Bischofsweihen der Tradition: Eine segensreiche Provokation für Rom?

Provokation oder Chance: Die Entscheidung liegt bei Leo XIV.


Ungewöhnlich: Erste Konzelebration während des Konzils am 14. September 1964 im Petersdom. Liturgische Rückprojektionen.
Ungewöhnlich: Erste Konzelebration während des Konzils am 14. September 1964 im Petersdom. Liturgische Rückprojektionen.

Von einer Theologin*

Mit der Ankün­di­gung, Bischofs­wei­hen vor­neh­men zu wol­len, hat die Pius­bru­der­schaft Rom ein unmiß­ver­ständ­li­ches Signal gesen­det. Nach Jah­ren des Schwei­gens und Igno­rie­rens zeigt sie, daß sie es ernst meint. Es ist eine exi­sten­ti­el­le Geste: Ohne Bischö­fe kann die Bru­der­schaft nicht fort­be­stehen, solan­ge ihr kano­ni­scher Sta­tus unge­klärt bleibt.

Die erste Reak­ti­on aus Rom ist dees­ka­lie­rend. Der Hei­li­ge Stuhl ließ ver­lau­ten, man wol­le im Gespräch blei­ben und einen erneu­ten Bruch ver­mei­den. Vor­erst ist das ein gutes Zei­chen. Doch nie­mand soll­te sich Illu­sio­nen hin­ge­ben: Was nun folgt, dürf­te Kir­chen­po­li­tik in Rein­form sein.

In Rom for­mie­ren sich die bekann­ten Lager. Tra­di­ti­ons­freund­li­che Kräf­te wer­den Für­spre­cher für eine Lösung sein; pro­gres­si­ve Akteu­re wer­den alles dar­an­set­zen, Druck auzu­üben, um einen Bruch her­bei­zu­füh­ren oder zumin­dest bil­li­gend in Kauf zu neh­men. Am Ende hängt alles an einer ein­zi­gen Ent­schei­dung: jener Leos XIV. Er allein kann der Pius­bru­der­schaft ent­ge­gen­kom­men, etwa durch ein Per­so­nal­or­di­na­ri­at, wie es bereits 2017 dis­ku­tiert wur­de. Ein sol­ches ist recht­lich einer Diö­ze­se gleich­ge­stellt. Es kann neben einem Ordi­na­ri­us auch Weih­bi­schö­fe haben. Der Papst allein kann dem über­lie­fer­ten Ritus und der Tra­di­ti­on wie­der frei­en Raum geben. Oder er kann – wie es in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten so oft der Fall war – ein­fach auf den Gehor­sam pochen. Damit wür­de er sich aller­dings sei­ner Ver­ant­wor­tung entziehen.

Genau hier liegt der neur­al­gi­sche Punkt. Gehor­sam ist eine for­ma­le Kate­go­rie. Die Glau­bens­wahr­heit hin­ge­gen ist sub­stan­ti­ell. Bei­des gegen­ein­an­der aus­zu­spie­len, ist theo­lo­gisch wie geist­lich fatal. Wer heu­te ruft, man sol­le die Bru­der­schaft ohne Bischö­fe „ster­ben las­sen“, wie es pro­gres­si­ve Expo­nen­ten offen for­dern, wie jener Haus­lit­ur­gi­ker von Fran­zis­kus, ver­wech­selt kirch­li­che Ord­nung mit kirch­li­chem Leben.

Liturgie, Gewalt und der Preis des „Gehorsams“

Bene­dikt XVI. hat zu Recht fest­ge­stellt, daß der über­lie­fer­te Ritus nie­mals ver­bo­ten wer­den konn­te – und zwar aus einem ein­fa­chen Grund: Ein Ritus, der über Jahr­hun­der­te von der Kir­che prak­ti­ziert wur­de, kann nicht ein­fach abge­schafft wer­den, ohne dass sich die Kir­che selbst wider­spricht. Eine Super-Con­tra­dic­tio.

Die­se Fest­stel­lung darf aber nicht dar­über hin­weg­täu­schen, daß histo­risch unter Paul VI. genau das Gegen­teil prak­ti­ziert wur­de. Der über­lie­fer­te Ritus galt fak­tisch als ver­bo­ten, erst recht, als sich Wider­stand gegen die Lit­ur­gie­re­form reg­te. Wer nicht wil­lig war, soll­te gefü­gig gemacht wer­den. Tau­sen­de spa­ni­sche Prie­ster baten um Dis­pens, um wei­ter­hin den alten Ritus zele­brie­ren zu dür­fen. Rom ver­wei­ger­te sie. Und droh­te. Die Geschich­te der Lit­ur­gie­re­form hat zwei Sei­ten – und bei­de sind uner­quick­lich, um nicht zu sagen miserabel.

