Kardinal Pells Warnung aus dem Gefängnis

Amazonassynode

Kardinal Pell, seit Februar im Gefängnis, warnt vor der Amazonassynode.
Kardinal Pell, seit Februar im Gefängnis, warnt vor der Amazonassynode.

(Can­ber­ra) Kar­di­nal Geor­ge Pell mel­de­te sich aus dem Gefäng­nis zu Wort und nahm zur Ama­zo­nas­syn­ode Stel­lung und warnt vor wei­te­rer „Ver­wir­rung“. Das Justiz­mi­ni­ste­ri­um ermit­telt nun gegen ihn wegen mög­li­cher Ver­stö­ße gegen die Straf­voll­zugs­ord­nung.

Der Twit­ter-Account Car­di­nal Geor­ge Pell Sup­por­ters ver­öf­fent­lich­te am ver­gan­ge­nen Frei­tag einen län­ge­ren, hand­ge­schrie­be­nen Brief des Kar­di­nals, in dem er auf zwei Sei­ten zur bevor­ste­hen­den Ama­zo­nas­syn­ode Stel­lung nimmt. Von dem Kar­di­nal nahe­ste­hen­der Sei­te wur­de die Echt­heit des Schrei­bens gegen­über CNA bestä­tigt.

Im Dezem­ber 2018 war Kar­di­nal Pell von einem Geschwo­re­nen­ge­richt in Austra­li­en schul­dig gespro­chen wor­den, Mit­te der 90er Jah­re zwei Mini­stran­ten sexu­ell miß­braucht zu haben. Pell war damals soeben in das Amt des Erz­bi­schofs von Mel­bourne ein­ge­führt wor­den. Spä­ter wur­de er Erz­bi­schof von Syd­ney und zum Kar­di­nal kre­iert. 2013 berief ihn Papst Fran­zis­kus für Ozea­ni­en in den C9-Kar­di­nal­s­rat und im Febru­ar 2014 zum Prä­fek­ten des neu­errich­te­ten Wirt­schafts­se­kre­ta­ri­ats.

Der Kar­di­nal, der 2017 aus dem Vati­kan nach Austra­li­en zurück­kehr­te, um sich vor Gericht gegen die Vor­wür­fe zu ver­tei­di­gen, leg­te Beru­fung gegen das Urteil ein. Nach des­sen Ver­laut­ba­rung wur­de Pell Ende Febru­ar ver­haf­tet. Das Straf­maß wur­de mit sechs Jah­ren fest­ge­legt. Der Kar­di­nal ver­zich­te­te dar­auf, Haus­ar­rest zu bean­tra­gen, bis das Urteil rechts­kräf­tig wird, son­dern ent­schied sich, im Gefäng­nis zu blei­ben. Seit­her sitzt er im Mel­bourne Assess­ment Pri­son ein.

Im Juni begann das Beru­fungs­ver­fah­ren, das vor­erst ver­tagt wur­de.

Kar­di­nal Pell ist der welt­weit rang­höch­ste, katho­li­sche Kir­chen­ver­tre­ter, der bis­her ver­ur­teilt und ein­ge­sperrt wur­de. Das erst­in­stanz­li­che Ver­fah­ren gegen ihn weißt eine Rei­he von Unge­reimt­hei­ten auf. Die Ankla­ge lau­tet auf zeit­glei­chen Miß­brauch zwei­er Opfer. Tat­säch­lich beruht die Anschul­di­gung nur auf der Aus­sa­ge eines mög­li­chen Opfers. Das zwei­te poten­ti­el­le Opfer ist bereits tot. Des­sen Mut­ter beteu­ert, daß ihr Sohn nie sexu­ell miß­braucht wur­de. Die Geschich­te sei erfun­den.

Dafür spre­chen vor allem Tat­ort und Tat­um­stän­de. Der sexu­el­le Miß­brauch habe an einem hohen, kirch­li­chen Fei­er­tag direkt nach der Lit­ur­gie in der Sakri­stei der Kathe­dra­le statt­ge­fun­den. Dort hät­ten sich zu die­sem Zeit­punkt, da der neue Erz­bi­schof anwe­send war, zahl­rei­che Per­so­nen auf­hal­ten müs­sen. Die Umstän­de sind aus­ge­spro­chen zwei­fel­haft. Selbst der vor­sit­zen­de Rich­ter bezeich­ne­te die Tat­um­stän­de als „äußerst unwahr­schein­lich“.

