Folgenden Diskussionsbeitrag aus Frankreich dokumentieren wir:
Von François Savy*
In seinem Artikel „Wann kommt der liturgische Frieden?“, der in der Juli-August-Ausgabe 2025 (Nr. 382) von La Nef erschienen ist, stellte Christophe Geffroy1 eine Frage, der die jüngst innerhalb der Priesterbruderschaft St. Pius X. vorgenommenen Priesterweihen besondere Aktualität verleihen. Er vertrat darin die Auffassung, daß die beiden Formen des Römischen Ritus hinsichtlich „Wert und Heiligkeit“ gleich seien, und warf jenen „Priestern, die jede Feier des Novus Ordo ablehnen“, vor, eben diesen Wert und diese Heiligkeit infrage zu stellen, „weil sie diese Liturgie für ‚mangelhaft‘ halten“. Nun hat das Dikasterium für die Glaubenslehre ausgerechnet im Vorwort zu dem Verfahren, das es Klerikern der Priesterbruderschaft St. Pius X. (FSSPX) ermöglicht, nach ihrer Weihe wieder in die volle Gemeinschaft zurückzukehren, ausdrücklich von der „Legitimität des Novus Ordo Missae“ gesprochen.
Soweit ich das beurteilen kann, ist der Begriff der „Legitimität“, auf die Liturgie angewandt, noch relativ jungen Datums. Bekannt waren die klassischen Begriffe der Gültigkeit und der Erlaubtheit (Lizität). Offenbar war es Papst Johannes Paul II., der diesen Begriff durch die Kongregation für den Gottesdienst mit Quattuor abhinc annos vom 3. Oktober 1984 einführte, als er zur Voraussetzung für die Erlaubnis zur Nutzung des Indults machte,
„daß unmißverständlich feststeht, daß diese Priester und Gläubigen nichts mit jenen zu tun haben, die die Legitimität und die lehrmäßige Rechtgläubigkeit des von Papst Paul VI. im Jahre 1970 promulgierten Römischen Messbuchs infrage stellen, und daß ihre Haltung eindeutig und öffentlich anerkannt ist.“
Offenbar waren diese Bedingungen nicht ganz leicht zu erfüllen, denn Erzbischof Marcel Lefebvre ging im Protokoll der Vereinbarung vom 5. Mai 1988 folgende Verpflichtungen ein:
„3. Was bestimmte vom Zweiten Vatikanischen Konzil gelehrte Punkte oder bestimmte spätere Reformen der Liturgie und des Kirchenrechts betrifft, die uns nur schwer mit der Tradition vereinbar erscheinen, verpflichten wir uns, gegenüber dem Apostolischen Stuhl eine positive Haltung des Studiums und des Dialogs einzunehmen und jede Polemik zu vermeiden.
4. Darüber hinaus erklären wir, daß wir die Gültigkeit des Meßopfers und der Sakramente anerkennen, die mit der Absicht gefeiert werden, das zu tun, was die Kirche will, und gemäß den in den von den Päpsten Paul VI. und Johannes Paul II. promulgierten typischen Ausgaben des Meßbuchs und der Ritualien der Sakramente angegebenen Riten.“
Von einer anzuerkennenden Legitimität des Novus Ordo Missae ist in diesen Verpflichtungen keine Rede. Dieses Vereinbarungsprotokoll bildet jedoch die Grundlage, auf der von Anfang an das Verhältnis zwischen der Priesterbruderschaft St. Petrus (FSSP) und Rom aufgebaut wurde.
Diese von Erzbischof Lefebvre übernommenen und im Namen des Heiligen Vaters von Kardinal Josef Ratzinger angenommenen Verpflichtungen bilden die gemeinsame Grundlage der Gesellschaften apostolischen Lebens bzw. der Ecclesia-Dei-Gemeinschaften – zumindest der drei „historischen“: der Priesterbruderschaft St. Petrus, der Priesterbruderschaft St. Vinzenz Ferrer und der Abtei Sainte-Madeleine du Barroux – in ihrem Verhältnis zu Rom. In aller Gerechtigkeit dürfte von ihnen lediglich verlangt werden, die Gültigkeit des Meßopfers nach der neuen Liturgie anzuerkennen, und auch dies nur gemäß den typischen Ausgaben.
Was Josef Ratzinger, Kardinal der Heiligen Römischen Kirche, 1988 akzeptiert hatte, konnte Papst Benedikt XVI. nicht infrage stellen. Daher war es nicht das Motu proprio Summorum Pontificum vom 7. Juli 2007, das die Frage der Legitimität wieder auf die Tagesordnung brachte, sondern vielmehr die Ausführungsinstruktion zum Motu proprio vom 30. April 2011, und zwar deren Artikel 19:
„Die Gläubigen, die um die Feier der außerordentlichen Form bitten, dürfen niemals Gruppen unterstützen oder ihnen angehören, die die Gültigkeit oder die Legitimität der Feier der Heiligen Messe oder der Sakramente nach der ordentlichen Form leugnen […]“.
