„Summorum Pontificum ist praktisch tot“ – Die Kriegserklärung gegen die Tradition

"Die Feinde von Summorum Pontificum wollen den Krieg"

"Wir müssen dieser Messe ein für allemal ein Ende bereiten!" Mit diesen Worten wird Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin zitiert.
"Wir müssen dieser Messe ein für allemal ein Ende bereiten!" Mit diesen Worten wird Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin zitiert.

(Rom) Die Note des vati­ka­ni­schen Staats­se­kre­ta­ri­ats zu den Zele­bra­tio­nen im Peters­dom und die Ankün­di­gung von Papst Fran­zis­kus, das Motu pro­prio Summorum Pon­ti­fi­cum neu „inter­pre­tie­ren“ zu wol­len, sor­gen seit Wochen für Unru­he. Dage­gen behaup­ten Stim­men in Rom und außer­halb, teils mit Nach­druck, daß der über­lie­fer­te Ritus unum­stöß­lich in der Kir­che ver­an­kert sei. Es dro­he des­halb „kei­ne Gefahr“. Wer das Gegen­teil behaup­te, erzeu­ge ledig­lich unnö­ti­ge Unru­he, müs­se sich fra­gen las­sen, „wel­ches Spiel“ er trei­be und der­glei­chen mehr. Die­se Hal­tung wird auch von Per­so­nen, dar­un­ter auch Vati­ka­ni­sten, ver­tre­ten, die über gute Infor­ma­tio­nen und ein aus­ge­wo­ge­nes Urteils­ver­mö­gen ver­fü­gen. Und doch wei­sen die Zei­chen in eine ganz ande­re Rich­tung. Das Gegen­teil des unnö­ti­gen Alar­mis­mus besteht dar­in, die Augen zu verschließen.

An erster Stel­le ist auf­grund der zeit­li­chen Nähe das Nega­tiv­bei­spiel Dijon zu nen­nen. Bischof Roland Min­ne­rath setz­te die Petrus­bru­der­schaft (FSSP) von einem Tag auf den ande­ren vor die Tür. Als erschreckend wur­de sei­ne Wei­ge­rung regi­striert, Ver­tre­ter der betrof­fe­nen Prie­ster­bru­der­schaft, die mit ihm spre­chen woll­ten, um die Grün­de zu erfah­ren, nicht ein­mal zu empfangen.

Ähn­li­che Situa­tio­nen gab es bereits in der Ver­gan­gen­heit, auch im deut­schen Sprach­raum. Kann also von einem Ein­zel­fall gespro­chen wer­den? Der Fall Dijon ist schwerwiegender. 

Soweit bis­her bekannt wur­de, erfolg­te der Raus­wurf durch Bischof Min­ne­rath, weil die Petrus­brü­der unter Ver­weis auf ihren kano­ni­schen Sta­tus und ihr Recht, in der über­lie­fer­ten Form des Römi­schen Ritus zele­brie­ren zu kön­nen, die Kon­ze­le­bra­ti­on ver­wei­gert hat­ten. Eine sol­che kennt nur der Novus Ordo Mis­sae von 1969, nicht aber der über­lie­fer­te Ritus.

Die Kon­ze­le­bra­ti­on ist einer der Schwer­punk­te, auf die Papst Fran­zis­kus drängt. Da sich der regie­ren­de Papst kaum um lit­ur­gi­sche Fra­gen küm­mert, sind die weni­gen Ansät­ze, in denen der sich äußert, von beson­de­rem Gewicht. Das sind zwei Ele­men­te, zum einen die Fest­stel­lung, daß die Lit­ur­gie­re­form von 1969/1970 „irrever­si­bel“ sei, und zum ande­ren die Beto­nung der Kon­ze­le­bra­ti­on. Die­se wur­de durch Fran­zis­kus in der Prie­ster­aus­bil­dung ver­an­kert und gilt seit Früh­lings­be­ginn, kon­kret seit dem 22. März, ver­pflich­tend im Peters­dom. Die mei­sten Altä­re in der bedeu­tend­sten Kir­che der Chri­sten­heit sind seit­her ver­waist. Sie blei­ben leer, sind unge­nützt und haben aus­ge­nom­men an beson­de­ren Gedenk­ta­gen nur mehr musea­len Cha­rak­ter. Die Prie­ster, eben­falls eine Viel­zahl, die täg­lich nach Rom und in den Peters­dom kom­men und dort ger­ne zele­brie­ren wür­den, sind eben­so zur Kon­ze­le­bra­ti­on gezwun­gen wie die Kano­ni­ker des Peters­do­mes und die vie­len Prie­ster, die an der Römi­schen Kurie Dienst tun.