Beob­ach­ter spre­chen zudem von zwei Auf­fäl­lig­kei­ten. Die austra­li­schen Medi­en haben den Kar­di­nal in regel­rech­ten Kam­pa­gnen jah­re­lang vor­ver­ur­teilt. Im Vor­feld des Straf­ver­fah­rens war eine Art „Wett­kampf“ eini­ger Medi­en ent­stan­den, als woll­ten sie die Ver­ur­tei­lung des Kir­chen­für­sten gera­de­zu her­bei­füh­ren. Genau die­se Hal­tung wur­de, so der Ein­druck, von den Geschwo­re­nen über­nom­men.

Die zwei­te Auf­fäl­lig­keit betrifft inner­va­ti­ka­ni­sche Vor­gän­ge rund um die Finanz­ge­ba­rung vati­ka­ni­scher Stel­len, beson­ders der Apo­sto­li­schen Güter­ver­wal­tung APSA. Kar­di­nal Pell hat­te als Prä­fekt des Wirt­schafts­se­kre­ta­ri­ats eini­ge ver­däch­ti­ge Vor­gän­ge ent­deckt, die er unter­su­chen las­sen woll­te. Gegen ihn wur­de aber schon erfolg­reich intri­giert, noch bevor er sei­nen neu­en Arbeits­platz im Vati­kan bezo­gen hat­te. Papst Fran­zis­kus, der ihn ernannt hat­te – was Beob­ach­ter wegen unter­schied­li­cher Posi­tio­nen ohne­hin ver­wun­der­te –, ließ ihn fal­len und demon­tier­te sei­ne Zustän­dig­kei­ten. In Rom hält sich hart­näckig das Gerücht, die Straf­ver­fol­gung gegen Kar­di­nal Pell sei nicht von Austra­li­en aus­ge­gan­gen, son­dern von Rom.

Kardinal Pells Warnung

Der nun ver­öf­fent­lich­te, hand­ge­schrie­be­ne Brief, der auf Twit­ter als „Hir­ten­brief“ bezeich­net wird, wur­de am 1. August ver­faßt. Die austra­li­schen Straf­voll­zugs­be­hör­den ermit­teln nun, wie der Brief das Gefäng­nis ver­las­sen hat und an die Öffent­lich­keit gelang­te, da die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mög­lich­kei­ten des Kar­di­nals ein­ge­schränkt sind und behörd­li­cher Auf­sicht unter­lie­gen.

In sei­nem Schrei­ben betont Kar­di­nal Pell, daß ihn die Vor­be­rei­tun­gen zur Ama­zo­nas­syn­ode „ver­stört“ hät­ten. Er warnt davor, wei­te­re „Ver­wir­rung“ in der Kir­che zuzu­las­sen.

In dem Brief bedankt er sich zudem für die Gebe­te. Durch den Glau­ben und durch die Gebe­te der Gläu­bi­gen wer­de er in der Haft gestärkt und opfe­re sein Leid im Gefäng­nis auf für das Wohl der Kir­che. Das Wis­sen, daß sein beschei­de­nes Lei­den für Gutes genützt wer­den kann, indem er sich mit dem Lei­den Jesu ver­bin­det, „gibt mir Sinn und Ori­en­tie­rung“.

Die zen­tra­len Aus­sa­gen sei­nes Schrei­bens sind jedoch der Ama­zo­nas­syn­ode gewid­met.

Das im Juni ver­öf­fent­lich­te Instru­men­tum labo­ris, das Arbeits­do­ku­ment, das Grund­la­ge der im Okto­ber statt­fin­den­den Syn­ode sein wird, „ist Anlaß, ver­stört zu sein“.

Das Doku­ment, das bereits hef­ti­ge Kri­tik und Pole­mik aus­lö­ste, sieht die Mög­lich­keit vor, den prie­ster­li­chen Zöli­bat de fac­to auf­zu­he­ben und im Namen des Prie­ster­man­gels ver­hei­ra­te­te Män­ner zu wei­hen. Das Arbeits­do­ku­ment begrün­det die­sen Vor­stoß mit der Ver­wirk­li­chung „einer Kir­che mit indi­ge­nem Gesicht“.

