Papst Franziskus an die Römische Kurie: „Die Wurzeln erzählen von unserer lebendigen Verbindung mit der Vergangenheit“

Subtilere Schelte mit Widersprüchlichkeiten

Am 23. Dezember gab Papst Franziskus den Weihnachtsempfang für die in Rom anwesenden Kardinäle und Mitarbeiter der Römischen Kurie. Dabei hielt das Kirchenoberhaupt eine Ansprache, die subtiler war als in den vergangenen Jahren.
Am 23. Dezember gab Papst Franziskus den Weihnachtsempfang für die in Rom anwesenden Kardinäle und Mitarbeiter der Römischen Kurie. Dabei hielt das Kirchenoberhaupt eine Ansprache, die subtiler war als in den vergangenen Jahren.

Am ver­gan­ge­nen Don­ners­tag hielt Papst Fran­zis­kus die tra­di­tio­nel­le Weih­nachts­an­spra­che an die in Rom anwe­sen­den Mit­glie­der des Kar­di­nals­kol­le­gi­um und die Mit­ar­bei­ter der Römi­schen Kurie. Wie in den ver­gan­ge­nen Jah­ren unter­ließ er auch dabei nicht Schel­te und Sei­ten­hie­be, ver­zich­te­te jedoch auf die auf­se­hen­er­re­gen­de Här­te der vor­her­ge­hen­den Jah­re. Er for­mu­lier­te sub­ti­ler. Die wich­tig­sten Stich­wör­ter sind her­vor­ge­ho­ben. Die Anspra­che lie­fert meh­re Bau­stei­ne, um die inner­sten Beweg­grün­de von Papst Fran­zis­kus zu erken­nen, die sei­ne noto­ri­sche Abnei­gung gegen die Tra­di­ti­on erhel­len. Es ist eine prin­zi­pi­el­le, offen­bar aller­dings ste­ri­le, da vor­ge­faß­te, und vor allem irri­ge Abnei­gung gegen die „Erstar­rung“. Der Still­stand scheint ihn in ner­vö­se, fast pani­sche Unru­he zu ver­set­zen. Aller­dings liegt dem offen­sicht­lich eine Ver­wechs­lung von Antrieb und Bewe­gung zugrun­de. Der über­lie­fer­te Ritus ist in sei­nem ver­meint­li­chen „Still­ste­hen“ leben­di­ger Aus­druck der Tra­di­ti­on, und als sol­cher ist er der Antrieb, der zur Bewe­gung führt. Papst Fran­zis­kus hät­te mit sei­ner Kri­tik ein Stück gut recht, wenn die dar­aus fol­gen­de Bewe­gung feh­len und statt­des­sen Still­stand herr­schen wür­de. Wenn es in den ver­gan­ge­nen bald neun Jah­ren sei­nes Pon­ti­fi­kats nicht mög­lich war, ihn zu die­sem klei­nen, aber zen­tra­len Per­spek­ti­ven­wech­sel zu bewe­gen, dann des­halb, weil Fran­zis­kus offen­sicht­lich die Bereit­schaft dazu fehlt. Er ent­schei­det, mit wel­chen Mit­ar­bei­tern er sich umgibt. Er bestimmt, wel­che Hin­wei­se er an sich her­an­läßt. Unge­klärt ist wei­ter­hin, woher in ihm die­se so tief­sit­zen­de Bar­rie­re gegen die Tra­di­ti­on rührt.
Mit Blick auf das Motu pro­prio Tra­di­tio­nis custo­des und den Fron­tal­an­griff gegen den über­lie­fer­ten Ritus und die Gemein­schaf­ten und Gläu­bi­gen der Tra­di­ti­on fal­len zudem Stel­len umso mehr auf, die nicht so recht damit zusam­men­pas­sen wol­len. Sie ist zur beson­de­ren Her­vor­he­bung zusätz­lich unter­stri­chen, wobei die Anmer­kung vor allem für die zwei­te unter­stri­che­ne Pas­sa­ge gilt.
Die Wort­wahl „Gefäng­nis der Ver­gan­gen­heit“ scheint eine direk­te Anspie­lung auf den von ihm gewähl­ten Titel sei­nes Motu pro­prio Tra­di­tio­nis custo­des gegen die Tra­di­ti­on zu sein, der bereits mit „Gefäng­nis­wär­ter für die Tra­di­ti­on“ über­setzt wur­de. Die Viel­falt, die Papst Fran­zis­kus aus­drück­lich und posi­tiv her­vor­hebt und in beson­de­rem Maße betont, gilt offen­sicht­lich nicht für alle.
Sie gilt nicht für die Tra­di­ti­on und sie gilt nicht für Unge­impf­te, wie das unbarm­her­zi­ge jüng­ste Dekret des vati­ka­ni­schen Staats­se­kre­ta­ri­ats zur drit­ten Covid-Sprit­ze zeigt. Auch ande­re Aus­sa­gen des Kir­chen­ober­haup­tes, im Licht der Coro­na-Maß­nah­men betrach­tet, wer­fen Fra­gen zu Wider­sprüch­lich­kei­ten auf. Ein berech­tig­ter und dring­li­cher Anruf hin­ge­gen betrifft den Mis­si­ons­auf­trag, der in beson­de­rer Wei­se von den Gemein­schaf­ten und Gläu­bi­gen der Tra­di­ti­on gehört und auf­ge­grif­fen wer­den soll­te. Katholisches.info doku­men­tiert die Anspra­che, weil sie ein Bau­stein ist, um die Beweg­grün­de des teils rät­sel­haf­ten und in vie­lem irri­tie­ren­den Han­delns von Papst Fran­zis­kus zu erfassen.

