fra­ge ist zwar weni­ger inhalt­li­cher Natur, im Augen­blick aber viel­leicht die wich­tig­ste: Kann eine ein­zel­ne Bischofs­kon­fe­renz eines bestimm­ten Sprach­rau­mes im Allein­gang eine Ent­schei­dung tref­fen, die den Glau­ben und die Glau­bens­pra­xis der gan­zen Kir­che betrifft?

Spä­te­stens an die­ser Stel­le muß die oben erwähn­te Chro­no­lo­gie der Ereig­nis­se etwas aus­ge­wei­tet wer­den. Dann wird erkenn­bar, daß sie Vor­ge­schich­te bereits vor den 20. Febru­ar zurück­reicht. Eben­so wird deut­lich, daß Kar­di­nal Marx und die DBK-Mehr­heit eigent­lich „nur“ in Anspruch neh­men, was den Bischofs­kon­fe­ren­zen von Papst Fran­zis­kus ange­bo­ten wur­de, und „nur“ umset­zen, was inhalt­lich in der Fra­ge von ihm selbst bereits vor­ge­ge­ben wur­de.

Zum Formalen

Papst Fran­zis­kus nann­te wie­der­holt die Dezen­tra­li­sie­rung als zen­tra­len Punkt sei­nes Pon­ti­fi­kats. Gleich in sei­nem ersten Apo­sto­li­schen Schrei­ben Evan­ge­lii gau­di­um vom 24. Novem­ber 2013 bezeich­ne­te er die Bischofs­kon­fe­ren­zen

„als Sub­jek­te mit kon­kre­ten Kom­pe­tenz­be­rei­chen, auch ein­schließ­lich einer gewis­sen authen­ti­schen Lehr­au­to­ri­tät“ (EG, 32).

Neben Absichts­er­klä­run­gen über­trug er auch for­mell Zustän­dig­kei­ten an die Bischofs­kon­fe­ren­zen, so zum Bei­spiel im Bereich der Lit­ur­gie mit dem Motu pro­prio Magnum princi­pi­um vom 3. Sep­tem­ber 2017 für die Über­set­zung der lit­ur­gi­schen Bücher in die Volks­spra­chen. Glei­ches gilt im Bereich des Ehe­sa­kra­ments und der Moral­leh­re mit dem Apo­sto­li­schen Schrei­ben Amo­ris lae­ti­tia, wo bereits heu­te nach ent­spre­chen­den Beschlüs­sen der Bischofs­kon­fe­ren­zen in einem Land wie­der­ver­hei­ra­te­te Geschie­de­ne zu den Sakra­men­ten zuge­las­sen sind, im Nach­bar­land aber nicht.

Zum Inhaltlichen

Papst Franziskus mit Martin Luther im Vatikan
Papst Fran­zis­kus mit Mar­tin Luther im Vati­kan

Die Sym­pa­thien von Fran­zis­kus für den Pro­te­stan­tis­mus sind bekannt und durch zahl­rei­che Fak­ten belegt. In den ersten zwei­ein­halb Jah­ren sei­nes Pon­ti­fi­kats bemüh­te er sich vor allem um die Evan­ge­li­ka­len. Was in der DBK kei­ne Begei­ste­rungs­stür­me aus­lö­ste. Seit sei­ner poli­tisch moti­vier­ten Anti-Trump-Hal­tung herrscht an der  evan­ge­li­ka­len Front jedoch Eis­zeit. Das zwang den Papst zu einer Neu­aus­rich­tung und zur Hin­wen­dung zur älte­sten Refor­ma­ti­ons-Gemein­schaft, den Luthe­ra­nern. Das hin­ge­gen begei­ster­te die DBK.
In der kon­kre­ten Fra­ge der Inter­kom­mu­ni­on spielt jedoch ein Ereig­nis eine zen­tra­le Rol­le. In sei­ner Ant­wort am 15. Novem­ber 2015 in der luthe­ri­schen Chri­stus­kir­che von Rom gab Papst Fran­zis­kus mit sei­ner kryp­ti­schen Ant­wort auf die Fra­ge einer Luthe­ra­ne­rin, die mit einem Katho­li­ken ver­hei­ra­tet ist, letzt­lich vor, was von der DBK in ihrer Hand­rei­chung auf­ge­grif­fen wur­de. Die Fra­ge bezog sich genau auf die Zulas­sung nicht-katho­li­scher Ehe­part­ner in ver­schie­den­kon­fes­sio­nel­len Ehen. Und was ant­wor­te­te Papst Fran­zis­kus?

Nein – Jein – Ja.