Nun kann ein­ge­wandt wer­den, daß die­se Kon­ze­le­bra­ti­on den Neu­en Ritus von Anni­ba­le Bugni­ni betrifft, nicht aber den über­lie­fer­ten Ritus. Die­ser wur­de durch die­sel­be Note des Staats­se­kre­ta­ri­ats in die Vati­ka­ni­schen Grot­ten ver­bannt. Es gibt aller­dings den Druck, alle Prie­ster, auch jene, die im über­lie­fer­ten Ritus zele­brie­ren (nicht nur die Welt­prie­ster, son­dern auch jene der Eccle­sia-Dei-Gemein­schaf­ten) zur Kon­ze­le­bra­ti­on im Neu­en Ritus zu zwin­gen. Auch damit, wie durch die Ver­ban­nung in die „Kata­kom­ben“ des Peters­doms, ist beab­sich­tigt, eine Min­der­wer­tig­keit des über­lie­fer­ten Ritus gegen­über dem Novus Ordo zu behaup­ten und wie­der struk­tu­rell ein­zu­zemen­tie­ren, nach­dem Papst Bene­dikt XVI. die­sen Zustand etwas auf­ge­bro­chen hatte. 

Unter die­sem Gesichts­punkt erhält das Motiv von Bischof Min­ne­rath für den Raus­wurf der Petrus­brü­der aus dem Bis­tum Dijon eine Rele­vanz, die über die enge­ren Gren­zen der Diö­ze­se hin­aus­weist. Das gilt umso mehr, da Bischof Min­ne­rath auch Mit­glied der römi­schen Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on ist. Er hält sich mehr­fach im Jahr, manch­mal monat­lich, in Rom auf und ver­fügt daher über die Infor­ma­tio­nen und auch die ent­spre­chen­de Kon­tak­te, um zu wis­sen, was San­ta Mar­ta oder zumin­dest das enge­re päpst­li­che Umfeld wünscht.

War Msgr. Min­ne­rath etwas zu eif­rig in sei­nem vor­aus­ei­len­den Gehor­sam und ent­hüll­te päpst­li­che Absich­ten frü­her, als es San­ta Mar­ta recht war? Bestä­tigt wer­den die sich dar­aus erge­ben­den Beden­ken von Paix Lit­ur­gi­que. Am 28. Juni titel­te die fran­zö­si­sche Seite:

„Die Fein­de von Summorum Pon­ti­fi­cum wol­len Krieg“.

„Wir müssen dieser Messe ein für allemal ein Ende bereiten!“

Paix Lit­ur­gi­que zitiert zur Stüt­zung die­ser mar­tia­li­schen Aus­sa­ge zwei hohe Kuri­en­ver­tre­ter, die sich mit har­ten Wor­ten zur über­lie­fer­ten Form des Römi­schen Ritus äußer­ten. Kar­di­nal­staats­se­kre­tär Pie­tro Parolin:

Kar­di­nal­staats­se­kre­tär Pie­tro Parolin

„Wir müs­sen die­ser Mes­se ein für alle­mal ein Ende bereiten!“

Aus dem Staats­se­kre­ta­ri­at stammt auch die Note, mit der die Zele­bra­tio­nen im Peters­dom neu gere­gelt wur­den. Das Doku­ment ist zwar nicht vom Kar­di­nal­staats­se­kre­tär unter­zeich­net, son­dern von sei­nem Stell­ver­tre­ter, den­noch ist sie ohne die Zustim­mung von Papst Fran­zis­kus und das Wis­sen von Kar­di­nal Paro­lin nicht denkbar.

Die zwei­te rang­ho­he Stim­me aus dem Vati­kan, die Paix Lit­ur­gi­que zitiert, ist jene von Msgr. Arthur Roche, dem neu­en Prä­fek­ten der römi­schen Kon­gre­ga­ti­on für den Got­tes­dienst und die Sakramentenordnung:

„Summorum Pon­ti­fi­cum ist prak­tisch tot!“

„Wir wer­den die Zustän­dig­keit in die­sem Punkt an die Bischö­fe zurück­ge­ben, gera­de aber nicht an die kon­ser­va­ti­ven Bischöfe.“

Zu den Absich­ten, die in Rom bereits Ein­gang in einen Ent­wurf gefun­den haben, gehört der Plan, die Eccle­sia-Dei-Gemein­schaf­ten, die seit Janu­ar 2019 der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on unter­ste­hen, der Got­tes­dienst­kon­gre­ga­ti­on zu unter­stel­len. Die­ser Plan ist ent­ge­gen anders­lau­ten­den Behaup­tun­gen noch nicht vom Tisch. Damit wür­de die außer­or­dent­li­che Form des Römi­schen Ritus dem all­ge­mei­nen Recht der ordent­li­chen Form unter­wor­fen. Die sich dar­aus erge­ben­den Fra­gen, Streit­fäl­le und schwer­wie­gen­den Ein­schrän­kun­gen sind abseh­bar Legi­on, etwa die Ver­pflich­tung zur gele­gent­li­chen oder gar regel­mä­ßi­gen Teil­nah­me am Novus Ordo Mis­sae, die Ver­wen­dung des lit­ur­gi­schen Kalen­ders der ordent­li­chen Form des Römi­schen Ritus oder die Ver­wen­dung des neu­en Lek­tio­nars. Die Ent­schei­dungs­ge­walt über die­se und ande­re Fra­gen soll, so die in Rom dis­ku­tier­ten Plä­ne, wie von Msgr. Roche aus­ge­spro­chen, unter dem Stich­wort Dezen­tra­li­sie­rung an die Diö­ze­san­bi­schö­fe über­tra­gen wer­den. Die Kon­se­quen­zen, in Wor­ten aus­ge­spro­chen, eine fata­le Will­kür gepaart mit For­men der Repres­si­on, malen sich tra­di­ti­ons­ver­bun­de­ne Krei­se bereits mehr oder weni­ger aus. Der Fall Dijon könn­te sich in rascher Fol­ge in ande­ren Diö­ze­sen wie­der­ho­len. Der über­lie­fer­te Ritus wäre nicht nur ein Spiel­ball der jewei­li­gen Lau­nen des Orts­bi­schofs. Die­ser pre­kä­re Zustand weit­ge­hen­der Rechts­un­si­cher­heit wür­de sich mit jedem Bischofs­wech­sel wiederholen.

