Kurienerzbischof Paglia dementiert: „Keine Neuinterpretation von Humanae vitae“ — Mentalreservation?

Kurienerzbischof Paglia dementierte gegenüber CNA die Existenz einer vom Papst ernannten Kommission zur Neuinterpretation von Humanae vitae. Gleichzeitig bestätigte er die Existenz einer Studiengruppe, die Humanae vitae "studieren" soll.
Kurienerzbischof Paglia dementierte gegenüber CNA die Existenz einer vom Papst ernannten Kommission zur Neuinterpretation von Humanae vitae. Gleichzeitig bestätigte er die Existenz einer Studiengruppe, die Humanae vitae "studieren" soll.

(Rom) Papst Fran­zis­kus hat, laut San­dro Magi­ster, dem Doy­en der Vati­ka­ni­sten, eine „Stu­di­en­kom­mis­si­on“ ernannt, um die Enzy­kli­ka Huma­nae vitae von Papst Paul VI. „erneut zu lesen“. Die Ernen­nung inter­pre­tiert Magi­ster als Absicht, die „pro­phe­ti­sche“ Enzy­kli­ka, mit der die kirch­li­che Ableh­nung künst­li­cher Gebur­ten­be­schrän­kung gegen die „Pil­le“ bekräf­tigt wur­de, einer „Neu­in­ter­pre­ta­ton“ zu unter­zie­hen. Eine Ent­hül­lung, die vom Papst-Ver­trau­ten Vin­cen­zo Paglia demen­tiert wur­de. Wie glaub­wür­dig ist aber das Demen­ti?

Neu­in­ter­pre­ta­ti­on meint Umin­ter­pre­ta­ti­on. Eine sol­che könn­te nur im Sin­ne der „Erklä­run­gen“ der drei Bischofs­kon­fe­ren­zen des deut­schen Sprach­rau­mes ent­spre­chen, die 1968 von der Deut­schen Bischofs­kon­fe­renz mit der König­stei­ner Erklä­rung, der Öster­rei­chi­schen Bischofs­kon­fe­renz mit der Maria­tro­ster Erklä­rung und der Schwei­zer Bischofs­kon­fe­renz mit der Solo­thur­ner Erklä­rung beschlos­sen wur­den, so die Befürch­tung.

Huma­nae vitae gilt einer­seits als „Magna Char­ta“ des Lebens­rechts, ande­rer­seits als „Bruch“ in der Kir­che, weil vie­le Katho­li­ken in Moral­fra­gen sich von den kirch­li­chen Nor­men los­ge­sagt haben und nicht mehr als bin­dend betrach­ten. Den glei­chen Schritt setz­te ein Teil der kirch­li­chen Hier­ar­chie, wie die drei genann­ten Erklä­run­gen und wei­te­re zei­gen. Die Über­win­dung von Huma­nae vitae wird von die­sem Teil der Kir­che seit bald 50 Jah­ren ange­strebt.

Kar­di­nal Chri­stoph Schön­born, Erz­bi­schof von Wien, bezeich­ne­te 2008 den Bruch, der durch die Erklä­run­gen in der Kir­che ent­stan­den ist, als „Sün­de des euro­päi­schen Epi­sko­pats“. Kei­ne der Erklä­run­gen wur­de aber offi­zi­ell zurück­ge­nom­men.

Ein Dementi, das kein wirkliches Dementi ist?

Nach der Ent­hül­lung von San­dro Magi­ster bemüh­ten sich ver­schie­de­ne Medi­en um nähe­re Infor­ma­tio­nen. Die Catho­lic News Agen­cy (CNA) befrag­te am 16. Juni Kuri­en­erz­bi­schof Vin­cen­zo Paglia. Der ehe­ma­li­ge vati­ka­ni­sche „Fami­li­en­mi­ni­ster“ gilt als enger Ver­trau­ter von Papst Fran­zis­kus, der ihn zu einer Art Lebens­schutz­be­auf­trag­ten der Kir­che ernann­te. Eine Ernen­nung, die von Tei­len der Lebens­rechts­be­we­gung mit gro­ßer Sor­ge beob­ach­tet wird.

Gegen­über CNA demen­tier­te Paglia die Exi­stenz einer Kom­mis­si­on zur Revi­si­on von Huma­nae vitae. Ein Demen­ti das sich bei nähe­rem Hin­se­hen nur als hal­bes Demen­ti ent­puppt.