So sag­te er es natür­lich nicht wört­lich, aber durch­aus sinn­ge­mäß. Die Ant­wort war sehr lang­at­mig. Er ging von einem kla­ren Nein aus, krei­ste dann aber spi­ra­len­för­mig um die Fra­ge und näher­te sich damit Schritt für Schritt dem Gegen­teil sei­ner Aus­gangs­aus­sa­ge. Dem „Ja“ setz­te er dia­lek­tisch noch ein­mal ein ener­gi­sches „Nein“ vor­aus, das aber ein­zig den Zweck zu haben schien, das „Ja“ zu ver­schlei­ern. Anders aus­ge­drückt for­mu­lier­te der Papst: Ich sage ent­schie­den Nein, mei­ne aber augen­zwin­kernd Ja.

Die Anwe­sen­den in der luthe­ri­schen Kir­che ver­stan­den offen­bar und zoll­ten mit begei­ster­ten Mie­nen dem Papst kräf­ti­gen Bei­fall.

Die vollständige Antwort von Papst Franziskus

Die Fra­ge von Anke de Ber­nar­di­nis und die Ant­wort von Papst Fran­zis­kus im vol­len Wort­laut:

Anke de Ber­nar­di­nis: Ich hei­ße Anke de Ber­nar­di­nis und, wie vie­le Men­schen mei­ner Gemein­schaft, bin ich mit einem Ita­lie­ner ver­hei­ra­tet, der ein römisch-katho­li­scher Christ ist. Wir leben seit vie­len Jah­ren glück­lich zusam­men und tei­len Freu­den und Schmer­zen. Es schmerzt uns sehr, im Glau­ben getrennt zu sein und nicht zusam­men zum Her­ren­mahl gehen zu kön­nen. War kön­nen wir tun, um end­lich die Gemein­schaft [ital. com­u­nio­ne] in die­sem Punkt zu errei­chen?

Papst Fran­zis­kus: Dan­ke, gnä­di­ge Frau.

[Stil­le]

Auf die Fra­ge, gemein­sam das Her­ren­mahl zu tei­len, ist es für mich nicht leicht, Ihnen zu ant­wor­ten, vor allem nicht in Anwe­sen­heit eines Theo­lo­gen wie Kar­di­nal Kas­per! Ich habe Angst!

[lacht; all­ge­mei­nes Geläch­ter; Applaus]

Ich den­ke, daß der Herr uns gesagt hat, als er uns die­ses Man­dat gege­ben hat: „Tut dies zu mei­nem Gedächt­nis“. Und wenn wir das Mahl des Herrn tei­len, dar­an den­ken und es nach­ah­men, tun wir das­sel­be, das der Herr Jesus getan hat. Und das Her­ren­mahl wird es geben, das Schluß­ban­kett im Neu­en Jeru­sa­lem wird es geben, aber das wird das Letz­te sein. Auf dem Weg hin­ge­gen, fra­ge ich mich – und ich weiß nicht, wie ich ant­wor­ten soll, aber ich mache mir Ihre Fra­ge zu eigen – fra­ge ich mich: Ist das gemein­sa­me Her­ren­mahl das Ziel eines Weges oder ist es die Weg­zeh­rung um zusam­men zu gehen? Ich über­las­se die Fra­ge den Theo­lo­gen, jenen, die davon etwas ver­ste­hen.

Es stimmt, daß in gewis­ser Wei­se tei­len heißt, daß es kei­ne Unter­schie­de zwi­schen uns gibt; daß wir die­sel­be Dok­trin haben – ich unter­strei­che das Wort, ein schwer zu ver­ste­hen­des Wort – aber ich fra­ge mich: Aber haben wir denn nicht die­sel­be Tau­fe? Und wenn wir die­sel­be Tau­fe haben, dann müs­sen wir zusam­men gehen.

Sie sind ein Zeug­nis eines tie­fen Weges, weil es ein ehe­li­cher Weg ist, ein Weg der Fami­lie, der mensch­li­chen Lie­be und des gemein­sam geteil­ten Glau­bens. Wir haben die­sel­be Tau­fe. Wenn Sie sich als Sün­de­rin füh­len – auch ich füh­le mich sehr als Sün­der – wenn Ihr Mann sich als Sün­der fühlt, dann gehen Sie zum Herrn und bit­ten ihn um Ver­ge­bung; Ihr Mann tut das­sel­be und geht zum Prie­ster und bit­tet um die Abso­lu­ti­on. Das sind Abhil­fen, um die Tau­fe leben­dig zu hal­ten.

