Von einer Theologin*
Mit der Ankündigung, Bischofsweihen vornehmen zu wollen, hat die Piusbruderschaft Rom ein unmißverständliches Signal gesendet. Nach Jahren des Schweigens und Ignorierens zeigt sie, daß sie es ernst meint. Es ist eine existentielle Geste: Ohne Bischöfe kann die Bruderschaft nicht fortbestehen, solange ihr kanonischer Status ungeklärt bleibt.
Die erste Reaktion aus Rom ist deeskalierend. Der Heilige Stuhl ließ verlauten, man wolle im Gespräch bleiben und einen erneuten Bruch vermeiden. Vorerst ist das ein gutes Zeichen. Doch niemand sollte sich Illusionen hingeben: Was nun folgt, dürfte Kirchenpolitik in Reinform sein.
In Rom formieren sich die bekannten Lager. Traditionsfreundliche Kräfte werden Fürsprecher für eine Lösung sein; progressive Akteure werden alles daransetzen, Druck auszuüben, um einen Bruch herbeizuführen oder zumindest billigend in Kauf zu nehmen. Am Ende hängt alles an einer einzigen Entscheidung: jener Leos XIV. Er allein kann der Piusbruderschaft entgegenkommen, etwa durch ein Personalordinariat, wie es bereits 2017 diskutiert wurde. Ein solches ist rechtlich einer Diözese gleichgestellt. Es kann neben einem Ordinarius auch Weihbischöfe haben. Der Papst allein kann dem überlieferten Ritus und der Tradition wieder freien Raum geben. Oder er kann – wie es in den vergangenen Jahrzehnten so oft der Fall war – einfach auf den Gehorsam pochen. Damit würde er sich allerdings seiner Verantwortung entziehen.
Genau hier liegt der neuralgische Punkt. Gehorsam ist eine formale Kategorie. Die Glaubenswahrheit hingegen ist substantiell. Beides gegeneinander auszuspielen, ist theologisch wie geistlich fatal. Wer heute ruft, man solle die Bruderschaft ohne Bischöfe „sterben lassen“, wie es progressive Exponenten offen fordern, allen voran jener Hausliturgiker von Franziskus, verwechselt kirchliche Ordnung mit kirchlichem Leben.
Liturgie, Gewalt und der Preis des „Gehorsams“
Benedikt XVI. hat zu Recht festgestellt, daß der überlieferte Ritus niemals verboten werden konnte – und zwar aus einem einfachen Grund: Ein Ritus, der über Jahrhunderte von der Kirche praktiziert wurde, kann nicht einfach abgeschafft werden, ohne daß sich die Kirche selbst widerspricht. Eine Super-Contradictio.
Diese Feststellung darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß historisch unter Paul VI. genau das Gegenteil praktiziert wurde. Der überlieferte Ritus galt faktisch als verboten, erst recht, als sich Widerstand gegen die Liturgiereform regte. Wer nicht willig war, sollte gefügig gemacht werden. Tausende spanische Priester baten um Dispens, um weiterhin den alten Ritus zelebrieren zu dürfen. Rom verweigerte sie. Und drohte. Die Geschichte der Liturgiereform hat zwei Seiten – und beide sind unerquicklich, um nicht zu sagen miserabel.
Da ist zunächst die strahlende Seite der Euphoriker. Getragen von echtem Fortschrittsglauben begrüßten sie die Reformen begeistert und entsorgten den überlieferten Ritus. Hochaltäre wurden zu Brennholz verarbeitet, ohne Zögern, ohne Trauer. Man wollte die Welt umarmen und christianisieren – und wurde selbst von der Welt umarmt. Es wurde zu einer umgekehrten Umarmung, die die Kirche nicht zu neuer Blüte führte, sondern erdrückte. Der seither erfolgte Niedergang ist in den einstigen Kerngebieten der Kirche beispiellos.
Dann ist da noch die andere, die dunkle Seite der Jakobiner und Blockwarte: der systematische Kampf gegen die Widerständigen. Eine Minderheit von Priestern, die nicht bereit war, in den Jubel einzustimmen, wurde mit unverhältnismäßiger Härte verfolgt. Es wurden Exempel statuiert, in fast maoistischer Manier: Man zielte darauf ab, einen zu brechen, um Hunderte einzuschüchtern. Man pochte auf Gehorsam – auf einen oft elenden Gehorsam, der in der Sache selbst ungerecht war. Nicht jene waren standhaft, die mit dem Mainstream schwammen, sondern jene, die widerstanden haben. Viele zahlten einen hohen Preis: materielle Not, Demütigung, Ausgrenzung. Es war meist ein Gang in die Wüste. Dieser dunkle Teil der Geschichte wird von Progressiven meist nicht gesehen – oder man will ihn nicht sehen. Kirchliche Jakobiner sind nicht weniger unerbittlich als weltliche.
