„Sie merken nicht, daß sie die Kirche zerstören“

Kardinal Müller über das Instrumentum laboris der Amazonassynode:

Kardinal Müller: „Gott steht über allem Geschaffenen“.
Kardinal Müller: „Gott steht über allem Geschaffenen“.

(Rom) „Die Ama­zo­nas­syn­ode ist ein Vor­wand, um die Kir­che zu ver­än­dern, und die Tat­sa­che, daß sie in Rom statt­fin­det, will den Beginn einer neu­en Kir­che unter­strei­chen.“ Mit die­sen Wor­ten kri­ti­siert Kar­di­nal Ger­hard Mül­ler die bevor­ste­hen­de Son­der­syn­ode über das Ama­zo­nas-Tief­land, des­sen Agen­da dunk­le Schat­ten vor­aus­wirft. Der ehe­ma­li­ge Glau­bens­prä­fekt bestä­tigt die Befürch­tung, daß die von Papst Fran­zis­kus für kom­men­den Okto­ber ein­be­ru­fe­ne Syn­ode eine „ande­re Kir­che“ zum Ziel hat.

Vor Kar­di­nal Mül­ler hat­te bereits Kar­di­nal Wal­ter Brand­mül­ler ein ver­nich­ten­des Urteil über das Instru­men­tum labo­ris, das Arbeits­do­ku­ment der Ama­zo­nas­syn­ode gefällt, das Grund­la­ge der Syn­ode sein wird. Das Arbeits­do­ku­ment wur­de von Papst Fran­zis­kus geneh­migt und ent­spricht somit sei­nem Willen.

Auch ande­re katho­li­sche Per­sön­lich­kei­ten und Medi­en haben die Syn­oden­vä­ter, deren genaue Zusam­men­set­zung noch nicht bekannt ist, bereits auf­ge­ru­fen, das Arbeits­do­ku­ment abzulehnen.

Ric­car­do Cascio­li, der Chef­re­dak­teur der katho­li­schen Online-Tages­zei­tung La Nuo­va Bus­so­la Quo­ti­dia­na (NBQ), ver­öf­fent­lich­te gestern dazu ein Inter­view mit Kar­di­nal Müller.

Cascio­li: Emi­nenz, Sie sagen: „Sie wol­len die Kir­che ver­än­dern“, wel­ches sind die kla­re Signa­len eines sol­chen Willens?

Kar­di­nal Müller: Der Ansatz des Instru­men­tum laboris ist eine ideo­lo­gi­sche Sicht­wei­se, die kei­nen direk­ten Zusam­men­hang mit dem theo­lo­gi­schen Ansatz zur Selb­stof­fenba­rung Got­tes in Jesus Chri­stus, dem fleisch­ge­wor­de­nen Wort, wah­rer Gott und wah­rer Mensch, hat. Sie wol­len die Welt ret­ten, aber nach ihren Vor­stel­lun­gen, indem sie viel­leicht eini­ge Ele­men­te der Hei­li­gen Schrift und der apo­sto­li­schen Tra­di­ti­on ver­wen­den. Nicht von unge­fähr fin­det sich dar­in, obwohl von Offen­ba­rung, Schöp­fung, Sakra­men­ten und dem Ver­hält­nis zur Welt die Rede ist, fast kein sub­stan­ti­el­ler Bezug zu den Tex­ten des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils, die die­se Aspek­te defi­nie­ren. Dei Ver­bum, Lumen Gen­ti­um, Gau­di­um et Spes. Man redet nicht von der Wur­zel der Men­schen­wür­de, der Uni­ver­sa­li­tät des Heils, der Kir­che als uni­ver­sa­les Sakra­ment der Ret­tung der Welt. Es fin­den sich nur pro­fa­ne Ideen, über die man auch dis­ku­tie­ren kann, aber sie haben nichts mit der Offen­ba­rung zu tun.