ANSPRACHE VON PAPST FRANZISKUS
AN DIE MITGLIEDER DES KARDINALSKOLLEGIUMS UND
DER RÖMISCHEN KURIE BEIM TRADITIONELLEN WEIHNACHTSEMPFANG 

Seg­nungs­au­la
Don­ners­tag, 23. Dezem­ber 2021

Lie­be Brü­der und Schwe­stern, guten Morgen!

Wie jedes Jahr haben wir die Gele­gen­heit, eini­ge Tage vor dem Weih­nachts­fest zusam­men­zu­kom­men. Auf die­se Wei­se kön­nen wir durch den Aus­tausch von guten Wün­schen unse­re Geschwi­ster­lich­keit sicht­bar zum Aus­druck brin­gen; aber es ist auch eine Zeit des Nach­den­kens und der Gewis­sens­er­for­schung für jeden von uns, damit das Licht des fleisch­ge­wor­de­nen Wor­tes uns immer bes­ser zei­gen kann, wer wir sind und was unse­re Sen­dung ist.

Wir alle wis­sen es: Das Weih­nachts­ge­heim­nis ist das Geheim­nis Got­tes, der auf dem Weg der Demut in die Welt kommt. Es ist Fleisch gewor­den: jene gro­ße syn­ka­ta­ba­sis. Die­se unse­re Zeit scheint die Demut ver­ges­sen zu haben oder sie ein­fach zu einer Form von Mora­lis­mus degra­diert zu haben, und hat ihr damit ihre eigent­li­che Spreng­kraft genommen.

Aber wenn wir das gan­ze Geheim­nis von Weih­nach­ten in einem Wort aus­drücken müss­ten, dann glau­be ich, dass das Wort Demut uns am mei­sten hel­fen kann. In den Evan­ge­li­en wird von einer ärm­li­chen, ein­fa­chen Umge­bung berich­tet, die für eine Frau, die gebä­ren soll, nicht geeig­net ist. Doch der König der Köni­ge kommt nicht in die Welt, indem er Auf­merk­sam­keit erregt, son­dern indem er eine geheim­nis­vol­le Anzie­hungs­kraft auf die Her­zen derer aus­übt, die die über­wäl­ti­gen­de Gegen­wart einer Neu­heit spü­ren, die im Begriff ist, die Geschich­te zu ver­än­dern. Daher gefällt es mir, mir vor­zu­stel­len und auch zu sagen, dass die Demut sein Ein­gangs­tor war und er uns ein­lädt, uns alle, es zu durch­schrei­ten. Mir kommt dabei jener Abschnitt der Exer­zi­ti­en in den Sinn: Man kommt nicht vor­wärts ohne Demut, und man kann in der Demut nicht vor­an­kom­men ohne Demü­ti­gun­gen. Und der hei­li­ge Igna­ti­us rät uns, um Demü­ti­gun­gen zu bitten.

Es ist nicht leicht zu ver­ste­hen, was Demut ist. Sie ist das Ergeb­nis einer Ver­än­de­rung, die der Geist selbst in uns durch die Geschich­te, die wir leben, bewirkt, wie es zum Bei­spiel bei Naa­man, dem Syrer, der Fall war (vgl. 2 Kön 5). Zur Zeit des Pro­phe­ten Eli­scha genoss die­se Per­sön­lich­keit ein hohes Anse­hen. Er war ein tap­fe­rer Gene­ral des ara­mäi­schen Hee­res, der bei meh­re­ren Gele­gen­hei­ten sei­ne Tap­fer­keit und sei­nen Mut bewie­sen hat­te. Doch neben Anse­hen, Stär­ke, Wert­schät­zung, Ehren und Ruhm muss die­ser Mann auch mit einem schreck­li­chen Dra­ma leben: Er ist aus­sät­zig. Sei­ne Rüstung, die­sel­be Rüstung, die ihn berühmt macht, bedeckt in Wirk­lich­keit eine zer­brech­li­che, ver­wun­de­te, kran­ke Men­schen­na­tur. Die­sen Wider­spruch fin­den wir oft in unse­rem eige­nen Leben: Manch­mal sind gro­ße Gaben der Pan­zer, der gro­ße Schwä­chen verdeckt.

Naa­man begreift eine grund­le­gen­de Wahr­heit: Man kann sich nicht sein Leben lang hin­ter einer Rüstung, einer Rol­le, einer gesell­schaft­li­chen Aner­ken­nung ver­stecken: Das scha­det am Ende. Es kommt eine Zeit im Leben eines jeden Men­schen, in der er den Wunsch ver­spürt, nicht mehr hin­ter dem Deck­man­tel des Ruh­mes die­ser Welt zu leben, son­dern in der Fül­le eines ehr­li­chen Lebens, das kei­ne Rüstun­gen und Mas­ken mehr benö­tigt. Die­ser Wunsch treibt den tap­fe­ren Heer­füh­rer Naa­man dazu an, sich auf die Suche nach jeman­dem zu machen, der ihm hel­fen kann, und er tut dies auf Anra­ten einer Skla­vin, einer jüdi­schen Kriegs­ge­fan­ge­nen, die von einem Gott erzählt, der in der Lage ist, sol­che Wider­sprü­che zu heilen.

Nach­dem er sich mit Sil­ber und Gold ein­ge­deckt hat, macht sich Naa­man auf die Rei­se und kommt zu dem Pro­phe­ten Eli­scha. Der Pro­phet ver­langt von Naa­man als ein­zi­ge Bedin­gung für sei­ne Gene­sung, dass er sich ent­klei­det und sie­ben Mal im Jor­dan wäscht. Kein Anse­hen, kei­ne Ehre, kein Gold und kein Sil­ber! Die Gna­de, die ret­tet, ist umsonst und kann nicht auf den Preis der Din­ge die­ser Welt redu­ziert werden.