Wenn Ihr zusam­men betet, wächst die­se Tau­fe, wird stark; wenn Ihr Eure Kin­der lehrt, wer Jesus ist, war­um Jesus gekom­men ist, was uns Jesus getan hat, tut Ihr das glei­che ob in der luthe­ri­schen Spra­che oder in der katho­li­schen Spra­che, aber es ist das­sel­be. Die Fra­ge: Und das Mahl? Es gibt Fra­gen auf die man aber, wenn einer ehr­lich mit sich selbst ist und mit den weni­gen theo­lo­gi­schen „Lumi­na“, die ich habe, den­noch ant­wor­ten muß, seht selbst. „Das ist mein Leib, das ist mein Blut“, hat der Herr gesagt, „tut das zu mei­nem Gedächt­nis“, und das ist eine Weg­zeh­rung, die uns hilft, zu gehen. Ich hat­te eine gro­ße Freund­schaft mit einem 48 Jah­re alten, ver­hei­ra­te­ten angli­ka­ni­schen Bischof mit zwei Kin­dern und er hat­te die­se Unru­he: die katho­li­sche Frau, die katho­li­schen Kin­der, er Bischof. Er beglei­te­te sei­ne Frau und sei­ne Kin­der am Sonn­tag zur Mes­se, dann ging er und lei­te­te den Kult mit sei­ner Gemein­schaft. Es war ein Schritt der Teil­nah­me am Her­ren­mahl. Dann ist er wei­ter­ge­gan­gen, der Herr hat ihn geru­fen, ein gerech­ter Mann. Auf Ihre Fra­ge ant­wor­te ich Ihnen nur mit einer Fra­ge: Wie kann ich mit mei­nem Mann tun, damit das Her­ren­mahl mich auf mei­nem Weg beglei­tet? Das ist ein Pro­blem, auf das jeder ant­wor­ten muß. Aber ein Pasto­ren­freund sag­te mir: „Wir glau­ben, daß der Herr dort gegen­wär­tig ist. Er ist gegen­wär­tig. Ihr glaubt, daß der Herr gegen­wär­tig ist. Und wo ist der Unter­schied?“ – „Ah, es sind die Erklä­run­gen, die Inter­pre­ta­tio­nen…“.

Das Leben ist grö­ßer als die Erklä­run­gen und die Inter­pre­ta­tio­nen. Nehmt immer Bezug auf die Tau­fe: „Ein Glau­ben, eine Tau­fe, ein Herr“, so sagt es uns Pau­lus, und dar­aus zieht die Kon­se­quen­zen. Ich wer­de es nie wagen, die Erlaub­nis zu geben, dies zu tun, weil es nicht mei­ne Zustän­dig­keit ist. Eine Tau­fe, ein Herr, ein Glau­ben. Sprecht mit dem Herrn und geht wei­ter. Ich wage nicht, mehr zu sagen.

[kräf­ti­ger Applaus]

Heu­te kon­fron­tie­ren sich die bei­den gegen­sätz­li­che Posi­tio­nen: jene der über­lie­fer­ten Glau­bens­leh­re und Glau­bens­pra­xis und jene des pro­te­stan­ti­sie­ren­de Angriffs dage­gen, den Kar­di­nal Mül­ler als „ekkle­sio­go­li­schen Nihi­lis­mus“ bezeich­ne­te.

Die zen­tra­le Fra­ge aber ist: Wie wird sich Papst Fran­zis­kus ver­hal­ten?

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: MiL/Vatican.va (Screen­shots)

 