Da ist zunächst die strah­len­de Sei­te der Eupho­ri­ker. Getra­gen von ech­tem Fort­schritts­glau­ben begrüß­ten sie die Refor­men begei­stert und ent­sorg­ten den über­lie­fer­ten Ritus. Hoch­al­tä­re wur­den zu Brenn­holz ver­ar­bei­tet, ohne Zögern, ohne Trau­er. Man woll­te die Welt umar­men und chri­stia­ni­sie­ren – und wur­de selbst von der Welt umarmt. Es wude zu einer umge­kehr­ten Umar­mung, die die Kir­che nicht zu neu­er Blü­te führ­te, son­dern erdrück­te. Der seit­her erfolg­te Nie­der­gang ist in den ein­sti­gen Kern­ge­bie­ten der Kir­che beispiellos.

Dann ist da noch die ande­re, die dunk­le Sei­te der Jako­bi­ner und Block­war­te: der syste­ma­ti­sche Kampf gegen die Wider­stän­di­gen. Eine Min­der­heit von Prie­stern, die nicht bereit war, in den Jubel ein­zu­stim­men, wur­de mit unver­hält­nis­mä­ßi­ger Här­te ver­folgt. Es wur­den Exem­pel sta­tu­iert, in fast mao­isti­scher Manier: Man ziel­te dar­auf ab, einen zu bre­chen, um Hun­der­te ein­zu­schüch­tern. Man poch­te auf Gehor­sam – auf einen oft elen­den Gehor­sam, der in der Sache selbst unge­recht war. Nicht jene waren stand­haft, die mit dem Main­stream schwam­men, son­dern jene, die wider­stan­den haben. Vie­le zahl­ten einen hohen Preis: mate­ri­el­le Not, Demü­ti­gung, Aus­gren­zung. Es war meist ein Gang in die Wüste. Die­ser dunk­le Teil der Geschich­te wird von Pro­gres­si­ven meist nicht gese­hen – oder man will ihn nicht sehen. Kirch­li­che Jako­bi­ner sind nicht weni­ger uner­bitt­lich als weltliche.

Kirchenpolitik oder Glaubensfrage?

War­um also nicht dem über­lie­fer­ten Ritus und der Tra­di­ti­on ihren Platz zurück­ge­ben? For­mal betrach­tet, ist das eine Fra­ge der Kir­chen­po­li­tik. Geist­lich betrach­tet jedoch ist es sehr wohl eine Glau­bens­fra­ge. Denn die Zei­chen der Zeit sind unüber­se­h­abr: Das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil, ein­be­ru­fen ohne unmit­tel­ba­re Not­wen­dig­keit, wur­de zum Tür­öff­ner eines Nie­der­gangs, der bis heu­te anhält. Das ist kei­ne pole­mi­sche Behaup­tung, son­dern eine nüch­ter­ne, objek­ti­ve Fest­stel­lung mit geist­li­cher Dimen­si­on. Der Herr han­delt – und Sei­ne Zei­chen sind les­bar, wenn man sie lesen will.

Die Ver­tre­ter der Tra­di­ti­on lesen die­sen Nie­der­gang in sei­ner geist­li­chen Dimen­si­on als Fol­ge gra­vie­ren­der Fehl­ent­schei­dun­gen. Der Main­stream ant­wor­tet mit Tabus: Über das Kon­zil dür­fe nicht gespro­chen wer­den, es sei das Super­dog­ma schlecht­hin. Die Ultra­pro­gres­si­ven wol­len noch mehr Fehl­ent­schei­dun­gen, um den Nie­der­gang zu voll­enden, eine Art Auto­ka­thar­sis durch Selbst­auf­lö­sung. Und bei­de gemein­sam drän­gen auf eili­ge Hei­lig­spre­chun­gen aller Kon­zil­s­päp­ste – Bene­dikt XVI. frei­lich aus­ge­nom­men –, um den Deckel zuzuhalten.

Die ange­kün­dig­ten Bischofs­wei­hen sind daher eine Pro­vo­ka­ti­on, eine Chan­ce: eine Gele­gen­heit, die Ent­wick­lun­gen der letz­ten 65 Jah­re end­lich ohne Beschö­ni­gung zu ana­ly­sie­ren. Zunächst auf ober­ster Ebe­ne – Lit­ur­gie und Her­me­neu­tik des Bruchs –, dann dif­fe­ren­zier­ter und fein­sie­bi­ger auf den lehr­amt­li­chen und pasto­ra­len Ebe­nen. Setzt Rom hin­ge­gen die Vogel-Strauß-Poli­tik fort, erklärt Kon­zils­re­for­men wei­ter­hin für undis­ku­ta­bel und igno­riert die Pro­vo­ka­ti­on, dann wird aus der jet­zi­gen Situa­ti­on ein wei­te­res Kapi­tel der Kon­fron­ta­ti­on. Die Rol­len im Macht­kampf sind klar ver­teilt. Die Rech­nung ist ein­fach. Es wird dann ein wei­ter­res Kapi­tel, in dem der Stär­ke­re dem Schwä­che­ren sei­ne Macht spü­ren läßt – mit erneu­tem Leid für Prie­ster und Gläubige. 