Kirchenpolitik oder Glaubensfrage?
Warum also nicht dem überlieferten Ritus und der Tradition ihren Platz zurückgeben? Formal betrachtet, ist das eine Frage der Kirchenpolitik. Geistlich betrachtet jedoch ist es sehr wohl eine Glaubensfrage. Denn die Zeichen der Zeit sind unübersehbar: Das Zweite Vatikanische Konzil, einberufen ohne unmittelbare Notwendigkeit, wurde zum Türöffner eines Niedergangs, der bis heute anhält. Das ist keine polemische Behauptung, sondern eine nüchterne, objektive Feststellung mit geistlicher Dimension. Der Herr handelt – und Seine Zeichen sind lesbar, wenn man sie lesen will.
Die Vertreter der Tradition lesen diesen Niedergang in seiner geistlichen Dimension als Folge gravierender Fehlentscheidungen. Der Mainstream antwortet mit Tabus: Über das Konzil dürfe nicht gesprochen werden, es sei das Superdogma schlechthin. Die Ultraprogressiven wollen noch mehr Fehlentscheidungen, um den Niedergang zu vollenden, eine Art Autokatharsis durch Selbstauflösung. Und beide gemeinsam drängen auf eilige Heiligsprechungen aller Konzilspäpste – Benedikt XVI. freilich ausgenommen –, um den Deckel zuzuhalten.
Die angekündigten Bischofsweihen sind daher eine Provokation, eine Chance: eine Gelegenheit, die Entwicklungen der letzten 65 Jahre endlich ohne Beschönigung zu analysieren. Zunächst auf oberster Ebene – Liturgie und Hermeneutik des Bruchs –, dann differenzierter und feinsiebiger auf den lehramtlichen und pastoralen Ebenen. Setzt Rom hingegen die Vogel-Strauß-Politik fort, erklärt Konzilsreformen weiterhin für undiskutabel und ignoriert die Provokation, dann wird aus der jetzigen Situation ein weiteres Kapitel der Konfrontation. Die Rollen im Machtkampf sind klar verteilt. Die Rechnung ist einfach. Es wird dann ein weiteres Kapitel, in dem der Stärkere den Schwächeren seine Macht spüren läßt – mit erneutem Leid für Priester und Gläubige.
In diesem Kontext wirkt die hastige Philippika eines Petrusbruders, noch am Tag der Ankündigung der Bischofsweihen veröffentlicht, befremdlich. Warum äußert sich ein von mir an sich sehr geschätzter Petrusbruder ungefragt derart überhaupt und zudem so scharf? Man möchte sagen: Si tacuisses… Sein Ruf nach Gehorsam, sein Donnern gegen angebliche Schismatiker und Sektierer ist ein Pyrrhus-Ruf. Laut, aber wenig überzeugend.
In der Sache hätte man ihm dabei sogar voll und ganz recht zu geben – wenn seine Prämisse zuträfe: nämlich daß die kirchliche Hierarchie insgesamt rechtgläubig, demütig und am Willen Christi orientiert handelt. Doch genau das ist die offene Frage. Subjektiv mag das in den vergangenen Jahrzehnten der Fall gewesen sein, objektiv aber drängen sich starke Zweifel auf, die durch Papst Franziskus radikal zugespitzt wurden. Ein Staatsbürger hat andere Pflichten gegenüber einem funktionierenden Rechtsstaat als gegenüber einem Tyrannen; ein Beamter erst recht. Übertragen auf die Kirche leben wir offenkundig in einer Ausnahmesituation. Die Petrusbruderschaft weiß das selbst – sonst gäbe es sie nicht. Umso erstaunlicher die Invektive dieses ihres Vertreters. Ob und inwieweit das Kirchenrecht unter diesen Umständen uneingeschränkt greift, ist nämlich erst zu prüfen.
Hinzu kommt: Die gesamte Tradition, einschließlich der Petrusbruderschaft, ist heute lediglich geduldet. Wer unter diesen Vorzeichen ungefragt das Messer gegen Glaubensbrüder erhebt, sägt am eigenen Ast. Das dürfte weder klug noch heilsam sein.