Naa­man wehrt sich gegen die­se Bit­te, sie erscheint ihm zu banal, zu ein­fach, zu leicht erfüll­bar. Es scheint, dass die Kraft der Ein­fach­heit kei­nen Platz in sei­ner Vor­stel­lungs­welt hat­te. Aber die Wor­te sei­ner Die­ner brin­gen ihn dazu, sei­ne Mei­nung zu ändern: »Wenn der Pro­phet etwas Schwe­res von dir ver­langt hät­te, wür­dest du es tun; wie viel mehr jetzt, da er zu dir nur gesagt hat: Wasch dich und du wirst rein« (2 Kön 5,13). Naa­man ergibt sich, und mit einer Geste der Demut „steigt er her­ab“, legt sei­ne Rüstung ab und steigt in das Was­ser des Jor­dans, und »da wur­de sein Leib gesund wie der Leib eines Kin­des und er war rein« (2 Kön 5,14). Die Leh­re dar­aus ist groß­ar­tig! Die Demut, das eige­ne Mensch­sein zu ent­blö­ßen, bringt Naa­man nach dem Wort des Herrn Heilung.

Die Geschich­te von Naa­man erin­nert uns dar­an, dass Weih­nach­ten eine Zeit ist, in der jeder von uns den Mut haben muss, sei­ne Rüstung abzu­le­gen, die Klei­der sei­ner Rol­le, sei­ner gesell­schaft­li­chen Aner­ken­nung, des Glan­zes die­ser Welt abzu­le­gen und die Hal­tung der Demut und Beschei­den­heit ein­zu­neh­men. Wir kön­nen dabei von einem stär­ke­ren, über­zeu­gen­de­ren und ver­bind­li­che­ren Bei­spiel aus­ge­hen: dem des Got­tes­soh­nes, der sich nicht der Demut ent­zieht, in die Geschich­te „hin­ab­zu­stei­gen“, indem er Mensch wird, indem er ein Kind wird, zer­brech­lich, in Win­deln gewickelt und in eine Krip­pe gelegt (vgl. Lk 2,16). Ohne unse­re Klei­der, unse­re Vor­rech­te, ohne die Rol­len und Titel sind wir alle Aus­sät­zi­ge, wir alle, die der Hei­lung bedür­fen. Weih­nach­ten ist die leben­di­ge Erin­ne­rung an die­ses Bewusst­sein. Es hilft uns, das tie­fer zu verstehen.

Lie­be Brü­der und Schwe­stern, wenn wir unse­re Mensch­lich­keit ver­ges­sen, leben wir nur von den Ehren unse­rer Rüstung, aber Jesus erin­nert uns an eine unbe­que­me und ver­stö­ren­de Wahr­heit: „Was nützt es, die gan­ze Welt zu gewin­nen, wenn du dich dabei sel­ber ver­lierst?“ (vgl. Mk 8,36).

Das ist die gefähr­li­che Ver­su­chung — ich habe sie bei ande­ren Gele­gen­hei­ten in Erin­ne­rung geru­fen — der spi­ri­tu­el­len Welt­lich­keit, die im Gegen­satz zu allen ande­ren Ver­su­chun­gen schwer zu ent­lar­ven ist, weil sie von allem ver­deckt wird, was uns nor­ma­ler­wei­se beru­higt: unse­re Rol­le, die Lit­ur­gie, die Leh­re, die Reli­gio­si­tät. In Evan­ge­lii gau­di­um habe ich geschrie­ben: »In die­sem Kon­text wird die Ruhm­sucht derer geför­dert, die sich damit zufrie­den geben, eine gewis­se Macht zu besit­zen, und lie­ber Gene­rä­le von geschla­ge­nen Hee­ren sein wol­len als ein­fa­che Sol­da­ten einer Schwa­dron, die wei­ter­kämpft. Wie oft erträu­men wir pein­lich genaue und gut ent­wor­fe­ne apo­sto­li­sche Expan­si­ons­pro­jek­te, typisch für besieg­te Gene­rä­le! So ver­leug­nen wir unse­re Kir­chen­ge­schich­te, die ruhm­reich ist, inso­fern sie eine Geschich­te der Opfer, der Hoff­nung, des täg­li­chen Rin­gens, des im Dienst auf­ge­rie­be­nen Lebens, der Bestän­dig­keit in mühe­vol­ler Arbeit ist, denn jede Arbeit geschieht „im Schweiß unse­res Ange­sichts“. Statt­des­sen unter­hal­ten wir uns eitel und spre­chen über „das, was man tun müss­te“ – die Sün­de des „man müss­te tun“ – wie spi­ri­tu­el­le Leh­rer und Exper­ten der Seel­sor­ge, die einen Weg wei­sen, ihn sel­ber aber nicht gehen. Wir pfle­gen unse­re gren­zen­lo­se Fan­ta­sie und ver­lie­ren den Kon­takt zu der durch­lit­te­nen Wirk­lich­keit unse­res gläu­bi­gen Vol­kes« (Nr. 96).

