Von Caminante Wanderer*
Am 22. Oktober veröffentlichte das Dikasterium für die Glaubenslehre das Dokument Venite ad me. Erwägungen zur Weitergabe des Glaubens im epochalen Wandel. Unterzeichnet ist es von Kardinal Victor Manuel Fernández; die Zustimmung von Leo XIV. erhielt es in der Audienz vom 21. August. Wie uns der Text selbst mitteilt, ging der Auftrag noch auf Papst Franziskus zurück; das neue Pontifikat und das Heilige Jahr beschleunigten dann die Ausarbeitung.
Leider bleibt das Dokument weitgehend unbeachtet. Obwohl es meines Erachtens einige Aspekte enthält, die besser hätten ausgearbeitet werden können, würde ich sagen, daß es – gemessen an den heutigen Verhältnissen und an der Person, die es unterzeichnet hat – ein gutes Dokument ist. Daß es weitgehend ohne Beachtung bleibt, liegt zu einem erheblichen Teil daran, daß eben diese Person, Kardinal Tucho Fernández, selbst dafür gesorgt hat, seinen Wert herabzusetzen. Vor wenigen Tagen erklärte er in einem Interview, es handle sich um einen Text, der niemanden interessiere – soll das etwa eine Botschaft an Papst Leo sein, mit der er ihm mitteilt, daß sich allein dieser dafür interessiere? Darüber hinaus leistete er sich einen seiner typischen Fehltritte: Er teilte die Kirche in Progressive und Konservative ein und zeichnete natürlich eine Karikatur der Letzteren.
Die progressiven Kreise beunruhigt diese Frage nicht. Sie begeistern sich für strukturelle Veränderungen und den Dialog mit der Gesellschaft. Was die konservativen Kreise umtreibt, ist die Weitergabe der Sexualmoral. In den Brüdern die faszinierende Erfahrung eines lebendigen Christus zu wecken, der ihnen seine Freundschaft und sein neues Leben anbietet, klingt für beide Lager nach etwas „Romantischem“, nach etwas, das kaum mit der Wirklichkeit zu tun hat. Darin sind sie sich einig.
Es ist bemerkenswert dreist, daß Kardinal Fernández ein derart grobes Vorurteil öffentlich zur Schau stellt: Uns Konservativen liege ausschließlich die Sexualmoral am Herzen. Es handelt sich um eine Verallgemeinerung, die zur Verleumdung und üblen Nachrede wird. Daß es bestimmte Konservative geben mag, die sich ausschließlich für solche Fragen interessieren, bedeutet keineswegs, daß dies für uns alle gilt. Das wäre ungefähr so, als würde ich – um ein völlig unglaubwürdiges Beispiel anzuführen – behaupten, sämtliche Mitglieder des Kardinalskollegiums seien Pornographen und Wüstlinge, nur weil es einen Kardinal gibt, der sich nicht für die Sexualmoral, sondern schlicht und einfach für Sex interessiert und Bücher über die Kunst des Küssens und, wenn ihn geistliche Anwandlungen überkommen, über Orgasmus und mystische Kontemplation schreibt. Die Schwere und Ungerechtigkeit einer solchen unwahrscheinlichen Behauptung entspricht genau dem, was Tucho von sich gibt. Und damit nicht genug: Er wirft uns außerdem vor, der „lebensspendenden Erfahrung Christi“ gegenüber nicht aufgeschlossen zu sein. Neben seiner herausragenden theologischen Begabung ist er offenbar auch ein kundiger Erforscher der Herzen.
Die Gattung dieses Dokuments ist eigentümlich, und der Verfasser bemüht sich mit einer gewissen Koketterie, dies klarzustellen. Es handelt sich nicht um eine Doktrinelle Note, sondern um Erwägungen. Deshalb, so heißt es in Nr. 8, zeichne sich der Text – anders als andere Veröffentlichungen des Dikasteriums – weder durch sprachliche Präzision noch durch eine systematische Behandlung des Themas aus. Das ist ein bemerkenswertes Eingeständnis: Das Dikasterium, das mit der Bewahrung der Glaubenslehre betraut ist, kündigt vorsorglich an, daß es diesmal nicht besonders präzise sein werde. Für diese Ehrlichkeit kann man dankbar sein, auch wenn man sich unwillkürlich fragt, wozu ein Glaubensdikasterium eigentlich sonst da ist.
