Neuer Jesuitengeneral Sosa will Jesus „neu interpretieren“ — „Das Wort Glaubenslehre mag ich nicht besonders“

Warum verschweigt Papst Franziskus die "eindeutigen Worte" (Kardinal Müller) Jesu zur Ehe und gegen die Scheidung? Ein Hinweis findet sich bei Arturo Sosa, dem neuen Generaloberen des Jesuitenordens: "Zuerst müßte man klären, was genau die Worte die Jesu sind, was er genau damit sagen wollte. Damals hatte ja niemand ein Aufnahmegerät, um die Worte aufzuzeichnen".
Warum verschweigt Papst Franziskus die "eindeutigen Worte" (Kardinal Müller) Jesu zu Ehe und Scheidung? Ein Hinweis findet sich bei Arturo Sosa, dem neuen Generaloberen des Jesuitenordens: "Zuerst müßte man klären, was Jesus genau sagen wollte. Damals hatte ja niemand ein Aufnahmegerät".

(Rom) Der seit Ende Okto­ber amtie­ren­de „Schwar­ze Papst“, der Gene­ral­obe­re des Jesui­ten­or­dens, Pater Arturo Sosa SJ, for­dert zu einer „Neu­in­ter­pre­ta­ti­on“ von Jesus auf. „Unglaub­lich, aber wahr“, so der Vati­ka­nist San­dro Magi­ster über ein erschüt­tern­des Inter­view des Schwei­zer Jour­na­li­sten Giu­sep­pe Rus­co­ni mit Gene­ral Sosa.

Papst zitiert im umstrittenen VIII. Kapitel von Amoris laetitia kein Jesus-Wort

„Im Ach­ten Kapi­tel von Amo­ris lae­ti­tia, dem hei­ße­sten und kon­tro­ver­se­sten, in dem Papst Fran­zis­kus der Zweit­ehe ‚zu öff­nen‘ scheint, obwohl der vor­he­ri­ge Ehe­gat­te noch lebt, fehlt jeg­li­ches Zitat eines Jesus-Wor­tes über die Ehe und die Schei­dung, die vor allem im 19. Kapi­tel des Mat­thä­us­evan­ge­li­ums wie­der­ge­ge­ben sind“, so Magister.

„Vie­le Men­schen folg­ten ihm dort­hin und er heil­te sie. Da kamen Pha­ri­sä­er zu ihm, die ihm eine Fal­le stel­len woll­ten, und frag­ten: Darf man sei­ne Frau aus jedem belie­bi­gen Grund aus der Ehe ent­las­sen? Er ant­wor­te­te: Habt ihr nicht gele­sen, daß der Schöp­fer die Men­schen am Anfang als Mann und Frau geschaf­fen hat und daß er gesagt hat: Dar­um wird der Mann Vater und Mut­ter ver­las­sen und sich an sei­ne Frau bin­den und die zwei wer­den ein Fleisch sein? Sie sind also nicht mehr zwei, son­dern eins. Was aber Gott ver­bun­den hat, das darf der Mensch nicht tren­nen. Da sag­ten sie zu ihm: Wozu hat dann Mose vor­ge­schrie­ben, daß man (der Frau) eine Schei­dungs­ur­kun­de geben muß, wenn man sich tren­nen will? Er ant­wor­te­te: Nur weil ihr so hart­her­zig seid, hat Mose euch erlaubt, eure Frau­en aus der Ehe zu ent­las­sen. Am Anfang war das nicht so. Ich sage euch: Wer sei­ne Frau ent­läßt, obwohl kein Fall von Unzucht vor­liegt, und eine ande­re hei­ra­tet, der begeht Ehe­bruch. Da sag­ten die Jün­ger zu ihm: Wenn das die Stel­lung des Man­nes in der Ehe ist, dann ist es nicht gut zu hei­ra­ten. Jesus sag­te zu ihnen: Nicht alle kön­nen die­ses Wort erfas­sen, son­dern nur die, denen es gege­ben ist. Denn es ist so: Man­che sind von Geburt an zur Ehe unfä­hig, man­che sind von den Men­schen dazu gemacht und man­che haben sich selbst dazu gemacht — um des Him­mel­rei­ches wil­len. Wer das erfas­sen kann, der erfas­se es.“

Die­ses völ­li­ge Feh­len eines Zita­tes der Her­ren­wor­te „erstaunt“, so Magi­ster, „wie auch an ande­rer Stel­le das Schwei­gen von Fran­zis­kus zur sel­ben Frage“.