Wört­lich sag­te Paglia unter ande­rem:

„Ich kann bestä­ti­gen, daß kei­ne päpst­li­che Kom­mis­si­on geru­fen ist, Huma­nae vitae erneut zu lesen oder neu zu inter­pre­tie­ren. Wir soll­ten aber alle die­se Initia­ti­ven posi­tiv sehen, wie jene von Prof. Maren­go vom Insti­tut Johan­nes Paul II., die das Stu­di­um und die Ver­tie­fung die­ses Doku­ments mit Blick auf den 50. Jah­res­tag sei­ner Ver­öf­fent­li­chung anstre­ben.“

Der Moral­theo­lo­ge Gilf­re­do Maren­go wur­de, laut Magi­ster, von Papst Fran­zis­kus zum Vor­sit­zen­den der Revi­si­ons­kom­mis­si­on ernannt. Demen­tier­te Paglia in einem Satz, um mit dem näch­sten Satz zuzu­ge­ben, was er gera­de demen­tiert hat­te? Paglia, selbst Groß­kanz­ler des Päpst­li­chen Insti­tuts Johan­nes Paul II. und Prä­si­dent der Päpst­li­chen Aka­de­mie für das Leben, sag­te zudem:

„Ich habe kei­ne Zwei­fel, daß das Herz von Huma­nae vitae – der Wert der mensch­li­chen Fort­pflan­zung – ein The­ma ist, über das wir alle auf­merk­sam nach­den­ken sol­len. Der Bruch des Drei­klangs Ehe-Fami­lie-Fort­pflan­zung ist ein Risi­ko, das die Kir­che und die gesam­te Mensch­heit nicht hin­neh­men kann.“

Der­sel­be Paglia recht­fer­tig­te erst am 13. Juni die Ernen­nung des Abtrei­bungs­be­für­wor­ters Nigel Big­gar zum Mit­glied der Päpst­li­chen Aka­de­mie für das Leben. Big­gar war von Paglia vor­ge­schla­gen wor­den.

Des­halb und wegen wei­te­rer Vor­fäl­le (homo­phi­le Signa­le, über­schweng­li­ches Lob für Mar­co Pan­nella, einen der radi­kal­sten Abtrei­bungs­ideo­lo­gen, Angriff gegen die Unter­zeich­ner der Dubia zum umstrit­te­nen nach­syn­oda­len Schrei­ben Amo­ris lae­ti­tia) steht die Fra­ge im Raum, wie glaub­wür­dig Pagli­as Leug­nung einer Kom­mis­si­on zur Über­ar­bei­tung von Huma­nae vitae ist.  Oder sind bei Äuße­run­gen des Kuri­en­erz­bi­schofs gehei­me Vor­be­hal­te, Men­tal­re­ser­va­tio­nen in Rech­nung zu stel­len?

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Vatican.va (Screen­shot)

 

2 Kommentare

  1. Was soll die­ser Unsinn? „eine Stu­di­en­grup­pe die Huma­nae Vitae neu stu­die­ren soll“
    Die­se Her­ren wol­len alles hin­ter­fra­gen und es dann ver­wäs­sern

  2. Wenn die Herr­schaf­ten zuge­ben wür­den, dass sie Huma­nae vitae „neu“, d.h. im Gen­gen­satz zur Leh­re der Kir­che inter­pre­tie­ren wol­len, wären sie schön blöd.
    Viel schlau­er ist es doch, zu sagen „Wir ändern die Leh­re nicht“ — ab dann genau das zu tun, so wie bei AL.
    vgl. 2. Thes­sa­lo­ni­cher 2:
    3 Lasst euch durch nie­mand und auf kei­ne Wei­se täu­schen! Denn zuerst muss der Abfall von Gott kom­men und der Mensch der Gesetz­wid­rig­keit erschei­nen, der Sohn des Ver­der­bens,
    4 der Wider­sa­cher, der sich über alles, was Gott oder Hei­lig­tum heißt, so sehr erhebt, dass er sich sogar in den Tem­pel Got­tes setzt und sich als Gott ausgibt.2
    5 Erin­nert ihr euch nicht, dass ich euch dies schon gesagt habe, als ich bei euch war?
    6 Ihr wisst auch, was ihn jetzt noch zurück­hält, damit er erst zur fest­ge­setz­ten Zeit offen­bar wird.3
    7 Denn die gehei­me Macht der Gesetz­wid­rig­keit ist schon am Werk; nur muss erst der besei­tigt wer­den, der sie bis jetzt noch zurückhält.4
    8 Dann wird der gesetz­wid­ri­ge Mensch allen sicht­bar wer­den. Jesus, der Herr, wird ihn durch den Hauch sei­nes Mun­des töten und durch sei­ne Ankunft und Erschei­nung ver­nich­ten.
    9 Der Gesetz­wid­ri­ge aber wird, wenn er kommt, die Kraft des Satans haben. Er wird mit gro­ßer Macht auf­tre­ten und trü­ge­ri­sche Zei­chen und Wun­der tun.
    10 Er wird alle, die ver­lo­ren gehen, betrü­gen und zur Unge­rech­tig­keit ver­füh­ren; sie gehen ver­lo­ren, weil sie sich der Lie­be zur Wahr­heit ver­schlos­sen haben, durch die sie geret­tet wer­den soll­ten.
    11 Dar­um lässt Gott sie der Macht des Irr­tums ver­fal­len, sodass sie der Lüge glau­ben;
    12 denn alle müs­sen gerich­tet wer­den, die nicht der Wahr­heit geglaubt, son­dern die Unge­rech­tig­keit geliebt haben.

    Mehr gibt es nicht zu sagen.

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