Allerdings wäre es ungerecht, den Text mit ein paar spöttischen Bemerkungen abzutun. Venite ad me enthält durchaus gute, ja sogar sehr gute Passagen. Deshalb wage ich die Behauptung, daß die vorgelegte Diagnose zutreffend, die angebotene Therapie jedoch schwach ist.
Das Gute und das sehr Gute an dem Dokument
Beginnen wir mit dem Guten, und davon gibt es nicht wenig. Nr. 32 verteidigt die Kindertaufe gegen das so häufig vorgebrachte Argument, man solle warten, bis die Kinder selbst eine Entscheidung treffen können. Dies geschieht anhand eines einleuchtenden Vergleichs aus dem gesunden Menschenverstand: Niemand läßt ein Neugeborenes ohne Kleidung und Nahrung, nur damit es später, wenn es groß geworden ist, selbst entscheiden kann, was es anziehen und essen möchte. Daß man dies überhaupt in einem römischen Dokument sagen muß, spricht für sich; das räume ich durchaus ein. Daß es aber gesagt wird, ist eine gute Nachricht, und es ist wichtig, dies hervorzuheben.
Die Nummern 35 bis 37 sind vielleicht die schönsten Passagen des gesamten Textes. Sie hätten ohne weiteres Bestandteil eines Kapitels von „Das Erwachen der Señorita Prim“ sein oder von John Senior zitiert werden können. Dort wird die Erinnerung des Jesuiten Aimé Duval an das abendliche Gebet in seinem Elternhaus auf dem Lande aufgegriffen: der Vater, stark und stolz im Umgang mit dem Bürgermeister und den Reichen, kniet vor Gott nieder, die Stirn in die Hände gelegt; die Mutter sitzt mit dem jüngsten Kind auf dem Arm da und blickt während des Gebets jedes ihrer Kinder an.
Anschließend werden ganz unbefangen jene Bräuche aufgezählt, die von der nachkonziliaren Pastoral jahrzehntelang als überholte Überbleibsel abgetan wurden: die Schutzheiligen, die Anrufung der Jungfrau Maria, die Sonntagsmesse, die Wallfahrtsheiligtümer, das Tischgebet, die Weihnachtskrippe. Mit anderen Worten: der Katholizismus unserer Großmütter, die den Glauben ohne Arbeitspapiere und Kommissionen weitergaben, sondern ihn „in ihrem Dialekt“ vermittelten.
Auch die Diagnose des dritten Kapitels spart nicht mit Kritik an der gegenwärtigen Welt. Offen ist von „nachchristlichen Gesellschaften“ (Nr. 55) und von der Krise des „Modells der Christenheit“ (Nr. 53) die Rede. Die „Souveränität des Ich“, die Schwächung des Sündenbewußtseins und das Vordringen des Relativismus werden angeprangert (Nr. 56–57). Die laizistische Gesetzgebung Frankreichs und Kanadas, die das öffentliche Bekenntnis des Glaubens einschränkt, wird kritisiert (Nr. 58). Und zu Recht wird die nach eigenem Geschmack zurechtgelegte, „maßgeschneiderte“ Glaubensauffassung getadelt, die sich nicht an der Lehre der Kirche, sondern an den persönlichen Vorlieben orientiert (Nr. 60).
Darüber hinaus gibt es eine Passage, die besonders hervorgehoben werden sollte. Bei der Erwähnung des spektakulären Anstiegs der Erwachsenentaufen in Frankreich – ihre Zahl hat sich innerhalb eines Jahrzehnts mehr als verdreifacht, insbesondere bei jungen Menschen zwischen 18 und 25 Jahren – zählt Nr. 65 zu den Zeichen des Wirkens des Heiligen Geistes auch „eine gewisse Wiederentdeckung des Alten und der Traditionen“. Das ist in einem Dokument dieser Herkunft keine belanglose Formulierung, zumal wenige Zeilen zuvor die Bedeutung von Wallfahrten als Einladung hervorgehoben worden war, tiefer in den Glauben einzudringen.
Es scheint sich um die Anerkennung einer offenkundigen Tatsache zu handeln. Es scheint, als hole Kardinal Fernández auf subtile Weise jene aus der Unsichtbarkeit hervor, die bis vor kurzem für einige überhaupt nicht existent waren. Es fällt mir schwer zu glauben, daß dies aus eigenem ehrlichem Antrieb geschehen ist. Wir haben bereits gesehen, daß es ihm an Ehrlichkeit fehlt, wenn er sich in der beschriebenen Weise über die „Konservativen“ ausläßt. Ich neige vielmehr zu der Annahme, daß diese Absätze und Formulierungen eher auf ausdrückliche Anweisungen oder Anregungen einer Person zurückgehen, die über größere Macht verfügt.
