„Venite ad me“: Kardinal Fernández beklagt wenig Resonanz für sein neues Dokument

Welchen Fragen will der Glaubenspräfekt ausweichen?

Kardinal Victor Manuel "Tucho" Fernández, Präfekt des Glaubensdikasteriums, beklagt, die mangelnde Resonanz seines jüngsten Schreibens "Venite ad me". Doch nicht alle wundern sich mit ihm.
Kardinal Victor Manuel "Tucho" Fernández, Präfekt des Glaubensdikasteriums, beklagt, die mangelnde Resonanz seines jüngsten Schreibens "Venite ad me". Doch nicht alle wundern sich mit ihm.

Der Prä­fekt des Dik­aste­ri­ums für die Glau­bens­leh­re beklag­te das gerin­ge Inter­es­se an sei­nem Doku­ment Veni­te ad me über die Wei­ter­ga­be des Glau­bens, das am 22. Okto­ber ver­öf­fent­licht wur­de. Zugleich räum­te er ein, eine Pres­se­kon­fe­renz zur Vor­stel­lung des Doku­ments bewußt ver­mie­den zu haben, um Fra­gen zu ande­ren, der­zeit stär­ker inter­es­sie­ren­den The­men aus­zu­wei­chen. Sei­ne Kla­ge über die aus­blei­ben­de Wir­kung sei­ner Doku­men­te lie­ße sich auch anders lesen, als von ihm dar­ge­stellt, näm­lich mit der Fra­ge, wel­chen Stel­len­wert das Erbe von Papst Fran­zis­kus in der Kir­che tat­säch­lich noch besitzt.

Am 27. Okto­ber ver­öf­fent­lich­te Reli­gión Con­fi­den­cial ein kur­zes Inter­view mit Kar­di­nal Vic­tor Manu­el „Tucho“ Fernán­dez, dem Prä­fek­ten des Glau­bens­dik­aste­ri­ums, über das neue Doku­ment Veni­te ad me („Kommt her zu mir“), das sich mit der Wei­ter­ga­be des Glau­bens im epo­cha­len Wan­del befaßt. Fernán­dez macht dar­in kei­nen Hehl aus sei­nen gerin­gen Erwar­tun­gen an die Wir­kung des Tex­tes. Weder in pro­gres­si­ven noch in kon­ser­va­ti­ven kirch­li­chen Krei­sen scheint das Anlie­gen, Men­schen zu einer inten­si­ven Begeg­nung mit Chri­stus zu füh­ren, auf grö­ße­re Reso­nanz zu sto­ßen, so der Kardinal. 

Nahe­lie­gen­der erscheint die Ver­mu­tung, daß die einen dem Anlie­gen selbst, die ande­ren hin­ge­gen dem von ihm ver­faß­ten Doku­ment wenig Inter­es­se entgegenbringen.

Der Kar­di­nal selbst führt die­se Ent­wick­lung dar­auf zurück, daß pro­gres­si­ve Krei­se vor allem struk­tu­rel­le Ver­än­de­run­gen und den Dia­log mit der Gesell­schaft im Blick hät­ten, wäh­rend kon­ser­va­ti­ve Milieus sich ins­be­son­de­re mit Fra­gen der Sexu­al­mo­ral beschäf­tig­ten. Das eigent­li­che Zen­trum des Evan­ge­li­ums, die per­sön­li­che Begeg­nung mit dem leben­di­gen Chri­stus, kom­me bei bei­den zu kurz. Als Beleg ver­weist Fernán­dez auf die berg­o­li­a­ni­sche Enzy­kli­ka Dil­e­xit nos über die mensch­li­che und gött­li­che Lie­be des Her­zens Jesu. Obwohl sie weder von links noch von rechts nen­nens­wert kri­ti­siert wor­den sei, habe sie nach sei­ner Ein­schät­zung kaum erkenn­ba­re Fol­gen für Bischofs­kon­fe­ren­zen, Diö­ze­sen und kirch­li­che Bewe­gun­gen gehabt. Die Enzy­kli­ka wur­de von Papst Fran­zis­kus ver­öf­fent­licht; daß sie auch das gei­sti­ge Geprä­ge sei­nes Pon­ti­fi­kats trägt, ist dabei nicht zu übersehen.

Hin­zu­kommt, daß Tucho Fernán­dez bei den pro­gram­ma­ti­schen Tex­ten des ver­stor­be­nen Pap­stes als maß­geb­li­cher Mit­ar­bei­ter und Ghost­wri­ter mit­wirk­te. Fernán­dez beklagt somit nicht nur die aus­blei­ben­de Wir­kung des gei­sti­gen Erbes jenes Pap­stes, der ihn pro­te­gier­te, son­dern letzt­lich auch die Wir­kungs­lo­sig­keit sei­ner eige­nen Arbeit. Kri­ti­ker hat­ten früh­zei­tig genau davor gewarnt.