4 Kommentare

  1. Der ent­schei­den­de Punkt ist- wie so oft- die fal­sche Über­set­zung, die dadurch geför­dert wird, sie durch die­sen Papst dezen­tra­li­siert wird.
    Fran­zis­kus sagt:
    Ich den­ke, daß der Herr uns gesagt hat, als er uns die­ses Man­dat gege­ben hat: „Tut dies zu mei­nem Gedächt­nis“. Und wenn wir das Mahl des Herrn tei­len, dar­an den­ken und es nach­ah­men, tun wir das­sel­be, das der Herr Jesus getan hat. Im grie­chi­schen Urtext heißt der von Chri­stus benutz­te Begriff „anamnesis“,Es ist eine Begriff, der uns aus der Spra­che der Medi­zin bekannt ist. Dort ist die Ana­mne­se teil der gesam­ten Kran­ken­ge­schich­te. Die Ana­mne­se kann nicht für sich allei­ne betrach­tet wer­den, son­dern immer im Zusam­men­hang mit der Befun­dung und der dar­aus fol­gen­den epi­ki­ti­schen Beur­tei­lung, aus der die The­ra­pie erfolgt. Genau so ist auch hier die „ana­mne­sis“ etwas ande­res als Gedächt­nis oder gar Erin­ne­rung an Gol­go­tha oder das Gesche­hen im Abend­s­mahl­saal. Es ist die kon­kre­te Teil­nah­me an die­sem Gesche­hen oder bes­ser dem Pro­zess und zwar nicht in der blu­ti­gen, son­dern der unblu­ti­gen Form. Es ist der Ein­tritt in das zen­tra­le Heils­ge­sche­hen. Ana­mne­sis ist also nicht eine vom Heils­ge­sche­hen abge­kop­pel­te Erin­ne­rung, son­dern sie ist Teil­nah­me am Heils­ge­sche­hen und das ist etwas ganz ande­res. Dar­in liegt der ganz gro­ße Unter­schied zwi­schen der Katho­li­schen und pro­the­stan­ti­schen Auf­fas­sung. Wir müs­sen erken­nen, wie die Ver­wir­rung durch die Dezen­tra­li­sie­rung der Text­über­set­zung gestei­gert wird. Mög­li­cher­wei­se ist die­ses auch so gewollt im Sin­ne eines fort­schrei­ten­den Oeku­me­nis­mus. Wenn Fran­zis­kus von „nach­ah­men“ spricht, wird die fal­sche Rich­tung deut­lich.

  2. Kard. Marx und Kas­per sind Freun­de von P. Fran­zis­kus. Wie kann er der katho­li­schen Leh­re Ja sagen, wenn die Freun­de Pro­te­stan­ten sind? Jeden Tag haben die Katho­li­ken mit grö­ße­ren Ver­wir­rung zu tun mit der Öku­me­ne, die here­tisch ist. Ohne Kon­ver­tie­rung ist es Sakri­leg und das for­dern die deut­schen Bischö­fe, es ist ja schon gän­gi­ge Pra­xis in Deutsch­land ohne Beich­te zu Kom­mu­ni­on zu gehen. Es soll­te nur noch förm­lich gemacht wer­den. Die Dezen­tra­li­sie­rung der Kir­che als Pro­gram­magen­da bringt die „Früch­te“ für Pro­te­stan­tis­mus. Gott erbar­me Dich unser!

  3. Nicht umsonst gibt der Papst gera­de bei Fra­gen der Eucha­ri­stierei­chung den Bischofs­kon­fe­ren­zen bei­na­he jed­we­den Spiel­raum, wel­chen die ultra­pro­ges­si­sti­sche DBK-Mehr­heit nun eben nutzt. Des­we­gen ist die Min­der­heit bei­lei­be nicht auto­ma­tisch der Tra­di­ti­on treu, viel­mehr hat es den Anschein, als hät­te ledig­lich die gal­lop­pie­ren­de kirch­li­che Ent­wick­lung in Rich­tung einer post­ka­tho­li­schen Restruk­tu­rie­rung (d.h. Pro­te­stan­ti­sie­rung) zur Fol­ge, dass immer mher pro­gres­si­ve Kle­ri­ker und Lai­en mit dem ver­schärf­ten Tem­po nicht mit­kom­men und plötz­lich als „vor­kon­zi­li­ar“ (oder bes­ser: kon­ter­re­vo­lu­tio­när) erschei­nen.

    Da in Deutsch­land obje­kiv der päpst­li­che Kurs umge­setzt wird, ist die Ant­wort „Einigt Euch und strei­tet nicht!“ — bei Lich­te bese­hen — inhalt­lich eine Bestä­ti­gung der DBK-Mehr­heit, wel­che den unter­le­ge­nen Bischö­fen ledig­lich erlaubt, öffent­lich eini­ger­ma­ßen ihr Gesicht zu wah­ren. In der Sache selbst tritt Rom der DBK-Mehr­heit nicht ent­ge­gen und läßt ihr somit frei­en Lauf. Wenig über­ra­schend wird das Kon­zept der „Gemein­schaft in Ver­schie­den­heit“ (ein Aus­druck, der bezeich­nen­der­wei­se in „öku­me­ni­schen Gesprä­chen“ benutzt wird) nun­mehr auch inner­halb der Kir­che ange­wandt, der Kurs auf das Ziel einer Katho­li­ken und Pro­te­stan­ten umfas­sen­den „Angli­ka­ni­schen Gemein­schaft 2.0“ ist unüber­seh­bar.

  4. Sind die Namen der wei­te­ren 6 Bischö­fe bekannt, die eben­falls nicht zuge­stimmt haben?

Kommentare sind deaktiviert.