Sein bestes Niveau erreicht der Text jedoch im Bereich der Liturgie. Er beruft sich auf das Prinzip lex orandi, lex credendi (Nr. 92) und stellt fest, daß das Feiern vor allem bedeutet, einen Glauben zu empfangen, den andere vor uns bereits geglaubt, gelebt und im Gebet vollzogen haben (Nr. 90). Er erinnert an die Tränen des Augustinus angesichts der Hymnen der Kirche von Mailand.
Vor allem aber zitiert er ausführlich Romano Guardini, der am Gründonnerstag in Monreale die sizilianische Bevölkerung beobachtete: Menschen, die kaum lesen und sich kaum durch Antworten am Geschehen beteiligen, aber dennoch durch ihr Schauen und durch ihr Erleben, durch das, was sie „mit den Augen“ aufnehmen, an einer vierstündigen Feier teilnehmen. Guardini kommt zu dem Schluß, daß die Menschen des Nordens nur jene Form der Teilnahme kannten, die aus Zuhören, Sprechen und Gestikulieren besteht, während ihnen die andere Form verlorengegangen war (Nr. 93).
Wer ein halbes Jahrhundert lang unter einer actuosa participatio zu leiden hatte, die als bloße verbale Gymnastik verstanden wurde, wird dieses Zitat zu würdigen wissen. Schließlich fordert Nr. 94, daß die Gläubigen und diejenigen, die in die Kirche zurückkehren, in jeder Diözese mit den „verschiedenen liturgischen Empfindungsweisen“ der katholischen Tradition in Berührung kommen können. Auf das Kleingedruckte werden wir noch zurückkommen.
Was könnte besser sein
Das Problem beginnt bereits im ersten Kapitel, und zwar genau dort, wo die Botschaft formuliert wird, die eigentlich weitergegeben werden soll. Eine bestimmte Formel kehrt darin wie ein Refrain immer wieder: Gott ist „für immer und für alle“ Liebe, seine Barmherzigkeit gilt „allen“, sogar jenen, die den Sohn Gottes verurteilt und getötet haben (Nr. 10 und 20). Es gibt keinen menschlichen Lebensbereich, der durch Scheitern oder Sünde gekennzeichnet wäre und nicht wieder eingegliedert werden könnte (Nr. 11). Gottes „Ja“ kann niemals zu einem „Nein“ werden.
All dies läßt sich durchaus im katholischen Sinne verstehen, und ich habe keinen Zweifel daran, daß die Verfasser es auch so beabsichtigen. Allerdings sind wir alle inzwischen ziemlich empfindlich geworden. Doch ein Kerygma ist seiner Definition nach eine Zusammenfassung. Und was in einer Zusammenfassung ausgelassen wird, fehlt auch in der Darstellung des Wesentlichen. Hier aber fehlt gerade das, was der heilige Paulus in den Mittelpunkt seiner eigenen Zusammenfassung gestellt hat: daß Christus für unsere Sünden gestorben ist, gemäß den Schriften (1 Kor 15,3).
Es fehlt der Aufruf zur Umkehr als notwendige Bedingung. Es fehlt das Gericht. Es fehlt die reale – und erschreckende – Möglichkeit, daß ein Mensch die Gnade zurückweist. Es fehlt die Möglichkeit der ewigen Verdammnis und der Hölle. Das Dokument zitiert zu Recht 1 Kor 15,14, wo es um die Auferstehung geht. Um so bemerkenswerter ist es, daß es elf Verse zurückspringt, ohne bei Vers 3 innezuhalten.
Diese Auslassung hat Folgen für das Verständnis des Kreuzes. In den Nummern 16 bis 19 erscheint der Tod Christi vor allem als Ausgang eines Konflikts mit den politischen und religiösen Machthabern seiner Zeit, die eine inklusive Verkündigung nicht ertragen konnten. Für den Fall, daß dies noch nicht deutlich genug sein sollte, wird hinzugefügt, daß die Diskriminierung ein Merkmal jenes religiösen Milieus gewesen sei – „genauso wie in unserem“ (Nr. 18).