Bemer­kens­wert ist, daß der Kar­di­nal­prä­fekt zugleich ein­räumt, eine Pres­se­kon­fe­renz zur Vor­stel­lung von Veni­te ad me bewußt ver­mie­den zu haben. In der gegen­wär­ti­gen Situa­ti­on, so sei­ne Begrün­dung, hät­te man ihn ver­mut­lich zu ande­ren The­men befragt als zu jenem, um das es bei dem Doku­ment eigent­lich gehen soll­te. Der Prä­fekt woll­te sich also gera­de den Fra­gen ent­zie­hen, die Jour­na­li­sten und Öffent­lich­keit der­zeit offen­bar stär­ker beschäf­ti­gen. Wel­che Fra­gen der Kar­di­nal ver­mei­den woll­te, sag­te er nicht.

Geht es also tat­säch­lich um ein man­geln­des Inter­es­se an der Ver­kün­di­gung des Evan­ge­li­ums – oder viel­mehr dar­um, daß bestimm­te berg­o­glia­ni­sche Akteu­re fest­stel­len müs­sen, daß die von ihnen bevor­zug­ten Anlie­gen und Doku­men­te nicht mehr die Auf­merk­sam­keit erhal­ten, die sie sich erhof­fen? Fernán­dez’ Hin­weis auf Dil­e­xit nos läßt jeden­falls erken­nen, daß ihn die gerin­ge Wir­kung eines „zen­tra­len Anlie­gens“ des ver­stor­be­nen Pap­stes, wie er sag­te, beschäftigt.

Ein ähn­li­ches Vor­ge­hen war bereits bei der Vor­stel­lung der lehr­mä­ßi­gen Note Mater Popu­li Fide­lis zu beob­ach­ten. Die Prä­sen­ta­ti­on fand nicht im Rah­men einer regu­lä­ren Pres­se­kon­fe­renz des vati­ka­ni­schen Pres­se­am­tes statt; zudem wur­den kei­ne Fra­gen zuge­las­sen. Als ein Teil­neh­mer Ein­wän­de gegen den Inhalt des Doku­ments erhob, wur­de er dar­auf ver­wie­sen, sich an das Dik­aste­ri­um für die Glau­bens­leh­re zu wen­den. Die Inter­na­tio­na­le Maria­ni­sche Ver­ei­ni­gung kam die­ser Auf­for­de­rung spä­ter tat­säch­lich nach und rich­te­te fach­li­che Anfra­gen an das Dik­aste­ri­um. Sie erneu­er­te ihre Bit­te um Klar­stel­lun­gen im März 2026. Eine Ant­wort Fernán­dez’ liegt nach den vor­lie­gen­den Anga­ben bis heu­te nicht vor.

Vor die­sem Hin­ter­grund gewinnt das Inter­view zusätz­li­che Bedeu­tung. Der Prä­fekt beklagt, daß kirch­li­che Doku­men­te kei­ne nach­hal­ti­gen Ver­än­de­run­gen bewir­ken, wäh­rend er zugleich den öffent­li­chen Aus­tausch über ihre Inhal­te begrenzt. Sei­ne Kri­tik mün­det in die Fest­stel­lung, die Kir­che müs­se zum Her­zen des Evan­ge­li­ums zurück­keh­ren. Ob die von ihm ver­ant­wor­te­ten Doku­men­te dazu bei­tra­gen, läßt sich an ihrer Auf­nah­me, ihrer theo­lo­gi­schen Klar­heit und ihrer kon­kre­ten Wir­kung mes­sen. Und genau dies­be­züg­lich bestehen erheb­li­che Zweifel.

Das Interview im Wortlaut

Reli­gión Con­fi­den­cial: Hat­ten Sie erwar­tet, daß das Doku­ment über die Wei­ter­ga­be des Glau­bens grö­ße­re Reso­nanz fin­den würde?

Kar­di­nal Fernán­dez: Nein, eigent­lich nicht. Ich war rea­li­stisch. Zwar haben sich im Vor­feld der Erar­bei­tung des Doku­ments zahl­rei­che Bischofs­kon­fe­ren­zen an der Befra­gung betei­ligt und damit zur Ana­ly­se bei­getra­gen. Ein Doku­ment, das dazu auf­ruft, kon­kre­te Anwen­dun­gen auf loka­ler Ebe­ne vor­an­zu­brin­gen, stellt jedoch höhe­re Anforderungen.

