Zur Lage der Kirche – Frage 11

60 Jahre nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil – Eine Analyse


Don Gurtner Zur Lage der Kirche

Von Don Micha­el Gurtner*

Fra­ge: Wel­ches wäre dann das rech­te Ver­hält­nis von Kir­che und Welt, und wie soll­ten sie sich zuein­an­der verhalten?

Ant­wort: Nun, zunächst ist ein­mal fest­zu­hal­ten, daß in gewis­ser Hin­sicht die Welt auch der „Lebens­raum“ der sicht­ba­ren Kir­che ist. Die Welt ist von Gott ins Dasein geho­ben wor­den, und Er hat sie an sich ein­mal „gut“ gemacht. Allein von daher dür­fen wir also nicht von vor­ne­her­ein in eine undif­fe­ren­zier­te Welt­feind­lich­keit ver­fal­len, die sozu­sa­gen zur all­ge­mei­nen Lebens­ein­stel­lung wird. Als Katho­li­ken sind wir zunächst ein­mal nicht ein­fach gegen die Welt, son­dern für die Welt, weil die­se vom Herr­gott geschaf­fen und von daher auch gut ist. Aller­dings ist die­se gute Welt durch die Sün­de kom­pro­mit­tiert wor­den, wodurch sie auch sehr nega­ti­ve Kom­po­nen­ten in sich trägt, wel­che die See­len gefähr­den. Des­halb stieg Chri­stus in die­se her­ab, um sie aus die­ser Sün­den­ver­strickung zu befrei­en. Dar­aus ent­stand – sehr ver­ein­facht gesagt – letzt­lich die sicht­ba­re Kir­che, um in die­ser Welt Got­tes Gna­den­ga­ben wei­ter­hin aus­zu­gie­ßen, durch die Zei­ten hin­durch bis zum Jüng­sten Gericht. Wir sind also nicht gegen die Welt, son­dern für sie, aller­dings so, wie Gott sie gedacht hat – und nicht so, wie der Mensch sie gemacht hat.

Von die­sem Grund­da­tum her bestimmt sich auch das rech­te Ver­hält­nis Kirche–Welt: Sie ste­hen sich nicht feind­schaft­lich und anti­po­disch gegen­über, auch ist die sicht­ba­re Kir­che nicht ein­fach zu ihrem Selbst­zweck da, son­dern die Kir­che hat in, an und für die Welt eine kla­re Auf­ga­be zu erfül­len, eben eine „Mis­si­on“, auf die sie gesandt ist und die auf die ewi­gen Güter hin abzielt. In sei­nem Abschieds­ge­bet sagt Jesus „in der Welt, aber nicht von der Welt“.

Des­halb hat die Kir­che ihre eige­ne, aut­ar­ke Stel­lung gegen­über der Welt und muß die­se auch haben, denn wenn sie von der Welt abhän­gig wäre, könn­te sie ihre Mis­si­on nicht mehr erfül­len. Aber die­ses „Gegen­über“ ist kein „Gegen“, son­dern mehr ein „Über“, und viel­leicht sogar noch mehr ein „An und Für“. Die Kir­che steht an sich nicht gegen die Welt, die ja Got­tes Schöp­fung ist und bleibt, son­dern sie steht über ihr. Und genau auf­grund ihrer über­ge­ord­ne­ten Rol­le ist es ihr zur Auf­ga­be gestellt, auch an der Welt und für die Welt zu wir­ken, weil Gott sich die Kir­che als Sein Instru­ment erwählt hat, um das Übel in der Welt, das durch die Gott­lo­sig­keit kam, zu besei­ti­gen, damit sie wie­der von allem Übel gerei­nigt und so wie­der ganz „gött­lich“ wird. Genau des­halb war es ja so fatal, daß die Kir­che in der Figur des Pap­stes ihre Tia­ra abge­setzt hat, wie wir schon sag­ten. Weil es eben mehr war als nur eine Äußer­lich­keit, son­dern Aus­druck eines neu­en, unge­sun­den Ver­ständ­nis­ses. Hier wur­de etwas durcheinandergeworfen.

Wenn die Kir­che aber ver­welt­licht und nicht mehr die­ser kor­rek­ti­ve Gegen­part ist, der sie sein soll und muß, son­dern selbst immer mehr von die­ser Welt, in die sie eigent­lich gesandt ist, in sich auf­nimmt, dann wird sie letzt­lich selbst zur „Welt“. Und in die­sem Pro­zeß befin­den wir uns der­zeit in der Kir­che, und er ist schon sehr weit fort­ge­schrit­ten. Das gilt es unbe­dingt zu kor­ri­gie­ren, wenn sich die Kir­che aus ihrer aktu­el­len Kri­se befrei­en will, aber momen­tan sind kei­ne dahin­ge­hen­den Anstren­gun­gen erkenn­bar, ganz im Gegen­teil: Die­ser selbst­zer­set­zen­de Pro­zeß wird aktiv und bewußt vor­an­ge­trie­ben, gera­de auch von füh­ren­der Stel­le. Und somit wird sie zwangs­läu­fig vor­erst noch tie­fer in die Kri­se hin­ein­schlit­tern. Die­ser Pro­zeß wird erst dann abge­bremst wer­den, wenn sie sich gegen­über der Welt neu auf­stellt und wie­der jene Rol­le über­nimmt, wel­che ihr von Chri­stus zuge­dacht ist, näm­lich die Welt zu hei­li­gen, anstatt selbst in der Welt aufzugehen.

*Mag. Don Micha­el Gurt­ner ist ein aus Öster­reich stam­men­der Diö­ze­san­prie­ster, der in der Zeit des öffent­li­chen Meß­ver­bots die­sem wider­stan­den und sich gro­ße Ver­dien­ste um den Zugang der Gläu­bi­gen zu den Sakra­men­ten erwor­ben hat. Die aktu­el­le Kolum­ne erscheint jeden Samstag.


Das Buch zur Rei­he: Don Micha­el Gurt­ner: Zur Lage der Kir­che, Selbst­ver­lag, 2023, 216 Seiten.


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