Demut ist die Fähig­keit, unser Mensch­sein ohne Ver­zweif­lung, mit Rea­lis­mus, Freu­de und Hoff­nung aus­zu­fül­len; die­ses Mensch­sein, das vom Herrn geliebt und geseg­net wird. Demut bedeu­tet zu ver­ste­hen, dass wir uns unse­rer Schwä­che nicht schä­men müs­sen. Jesus lehrt uns, unser Elend mit der glei­chen Lie­be und Zärt­lich­keit zu betrach­ten, mit der man ein klei­nes, zer­brech­li­ches Kind ansieht, das alles braucht. Ohne Demut wer­den wir nach Bestä­ti­gun­gen suchen und sie viel­leicht auch fin­den, aber wir wer­den gewiss nicht das fin­den, was uns ret­tet, was uns hei­len kann. Die Bestä­ti­gun­gen sind die ver­dor­ben­ste Frucht der spi­ri­tu­el­len Welt­lich­keit, die einen Man­gel an Glau­ben, Hoff­nung und Lie­be offen­ba­ren und zu einer Unfä­hig­keit wer­den, die Wahr­heit der Din­ge rich­tig zu erken­nen und ein­zu­ord­nen. Hät­te Naa­man nur wei­ter Medail­len für sei­ne Rüstung gesam­melt, wäre er schließ­lich von der Lepra ver­zehrt wor­den: schein­bar leben­dig, ja, aber ver­schlos­sen und iso­liert in sei­ner Krank­heit. Er sucht mutig nach dem, was ihn ret­ten kann, und nicht nach dem, was ihn unmit­tel­bar zufriedenstellt.

Wir alle wis­sen, dass das Gegen­teil der Demut der Stolz ist. Ein Vers des Pro­phe­ten Malea­chi, der mich sehr berührt; die­ser Vers hilft uns, den Unter­schied zwi­schen dem Weg der Demut und dem Weg des Stol­zes zu ver­ste­hen: »Da wer­den alle Über­heb­li­chen und alle Frev­ler zu Spreu und der Tag, der kommt, wird sie ver­bren­nen, spricht der Herr der Heer­scha­ren. Weder Wur­zel noch Zweig wird ihnen dann blei­ben« (3,19).

Der Pro­phet ver­wen­det ein anschau­li­ches Bild, das den Stolz gut beschreibt: Stolz, sagt er, ist wie Stroh. Wenn dann das Feu­er kommt, wird das Stroh zu Asche, es ver­brennt, es ver­schwin­det. Und er sagt uns auch, dass die­je­ni­gen, die sich auf ihren Stolz ver­las­sen, des Wich­tig­sten beraubt wer­den, was wir haben: die Wur­zeln und die Spros­se. Die Wur­zeln erzäh­len von unse­rer leben­di­gen Ver­bin­dung mit der Ver­gan­gen­heit, aus der wir schöp­fen, um in der Gegen­wart zu leben. Die Spros­se sind die Gegen­wart, die nicht stirbt, son­dern zum Mor­gen, zur Zukunft wird. In einer Gegen­wart zu sein, die kei­ne Wur­zeln und kei­ne Spros­se mehr hat, bedeu­tet, das Ende zu erle­ben. So hat der Stol­ze, ein­ge­schlos­sen in sei­ner eige­nen klei­nen Welt, kei­ne Ver­gan­gen­heit und kei­ne Zukunft, kei­ne Wur­zeln und kei­ne Spros­se mehr und lebt mit dem bit­te­ren Geschmack der unfrucht­ba­ren Trau­rig­keit, die sich des Her­zens bemäch­tigt als »der köst­lich­ste von des Teu­fels Trän­ken«. [1] Im Gegen­teil dazu lässt sich der demü­ti­ge Mensch in sei­nem Leben bestän­dig von zwei Wor­ten lei­ten: sich erin­nern – die Wur­zeln – und Neu­es her­vor­brin­gen, Frucht aus den Wur­zeln und aus den Spros­sen, und so erlebt er die freu­di­ge Öff­nung für die Fruchtbarkeit.

Erin­nern bedeu­tet ety­mo­lo­gisch „ins Inne­re zurück­ho­len“, „er – innern“. Die leben­di­ge Erin­ne­rung an die Tra­di­ti­on, an unse­re Wur­zeln, ist kein Kult der Ver­gan­gen­heit, son­dern eine inne­re Geste, durch die wir uns bestän­dig das zu Her­zen neh­men, was uns vor­aus­ge­gan­gen ist, was unse­re Geschich­te durch­schrit­ten hat, was uns bis hier­her gebracht hat. Erin­nern heißt nicht wie­der­ho­len, son­dern etwas beher­zi­gen, auf­le­ben las­sen und in Dank­bar­keit der Kraft des Hei­li­gen Gei­stes erlau­ben, dass unse­re Her­zen ent­bren­nen, wie bei den ersten Jün­gern (vgl. Lk 24,32).

Damit das Erin­nern aber nicht zu einem Gefäng­nis der Ver­gan­gen­heit wird, brau­chen wir ein wei­te­res Wort: Neu­es her­vor­brin­gen. Der demü­ti­ge Mensch – der demü­ti­ge Mann, die demü­ti­ge Frau – sorgt sich auch um die Zukunft, nicht nur um die Ver­gan­gen­heit, denn er weiß, wie man in die Zukunft blickt, wie man auf die Spros­sen schaut, mit einem Gedächt­nis vol­ler Dank­bar­keit. Der beschei­de­ne Mensch bringt her­vor, lädt ein und drängt auf das Unbe­kann­te zu. Der Stol­ze hin­ge­gen wie­der­holt, ver­här­tet sich – die Ver­här­tung ist eine Per­ver­si­on, eine Per­ver­si­on die­ser Zeit – und ver­schließt sich in sei­ner Wie­der­ho­lung, er fühlt sich sicher in dem, was er kennt, und fürch­tet das Neue, weil er es nicht kon­trol­lie­ren kann, er fühlt sich dadurch aus dem Gleich­ge­wicht gebracht … denn er hat sein Gedächt­nis verloren.