Mit der Ausführungsinstruktion zum Motu proprio Summorum Pontificum kehrte die Frage nach der Legitimität der neuen Liturgie somit nach einem 23jährigen Zwischenspiel zurück. Artikel 19 mußte selbstverständlich Fragen nach dem Sinn hervorrufen, der dem Begriff „Legitimität“ beizumessen sei, und führte daher zu Fragen in Form von Dubia, die an die Kommission gerichtet wurden. Die Antwort der Päpstlichen Kommission Ecclesia Dei vom 23. Mai 2012 (Prot. 156/2009) bestand darin, zu erklären, daß Legitimität strikt gleichbedeutend mit Lizität, also Erlaubtheit, zu verstehen sei. Offensichtlich war dies eine minimalistische Antwort und die versöhnlichste Lösung – jene, die vermied, alle unerwünschten Menschen meiner Sorte in die äußerste Finsternis zu verstoßen, die sich trotz aller Bemühungen und trotz ihres guten Willens, unter Gebrauch ihrer Sinne und ihres Verstandes, nicht damit abfinden konnten, sich den egalitären Vorgaben zu unterwerfen.
Ganz folgerichtig und wenig überraschend schlug das Motu proprio Traditionis custodes die Frage der Legitimität in seinem Artikel 3 am 16. Juli 2021 erneut fest:
„Der Bischof soll in den Diözesen, in denen es bislang eine oder mehrere Gruppen gibt, die mit dem vor der Reform von 1970 herausgegebenen Messbuch feiern […], dafür Sorge tragen, daß diese Gruppen nicht die Gültigkeit und Legitimität der Liturgiereform, der Lehren des Zweiten Vatikanischen Konzils und des Lehramtes der Päpste ausschließen.“
Es ist kein unzulässiges Urteil über die Absichten von Papst Franziskus, wenn man sich vorstellt, daß er unter Legitimität etwas weit weniger Versöhnliches verstand als die bloße Lizität, mit der die Kommission den Begriff 2012 gleichgesetzt hatte: Der allgemeine Inhalt des Dokuments und sein Ton lassen eine wesentlich restriktivere und, paradoxerweise, traditionellere Auffassung erkennen – trotz seiner gravierenden Schwächen: der Ungerechtigkeit der Absicht, die seiner Abfassung zugrunde lag, der teilweisen Undurchführbarkeit infolge seiner Widersprüche und seiner rechtlichen Irrationalität.
Und wenn er damals erklärt hätte, daß die Legitimität des Novus Ordo Missae weit über die bloße Lizität hinaus im Licht seiner Übereinstimmung mit dem objektiven Gemeinwohl der Heiligen Kirche zu beurteilen sei – nun, dann hätten wir ihm vollkommen zugestimmt, insbesondere was die Lex credendi betrifft. Er hatte immerhin das Verdienst, die Verbindung zwischen dem Gesetz des Betens und dem Gesetz des Glaubens in Erinnerung zu rufen. Ebenso richtig ist, daß mit Traditionis custodes die Rebellen meiner Art nach Jahren relativer Straflosigkeit erneut Gefahr liefen, an den Rand gedrängt zu werden.
Das Vereinbarungsprotokoll von 1988 zeigt uns, falls dies überhaupt noch nötig wäre, daß die beiden Unterzeichner – und, wie man sich vorstellen kann, auch Johannes Paul II. selbst – entweder zumindest die Möglichkeit eines Mangels des neuen Ritus zugestanden oder aber es weder für unangemessen noch für absurd hielten, darüber zu diskutieren. Offenbar sah keiner der Unterzeichner darin einen Angriff auf das Dogma von der Unverlierbarkeit der Kirche.
Daß der Novus Ordo Missae „Mängel in seinem liturgischen Wesen“ aufweist – um eine Formulierung zu gebrauchen, die einem gewissen Pater aus Chémeré-le-Roi besonders lieb ist –, läßt sich nachweisen und vernünftigerweise vertreten. Andere, weitaus bedeutendere Personen, allen voran die Kardinäle Ottaviani und Bacci, haben sich damit befaßt; auch ein weiterer Text, entnommen aus LA PENSÉE CATHOLIQUE Nr. 122 vom vierten Quartal 1969, kann mit Gewinn gelesen werden. Es ist nicht notwendig, all dies hier erneut darzulegen.
Hervorgehoben seien das Offertorium, das zu einer bloßen Darbringung der Gaben herabgestuft wurde; die Ersetzung eines Opfergebets – des Kanons – durch zahlreiche und unterschiedliche Gebete, die als Eucharistische Hochgebete bezeichnet werden; sowie die Veränderung der Konsekrationsworte, sowohl hinsichtlich des Textes als auch ihres rituellen Zusammenhangs. All diese Elemente tragen objektiv dazu bei, nichts Geringeres als das Dogma von der realen Gegenwart Christi, die Darbringung und Opferung seines erlösenden (sühnenden) Opfers und schließlich die sakramentale Amtsvollmacht des Priesters zu verwischen oder zumindest eine irrige Interpretation derselben nahezulegen.
