Die Abriegelung des Heiligtums von Fatima

Roberto de Mattei über den Geist der Unterwerfung und die „verbannte“ Botschaft von Fatima

Das Marienheiligtum von Fatima. Erstmals in 103 Jahren seit der Marienerscheinung ist das Heiligtum am 13. Mai 2020 „gespenstisch“ leer.
Das Marienheiligtum von Fatima. Erstmals in 103 Jahren seit der Marienerscheinung ist das Heiligtum am 13. Mai 2020 „gespenstisch“ leer, weil Kirche und Politik es so wollten.

Von Rober­to de Mattei*

Kurz vor dem 103. Jah­res­tag der Erschei­nun­gen von Fati­ma wur­de bekannt, daß die por­tu­gie­si­sche Guar­da Nacio­nal Repu­bli­ca­na (GNR)[1] seit dem 9. Mai die Ope­ra­ti­on „Fati­ma zu Hau­se“ durch­führt, um den Zugang von Pil­gern am 13. Mai zum Mari­en­hei­lig­tum zu ver­hin­dern. Die Nach­richt wur­de vom Ein­satz­lei­ter Vítor Rodri­gues bekannt­ge­ge­ben, der die „fan­ta­sti­sche Hal­tung der Zusam­men­ar­beit“ der Ver­tre­ter der katho­li­schen Kir­che lob­te, mit denen die GNR seit „vie­len Wochen“ zusam­men­ar­bei­te. Im Zuge die­ser Abrie­ge­lungs-Ope­ra­ti­on wur­de das Hei­lig­tum von Fati­ma unter Über­wa­chung gestellt, die von 3500 Sol­da­ten der Natio­nal­gar­de durch­ge­führt wird, um sicher­zu­stel­len, daß sich kei­ne Gläu­bi­gen ohne trif­ti­gen Grund die­sem Ort nähern kön­nen. Das Gebet ist für die Behör­den offen­sicht­lich kein „trif­ti­ger Grund“. Nicht nur alle Wege, die zum Hei­lig­tum füh­ren, wur­den gesperrt, son­dern auch ande­re Andachts­or­te wie Alju­st­rel, der Geburts­ort von Lucia, Fran­cis­co und Jacin­ta, und Val­in­hos, am 19. August 1917 Ort der Erschei­nung. Dort wur­de sogar der Kreuz­weg abgeriegelt.

Man scheint sich an den Vor­abend der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on zurück­ver­setzt, als Jan­se­nis­mus, Gal­li­ka­nis­mus, Auf­klä­rung, auf­ge­klär­ter Katho­li­zis­mus – ver­schie­de­ne und hete­ro­ge­ne Kräf­te, aber ver­eint im Haß gegen die römi­sche Kir­che – im Schat­ten der Frei­mau­rer­lo­gen ihre Bemü­hun­gen mit­ein­an­der ver­knüpf­ten und ver­viel­fach­ten, um die reli­giö­se und sozia­le Ord­nung, auf der das Chri­sten­tum ruh­te, ein für alle Mal zu zerstören.