Der demü­ti­ge Mensch lässt sich in Fra­ge stel­len, öff­net sich dem Neu­en und tut dies, weil er sich stark fühlt durch das, was ihm vor­aus­geht, durch sei­ne Wur­zeln, durch sei­ne Zuge­hö­rig­keit. Sei­ne Gegen­wart ist von einer Ver­gan­gen­heit durch­drun­gen, die ihn hoff­nungs­voll in die Zukunft blicken lässt. Im Gegen­satz zu den Stol­zen weiß er, dass weder sei­ne Ver­dien­ste noch sei­ne „guten Gewohn­hei­ten“ der Anfang und die Grund­la­ge sei­ner Exi­stenz sind; des­halb ist er fähig zu ver­trau­en. Der Stol­ze kann das nicht.

Wir alle sind zur Demut auf­ge­ru­fen, denn wir sind auf­ge­ru­fen, uns zu erin­nern und Neu­es her­vor­zu­brin­gen, wir sind auf­ge­ru­fen, die rich­ti­ge Bezie­hung zu den Wur­zeln und den Spros­sen wie­der­zu­ent­decken. Ohne sie sind wir krank und dem Unter­gang geweiht.

Jesus, der auf dem Weg der Demut in die Welt kommt, eröff­net uns eine Spur, zeigt uns einen Stil, zeigt uns ein Ziel.

Lie­be Brü­der und Schwe­stern, wenn es wahr ist, dass man ohne Demut Gott nicht begeg­nen und das Heil nicht erfah­ren kann, dann ist es eben­so wahr, dass man ohne Demut sei­nem Näch­sten, dem Bru­der und der Schwe­ster, die an unse­rer Sei­te leben, nicht begeg­nen kann.

Am ver­gan­ge­nen 17. Okto­ber haben wir den syn­oda­len Pro­zess eröff­net, der uns für die näch­sten zwei Jah­re beschäf­ti­gen wird. Auch hier kann uns nur die Demut in die Lage ver­set­zen, ein­an­der zu begeg­nen und zuzu­hö­ren, Dia­log zu füh­ren und zu unter­schei­den. Um gemein­sam zu beten, wie der Kar­di­nal­de­kan auf­ge­zeigt hat. Wenn jeder in sei­nen eige­nen Über­zeu­gun­gen, in sei­nen eige­nen Erfah­run­gen, in der Scha­le sei­ner eige­nen Gefüh­le und Gedan­ken ver­schlos­sen bleibt, ist es schwie­rig, jener Erfah­rung des Gei­stes Raum zu geben, die, wie der Apo­stel sagt, mit der Über­zeu­gung ver­bun­den ist, dass wir alle Kin­der sind von dem einen »Gott und Vater aller, der über allem und durch alles und in allem ist« (Eph 4,6).

„Alle“ ist kein miss­ver­ständ­li­ches Wort! Der Kle­ri­ka­lis­mus, der sich als – per­ver­se – Ver­su­chung täg­lich unter uns schleicht, lässt uns immer an einen Gott den­ken, der nur zu eini­gen weni­gen spricht, wäh­rend die ande­ren nur zuhö­ren und aus­füh­ren müs­sen. Die Syn­ode sucht die Erfah­rung zu machen, dass wir uns alle als Glie­der eines grö­ße­ren Vol­kes emp­fin­den: das hei­li­ge, gläu­bi­ge Volk Got­tes und somit Jün­ger, die zuhö­ren und gera­de durch die­ses Zuhö­ren auch den Wil­len Got­tes ver­ste­hen kön­nen, der sich immer auf unvor­her­seh­ba­re Wei­se zeigt. Es wäre jedoch falsch zu den­ken, dass die Syn­ode ein Ereig­nis ist, das der Kir­che als abstrak­ter Grö­ße vor­be­hal­ten ist, die weit von uns ent­fernt ist. Syn­oda­li­tät ist ein Stil, zu dem vor allem wir, die wir hier sind und durch unse­re Arbeit in der Römi­schen Kurie einen Dienst an der Welt­kir­che leben, uns bekeh­ren müssen.

Und die Kurie – ver­ges­sen wir es nicht – ist nicht nur ein logi­sti­sches und büro­kra­ti­sches Werk­zeug für die Bedürf­nis­se der Welt­kir­che, son­dern sie ist der erste Orga­nis­mus, der zum Zeug­nis beru­fen ist, und gera­de des­halb gewinnt sie immer mehr an Maß­geb­lich­keit und Wirk­sam­keit, wenn sie die Her­aus­for­de­run­gen der syn­oda­len Umkehr, zu der auch sie beru­fen ist, selbst annimmt. Die Orga­ni­sa­ti­on, die wir umset­zen müs­sen, ist nicht betrieb­li­cher Art, son­dern folgt einer dem Evan­ge­li­um gemä­ßen Art. Wenn also das Wort Got­tes die gan­ze Welt an den Wert der Armut erin­nert, müs­sen wir, die Mit­glie­der der Kurie, die Ersten sein, die sich zu einer Umkehr zur Nüch­tern­heit ver­pflich­ten. Wenn das Evan­ge­li­um Gerech­tig­keit ver­kün­det, müs­sen wir als Erste ver­su­chen, trans­pa­rent zu leben, ohne Begün­sti­gun­gen und Seil­schaf­ten. Wenn die Kir­che den Weg der Syn­oda­li­tät ein­schlägt, müs­sen wir die Ersten sein, die sich auf einen ande­ren Arbeits­stil, auf Zusam­men­ar­beit, auf Gemein­schaft umstel­len. Und dies ist nur über den Weg der Demut mög­lich. Ohne Demut kön­nen wir das nicht tun.