Die Andro­hung von Prä­fekt Roche, daß von der Über­tra­gung der Voll­macht „kon­ser­va­ti­ve“ Diö­ze­san­bi­schö­fe aus­drück­lich aus­ge­klam­mert blei­ben sol­len, offen­bart einen regel­rech­ten Ver­nich­tungs­wil­len gegen den über­lie­fer­ten Ritus und die Tra­di­ti­on, und das ganz unab­hän­gig von der Fra­ge, wie eine sol­che Aus­klam­me­rung recht­lich erfol­gen sollte.

Erz­bi­schof Arthur Roche

Bei­de Aus­sa­gen von rang­höch­sten Kuri­en­ver­tre­tern – Erz­bi­schof Roche ist im näch­sten Kon­si­sto­ri­um Anwär­ter auf den Kar­di­nal­spur­pur – sind ein so lau­tes Säbel­ras­seln gegen den Geist, die Prie­ster und die Gläu­bi­gen der Tra­di­ti­on, daß tat­säch­lich von einem bevor­ste­hen­den Krieg gegen die Tra­di­ti­on die Rede sein kann. Vor allem sind sol­che Wort­mel­dun­gen unvor­stell­bar, wür­den sie nicht die Ansich­ten von Papst Fran­zis­kus wider­spie­geln. Des­sen völ­li­ge Ver­ständ­nis­lo­sig­keit gegen­über dem über­lie­fer­ten Ritus und sei­nen Ver­tre­tern ist notorisch.

Paix Lit­ur­gi­que zieht die Schluß­fol­ge­rung, daß durch die Ver­nich­tung von Summorum Pon­ti­fi­cum eine Situa­ti­on ange­strebt wer­de, die einen Rück­schritt zum Zustand vor dem Motu pro­prio Eccle­sia Dei von 1988 bedeu­ten würde.

Ist Dijon bald überall?

Eine indi­rek­te Bestä­ti­gung dafür, daß Alarm­stu­fe Rot ist, kommt auch von La Croix, der Tages­zei­tung der fran­zö­si­schen Bischö­fe. Am 28. Juni berich­te­te sie über die ange­spann­te Lage in Dijon. In dem Arti­kel heißt es:

„Der Papst ist dabei, eine Note über die Anwen­dung des Dekrets Summorum pon­ti­fi­cum zu ver­öf­fent­li­chen, das die außer­or­dent­li­che Form des Römi­schen Ritus libe­ra­li­siert. Nach Infor­ma­tio­nen von La Croix sol­len die Anwen­dungs­be­din­gun­gen die­ses Motu pro­prio bald, vier­zehn Jah­re nach sei­ner Ver­öf­fent­li­chung durch Bene­dikt XVI., über­ar­bei­tet wer­den. Tat­säch­lich will Fran­zis­kus die Auto­ri­tät der Bischö­fe in die­ser Ange­le­gen­heit stärken.“

Unter dem Stich­wort der Dezen­tra­li­sie­rung wird jene pro­gres­si­ve Agen­da, die in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten nicht durch­ge­setzt wer­den konn­te, mit Hil­fe einer neu­en Stra­te­gie ver­wirk­licht. Den Auf­takt dazu mach­te das umstrit­te­ne nach­syn­oda­le Schrei­ben Amo­ris lae­ti­tia, mit dem die Aner­ken­nung von Schei­dung, Wie­der­ver­hei­ra­tung und ande­rer irre­gu­lä­rer For­men durch die Hin­ter­tür prak­ti­ziert wird. Ein ande­res Bei­spiel ist die Über­tra­gung von Zustän­dig­kei­ten für die Über­set­zung der lit­ur­gi­schen Bücher. Damit wur­de die von Papst Bene­dikt XVI. ange­ord­ne­te Ver­wen­dung der Wand­lungs­wor­te pro mul­tis in den Volks­spra­chen als für vie­le und nicht mehr als für alle blockiert. Bil­li­gend wird dabei in Kauf genom­men, daß die Ein­heit der Kir­che in zen­tra­len Fra­gen zer­trüm­mert wird und Zustän­de ent­ste­hen, in denen von Bischofs­kon­fe­renz zu Bischofs­kon­fe­renz und von Diö­ze­se zu Diö­ze­se ande­re Bestim­mun­gen gel­ten können.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: MiL/Wikicommons

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