Zudem nennt das Instru­men­tum labo­ris als Ziel die Ein­füh­rung von Dienst­äm­tern für Frau­en in einer „Ama­zo­nas-Kir­che“. Bei­de Zie­le, Abschaf­fung des Zöli­bats und Frau­en­prie­ster­tum, sind aber kei­ne For­de­run­gen der besten­falls noch 300.000 im Urwald leben­den Ama­zo­nas-Indi­os, son­dern For­de­run­gen des „klas­si­schen Moder­nis­mus“, wie Kar­di­nal Wal­ter Brand­mül­ler es for­mu­lier­te. Kri­ti­ker sehen in der Ama­zo­nas­syn­ode den ver­spä­te­ten Ver­such, doch noch zen­tra­le For­de­run­gen der kirch­li­chen 68er-Bewe­gung durch­zu­set­zen, die eine „ande­re Kir­che“ zum Ziel haben.

Kar­di­nal Pell ist besorgt über die­se Ent­wick­lung, auf die er seit 2017 gar kei­nen und zuvor bereits nur mehr ein­ge­schränk­ten Ein­fluß hat­te. Über das Arbeits­do­ku­ment schreibt er:

„Das ist das qua­li­ta­tiv min­der­wer­tig­ste Doku­ment, das vom Syn­oden­se­kre­ta­ri­at erstellt wur­de.“

Gemeint ist damit das Gene­ral­se­kre­ta­ri­at der Bischofs­syn­ode, das von Kar­di­nal Loren­zo Bal­dis­se­ri, einem der eng­sten Ver­trau­ten von Papst Fran­zis­kus, gelei­tet wird.

Kar­di­nal Pell ver­weist auf die „aus­ge­zeich­ne­te Kri­tik“, die Kar­di­nal Ger­hard Mül­ler, der ehe­ma­li­ge Prä­fekt der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on zum Arbeits­do­ku­ment vor­leg­te. Kar­di­nal Mül­ler gehört, wenn auch auf ande­re Wei­se, wie Pell zu den unter Papst Fran­zis­kus unsanft aus der Kir­chen­füh­rung ent­fern­ten Kar­di­nä­len. Dabei fällt auf, daß die Bruch­li­nie nicht zufäl­li­ger oder etwa mensch­li­cher Natur ist, son­dern einer ande­ren Bruch­li­nie folgt, jener zwi­schen einem unter­schied­li­chen Kir­chen­ver­ständ­nis.

Der austra­li­sche Kar­di­nal betont zwar, „kein Exper­te“ für die Ama­zo­nas­re­gi­on zu sein, ver­weist aller­dings, sie bereits bereist zu haben, also durch­aus über eini­ge Kennt­nis aus eige­ner Anschau­ung ver­fügt.

„Ein Punkt ist grund­le­gend: Die apo­sto­li­sche Tra­di­ti­on, die Leh­re Jesu und der Apo­stel, die vom Neu­en Testa­ment über­nom­men und vom Lehr­amt von Päp­sten und Kon­zi­len gelehrt wur­de, ist das ein­zi­ge lehr­mä­ßi­ge Kri­te­ri­um, das für alle Lehr­aus­sa­gen zur Glau­bens­leh­re und Glau­bens­pra­xis gül­tig ist.“

Kar­di­nal Pell mahnt in sei­nem Schrei­ben zur Not­wen­dig­keit, die Ein­heit in der Leh­re Jesu Chri­sti zu bewah­ren.

„Ama­zo­nas oder nicht, in kei­nem darf die Kir­che Ver­wir­rung zulas­sen, geschwei­ge denn gegen­tei­li­ge Leh­ren zur Schä­di­gung der apo­sto­li­schen Tra­di­ti­on.“

Der Brief ist das Ergeb­nis erkenn­ba­rer Sor­ge um das Wohl der Kir­che. Er stammt von einem Kar­di­nal, der unter zwei­fel­haf­ten Umstän­den im Gefäng­nis sit­zen muß. Wie lan­ge wer­den die vie­len Kar­di­nä­le noch schwei­gen, die sich nicht in einer so miß­li­chen Lage befin­den?

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Twit­ter (Screen­shot)