Die Opfer- und Sühnedimension des Leidens Christi bleibt dabei im Dunkeln. Christus stirbt, weil er den Pharisäern unbequem war, nicht weil er sich dem Vater für die Sünden der Welt darbringt. Auch eine Formulierung derselben Nummer – keine Gesetzgebung und keine religiöse Autorität könne irgend jemanden für „unwürdig“ erklären – ist so mehrdeutig, daß jeder Leser sie auf jene Fragen der Sakramentendisziplin anwenden kann, die ihm gerade gelegen kommen.
Wir alle erinnern uns an die peinliche Predigt von Tucho Fernández, damals Erzbischof von La Plata, in der er gegen die Kirche wetterte, die so lange zwischen jenen unterschieden habe, die zur Kommunion gehen durften, und jenen, denen dies nicht gestattet war.
Es gibt noch weitere kleinere Kostbarkeiten. Daß die Frohe Botschaft von der Liebe Gottes „bis zu Jesus unbekannt“ gewesen sei (Nr. 10), dürfte jeden überraschen, der jemals die Psalmen gebetet hat, in denen die göttliche hesed – die treue, erbarmende Liebe Gottes – auf jeder Seite besungen wird. Und daß Jesus „weder ein eigenes Heiligtum noch eine Schule gründet“ (Nr. 14), ist eine merkwürdige Aussage über jemanden, der den Tempel reinigte, die Zwölf drei Jahre lang unterwies und die Kirche gründete.
Der zweite Problemkomplex ist erkenntnistheoretischer Natur. Das Dokument erklärt, der Glaube werde „nicht in erster Linie“ als Gesamtheit lehrmäßiger Inhalte weitergegeben, sondern als eine Form kirchlichen Lebens (Nr. 29). Die Verkündigung müsse „performativ“ sein und das Ziel verfolgen, „eine Glaubenserfahrung hervorzurufen“ (Nr. 76–77).
Zwar unterscheidet Nr. 5 zwischen fides qua und fides quae und überläßt die Vermittlung der letzteren der geordneten Katechese. Doch das gesamte Gewicht des Textes liegt eindeutig auf einer Seite, und am Ende wird die Erfahrung zum Maßstab.
Das ist problematisch, wenn man bedenkt, aus welchem Dikasterium dieses Dokument stammt. Das Erste Vatikanische Konzil definierte den Glauben als Zustimmung zu dem, was Gott offenbart hat, weil Gott selbst der Offenbarende ist – und nicht aufgrund innerer Evidenz oder einer Erschütterung des Herzens. Und der heilige Pius X. widmete einen beträchtlichen Teil seiner Enzyklika Pascendi der Warnung vor einer Religion, die auf Erfahrung gründet und schließlich die offenbarte Wahrheit danach bemißt, was das Subjekt empfindet.
Ich werfe dem Dokument keinen Modernismus vor; das wäre ungerecht und darüber hinaus langweilig. Andererseits kann niemand die Bedeutung der persönlichen Erfahrung für den Glauben bestreiten. Mehr noch: Ich habe mehrfach jene kritisiert, die meinen, der Glaube sei nichts anderes als der Denzinger. Ich möchte jedoch darauf hinweisen, daß eine Pastoral, die die Erfahrung in den Mittelpunkt stellt, ob sie es will oder nicht, auch deren Schwäche übernimmt: Was man an einem Sonntag empfindet, kann am Montag bereits verschwunden sein.
Damit gelangen wir zu Nr. 80. Dort wird gefordert, die Weitergabe des Glaubens dürfe nicht auf Ausdrucksformen beschränkt bleiben, die als „scholastisch“, „dogmatisch“ oder „moralistisch“ bezeichnet werden könnten. Diese Dreiergruppe ist aufschlußreich.
Die Scholastik erscheint hier als Synonym für begriffliche Kälte, obwohl sie gerade den gewaltigsten Versuch in der Geschichte darstellt, den Glauben verständlich zu machen, ohne ihn zu verfälschen. Präzision ist nicht das Gegenteil der Nächstenliebe, sondern eine Form geistiger Nächstenliebe, weil sie die Gläubigen vor Mehrdeutigkeit schützt.