Bei der Eröff­nung der Syn­oden­ver­samm­lung habe ich drei Schlüs­sel­be­grif­fe ver­wen­det: Teil­ha­be, Gemein­schaft und Sen­dung. Sie ent­sprin­gen aus einem demü­ti­gen Her­zen. Ohne Demut kann man weder Teil­ha­be, noch Gemein­schaft oder Sen­dung errei­chen. Die­se Begrif­fe geben die drei Anfor­de­run­gen wie­der, die ich als einen Stil der Demut bezeich­nen möch­te, den wir hier in der Kurie anstre­ben soll­ten. Drei Wei­sen, den Weg der Demut kon­kret in die Pra­xis umzusetzen.

Zunächst ein­mal die Teil­ha­be. Die­se soll­te durch einen Stil der Mit­ver­ant­wor­tung zum Aus­druck gebracht wer­den. Natür­lich sind die Zustän­dig­kei­ten bei der Viel­falt der Rol­len und Ämter unter­schied­lich, aber es wäre wich­tig, dass jeder spü­ren kann, an der Arbeit teil­zu­ha­ben und dafür mit­ver­ant­wort­lich zu sein, und nicht nur die ent­per­sön­li­chen­de Erfah­rung zu machen, ein von jemand ande­rem auf­ge­stell­tes Pro­gramm aus­zu­füh­ren. Ich bin immer wie­der erstaunt, wenn ich in der Kurie auf Krea­ti­vi­tät sto­ße – ich fin­de sie, und das gefällt mir –, und nicht sel­ten zeigt sie sich vor allem dort, wo Raum für alle gelas­sen und gefun­den wird, auch für die­je­ni­gen, die hier­ar­chisch einen Platz am Rand ein­zu­neh­men schei­nen. Ich dan­ke für die­se Vor­bil­der und ermu­ti­ge euch, dar­an zu arbei­ten, dass wir eine kon­kre­te Dyna­mik ent­wickeln kön­nen, bei der jeder wahr­nimmt, dass er aktiv an der Sen­dung betei­ligt ist, die er zu erfül­len hat. Die Auto­ri­tät wird zum Dienst, wenn sie teilt, ein­be­zieht und hilft zu wachsen.

Das zwei­te Wort ist Gemein­schaft. Sie drückt sich nicht durch Mehr­hei­ten oder Min­der­hei­ten aus, son­dern ent­steht im Wesent­li­chen aus einer Bezie­hung zu Chri­stus. Wir wer­den nie einen dem Evan­ge­li­um gemä­ßen Stil in unse­rem Umfeld errei­chen, wenn wir nicht Chri­stus wie­der in den Mit­tel­punkt stel­len, und nicht die­se Grup­pie­rung oder jene ande­re, nicht die­se Mei­nung und nicht jene ande­re: Chri­stus im Mit­tel­punkt. Vie­le von uns arbei­ten zusam­men, aber was die Gemein­schaft stärkt, ist auch die Mög­lich­keit, gemein­sam zu beten, dem Wort Got­tes zuzu­hö­ren, Bezie­hun­gen auf­zu­bau­en, die über die blo­ße Arbeit hin­aus­ge­hen, und die Ban­de des Guten zu stär­ken – Ban­de des Guten unter uns –, indem man sich gegen­sei­tig hilft. Andern­falls besteht die Gefahr, dass wir nur Frem­de sind, die zusam­men­ar­bei­ten, Kon­kur­ren­ten, die ver­su­chen, eine bes­se­re Stel­lung für sich zu erlan­gen, oder, schlim­mer noch, dass dort, wo Bezie­hun­gen ent­ste­hen, die­se eher in Rich­tung Kom­pli­zen­schaft zugun­sten per­sön­li­cher Inter­es­sen gehen, wobei die gemein­sa­me Sache, die uns zusam­men­hält, in Ver­ges­sen­heit gerät. Kom­pli­zen­schaft schafft Spal­tun­gen, schafft Par­tei­un­gen und schafft Fein­de; Zusam­men­ar­beit erfor­dert die Grö­ße, die eige­ne Unvoll­stän­dig­keit zu akzep­tie­ren und offen zu sein für Team­ar­beit, auch mit denen, die nicht so den­ken wie wir. In der Kom­pli­zen­schaft steht man zusam­men, um ein äuße­res Ergeb­nis zu erzie­len. In der Zusam­men­ar­beit steht man zusam­men, weil einem das Wohl des ande­ren am Her­zen liegt und damit das Wohl des gan­zen Vol­kes Got­tes, dem zu die­nen wir beru­fen sind: Ver­ges­sen wir nicht das kon­kre­te Gesicht der Men­schen, ver­ges­sen wir nicht unse­re Wur­zeln, das kon­kre­te Gesicht derer, die unse­re ersten Leh­rer im Glau­ben waren. Pau­lus sag­te zu Timo­theus: „Erin­ne­re dich an dei­ne Mut­ter, erin­ne­re dich an dei­ne Großmutter“.

Die Per­spek­ti­ve der Gemein­schaft bringt gleich­zei­tig die Aner­ken­nung der Viel­falt mit sich, die uns als Gabe des Hei­li­gen Gei­stes inne­wohnt. Wann immer wir von die­sem Weg abkom­men und Gemein­schaft und Gleich­för­mig­keit als Syn­ony­me leben, schwä­chen wir die lebens­spen­den­de Kraft des Hei­li­gen Gei­stes unter uns und brin­gen sie zum Schwei­gen. Die Hal­tung des Die­nens ver­langt und, ich wür­de sagen, sie for­dert von uns die Groß­mut und die Groß­zü­gig­keit, den viel­ge­stal­ti­gen Reich­tum des Vol­kes Got­tes anzu­er­ken­nen und freu­dig zu leben; und ohne Demut ist dies nicht mög­lich. Mir tut es gut, den Anfang von Lumen gen­ti­um zu lesen, jene Num­mern 8, 12 …: das hei­li­ge Volk, das Gott treu ist. Die­se Wahr­hei­ten durch­zu­le­sen ist Sauer­stoff für die Seele.