„Warum dieses insistente Schweigen des Papstes zu unmißverständlichen Jesus-Worten?“

Am 4. Okto­ber 2015, einem Sonn­tag, wur­de die zwei­te Bischofs­syn­ode über die Fami­lie eröff­net. An jenem Tag wur­de in allen katho­li­schen Kir­chen des latei­ni­schen Ritus welt­weit die Par­al­lel­stel­le aus dem Mar­kus­evan­ge­li­um 10, 2–9 zum Mat­thä­us­evan­ge­li­um (19,2–12) vor­ge­le­sen (Erste Rede bei Bischofs­syn­ode hält der Hei­li­ge Geist – Exklu­siv der voll­stän­di­ge Wort­laut). Beim Ange­lus erwähn­te Papst Fran­zis­kus die­se Stel­le des Evan­ge­li­ums jedoch mit kei­nem Wort, obwohl es direkt mit der Syn­ode zu tun hat­te, über die der Papst aus­führ­lich sprach.

Das­sel­be geschah am ver­gan­ge­nen 12. Febru­ar, wie­der ein Sonn­tag, mit einer ana­lo­gen Stel­le aus dem Mat­thä­us­evan­ge­li­um (5,11–12), die an jenem Tag in den Hei­li­gen Mes­sen ver­kün­det wur­de. Erneut schwieg sich Papst Fran­zis­kus beim Ange­lus dar­über aus. Weder zitier­te er die Stel­le noch leg­te er sie aus. Er erwähn­te sie ein­fach nicht.

„War­um die­ses insi­sten­te Schwei­gen des Pap­stes zu so unmiß­ver­ständ­li­chen Jesus-Wor­ten?“, so Magister.

Neuer Jesuitengeneral will Jesus „neu interpretieren“

Arturo Sosa mit Papst Franziskus Jesuiten
Arturo Sosa mit Papst Fran­zis­kus Jesuiten

„Ein Hin­weis fin­det sich“ so Magi­ster, und zwar in einem Inter­view des neu­en Gene­ral­obe­ren des Jesui­ten­or­dens, des Vene­zo­la­ners Arturo Sosa Absa­cal, der Papst Fran­zis­kus, selbst Jesu­it, sehr nahe­steht. Das Inter­view führ­te der bekann­te Tes­si­ner Jour­na­list Giu­sep­pe Rusconi.

Bemer­kens­wert sind die Reak­tio­nen des Ordens­ge­ne­rals auf Fra­gen, mit denen ihn Rus­co­ni in die Enge treibt. Er ver­schanzt sich hin­ter der Auto­ri­tät des Pap­stes oder nimmt, vom Inter­view­er an einer Stel­le mit dem Rücken zur Wand gestellt, Zuflucht zum Hei­li­gen Geist, womit gewis­ser­ma­ßen alles im nebu­lö­sen Nichts entschwindet.

Das Inter­view ist ein erschüt­tern­des Doku­ment über den gei­sti­gen Zustand eines Teils der ober­sten Füh­rungs­ebe­ne in der katho­li­schen Kir­che, der der­zeit ton­an­ge­bend scheint.

Die inter­es­san­te­sten Stel­len im Wortlaut:

Ein erschütterndes Interview

Rus­co­ni: Kar­di­nal Ger­hard Mül­ler, der Prä­fekt der Kon­gre­ga­ti­on für die Glau­bens­leh­re, sag­te bezüg­lich der Ehe, daß die Wor­te Jesu ein­deu­tig sind, und „kei­ne Macht im Him­mel und auf Erden, weder ein Engel noch der Papst, weder ein Kon­zil noch ein Gesetz der Bischö­fe, die Voll­macht hat, sie zu ändern“.

Arturo Sosa: Zunächst müß­te man eine schö­ne Über­le­gung dar­über begin­nen, was Jesus wirk­lich gesagt hat. Zu jener Zeit hat­te nie­mand ein Auf­nah­me­ge­rät, um die Wor­te fest­zu­hal­ten. Was man weiß, ist, daß die Wor­te Jesus in den Kon­text zu stel­len sind. Sie sind in einer bestimm­ten Spra­che, in einem bestimm­ten Umfeld gesagt wor­den, sie sind an jemand bestimm­ten gerichtet.

Rus­co­ni: Ja, aber, wenn alle Wor­te Jesu zu über­prü­fen und auf ihren histo­ri­schen Kon­text zurück­zu­füh­ren sind, dann haben sie kei­nen abso­lu­ten Wert.

Arturo Sosa: In den ver­gan­ge­nen hun­dert Jah­ren gab es in der Kir­che eine gro­ße Blü­te von Stu­di­en, die ver­su­chen, exakt zu ver­ste­hen, was Jesus sagen woll­te … Das ist nicht Rela­ti­vis­mus, aber belegt, daß das Wort rela­tiv ist, das Evan­ge­li­um ist von Men­schen geschrie­ben, es ist von der Kir­che aner­kannt, die aus Men­schen gemacht ist … Daher ist es wahr, daß nie­mand das Wort Jesu ändern kann, aber man muß wis­sen, wel­ches eines ist!

„Man stellt nicht in Zweifel, man unterscheidet …“

Rus­co­ni: Steht auch die Aus­sa­ge von Mat­thä­us 19,2–6 zur Dis­kus­si­on: „Was Gott ver­bun­den hat, darf der Mensch nicht trennen“?