Der heilige Thomas von Aquin verfaßte seine Summa für Anfänger – ad eruditionem incipientium, wie es im Vorwort heißt. Und der Katechismus des heiligen Pius X. bildete ganze Generationen von Bauern, die wußten, weshalb sie glaubten, was sie glaubten. Daß dasselbe Dikasterium, das in Nr. 8 auf Präzision verzichtet, in Nr. 80 den präzisen Ausdrucksformen mißtraut, hat zumindest den Vorzug innerer Folgerichtigkeit.
Nr. 84 vervollständigt das Bild. Dort wird die „Hierarchie der Wahrheiten“ aus Unitatis redintegratio 11 angeführt, um daraus zu schließen, daß man sich bei Jugendlichen, erwachsenen Katechumenen und Rückkehrern nicht in den zahlreichen Bereichen der Glaubenslehre „verzetteln“ solle.
Das konziliare Prinzip entstand im Zusammenhang mit dem ökumenischen Dialog und bezog sich auf den unterschiedlichen Zusammenhang, in dem die einzelnen Wahrheiten mit dem Fundament des Glaubens stehen – nicht aber auf ihren unterschiedlichen Verbindlichkeitsgrad: Alles, was offenbart worden ist, wird mit demselben göttlichen Glauben angenommen.
Dieses Prinzip als Auswahlkriterium auf die Katechese zu übertragen, öffnet einer zurechtgestutzten Glaubensauffassung Tür und Tor, wie sie gewöhnlich in Pfarreien und vermeintlich katholischen Schulen vermittelt wird. Und hier gerät das Dokument in Widerspruch zu sich selbst, denn zwanzig Nummern zuvor hatte es gerade den Glauben verurteilt, den sich jeder nach eigenem Maß zurechtlegt.
Das Kleingedruckte und das, worüber geschwiegen wird
Ich komme noch einmal auf die Liturgie zurück. Die entsprechenden Seiten sind schön, doch die Messe wird darin an keiner Stelle ausdrücklich als Opfer bezeichnet. Auch von der wirklichen Gegenwart Christi in der Eucharistie ist nicht die Rede. Statt dessen spricht man von Gesten, Symbolen, Stille, Erinnerung und Gemeinschaft.
All das ist wahr, aber eben auch unzureichend. Eine Liturgie zu beschreiben, ohne ihren Opfercharakter zu erwähnen, ist, als beschriebe man eine Kathedrale, ohne ihren Altar zu erwähnen.
Dann ist da noch das Kleingedruckte in Nr. 94. Die Hirten sollen den Reichtum des liturgischen Erbes zur Geltung bringen, und zwar „unter Beachtung der geltenden liturgischen Normen“. Diese beiläufig eingestreute Formulierung läßt verschiedene Deutungen zu.
Wir könnten beispielsweise sagen, daß in Jujuy die „geltenden liturgischen Normen“ den Tanz des Carnavalito nicht als Bestandteil des liturgischen Erbes anerkennen. Man kann die Formulierung aber ebenso als Erinnerung daran verstehen, daß Traditionis custodes weiterhin in Kraft ist.
Die Tür, die sich für die „verschiedenen Empfindungsweisen“ einen Spalt weit öffnet, hat einen Türhüter, der in vielen Diözesen keineswegs bereit ist, sie aufzuschließen. Und das Beispiel, das der Text selbst zur Veranschaulichung des Reichtums des liturgischen Erbes anführt, ist die „Vielfalt musikalischer Stilrichtungen“ – ohne auch nur ein einziges Mal den Gregorianischen Choral zu erwähnen, dem Sacrosanctum Concilium 116 den ersten Platz zuerkannt hatte. Von Latein hat Tucho offenbar ohnehin noch nichts mitbekommen.
Ich empfehle den katholischen Gläubigen in Panama, ihre Bischöfe in aller Demut darauf hinzuweisen, daß der Empfang der heiligen Kommunion kniend und auf die Zunge sowie das Tragen des Schleiers während der heiligen Messe keine „liturgischen Extremismen“ sind, sondern unbestreitbar zum liturgischen Erbe der Kirche gehören.
Die aufschlußreichste Auslassung findet sich jedoch nicht in einem bestimmten Absatz, sondern im Gesamtzusammenhang des Dokuments. Dutzende von Nummern widmen sich der Beschreibung der Ursachen für die Krise in der Glaubensweitergabe: Säkularisierung, Globalisierung, digitale Technologien, künstliche Intelligenz, Individualismus, Konsumdenken, Migration und Wohlstandsevangelien.