Die Beschrän­kung des kirch­li­chen Wir­kens auf den Bereich des Gewis­sens beruh­te auf der Idee, daß in der Gesell­schaft nur der Staat Auto­ri­tät habe. Aber die Kir­che ihrer öffent­li­chen Rol­le zu berau­ben, bedeu­tet, sie zum lang­sa­men Ersticken und schließ­lich zum Tode zu ver­ur­tei­len. Der Ver­tre­ter die­ser anti­ka­tho­li­schen Poli­tik in Por­tu­gal war José de Car­val­ho und Melo, Mar­quis von Pom­bal, ein füh­ren­der Ver­tre­ter der Frei­mau­re­rei und Regie­rungs­chef von 1750 bis 1777 unter der Herr­schaft von König Joseph I. von Bragan­za. In Öster­reich, den habs­bur­gi­schen Erb­lan­den, wur­de von 1780–1790 eine ähn­li­che Poli­tik von Joseph II. von Habs­burg-Loth­rin­gen (Kai­ser des Hei­li­gen Römi­schen Rei­ches von 1765–1790) ange­wandt und aus die­sem Grund auch „Jose­phi­nis­mus“ genannt. Der Herr­scher ernann­te Bischö­fe und Äbte, griff in das Leben der reli­giö­sen Orden ein und prä­sen­tier­te sich als Refor­mer der kirch­li­chen Dis­zi­plin. Die tra­di­tio­nell der Kir­che zuge­schrie­be­nen Rech­te wie Bil­dung und die Insti­tu­ti­on der Ehe wur­den vom Staat über­nom­men. Die Beschlag­nah­mung des Kir­chen­be­sit­zes, die Unter­drückung und Auf­he­bung von Klö­stern und Semi­na­ren, die Neu­ein­tei­lung der Diö­ze­sen, die minu­tiö­se Regu­lie­rung des Kul­tes, der dok­tri­nä­re Ein­fluß des Staa­tes auf die Aus­bil­dung des Kle­rus zugun­sten der hete­ro­do­xen Strö­mun­gen bil­de­ten den Höhe­punkt des Säku­la­ri­sie­rungs­pro­zes­ses der Habs­bur­ger­mon­ar­chie. Karl Lud­wig von Hal­ler schrieb dar­über den denk­wür­di­gen Satz: „Unter die­ser phi­lo­so­phi­schen Regie­rung gab es nichts Hei­li­ges mehr: weder Eigen­tum noch Natur­recht, noch Ver­spre­chen, noch Ver­trag oder Pri­vat­recht“ („Die Restau­ra­ti­on der Staats­wis­sen­schaft“, hier zitiert nach der ita­lie­ni­schen Über­set­zung, Utet, Turin 1963, Bd. 1, S. 280).

Der Unter­schied zwi­schen gestern und heu­te ist, daß damals die lai­zi­sti­sche Poli­tik von star­ken Regie­run­gen betrie­ben wur­de, manch­mal unter Mit­wir­kung der Bischö­fe, aber immer gegen die Kathe­dra von Rom. Und die Päp­ste ver­ur­teil­ten die­se Poli­tik aufs Schärf­ste. Heu­te hin­ge­gen wird eine ähn­li­che Poli­tik von schwa­chen und inkom­pe­ten­ten Regie­run­gen betrie­ben, häu­fig mit Hil­fe der Bischö­fe, aber immer mit der still­schwei­gen­den Zustim­mung der römi­schen Auto­ri­tät. Ein kla­res Wort von Papst Fran­zis­kus wür­de aus­rei­chen, um die­se anti­kle­ri­ka­len Manö­ver rück­gän­gig zu machen und dem „Volk Got­tes“ sei­ne Stim­me zurück­zu­ge­ben, das seit dem Auf­tre­ten des Coro­na­vi­rus nicht unter­wür­fig, son­dern leben­di­ger und wider­stands­fä­hi­ger als zuvor ist.

In einem Kon­text wach­sen­der Ver­wir­rung ist die Abrie­ge­lung des Hei­lig­tums von Fati­ma durch die por­tu­gie­si­sche Natio­nal­gar­de ein eben­so skan­da­lö­ses Ereig­nis wie die Schlie­ßung der Was­ser­becken von Lour­des am 1. März die­ses Jah­res. Die Haupt­ver­ant­wor­tung des Skan­dals liegt nicht bei der por­tu­gie­si­schen Mili­tär­po­li­zei, son­dern bei den kirch­li­chen Auto­ri­tä­ten – und dort an erster Stel­le bei Kar­di­nal Mar­to, dem Bischof von Lei­ria-Fati­ma –, die der staat­li­chen Macht die Zusam­men­ar­beit ange­bo­ten oder die­se viel­leicht sogar dar­um ersucht haben, den Pil­ger­strom zum Jah­res­tag der Erschei­nun­gen von Fati­ma zu verbieten.

Der heu­ti­ge Geist der Unter­wer­fung unter die Welt und ihre Kräf­te durch die por­tu­gie­si­schen Bischö­fe und durch Papst Fran­zis­kus läßt erah­nen, wie die­se Kir­chen­män­ner in Zukunft bereit sein wer­den, sich dem Islam zu unter­wer­fen und zu akzep­tie­ren, unter dem Scha­ria-Regime zu leben, das heißt, in der völ­li­gen Unter­ord­nung unter jene, die Euro­pa zum Land Moham­meds machen wollen.