Reli­gión Con­fi­den­cial: Wäre eine Pres­se­kon­fe­renz, wie sie bei ande­ren Doku­men­ten statt­ge­fun­den hat, nicht hilf­reich gewesen?

Kar­di­nal Fernán­dez: Das glau­be ich nicht. Unter den gegen­wär­ti­gen Umstän­den hät­te man mir Fra­gen zu ande­ren The­men gestellt und nicht zu dem Anlie­gen die­ses Doku­ments. Ich den­ke, das wäre kon­tra­pro­duk­tiv gewesen.

Reli­gión Con­fi­den­cial: Heißt das, Sie glau­ben, daß sich nichts errei­chen läßt?

Kar­di­nal Fernán­dez: Nein, ich gebe nicht auf. Des­halb haben wir das Staats­se­kre­ta­ri­at um Unter­stüt­zung gebe­ten, damit die Bischofs­kon­fe­ren­zen zu ver­stärk­ten Bemü­hun­gen um die Rezep­ti­on und Umset­zung des Doku­ments auf­ge­for­dert wer­den. Hof­fen wir, daß wir auf die­sem Weg etwas errei­chen. Wir wer­den sehen.

Reli­gión Con­fi­den­cial: Haben Sie wirk­lich den Ein­druck, daß die­ses The­ma nie­man­den interessiert?

Kar­di­nal Fernán­dez: Die­sen Ein­druck habe ich schon seit län­ge­rer Zeit. Der Auf­ruf von Papst Fran­zis­kus zu einer erneu­er­ten mis­sio­na­ri­schen Ver­kün­di­gung des Keryg­mas hat die pasto­ra­len Pro­gram­me der Diö­ze­sen und kirch­li­chen Bewe­gun­gen jeden­falls nicht ver­än­dert. Es ist daher nach­voll­zieh­bar, daß die­ses neue Doku­ment, das eng mit jenem Anlie­gen ver­bun­den ist, kei­ne gro­ßen Lei­den­schaf­ten weckt.

Reli­gión Con­fi­den­cial: Kön­nen Sie erklä­ren, wor­an das liegt?

Kar­di­nal Fernán­dez: Schau­en Sie sich die Wirk­lich­keit an. In Län­dern, deren Bischö­fe eher pro­gres­siv ein­ge­stellt sind, läßt sich kaum ein Bemü­hen erken­nen, die Men­schen zu einer inten­si­ven Begeg­nung mit Chri­stus zu füh­ren. In den eher klas­si­schen oder kon­ser­va­ti­ven Milieus ist das aber eben­falls nicht der Fall.

Reli­gión Con­fi­den­cial: Was ist der Grund dafür?

Kar­di­nal Fernán­dez: Die pro­gres­si­ven Krei­se beschäf­tigt die­se Fra­ge nicht beson­ders. Sie begei­stern sich für struk­tu­rel­le Ver­än­de­run­gen und den Dia­log mit der Gesell­schaft. Die kon­ser­va­ti­ven Krei­se wie­der­um treibt vor allem die Wei­ter­ga­be der Sexu­al­mo­ral um. In den Brü­dern und Schwe­stern eine fas­zi­nie­ren­de Erfah­rung des leben­di­gen Chri­stus zu wecken, der ihnen sei­ne Freund­schaft und ein neu­es Leben anbie­tet, erscheint bei­den Sei­ten als etwas „Roman­ti­sches“, das mit der Wirk­lich­keit kaum etwas zu tun hat. In die­sem Punkt stim­men sie überein.

Reli­gión Con­fi­den­cial: Gibt es eine Ana­ly­se, die die­se „Über­ein­stim­mung“ erklä­ren könnte?

Kar­di­nal Fernán­dez: Wir haben uns vom Her­zen des Evan­ge­li­ums ent­fernt und ande­ren Fra­gen zuge­wandt, die sich ohne die­ses Zen­trum weder ver­ste­hen noch über­zeu­gend ver­mit­teln las­sen. Und sagen Sie mir: Was ist eigent­lich aus der Enzy­kli­ka Dil­e­xit nos gewor­den? Nie­mand hat sie kri­ti­siert, weder von links noch von rechts. Aber wel­che Wir­kung hat sie auf die Bischofs­kon­fe­ren­zen, die Diö­ze­sen und die kirch­li­chen Bewe­gun­gen gehabt? Das beun­ru­higt mich. Denn ich glau­be nicht, daß sich die Kir­che erneu­ern kann, wenn sie nicht zu jenem Ort zurück­kehrt, an dem ihr wah­rer Ursprung liegt.

Einleitung/​Übersetzung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Vati­can­News (Screen­shot)

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