Bleibt die grundsätzliche Frage: Ist objektiv richtiges Verhalten gegenüber einer Institution möglich, die sich selbst falsch, teils bösartig, zumindest vielfach unangemessen verhält? Daß es darauf unterschiedliche Antworten gibt, ist unvermeidlich. Die größere Verantwortung liegt jedoch nicht bei jenen, die unter Gewissensnot nach Antworten ringen, sondern bei denen, die diese außergewöhnlichen Wege provoziert haben. Gemeint sind die Reformen Pauls VI., die objektiv den beispiellosesten Niedergang der Kirche zur Folge hatten.
Wenn der Piusbruderschaft also vorgeworfen wird, das Band der hierarchischen Einheit zu mißachten, muß man sich umso mehr und noch zuvor fragen, ob Rom nicht in weit schwererer Weise die Bande des Glaubens und der Sakramente verletzt hat. Diese Frage ließe sich weiter vertiefen.
Abschließend noch ein Wort zur „Sonntagspflicht“ im Schreiben des Petrusbruders: Einzelne Extrembeispiele ohne Nachweis als allgemeine Position der Piusbruderschaft zu suggerieren ist nicht gerade seriös. Es erinnert an jene Methoden, mit denen linke Journalisten Schmutzkübelkampagnen führen. Eine sachliche Debatte sollte anders aussehen.
Die kommenden Monate werden zeigen, ob Rom die Provokation als Chance begreift – oder als Anlaß, ein weiteres Kapitel kirchlicher Tragik zu schreiben.
*eine junge deutsche Theologin, Studium der Theologie und der Religionspädagogik, ohne Verbindung zur Piusbruderschaft, möchte ungenannt bleiben wegen des so „barmherzigen“ Konzilsgeistes, der in der BRD gerade ideologisch verbohrt im woken, homophilen, klimaneutralen, antifaschistischen Kampf „gegen rechts“ steht – und so seine Erbärmlichkeit offenbart.
Bild: MiL
Ich möchte der jungen, anonymen Kollegin ganz herzlich zu diesem brillanten Essay gratulieren: eine messerscharfe, vielschichtige und tiefsinnige Analyse – und ein wahnsinnig gut geschriebener Text, wie man ihn nur selten liest. Hier kann jemand mal wirklich was! Es ist nur bedauerlich, dass die Verfasserin anonym bleiben möchte, denn Anonyma werden nicht ernstgenommen, nicht in der Theologie und nicht im (kirchlichen) Journalismus. Ich hoffe sehr, dass sie in Zukunft mit Klarnamen schreibt – und ich wünsche ihr das, was ihr gebührt: Eine Karriere als Autorin! Ich bin wirklich begeistert. Vielen Dank für diesen exzellenten, inspirierenden Text, den man nicht übertreffen kann.- Brava!
Das ist ein sehr guter Kommentar, vielen Dank! Sehr bezeichnend für die gegenwärtige Lage, daß die Autorin das nur anonym publizieren möchte.
Da zu der erwähnten Stellungnahme der Petrusbruderschaft nicht verlinkt wird und ich auf Anhieb nichts finde, kann man das nicht ausführlicher kommentieren. Klar ist aber, daß die Petrusbruderschaft aus Gründen des Glaubens und des Anstands keine Invektiven gegen die Piusbruderschaft schleudern sollte.
Extra hervorgehoben sei diese Stelle: „Hinzu kommt: Die gesamte Tradition, einschließlich der Petrusbruderschaft, ist heute lediglich geduldet. Wer unter diesen Vorzeichen ungefragt das Messer gegen Glaubensbrüder erhebt, sägt am eigenen Ast. Das dürfte weder klug noch heilsam sein.“
Von da her wäre es sicher gut, wenn die von mir durchaus geschätzte Petrusbruderschaft nun ihre Stimme zum Desaster des Konzils und der fälschlich so genannten Liturgiereform laut und deutlich erheben würde. Es wäre ein Befreiungsschlag und würde der Kirche sehr dienen.
Mal eine ganz „verückte“ Idee: Ich würde gerne alle Christen (alle, die sich auf Christus berufen) dazu einladen, (gedanklich) in die Zeit vor dem Großen Morgenländischen Schisma (1054) zurückzukehren, um sodann alle bisherigen Entwicklungen ehrlich und im Geist des Evangeliums zu betrachten, zu analysieren und aufzuarbeiten mit dem Ziel, zum 1000-jährigen „Jubiläum“ 2054, die Wiedervereinigung aller Christen unter der Herrschaft unseres einzigen Königs und Erlösers Jesus Christus feierlich zu vollziehen!
