Der Papst, der Kommunist und die „integrale Ökologie“

Das neue Gesprächsbuch von Papst Franziskus

Der Papst, Franziskus, und der Kommunist, Carlo Petrini: Ihre Gemeinsamkeit ist horizontal: Sie wollen eine andere Wirtschaftsordnung, um eine andere Gesellschaftsordnung zu etablieren. Für Petrini reimt sich das auf Kommunismus, für Franziskus auf Christentum. Das Revival eines alten Traumes, der in den vergangenen 150 Jahren immensen Schaden angerichtet hat.
Der Papst, Franziskus, und der Kommunist, Carlo Petrini: Ihre Gemeinsamkeit ist horizontal: Sie wollen eine andere Wirtschaftsordnung, um eine andere Gesellschaftsordnung zu etablieren. Für Petrini reimt sich das auf Kommunismus, für Franziskus auf Christentum. Das Revival eines alten Traumes, der in den vergangenen 150 Jahren immensen Schaden angerichtet hat.

(Rom) Car­lo Petri­ni ist ein exzen­tri­scher Gour­met, Kom­mu­nist, Erfin­der der Slow­Food-Bewe­gung und Teil­neh­mer – zusam­men mit Muham­mad Yunus, Amar­thya Sen, Jef­frey Sachs, Vanda­na Shi­va und Ste­fa­no Zama­gni – an der im näch­sten Monat ange­setz­ten Assi­si-Ver­an­stal­tung „The Eco­no­my of Fran­ces­co“ (womit der Papst gemeint ist, nicht der hei­li­ge Franz von Assi­si). Zu die­sem Anlaß wird das Gesprächs­buch „Ter­ra futu­ra“ (Zukünf­ti­ge Erde) von Petri­ni mit Papst Fran­zis­kus über Öko­lo­gie und nach­hal­ti­ge Ent­wick­lung erscheinen.

Petri­ni, der mit sei­ner Slow­Food-Bewe­gung einen gewis­sen Ruhm erlang­te, deren Ziel es ist, „das Recht auf Genuß zu för­dern und die Zen­tra­li­tät des Essens und sei­nen gerech­ten Wert zu ver­tei­di­gen“, hat­te drei pri­va­te Tref­fen mit Papst Fran­zis­kus. Die dabei geführ­ten Gesprä­che goß er in ein Buch um, das im kom­men­den Monat erschei­nen wird. Bekannt ist das Buch­pro­jekt seit der Ama­zo­nas­syn­ode 2019. Damals arbei­te­ten die bei­den, laut Petri­ni, „schon eine Wei­le“ daran.

Wenn man die merk­wür­di­gen per­sön­li­chen Affi­ni­tä­ten des amtie­ren­den Pap­stes kennt – bei­spiels­wei­se sei­ne enge Freund­schaft mit Euge­nio Scal­fa­ri, dem Athe­isten aus frei­mau­re­ri­schem Haus und Grün­der von La Repub­bli­ca, der schon viel Tin­te ver­brauch­te, um ihm vom Papst anver­trau­te revo­lu­tio­nä­re Posi­tio­nen in die Öffent­lich­keit zu tra­gen –, wird es nie­man­den über­ra­schen zu erfah­ren, daß auch Petri­ni ein Agno­sti­ker und Kom­mu­nist ist. Er stammt aus der kom­mu­ni­sti­schen Par­tei der Pro­le­ta­ri­schen Ein­heit. Der Pferch der radi­ka­len Lin­ken wur­de von ihm nie ver­las­sen. Die sich für die Par­la­ments­wah­len 2018 im Bünd­nis Libe­ri e Ugua­li (Frei und gleich) neu orga­ni­sier­te, um die Drei-Pro­zent-Hür­de zu neh­men. Als Brüs­sel vor einem Jahr den Raus­wurf der Lega aus der ita­lie­ni­schen Regie­rung, und deren Erset­zung durch die Links­de­mo­kra­ten, unter­stütz­te, war es für das EU-Estab­lish­ment kein Pro­blem, daß seit­her auch die­ses Wahl­bünd­nis der „öko­lo­gi­schen Lin­ken“ (gemeint sind ver­schie­de­ne links­ra­di­ka­le, alt­kom­mu­ni­sti­sche und neo­kom­mu­ni­sti­sche Par­tei­en) am Regie­rungs­tisch sitzt. Selbst Petri­ni wur­de in den ver­gan­ge­nen Jah­ren mehr­fach als mög­li­cher Mini­ster genannt und hofiert, schließ­lich hat er auch am lin­ken Flü­gel der Links­de­mo­kra­ten vie­le Freunde.