Das drit­te Wort ist Sen­dung. Sie bewahrt uns davor, uns in uns selbst zurück­zu­zie­hen. Wer sich in sich selbst zurück­zieht, »schaut von oben her­ab und aus der Fer­ne, weist die Pro­phe­tie der Brü­der ab, bringt den, der ihn in Fra­ge stellt, in Miss­kre­dit, hebt stän­dig die Feh­ler der ande­ren her­vor und ist beses­sen vom Anschein. Er hat den Bezugs­punkt des Her­zens ver­krümmt auf den geschlos­se­nen Hori­zont sei­ner Imma­nenz und sei­ner Inter­es­sen, mit der Kon­se­quenz, dass er nicht aus sei­nen Sün­den lernt, noch wirk­lich offen ist für Ver­ge­bung. Das sind die Zei­chen einer ver­schlos­se­nen Per­sön­lich­keit: Sie lernt nichts aus ihren Sün­den und ist nicht offen für die Ver­ge­bung. Es ist eine schreck­li­che Kor­rup­ti­on mit dem Anschein des Guten. Man muss sie ver­mei­den, indem man die Kir­che in Bewe­gung setzt, dass sie aus sich her­aus­geht, in eine auf Jesus Chri­stus aus­ge­rich­te­te Mis­si­on, in den Ein­satz für die Armen« (Evan­ge­lii Gau­di­um, 97). Nur ein für die Mis­si­on offe­nes Herz gewähr­lei­stet, dass alles, was wir ad intra und ad extra tun, immer von der rege­ne­rie­ren­den Kraft des Rufes des Herrn geprägt ist. Und die Mis­si­on bringt immer eine Lei­den­schaft für die Armen mit sich, d. h. für die, die bedürf­tig sind: die­je­ni­gen, die nicht nur in mate­ri­el­ler Hin­sicht bedürf­tig sind, son­dern auch in geist­li­cher, emo­tio­na­ler und mora­li­scher Hin­sicht. Die­je­ni­gen, die nach Brot hun­gern, und die­je­ni­gen, die nach Sinn hun­gern, sind glei­cher­ma­ßen arm. Die Kir­che ist auf­ge­for­dert, allen Armen ent­ge­gen­zu­ge­hen und allen das Evan­ge­li­um zu ver­kün­den, weil wir alle auf die eine oder ande­re Wei­se arm sind, weil wir bedürf­tig sind. Aber auch die Kir­che geht ihnen ent­ge­gen, weil wir ihrer bedür­fen: Uns fehlt ihre Stim­me, ihre Anwe­sen­heit, ihre Fra­gen und Dis­kus­sio­nen. Der­je­ni­ge, der ein mis­sio­na­ri­sches Herz hat, spürt, dass sein Bru­der ihm fehlt, und macht sich in der Hal­tung eines Bett­lers auf den Weg, um ihm zu begeg­nen. Die Sen­dung macht uns ver­wund­bar – das ist schön, die Sen­dung macht uns ver­wund­bar –, sie hilft uns, uns dar­an zu erin­nern, dass wir Jün­ger sind, und ermög­licht uns, die Freu­de des Evan­ge­li­ums immer wie­der neu zu entdecken.

Teil­ha­be, Mis­si­on und Gemein­schaft sind die Merk­ma­le einer demü­ti­gen Kir­che, die auf den Geist hört und ihren Mit­tel­punkt außer­halb ihrer selbst setzt. Hen­ri de Lub­ac sag­te: »Wie ihr Herr erscheint die Kir­che der Welt als Skla­vin. Hie­nie­den lebt sie „in Skla­ven­ge­stalt“. […] So wenig wie eine Gelehr­ten­aka­de­mie ist sie ein Kreis von durch­aus Ver­gei­stig­ten oder eine Ver­samm­lung von Über­men­schen. Sie ist sogar ganz das Gegen­teil. Hin­ken­de, Krüp­pel und aller­lei Arm­se­li­ge wim­meln da umher, dazu die Men­ge der Mit­tel­mä­ßi­gen […] Dage­gen ist es schwie­rig – für den natur­ge­mä­ßen Men­schen vor der Umkehr sei­nes inner­sten Den­kens sogar unmög­lich –, in einem sol­chen Umstand die Voll­endung der Heils­kenose und die anbe­tungs­wür­di­ge Spur der „Demut Got­tes“ zu ent­decken«. [2]