Dass ein Petrusbruder sich nicht dazu äußern sollte, ist doch vollkommen schwachsinnig. Genau aus dem Grund des himmelschreienden Ungehorsams gegenüber der Autorität des Stellvertreters Christi auf Erden mit den illegalen Bischofsweihen 1988 ist doch die Petrusbruderschaft entstanden. Selbstverständlich hat diese ein Recht, sich dazu zu äußern. Keine andere Institution wird sich wohl so viel mit diesen illegalen Bischofsweihen beschäftigt haben.
Und die Aussage zu der Sonntagspflicht der „jungen Autorin“ (so jung kann sie wohl nicht sein, wenn sie immernoch „Anlaß“ statt „Anlass“ schreibt, die Rechtschreibreform war immerhin schon vor ziemlich genau 30 Jahren) ist argumentativ dürftig: Extrembeispiele oder nicht, Fakt ist, dass die Sonntagspflicht in einer SSPX-Messe nicht erfüllt wird, wenn es andere Hl. Messen gibt, die durch den Kirchgänger erreichbar sind. Und das ist eigentlich immer der Fall.
Nicht der Heilige Vater muss auf die SSPX zukommen, sondern anders herum. Die Piusbruderschaft heuchelt Treue gegenüber dem Papst, aber ignoriert dessen Autorität bzgl. der Bischofsweihen geflissentlich. Diese Ungehorsamkeit kennt man sonst nur aus der Orthodoxie und von den Protestanten.
Die Päpstliche Kommission „Ecclesia Dei“ stellte 2007 fest, dass Gläubige ihre Sonntagspflicht grundsätzlich in Messen der Piusbruderschaft (FSSPX) erfüllen können, da es sich um gültige katholische Messen handelt, auch wenn die Bruderschaft nicht in voller kirchenrechtlicher Regulierung steht.
Zitat:
Frage von Radio Vatikan: Erfüllen Gläubige die Sonntagspflicht, wenn sie zu einem Priester der Piusbruderschaft in die Messe gehen?
Antwort von Msgr. Camille Perl (damals Sekretär der Päpstlichen Kommission „Ecclesia Dei“): Es ist sicher eine katholische Messe, da die Priester gültig geweiht sind und der Ritus ein katholischer Ritus ist, und nach dem Codex kann man seine Sonntagspflicht in jeder Messe, die von der Kirche anerkannt ist, auch erfüllen.
Quelle: https://www.archivioradiovaticana.va/storico/2007/07/11/ecclesia_dei_im_gespräch_mit_radio_vatikan/ted-144211
Rom ist gestorben: das war wohl am Abend des 11. Februar 2013. Da schlug ein gewaltiger Blitz in die Kuppel von St. Peter, manche sagen es wären 2 gewesen. Es war der Tag, an dem Benedikt XVI. seine Declaratio den anwesenden Kardinälen bekannt machte,bekannt machen mußte wegen der zahlreichen Verräter.
Es spielt keine Rolle mehr wie „Rom“ sich jetzt gegenüber der Piusbruderschaft verhält. Die Sache ist erledigt, ob die Bischöfe nun geweiht werden oder doch nicht. „Rom“ hat verloren. Es sind die Sündenlegionen, denen insbesondere auch PF zugehörte. Und es ist die weite weite Mehrheit, die für die Implementierung zahlreicher Ketzereien verantwortlich sind.
Auf welche Rede welches Petrusbruders wird hier Bezug genommen? Ist diese öffentlich einsehbar?
Seit Jahrzehnten windet sich Rom. Eine Zeitreise:
Die lutherische >Reformation< genannte Revolution.
Der Einfluß dieser ideologischen Kräfte auf die katholische Theologie.
Der vorkonziliare Ikonoklasmus.
In dieser Situation die Ankündigung des Konzils-
Großes Händereiben.
Der Lutherismus zieht ins Konzil ein und kommt danach
als Geist des Konzils zur Macht.
Seit Jahrzehnten windet sich Rom.
Danke für den klaren Artikel. So viele Themen auf den Punkt gebracht. Ohne Polemik, nichts beschönigend, Tatsachen.
Zentral von grosser Wichtigkeit: der überlieferte Ritus kann nicht verboten werden… danke für diese Betonung!