Kontakte unter Kommunisten

Die Freund­schaft mit Papst Fran­zis­kus ist soli­de. Das Kir­chen­ober­haupt pflegt sie bevor­zugt mit Kom­mu­ni­sten. Wie eine sol­che zustan­de­kommt, ent­hüll­te 2017 ein Gesin­nungs­ge­nos­se, der Alt-Kom­mu­nist Ser­gio Stai­no. Des­sen poli­ti­sche Kar­rie­re, vor allem als sati­ri­scher Kari­ka­tu­rist, hat­te in den 60er und 70er Jah­ren als Agi­ta­tor sta­li­ni­sti­scher und mao­isti­scher Sek­ten begon­nen, wie die „Abweich­ler“ von der kom­mu­ni­sti­schen Par­tei­li­nie genannt wur­den, die jeden Augen­blick den Aus­bruch einer neu­en „Okto­ber­re­vo­lu­ti­on“ erwar­te­ten. Dann ging er doch auf Kurs und brach­te es in der Kom­mu­ni­sti­schen Par­tei Ita­li­ens, der größ­ten kom­mu­ni­sti­schen Par­tei des Westens, bis zum Chef­re­dak­teur der L’U­ni­tà, der von Anto­nio Gram­sci, dem ver­klär­ten KP-Vor­sit­zen­den und Revo­lu­ti­ons­theo­re­ti­ker, gegrün­de­ten Par­tei­zei­tung. Heu­te zeich­net der Ehren­prä­si­dent der ita­lie­ni­schen Ver­ei­ni­gung der Athe­isten und Agno­sti­ker UAAR sei­ne Kari­ka­tu­ren auch für Papst Fran­zis­kus bzw. für offi­zi­el­le Kir­chen­me­di­en. Da er fel­sen­fest behaup­tet, uner­schüt­ter­li­cher treu­er Kom­mu­nist und Gott­lo­ser geblie­ben zu sein, muß die Annä­he­rung von der ande­ren Sei­te gesche­hen sein.

Stai­no schil­der­te 2017, wie schon bald nach der Wahl von Fran­zis­kus zum Papst sein unge­wöhn­li­cher Kon­takt zum katho­li­schen Kir­chen­ober­haupt zustan­de­kam und daß es Car­lo Petri­ni war, der ihn vermittelte.

Am 28. Sep­tem­ber 2013 klin­gel­te bei Car­lo Petri­ni das Tele­fon. Der Anru­fer war „völ­lig über­ra­schend“ Papst Fran­zis­kus. Petri­ni ist der Grün­der der NGO Slow Food. Sie ver­steht sich als bewuß­te Gegen­be­we­gung zum uni­for­men und glo­ba­li­sier­ten Fast­food und för­dert daher die regio­na­le Land­wirt­schaft und Lebens­mit­tel­pro­duk­ti­on sowie die regio­na­le Küche. Die Idee ist grund­sätz­lich gut. Sie ent­stand aller­dings pri­mär aus anti­ame­ri­ka­ni­schen Grün­den („Gegen McDonald’s & Co.“). Petri­ni erzähl­te dem Papst bei die­ser Gele­gen­heit, daß Stai­nos Mut­ter 1948 von einem Prie­ster die Los­spre­chung ver­wei­gert wur­de, weil sie für die Kom­mu­ni­sti­sche Par­tei gestimmt hat­te. Der Papst „brach in lau­tes Geläch­ter aus“ und antwortete:

„Sagen Sie der Mut­ter Ihres Freun­des, daß sie, wenn sie will, die­se Abso­lu­ti­on von mir bekommt.“

Soweit Stai­nos Schil­de­rung, der nicht wider­spro­chen wur­de. Zugleich ent­hüll­te er, daß die Ver­bin­dung zwi­schen Fran­zis­kus und Car­lo Petri­ni noch älte­ren Datums ist. Die­ser nahm an den Tref­fen lin­ker „Volks­be­we­gun­gen“ teil, zu denen Papst Fran­zis­kus seit 2014 ein­lädt und arbei­te­te wie Vanda­na Shi­va und Jef­frey Sachs an der Aus­ar­bei­tung der Enzy­kli­ka Lau­da­to si‘ mit. 2019 zog ihn Fran­zis­kus als Audi­tor zur Ama­zo­nas­syn­ode hin­zu, wo er auf Wunsch des Pap­stes zu den Syn­oda­len spre­chen konnte.

Petri­ni schil­der­te am 16. Okto­ber 2019, als die Ama­zo­nas­syn­ode noch im Gan­ge war, wie es dazu kam: 

„Der Papst hat mich ange­ru­fen. Er hat mir gesagt, dort hin­zu­ge­hen. Ich habe akzep­tiert. Ich habe ihm aber erklärt, daß ich Agno­sti­ker bin. Und er … sag­te dar­auf, daß ich ein ‚from­mer Agno­sti­ker‘ bin. Also bin ich hingegangen.“

Sei­ne Groß­mutter sei „super­ka­tho­lisch“ gewe­sen, sein Groß­va­ter Sozia­list, der nach dem Ersten Welt­krieg zum Grün­der der ört­li­chen Sek­ti­on der Kom­mu­ni­sti­schen Par­tei sei­ner klei­nen Hei­mat­stadt Bra in Pie­mont wur­de. Ein Jahr vor Petri­ni war in Bra Emma Boni­no gebo­ren wor­den, jene Radi­kal­li­be­ra­le, die den Kampf gegen die Kir­che und für die Kul­tur des Todes, für Abtrei­bung, Eutha­na­sie und Dro­gen­frei­ga­be, aber auch für Homo­se­xua­li­sie­rung und Mas­sen­ein­wan­de­rung, zu ihrem Lebens­ziel machen soll­te. Damit brach­te sie es zur EU-Kom­mis­sa­rin, ita­lie­ni­schen Außen­mi­ni­ste­rin, Bil­der­ber­ge­rin und in den Stif­tungs­rat von Geor­ge Soros‘ Open Socie­ty Foun­da­ti­ons. Heu­te darf sie, dem neu­en Kli­ma unter Papst Fran­zis­kus sei Dank, sogar in Kir­chen reden. Boni­no spielt im Kreis der links­li­be­ra­len Glo­ba­li­sten in der ersten Liga. Papst Fran­zis­kus nann­te sie „eine ganz Gro­ße“. Da paßt auch Car­lo Petri­ni ins Bild, der mit Boni­no eine Rei­he von Ver­an­stal­tun­gen gemein­sam bestritt. Bei­de wur­den 2013 als mög­li­che Kan­di­da­ten für das Amt des ita­lie­ni­schen Staats­prä­si­den­ten ins Gespräch gebracht.

Das Buch über die „integrale Ökologie“

Car­lo Petri­ni, gebo­ren 1949 in Bra in Piemont

In dem Gesprächs­buch von Car­lo Petri­ni geht es zwar nicht um die Revo­lu­ti­on, aber natür­lich auch nicht um Gott. Das zen­tra­le The­ma ist die „inte­gra­le Öko­lo­gie“. Denn laut Petri­ni, wie er dem Cor­rie­re del­la Sera anver­trau­te, haben er, Gre­ta Thun­berg und Fran­zis­kus den Pla­ne­ten gerettet.