Arturo Sosa: Ich iden­ti­fi­zie­re mich mit dem, was Papst Fran­zis­kus sagt. Man stellt nicht in Zwei­fel, man unterscheidet…

Rus­co­ni: Aber die Unter­schei­dung ist eine Wer­tung, ist eine Wahl zwi­schen ver­schie­de­nen Optio­nen. Gibt es kei­ne Pflicht mehr, einer ein­zi­gen Inter­pre­ta­ti­on zu folgen?

Arturo Sosa: Nein, die Pflicht gibt es immer, aber den Ergeb­nis­sen der Unter­schei­dung zu folgen.

„Ich bezweifle nicht das Wort Jesu, aber das Wort Jesu wie wir es interpretiert haben“

Rus­co­ni: Aber die Letzt­ent­schei­dung grün­det sich dann auf ein Urteil zu ver­schie­de­nen Hypo­the­sen. Zie­hen Sie also auch die Hypo­the­se in Betracht, daß der Satz „Der Mensch darf nicht tren­nen …“ nicht exakt das ist, was er scheint? Kurz­um, bezwei­feln Sie das Wort Jesu?

Arturo Sosa: Nicht das Wort Jesu, aber das Wort Jesu wie wir es inter­pre­tiert haben. Die Unter­schei­dung wählt nicht unter ver­schie­de­nen Hypo­the­sen, son­dern ist bereit, auf den Hei­li­gen Geist zu hören, der – wie Jesus ver­hei­ßen hat – uns hilft, die Zei­chen der Gegen­wart Got­tes in der Geschich­te der Men­schen zu verstehen.

Rus­co­ni: Aber wie soll man unterscheiden?

Arturo Sosa: Papst Fran­zis­kus unter­schei­det, indem er dem Hei­li­gen Igna­ti­us folgt wie die gan­ze Gesell­schaft Jesu: Der Hei­li­ge Igna­ti­us sag­te, es ist not­wen­dig, den Wil­len Got­tes zu suchen und zu fin­den. Das ist kei­ne Suche zum Spaß. Die Unter­schei­dung führt zu einer Ent­schei­dung: Man hat nicht nur zu bewer­ten, son­dern zu entscheiden.

 „Der Vorrang des persönlichen Gewissens“

Rus­co­ni: Und wer hat zu entscheiden?

Arturo Sosa: Die Kir­che hat immer den Vor­rang des per­sön­li­chen Gewis­sens bekräftigt.

Rus­co­ni: Dann schau­en wir ein­mal, ob ich das rich­tig ver­stan­den habe: Wenn also das Gewis­sen, nach einer Unter­schei­dung des Fal­les, mir sagt, daß ich zur Kom­mu­ni­on gehen kann, auch wenn die Norm es nicht vorsieht …

Arturo Sosa: Die Kir­che hat sich in den Jahr­hun­der­ten ent­wickelt, sie ist kein Block aus Stahl­be­ton. Sie ist ent­stan­den, hat gelernt, hat sich ver­än­dert. Des­halb macht man die öku­me­ni­schen Kon­zi­le, um zu ver­su­chen, die Ent­wick­lun­gen der Glau­bens­leh­re zu fokus­sie­ren. Dok­trin ist ein Wort, das ich nicht beson­ders mag, es ver­mit­telt den Ein­druck einer Här­te von Stei­nen. Die mensch­li­che Wirk­lich­keit hat viel mehr Schat­tie­run­gen, sie ist nie weiß oder schwarz, sie befin­det sich in einer stän­di­gen Entwicklung.

Rus­co­ni: Mir scheint, zu ver­ste­hen, daß es für Sie einen Vor­rang der Pra­xis der Unter­schei­dung gegen­über der Leh­re gibt.

Arturo Sosa: Ja, aber die Leh­re ist Teil der Unter­schei­dung. Eine wah­re Unter­schei­dung kann nicht von der Leh­re absehen.

Rus­co­ni: Sie kann aber zu ande­ren Schluß­fol­ge­run­gen gelan­gen als die Lehre.

Arturo Sosa: Das ja, weil die Leh­re die Unter­schei­dung nicht ersetzt und auch nicht den Hei­li­gen Geist.

Zu Arturo Sosa sie­he auch:

Erst­ver­öf­fent­li­chung des Inter­views: 18. Febru­ar im Giorna­le del Popo­lo von Luga­no (Aus­zü­ge) und bei Rossopor­po­ra (voll­stän­dig).
Text/Übersetzung: Giu­sep­pe Nardi
Bild: gesuiti.it/vatican.va (Screen­shots)

Mer­ken

Mer­ken

Mer­ken

Mer­ken

Mer­ken

Mer­ken

Mer­ken

Mer­ken

Mer­ken

Print Friendly, PDF & Email