In die­sem Kon­text wirkt die hasti­ge Phil­ip­pi­ka eines Petrus­bru­ders, noch am Tag der Ankün­di­gung ver­öf­fent­licht, befremd­lich. War­um äußert sich ein Petrus­bru­der unge­fragt der­art über­haupt und zudem so scharf? Man möch­te sagen: Si tacui­s­ses… Sein Ruf nach Gehor­sam, sein Don­nern gegen angeb­li­che Schis­ma­ti­ker und Sek­tie­rer ist ein Pyr­rhus-Ruf. Laut, aber wenig überzeugend.

In der Sache hät­te man ihm dabei sogar voll und ganz recht zu geben – wenn sei­ne Prä­mis­se zuträ­fe: näm­lich daß die kirch­li­che Hier­ar­chie ins­ge­samt recht­gläu­big, demü­tig und am Wil­len Chri­sti ori­en­tiert han­delt. Doch genau das ist die offe­ne Fra­ge. Sub­jek­tiv mag das in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten der Fall gewe­sen sein, objek­tiv aber, drän­gen sich star­ke Zwei­fel auf, die durch Papst Fran­zis­kus radi­kal zuge­spitzt wur­den. Ein Staats­bür­ger hat ande­re Pflich­ten gegen­über einem funk­tio­nie­ren­den Rechts­staat als gegen­über einem Tyran­nen; ein Beam­ter erst recht. Über­tra­gen auf die Kir­che leben wir offen­kun­dig in einer Aus­nah­me­si­tua­ti­on. Ob und inwie­weit das Kir­chen­recht unter die­sen Umstän­den unein­ge­schränkt greift, ist daher zu prü­fen. Die Petrus­bru­der­schaft weiß das selbst – sonst gäbe es sie nicht. Umso erstaun­li­cher die Invek­ti­ve die­ses ihres Vertreters.

Hin­zu kommt: Die gesam­te Tra­di­ti­on, ein­schließ­lich der Petrus­bru­der­schaft, ist heu­te ledig­lich gedul­det. Wer unter die­sen Vor­zei­chen unge­fragt das Mes­ser gegen Glau­bens­brü­der erhebt, sägt am eige­nen Ast. Das dürf­te weder klug noch heil­sam sein.

Bleibt die grund­sätz­li­che Fra­ge: Ist objek­tiv rich­ti­ges Ver­hal­ten gegen­über einer Insti­tu­ti­on mög­lich, die sich selbst falsch, teils bös­ar­tig, zumin­dest viel­fach unan­ge­mes­sen ver­hält? Daß es dar­auf unter­schied­li­che Ant­wor­ten gibt, ist unver­meid­lich. Die grö­ße­re Ver­ant­wor­tung liegt jedoch nicht bei jenen, die unter Gewis­sens­not nach Ant­wor­ten rin­gen, son­dern bei denen, die die­se außer­ge­wöhn­li­chen Wege pro­vo­ziert haben. Gemeint sind die Refor­men Pauls VI., die objek­tiv den bei­spiel­lo­se­sten Nie­der­gang der Kir­che zur Fol­ge hatten.

Wenn der Pius­bru­der­schaft also vor­ge­wor­fen wird, das Band der hier­ar­chi­schen Ein­heit zu miß­ach­ten, muß man sich umso mehr und noch zuvor fra­gen, ob Rom nicht in weit schwe­re­rer Wei­se die Ban­de des Glau­bens und der Sakra­men­te ver­letzt hat. Die­se Fra­ge lie­ße sich wei­ter vertiefen.

Abschlie­ßend noch ein Wort zur „Sonn­tags­pflicht“ im Schrei­ben des Petrus­bru­ders: Ein­zel­ne Extrem­bei­spie­le ohne Nach­weis als all­ge­mei­nen Posi­ti­on der Pius­bru­der­schaft zu sug­ge­rie­ren, ist unse­ri­ös. Es erin­nert an jene Metho­den, mit denen lin­ke Jour­na­li­sten Schmutz­kü­bel­kam­pa­gnen füh­ren. Eine sach­li­che Debat­te soll­te anders aussehen.

Die kom­men­den Mona­te wer­den zei­gen, ob Rom die Pro­vo­ka­ti­on als Chan­ce begreift – oder als Anlaß, ein wei­te­res Kapi­tel kirch­li­cher Tra­gik zu schreiben.

*eine jun­ge deut­sche Theo­lo­gin, Stu­di­um der Theo­lo­gie und der Reli­gi­ons­päd­ago­gik, ohne Ver­bin­dung zur Pius­bru­der­schaft, möch­te unge­nannt blei­ben wegen des so „barm­her­zi­gen“ Kon­zils­gei­stes, der in der BRD gera­de ideo­lo­gisch ver­bohrt im woken, homo­phi­len, kli­ma­neu­tra­len, anti­fa­schi­sti­schen Kampf „gegen rechts“ steht – und so sei­ne Erbärm­lich­keit offenbart.

Bild: MiL

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