Petri­nis Begei­ste­rung für den Papst wur­de durch die Ver­öf­fent­li­chung der Enzy­kli­ka Lau­da­to si entzündet.

„Die­se Enzy­kli­ka ist für unse­re Kir­che so zen­tral, daß der Papst, der sie geschrie­ben hat, erst fünf Jah­re nach ihrer Ver­öf­fent­li­chung, aber dafür ein gan­zes Jahr, 2020, für ihr Stu­di­um proklamierte.“

Die iro­ni­schen Wor­te von Car­los Este­ban, Chef­re­dak­teur von Info­Va­ti­ca­na, las­sen sich auch auf Car­lo Petri­ni mün­zen, der wahr­schein­lich der erste Agno­sti­ker in der Kir­chen­ge­schich­te ist, der sich voll Eifer in die erste Rei­he schiebt, um der Welt eine päpst­li­che Enzy­kli­ka beizubringen.

Es dürf­te auch sel­ten vor­kom­men, daß jemand, der nicht gläu­big ist, mit dem Stell­ver­tre­ter Chri­sti so vie­le „gemein­sa­me Visio­nen“ teilt, die sich gegen die aktu­el­le Wirt­schafts­ord­nung rich­ten und aus den Mani­fest-Reden von Papst Fran­zis­kus an die Volks­be­we­gun­gen wie folgt zusam­men­fas­sen lassen:

  • Die­se Wirt­schaft tötet.
  • Die­se Wirt­schaft grenzt aus.
  • Die­se Wirt­schaft zer­stört unse­re Mut­ter Erde.

Die­se „Visio­nen“ sind alle dies­sei­tig. An erster Stel­le steht das Bewußt­sein, daß die Welt eine nie dage­we­se­ne Umwelt­kri­se durch­ma­che, gefolgt vom Lösungs­kon­zept, das Petri­ni begei­stert. Er for­mu­liert es unter Beru­fung auf Fran­zis­kus so:

„Es gibt kei­ne Öko­lo­gie ohne Gerech­tig­keit, für die Umwelt wird nicht Sor­ge getra­gen, wenn die Bezie­hun­gen zwi­schen den Men­schen durch ärger­li­che wirt­schaft­li­che und kul­tu­rel­le Ungleich­heit beein­träch­tigt wird.“

Das erklärt viel. Das ist Spra­che des Mar­xis­mus, und des­sen Lösungs­kon­zept ist auf tra­gi­sche Wei­se bekannt.

Car­lo Petri­ni als mili­tan­ter Kom­mu­nist in den 70er Jahren.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: MiL/InfoVaticana/IOD (Screen­shot)

2 Kommentare

  1. Öko­lo­gie und Öku­me­nis­mus ist die neue Reli­gi­on bei Fran­zis­kus, das ist kei­ne katho­li­sche Reli­gi­on mehr.

  2. Dan­ke für die­se aus­sa­ge­kräf­ti­ge Ana­ly­se. Sonst hört man dar­über im dt. Sprach­raum ja prak­tisch nichts.

    Mich erin­nern die Ber­go­glio­schen Blas­phe­mi­en immer öfter an Apk 13:
    11 Aus der Erde sah ich dann ein ande­res Tier auf­stei­gen. Es hat­te zwei Hör­ner wie ein Lamm, und es rede­te wie ein Drache.

    Er sieht aus wie ein Lamm, weiß geklei­det und in gespiel­ter Demut, und sagt die unge­heu­er­lich­sten Din­ge. Wird sich Papst em. Bene­dikt, Erfin­der der „Her­me­neu­tik der Kon­ti­nui­tät“ (zwangs­läu­fig geschei­tert), end­lich ein­mal durch­rin­gen, die­sen Wahn­sinn zu benen­nen und viel­leicht zu beenden?

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