All dies sind äußere Ursachen. Doch keine einzige Zeile beschäftigt sich mit der Katechese der vergangenen sechs Jahrzehnte, mit den Unterrichtsmaterialien, die den Katechismus durch Gruppendynamik ersetzt haben, mit der Liturgiereform und ihren Folgen, mit der lehrmäßigen Verwirrung, die von den Lehrstühlen und den Kanzeln aus verbreitet wurde, mit dem Vertrauensverlust infolge der Mißbrauchsskandale oder mit Priestern und Kardinälen, die erotische oder pornographische Bücher schreiben.
Dem Dokument zufolge ist die Kirche ein Opfer des epochalen Wandels, niemals aber einer seiner Mitverursacher.
Nr. 79 stellt fest, daß eine große Zahl von Kindern die Kirche verläßt, sobald sie die Katechese oder die katholische Schule abgeschlossen hat. Das ist ein ehrliches Eingeständnis. Doch die naheliegende Frage – was hat man ihnen während dieser Jahre eigentlich beigebracht? – wird nicht gestellt.
Und sie wird nicht gestellt, weil die Antwort unangenehm wäre: Jahrzehntelang hat man genau das getan, was dieses Dokument nun vorschlägt – eine erfahrungsorientierte, gefühlsbetonte, wenig „dogmatische“ und überhaupt nicht „scholastische“ Katechese. Die Ergebnisse liegen offen zutage. Der Text selbst beschreibt sie, nennt aber merkwürdigerweise nicht diejenigen, die dafür verantwortlich sind.
Und hier liegt meines Erachtens der zentrale Widerspruch von Venite ad me. Nr. 64 stellt mit Sorge fest, daß viele französische Neugetaufte schon kurze Zeit nach ihrer Taufe wieder in praktische Gleichgültigkeit zurückfallen. Nr. 65 erkennt an, daß eines der Dinge, die diese Neubekehrten anziehen, die Wiederentdeckung des Alten und der Traditionen ist.
Man muß nur beide Nummern nebeneinanderstellen, und die Schlußfolgerung drängt sich von selbst auf: Die jungen Menschen kommen auf der Suche nach der Tradition und treffen auf eine Pastoral, die ihnen eben diese Tradition vorenthält. Sie kommen auf der Suche nach dem Mysterium und bekommen eine Gruppendynamik angeboten. Sie kommen auf der Suche nach einer soliden Glaubenslehre, die sie auch dann trägt, wenn die anfängliche Begeisterung nachläßt, und man erklärt ihnen, daß sie sich nicht zu sehr mit den verschiedenen Bereichen der Glaubenslehre beschäftigen sollten.
Es ist daher nicht verwunderlich, daß sie wieder gehen. Was einen Zwanzigjährigen anzieht, der in der Leere einer Welt aufgewachsen ist, die nur das Diesseits kennt, ist nicht eine wärmere Variante derselben Leere. Ihn zieht vielmehr etwas an, das ihm vorausgeht und ihn übersteigt: eine Liturgie, die nicht von seinem Pfarrer erfunden wurde; ein Katechismus, über den nicht verhandelt wird; eine Moral, die Forderungen stellt; und ein Gott, der richtet, weil er die Freiheit des Menschen ernst nimmt.
Mit einem Wort: das, was die Kirche seit jeher traditio genannt hat. Und genau das ist es, was dieses Dokument weitergeben möchte.
Der Text endet mit dem Bild der Osterkerze, die andere Kerzen entzündet. Es ist ein wunderschönes Bild, das der Enzyklika Lumen fidei entnommen ist. Doch sollte man sich daran erinnern, was die Liturgie der Osternacht beim Entzünden der Kerze singt: Lumen Christi.
Das Licht, das weitergegeben wird, ist das Licht Christi – und zwar in seiner ganzen Fülle: mit seinem Kreuz und seinem Gericht, mit seinem Opfer und seiner wirklichen Gegenwart, mit seinen Dogmen und seinen Forderungen. Eine halbe Flamme entzündet nichts. Sie qualmt allenfalls.
Venite ad me, sagte der Herr; das ist wahr. Doch der Satz geht weiter: „Nehmt mein Joch auf euch“ (Mt 11,29). Tucho ist einen Vers zu früh stehengeblieben.
*Caminante Wanderer ist ein argentinischer Philosoph und Blogger.
Übersetzung: Giuseppe Nardi
Bild: Caminante Wanderer/Katholisches.info
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