Welche Folgen hat das? Der Novus Ordo Missae bereitet die Seelen weniger angemessen darauf vor, alle Früchte des göttlichen Opfers zu empfangen; er vermindert das Zeugnis des Glaubens und die Bekundung der Herrlichkeit Gottes, die jede liturgische Handlung erfordert, und läßt dadurch die Tür für eine protestantische Interpretation offen. Anthropozentrisch und auf die Gegenwart der Gläubigen ausgerichtet, bringt er die Opfer‑, Sühne- und Kultdimensionen der Messe sowie die Anbetung Gottes, dem das Opfer dargebracht wird, in geringerem Maße zum Ausdruck – wobei hier wohlgemerkt nur der Fall eines Priesters gemeint ist, der gemäß den typischen Ausgaben zelebriert. Ein sehr konkretes Beispiel für die Auswirkungen dieses Mangels und dieser Mehrdeutigkeit lieferte eine amerikanische Studie über den Glauben an die Realpräsenz.
Somit kann man, vorsichtig formuliert, vertreten, daß der Novus Ordo weniger wirksam und weniger sicher als der usus antiquior oder andere ehrwürdige Riten, etwa der Dominikanische Ritus, zum Gemeinwohl der Kirche beiträgt, das auf die Verherrlichung Gottes und die Heiligung der Seelen hingeordnet ist.
Ebenso kann man mit Recht behaupten, daß der Novus Ordo nicht das Ergebnis einer organischen Entwicklung, sondern vielmehr das Produkt der Arbeit von Wissenschaftlern und Experten ist – die Frucht eines antiliturgischen Prozesses. Wenn man die Art und Weise, wie ein Ritus entsteht, zum Kriterium seiner Legitimität machen würde, würde der Novus Ordo die Prüfung nicht bestehen. Wie der spätere Benedikt XVI. schreibt:
„Das neue Meßbuch wurde als ein von Professoren überarbeitetes Werk veröffentlicht und nicht als ein Moment eines kontinuierlichen Wachstums. Etwas Derartiges hatte es zuvor niemals gegeben […]“ (Gesammelte Schriften. Theologie der Liturgie – Wort und Schweigen, S. 556).
An diesem Punkt muß man diese Tatsache anerkennen: Entgegen der Auffassung von Christophe Geffroy, von Abt Spriet oder sogar von Dom Pateau ist es vernünftig und vertretbar, von einer Ungleichheit hinsichtlich des Wertes und der Heiligkeit der beiden römischen Riten, des alten und des neuen, auszugehen.
Es ist vernünftig und vertretbar, den Novus Ordo als seinem liturgischen Wesen nach mangelhaft und sogar mehrdeutig anzusehen, ohne auch nur für einen Augenblick seine Gültigkeit infrage zu stellen – was, wenn man die Argumentation bis zum Äußersten führt, dazu führen würde, die Unfehlbarkeit der Kirche zu leugnen.
Es ist vernünftig und vertretbar, daß ein Priester sich entschieden weigert, ihn zu zelebrieren – und sogar, ihn konzelebrierend mitzufeiern – und dies entsprechend zu begründen.
Jene, die den kanonischen Schutz des eigenen Charismas ihrer Gesellschaft apostolischen Lebens oder des Instituts genießen, dem sie angehören, sollten sich daran erinnern, daß dieser Schutz von ihren Gründern auf der theologischen Grundlage einer Kritik an den liturgischen Mängeln des Novus Ordo erlangt wurde; und es ist vernünftig und klug, daß sie, wenn es erforderlich ist, in diesem Sinne argumentieren.
Ebenso ist es vernünftig und vertretbar, wenn ein einfacher Gläubiger es gewöhnlich vermeidet, an einer Messe im Novus Ordo teilzunehmen.
Diese Haltung ist legitim. Ich für meinen Teil werde daran festhalten.
*François Savy ist ein ehemaliger französischer Marineoffizier im Rang eines Kapitäns zur See (Oberst) und katholischer Publizist. Er schreibt insbesondere über Fragen der Liturgie, der Kirche und der katholischen Tradition. Seine Stellungnahme veröffentlichten er bei Le Salon Beige.
Übersetzung: Giuseppe Nardi
Bild: MiL
- Christophe Geffroy (*1959) ist ein französischer katholischer Publizist; er ist Gründer sowie Herausgeber der Zeitschrift La Nef un steht für einen traditionsverbundenen, zugleich romtreuen Katholizismus und setzt sich besonders mit Liturgie und kirchlichen Fragen auseinander. ↩︎
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