Der Fall von Sil­via Roma­no, der ita­lie­ni­schen Frei­wil­li­gen, die am 20. Novem­ber 2018 in Kenia [von der Dschi­had­mi­liz al Shaba­ab] ent­führt und am 9. Mai 2020 in Soma­lia frei­ge­las­sen wur­de, ist emble­ma­tisch. Sil­via Roma­no, die mit einer gemein­nüt­zi­gen Orga­ni­sa­ti­on in Kenia war, tauch­te nach 18 Mona­ten Gefan­gen­schaft als über­zeug­te Koran-Anhän­ge­rin wie­der auf. Die Kir­che des Stadt­teils, in dem sie wohnt, emp­fing sie in Fest­stim­mung mit Sire­nen­ge­heul und Glocken­ge­läut. Für ihren Pfar­rer ist ihr Abfall vom Glau­ben offen­sicht­lich von gerin­ge­rer Bedeu­tung als ihre wie­der­ge­won­ne­ne Frei­heit. Heu­te scheint neben der Gesund­heit die Frei­heit das höch­ste Gut für alle zu sein. Im Fall von Sil­via Roma­no war die Rede vom „Stock­holm-Syn­drom“, einem beson­de­ren Zustand psy­chi­scher Abhän­gig­keit, der sich bei vie­len Opfern von Gewalt zeigt. Das Stock­holm-Syn­drom scheint heu­te der psy­cho­lo­gi­sche und mora­li­sche Zustand des Vati­kans und der mei­sten Bischofs­kon­fe­ren­zen gegen­über den säku­lar-frei­mau­re­ri­schen Mäch­ten des Westens und des sich auf dem Vor­marsch befin­den­den Islams zu sein.

Das wird durch die Tat­sa­che noch ver­schärft, daß die aller­se­lig­ste Jung­frau und Got­tes­mut­ter gera­de in Fati­ma zu Gebet und Buße, pri­vat und öffent­lich, auf­ge­for­dert hat, um die Stra­fen abzu­weh­ren, die über der Welt hän­gen. Aber am 13. Mai 2020 wird das Hei­lig­tum von Fati­ma, wie das von Lour­des und wie der Peters­dom zu Ostern, gespen­stisch leer sein. Wie könn­ten wir in die­sen sym­bo­li­schen Ereig­nis­sen nicht erken­nen, daß die gro­ßen Stra­fen näher­kom­men, die von der Got­tes­mut­ter selbst in Fati­ma ange­kün­digt wur­den? Das Ver­bot, daß die katho­li­schen Gläu­bi­gen ihre Hin­ga­be an die Got­tes­mut­ter in ihrem Hei­lig­tum öffent­lich zei­gen, bringt die Stun­de die­ser Bestra­fun­gen näher, die viel­leicht mit dem Coro­na­vi­rus bereits begon­nen haben. Die bevor­ste­hen­de Bestra­fung zu ver­ges­sen, um die „Erre­ger“ der Krank­heit zu jagen, kann uns in ein gefähr­li­ches Laby­rinth führen.

Wer nicht der Hand Got­tes in den Unglücken der Geschich­te gedenkt, zeigt, daß er die gött­li­che Gerech­tig­keit nicht liebt, und wer die Gerech­tig­keit Got­tes nicht liebt, ris­kiert, Sei­ne Barm­her­zig­keit nicht zu ver­die­nen. Die Abrie­ge­lung des Hei­lig­tums von Fati­ma erscheint, mehr noch als die Schlie­ßung eines Ortes, als woll­te man eine Bot­schaft zum Schwei­gen bringen.

*Rober­to de Mattei, Histo­ri­ker, Vater von fünf Kin­dern, Pro­fes­sor für Neue­re Geschich­te und Geschich­te des Chri­sten­tums an der Euro­päi­schen Uni­ver­si­tät Rom, Vor­sit­zen­der der Stif­tung Lepan­to, Autor zahl­rei­cher Bücher, zuletzt in deut­scher Über­set­zung: Ver­tei­di­gung der Tra­di­ti­on: Die unüber­wind­ba­re Wahr­heit Chri­sti, mit einem Vor­wort von Mar­tin Mose­bach, Alt­öt­ting 2017 und Das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil. Eine bis­lang unge­schrie­be­ne Geschich­te, 2. erw. Aus­ga­be, Bobin­gen 2011.

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ris­pon­den­za Romana


[1] Die Guar­da Nacio­nal Repu­bli­ca­na (Repu­bli­ka­ni­sche Natio­nal­gar­de) ist ver­gleich­bar den ita­lie­ni­schen Cara­bi­nie­ri eine Poli­zei­ein­heit, die Teil der por­tu­gie­si­schen Streit­kräf­te ist.

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