Von Wolfram Schrems*
Dieser Teil schließt unmittelbar an den 1. Teil vom 5. März an. Nach der Anzahl der Kommentare zu schließen, stieß er auf großes Interesse.
Allerdings gab es augenscheinlich auch Mißverständnisse. Da es aber nicht möglich ist, in jedem einzelnen Beitrag zum Thema Fatima immer alles bereits Geschriebene zu wiederholen, sei der interessierte Leser auf die vor zwölf Jahren erschienene Serie zur Grundproblematik der kirchlichen Rezeption der Fatima-Botschaft (mit einem Epilog) und auf die 2017 veröffentlichte Serie zu Papst Benedikt XVI. und Fatima verwiesen.
Worauf alle die genannten Beiträge hinauslaufen, ist, daß sich die kirchliche Hierarchie ab Pius XI. den Forderungen von Fatima letztlich verweigert hat und daß ab Johannes XXIII. eine regelrechte Vertuschungs- und Lügenkampagne lanciert wurde. Diese Vorgangsweise der Petrusnachfolger verursachte ein Desaster für Kirche und Welt und wird große, sich schon abzeichnende Kalamitäten nach sich ziehen, bis die Weihe Rußlands ordnungsgemäß durchgeführt und der Triumph des Makellosen Herzens Mariens, spezifisch durch die Bekehrung Rußlands, weltweit erkennbar ist. Der Triumph kann und soll durch das Mitwirken von Gläubigen und Geistlichkeit in Gebet und Opfer beschleunigt werden. –
In diesem zweiten Teil wird noch einmal auf die gewollte Ignoranz in Bezug auf die zwei verschiedenen „Sr. Lucia“ eingegangen.
Wir müssen uns daher die Frage stellen, zumindest rhetorisch, da es derzeit keine Antwort darauf gibt:
Was geschah zwischen 1957 und 1967 mit Sr. Lucia?
Bekanntlich gibt es in der Personalie einen Bruch, der zwischen 1957 und 1967 stattgefunden haben muß. Das hier schon öfter genannte Interview von Sr. Lucia vom 26. Dezember 1957 mit Pater Agustin Fuentes aus dem Passionistenorden ist der letzte zweifelsfrei nachvollziehbare Auftritt der Seherin von Fatima. Dieses Interview, in dem die Seherin geradezu apokalyptische Warnungen aussprach, wurde 1958 mit kirchlicher Erlaubnis publiziert, aber im darauffolgenden Jahr, also nach dem Tod von Pius XII., vom Ordinariat von Coimbra als falsch und sensationalistisch abgetan. Die Aussagen von Sr. Lucia seien nicht korrekt wiedergegeben worden und Sr. Lucia habe zu Fatima nichts mehr zu sagen. Sie wurde darauf im Karmel für die Welt gleichsam unsichtbar gemacht. Bis jetzt weiß man nicht, wer für die Erklärung des Ordinariats verantwortlich war, die Unterschrift am Dokument ist unleserlich.
Jedenfalls begann eine Periode der Isolation für die Seherin, Fatima geriet ab 1960, der Entscheidung von Papst Johannes XXIII., das Dritte Geheimnis entgegen der Weisung Unserer Lieben Frau nicht zu publizieren, nach und nach aus dem kirchlichen Bewußtsein.
Diejenige Person, die beim Fatima-Besuch von Papst Paul VI. am 13. Mai 1967 der Öffentlichkeit präsentiert wurde, sieht anders aus als die von den Photographien bekannte Sr. Lucia, benimmt sich anders und wirkt viel zu jung für eine sechzigjährige Frau. Wir haben darüber auf dieser Seite schon mehrfach ausführlich geschrieben (hier, hier, hier und hier).
Im Zusammenhang mit der offiziellen kirchlichen Fatima-Geschichtsschreibung sei eine bezeichnende Begebenheit genannt:
Im Jahr 1974 wurde der seit 1954 amtierende kirchenoffizielle Fatima-Historiker P. Joaquin Alonso aus dem Claretinerorden, hochqualifizierter Historiker und Theologe, von Bischof Cosme do Amaral von Leiria-Fatima, einem Mitglied des Opus Dei, von seiner Position als Fatima-Historiker abberufen. Er durfte auch die 24 Bände seiner von Bischof João Pereira Venâncio im Jahr 1966 in Auftrag gegebene und von portugiesischen Universitätsprofessoren begutachtete Studie über Fatima, darunter ausführliche Interviews mit Sr. Lucia, nicht veröffentlichen. Keine Begründung wurde für diese Zensur geliefert.
Für seine umfangreiche Dokumentation der Ereignisse in Fatima hatte P. Alonso auch zahlreiche Photographien ausgewertet. Er veröffentlichte im Jahr 1976 ein schmales Buch mit dem Titel La verdad sobre el Secreto de Fátima.1In diesem Buch sind zwei Photographien abgedruckt, von denen jeweils eines die „alte“, eines die „neue“ Sr. Lucia zeigt. P. Alonso stellt das Offenkundige fest: Die jeweiligen Physiognomien sind grundlegend verschieden. Damit legte er nahe, daß es sich um zwei Personen handeln muß. Man kann sich vorstellen, was dieser Akt an Selbstüberwindung gekostet haben muß.
Es stellt sich die Frage: Sollte Pater Alonso wirklich der einzige gewesen sein, dem die Diskrepanz zwischen den beiden „Lucia“-Physiognomien aufgefallen ist?2
Wollte er der Öffentlichkeit einen Wink geben? Jedenfalls starb er nach sieben Jahren einer vom Vatikan verhängten Isolation im Jahr 1981 und seine zwanzigtausendseitige Dokumentation ist immer noch unter Verschluß, mit Ausnahme von zwei Bänden, die – erheblich redigiert – in den neunziger Jahren veröffentlicht wurden.