Abschlie­ßend möch­te ich euch und allen vor­an mir wün­schen, dass wir uns von der Demut der Weih­nacht, von der Demut der Krip­pe, der Armut und der Besin­nung auf das Wesent­li­che, mit der der Sohn Got­tes in die Welt gekom­men ist, evan­ge­li­sie­ren las­sen. Selbst die Stern­deu­ter, von denen wir mit Gewiss­heit anneh­men kön­nen, dass sie aus wohl­ha­ben­de­ren Ver­hält­nis­sen stamm­ten als Maria und Josef oder die Hir­ten von Bet­le­hem, wer­fen sich ange­sichts des Kin­des nie­der (vgl. Mt 2,11). Sie wer­fen sich nie­der. Es ist nicht nur eine Geste der Anbe­tung, es ist eine Geste der Demut. Die Stern­deu­ter stel­len sich auf eine Stu­fe mit Gott, indem sie sich auf die blo­ße Erde nie­der­wer­fen. Und die­se Keno­sis, die­ser Abstieg, die­se syn­ka­ta­ba­sis ist die­sel­be, die Jesus am letz­ten Abend sei­nes irdi­schen Lebens voll­zie­hen wird: »Er stand vom Mahl auf, leg­te sein Gewand ab und umgür­te­te sich mit einem Lei­nen­tuch. Dann goss er Was­ser in eine Schüs­sel und begann, den Jün­gern die Füße zu waschen und mit dem Lei­nen­tuch abzu­trock­nen, mit dem er umgür­tet war« (vgl. Joh 13,4–5). Die Bestür­zung, die die­se Geste aus­löst, ruft die Reak­ti­on des Petrus her­vor, aber schließ­lich gibt Jesus selbst sei­nen Jün­gern den rich­ti­gen Ver­ständ­nis­schlüs­sel: »Ihr sagt zu mir Mei­ster und Herr und ihr nennt mich mit Recht so; denn ich bin es. Wenn nun ich, der Herr und Mei­ster, euch die Füße gewa­schen habe, dann müsst auch ihr ein­an­der die Füße waschen. Ich habe euch ein Bei­spiel gege­ben, damit auch ihr so han­delt, wie ich an euch gehan­delt habe« (Joh 13,13–15).

Lie­be Brü­der und Schwe­stern, erin­nern wir uns an unse­ren Aus­satz, mei­den wir die Logik der Welt­lich­keit, die uns die Wur­zeln und Spros­se raubt, und las­sen wir uns von der Demut des Jesus­kin­des evan­ge­li­sie­ren. Nur wenn wir die­nen und unse­re Arbeit als Dienst ver­ste­hen, kön­nen wir wirk­lich für alle nütz­lich sein. Wir sind hier — ich als Erster — um zu ler­nen, nie­der­zu­knien und den Herrn in sei­ner Demut anzu­be­ten und nicht ande­re Her­ren in ihrem lee­ren Prunk. Wir sind wie die Hir­ten, wir sind wie die Hei­li­gen Drei Köni­ge, wir sind wie Jesus. Das ist die Leh­re von Weih­nach­ten: Die Demut ist die gro­ße Vor­aus­set­zung für den Glau­ben, für das geist­li­che Leben, für die Hei­lig­keit. Möge der Herr uns die­se Gabe geben, aus­ge­hend vom anfäng­li­chen Zei­chen des Gei­stes in uns: dem Ver­lan­gen. Was wir nicht haben, kön­nen wir zumin­dest anfan­gen zu ver­lan­gen. Und den Herrn um die Gna­de bit­ten, ver­lan­gen zu kön­nen, Män­ner und Frau­en zu wer­den mit gro­ßem Ver­lan­gen. Und das Ver­lan­gen ist bereits der Geist, der in jedem von uns wirkt.

Fro­he Weih­nach­ten an alle! Und bit­te, betet für mich. Danke!

Als Erin­ne­rung an die­ses Weih­nachts­fest möch­te ich euch ein paar Bücher zurück­las­sen … Um sie zu lesen, nicht um sie in die Biblio­thek zu stel­len für unse­re Ange­hö­ri­gen, die ein­mal unser Erbe erhal­ten! Als Erstes ist da ein Buch eines gro­ßen Theo­lo­gen, der unbe­kannt ist, weil er viel zu demü­tig ist, ein Unter­se­kre­tär der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on, Mon­si­gno­re Arman­do Matteo, der ein wenig über ein sozia­les Phä­no­men nach­denkt und wie man die Seel­sor­ge­tä­tig­keit ansto­ßen kann. Das Buch heißt Con­ver­ti­re Peter Pan. Sul desti­no del­la fede in que­sta socie­tà dell’eterna gio­vi­nez­za („Peter Pan bekeh­ren. Über das Schick­sal des Glau­bens in die­ser Gesell­schaft der ewi­gen Jugend“). Es ist pro­vo­ka­tiv, aber das tut gut. Das zwei­te Buch han­delt von bibli­schen Per­so­nen, die als zweit­ran­gig oder ver­ges­sen gel­ten. Es ist von Pater Lui­gi Maria Epi­co­co geschrie­ben und trägt den Titel La pie­tra scar­ta­ta („Der ver­wor­fe­ne Stein“) mit dem Unter­ti­tel Quan­do i dimen­ti­ca­ti si sal­va­no („Wann die Ver­ges­se­nen erlöst wer­den“). Ein schö­nes Buch. Es eig­net sich zum Medi­tie­ren und zum Beten. Als ich es las, kam mir die Geschich­te von Naa­man, dem Syrer, in den Sinn, die ich vor­hin erwähnt habe. Und das drit­te Buch ist von einem Apo­sto­li­schen Nun­ti­us, Erz­bi­schof For­tu­na­tus Nwa­chuk­wu, den ihr gut kennt. Er hat eine Refle­xi­on über den „Klatsch und Tratsch“ geschrie­ben. Es gefällt mir das Bild, das er dabei zeich­net: dass das Gere­de dazu führt, dass sich die Iden­ti­tät der Per­son „auf­löst“. Ich las­se euch die­se drei Bücher und hof­fe, dass sie allen hilf­reich sind, den Hori­zont zu erwei­tern. Dan­ke! Dan­ke für euren Ein­satz und eure Mit­ar­beit. Danke.

Und bit­ten wir die Mut­ter der Demut, uns zu leh­ren, wie man demü­tig ist: „Gegrü­ßet seist Du, Maria …“

Bild: Vatican.va (Screen­shot)


[1] G. Bernanos, Tage­buch eines Land­pfar­rers, Ein­sie­deln 2007, S. 131.

[2] Betrach­tung über die Kir­che, Graz 1954, 211.

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