Warum? Was soll hier versteckt werden? Ist das nicht bizarr, daß in der Kirche des neuentdeckten „Dialogs“ ein von der Kirchenhierarchie selbst beauftragter und hochqualifizierter Wissenschaftler zum Schweigen gebracht wird?
Aus dem Gesagten ergibt sich eine weitere wichtige Frage, nämlich wie es sein kann, einen Konvent (und die gesamte Weltöffentlichkeit) zu täuschen:
Selbstzensur im Karmel, Bedrohung unter Gehorsam?
In einem Gespräch zum gegenständlichen Thema vor einigen Monaten wurde mir die Frage gestellt, wie das sein kann, daß ein allfälliger Austausch niemandem im Konvent aufgefallen sein soll.
Man kann darauf entgegnen: Wer sagt denn, daß das niemandem aufgefallen ist?
Man stelle sich einen Karmelitinnenkonvent am Ende der 1950er Jahre vor: Nachdem die Ordensfrauen Gehorsam gelobt und ihr Leben lang praktiziert hatten, gehorchten sie wohl auch dann, wenn ein merkwürdiger Befehl ausgegeben wurde, der nach einer angeordneten Vertuschung aussah. Sie vertrauten ihren Oberen vermutlich total und gestatteten sich keinerlei Regung des Mißtrauens. Möglicherweise wurden Strafen angedroht, falls ein Konventmitglied doch vorgehabt haben sollte, sich an eine außenstehende Person oder gar an die Behörde zu wenden. Ausgeschlossen ist das nicht.
Angesichts der Brutalität, mit der vatikanische Maßnahmen wie die „Liturgiereform“, der interreligiöse Dialog und die „Offenheit“ zur Welt unter Gehorsam gegen die Tradition und den Glaubenssinn erzwungen wurden, sollte uns ein ebenso entschlossenes Vorgehen gegenüber Ordensfrauen nicht wundern. Da schon die „Liturgiereform“ von Paul VI. und Erzbischof Bugnini auf Lügen und Täuschungen aufbaute, wird man wohl auch auf anderen Gebieten nicht immer strikt bei der Wahrheit verblieben sein.
Man kann das weiterdenken:
Gewöhnt sich ein Konvent einmal daran, Vertuschung zu betreiben, wobei gar nicht alle Mitglieder eingeweiht sein müssen, dann wird sich das über die Jahre und Jahrzehnte verfestigen und neu aufgenommene Mitglieder werden dann nur die offizielle Geschichte kennen.3 (Dieser Kommentator meint, daß gegebenenfalls alle Schwestern des Karmels von Coimbra, die Sr. Lucia gekannt hatten, in andere Karmelklöster versetzt worden seien. Möglich. Leider belegt er das nicht.)
Das sind freilich alles Mutmaßungen. Sie haben nur den Zweck von „heuristischen“ Gedankenexperimenten.
Auf Photographien und in Filmen ist neben der „neuen“ Sr. Lucia eine Mitschwester zu sehen, deren Physiognomie einen äußerst eigenartigen Eindruck hinterläßt. Was war ihre Rolle? War sie die „Aufpasserin“ der „neuen“ Lucia für die öffentlichen Auftritte? Handelt es sich um Sr. Maria Celina vom Gekreuzigten Jesus (die möglicherweise auch Priorin war)? Was wußte sie?
Das wäre noch näher zu erheben. In diesem Zusammenhang soll noch auf eine weit verbreitete Geschichte hingewiesen werden:
Kardinal Caffarra und Sr. Lucia?
(Fortsetzung folgt.)
*Wolfram Schrems, Wien, Mag. theol., Mag. phil., Katechist, Pro-Lifer, seit 2011 mit der Problematik der vatikanoffiziellen Fatima-Darstellung vertraut.
Bild: MiL
1 Dieser Abschnitt greift hauptsächlich auf die Angaben im Film The Fatima Files – The Priest Who Knew Too Much zurück, der im Dezember 2025 auf Radtradthomist und YT veröffentlicht wurde. Leider ist die Chronologie der Ereignisse nicht immer ganz klar. Zudem ist die Formulierung von der „Versetzung“ (transfer) von Sr. Lucia in den Karmel von Coimbra irreführend, weil sie von sich aus um Entlassung aus dem Dorotheerinnenorden und um Aufnahme im Karmel angesucht hat. Papst Pius XII. genehmigte diesen Schritt. Inwieweit dazu die im Film getroffenen Aussagen zum Opus Dei und dessen Gründer zutreffend sind, müßte gesondert untersucht werden. Das ist jetzt nicht das Thema. Zu Pater Alonsos Lebensjahren nach der Enthebung von seinem Amt siehe auch, leider ebenfalls nur auf Englisch.
2 Aus den für diesen Artikel verwendeten Berichten geht nicht hervor, wann P. Alonso genau Sr. Lucia getroffen hat, ob bei den Gesprächen im Sprechzimmer Gitter und Vorhang die beiden trennten und ob und ggf. wann der Zugang P. Alonsos zu Sr. Lucia eingeschränkt worden ist.
3 Im Karmel von Coimbra hängt im Eingangsbereich ein überdimensioniertes Porträt der „neuen“ und „offiziellen“ Sr. Lucia (zumindest im Oktober 2015 war es noch dort). Es wirkt einfach zu brutal, zu forciert, zu apodiktisch. Hier soll dem Besucher wohl eine Botschaft regelrecht oktroyiert werden. Dazu fällt einem dieser Vers in Shakespeares Hamlet ein: The lady doth protest too much, methinks. – Die Dame, wie mich dünkt, gelobt zu viel.
Hinterlasse jetzt einen Kommentar