Cascio­li: In die­sem Zusam­men­hang scheint mir wich­tig, die Nr. 39 des Instru­men­tum labo­ris zu erwäh­nen, wo von einem „gro­ßen und not­wen­di­gen Bereich des Dia­logs zwi­schen den Spi­ri­tua­li­tä­ten, den Bekennt­nis­sen und den Reli­gio­nen des Ama­zo­nas“ die Rede ist, was „eine freund­schaft­li­che Annä­he­rung der ver­schie­de­nen Kul­tu­ren ver­langt“. Und es heißt wei­ter: „Die nicht ehr­li­che Öff­nung gegen­über dem Ande­ren sowie eine kor­po­ra­ti­ve Hal­tung, die das Heil exklu­siv dem eige­nen Cre­do vor­be­hält, sind destruk­tiv, selbst für das eige­ne Credo.“

Kar­di­nal Mül­ler: Sie behan­deln unser Cre­do, als hand­le es sich dabei um unse­re euro­päi­sche Mei­nung. Das Cre­do ist aber die vom Hei­li­gen Geist erleuch­te­te Ant­wort auf die Offen­ba­rung Got­tes in Jesus Chri­stus, der in der Kir­che lebt. Es gibt kein ande­res Cre­do. Es gibt hin­ge­gen ande­re phi­lo­so­phi­sche Über­zeu­gun­gen oder mytho­lo­gi­sche Aus­drucks­for­men, aber nie­mand hat je zu sagen gewagt, daß bei­spiels­wei­se die Weis­heit des Pla­ton eine Offen­ba­rung Got­tes ist. In der erschaf­fe­nen Welt mani­fe­stiert Gott nur sei­ne Exi­stenz, sein Sein als Bezugs­punkt des Gewis­sens, des Natur­rechts, aber es gibt kei­ne ande­re Offen­ba­rung außer die von Jesus Chri­stus. Das Ver­ständ­nis von Lógos sper­ma­ti­kòs (die „Samen des Wor­tes“), vom Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil auf­ge­grif­fen, bedeu­tet nicht, daß die Offen­ba­rung Jesu Chri­sti in allen Kul­tu­ren unab­hän­gig von Jesus Chri­stus exi­stiert, so als sei Jesus nur eines die­ser Ele­men­te der Offen­ba­rung. Der hei­li­ge Justi­nus der Mär­ty­rer lehn­te alle heid­ni­schen Mytho­lo­gien ab und sag­te, daß die Ele­men­te der Wahr­heit in den Phi­lo­so­phien Eigen­tum Chri­sti sind (II Apol. 13), in dem alle Schät­ze der Weis­heit und der Erkennt­nis sind (Col 2,3).

Cascio­li: Also stim­men Sie mit Kar­di­nal Brand­mül­ler über­ein, wenn die­ser im Zusam­men­hang mit die­sem Doku­ment von „Häre­sie“ spricht?

Kar­di­nal Müller: Häre­sie? Nicht nur, es ist auch ein Man­gel an theo­lo­gi­scher Refle­xi­on. Der Häre­ti­ker kennt die katho­li­sche Glau­bens­leh­re und wider­spricht ihr. Hier aber macht man nur eine gro­ße Ver­wir­rung, und das Zen­trum von allem ist nicht Jesus Chri­stus, son­dern sind sie selbst und ihre mensch­li­chen Ideen zur Ret­tung der Welt.

Cascio­li: Im Doku­ment wird als Modell der ganz­heit­li­chen Öko­lo­gie die „Kos­mo­vi­si­on“ der indi­ge­nen Völ­ker ver­tre­ten, die eine Kon­zep­ti­on sei, laut der Gei­ster und Gott­hei­ten „mit und im Ter­ri­to­ri­um mit der Natur und im Ver­hält­nis zu die­ser wir­ken“. Und sie wird mit dem „Man­tra von Fran­zis­kus: ‚Alles ist mit­ein­an­der ver­bun­den‘“ (Nr. 25) in Zusam­men­hang gebracht.

Kar­di­nal Müller: Die „Kos­mo­vi­si­on“ ist eine pan-natu­ra­li­sti­sche oder – im moder­nen, euro­päi­schen Kon­text – eine mate­ria­li­sti­sche Kon­zep­ti­on, die jener des Mar­xis­mus ähnelt: Am Ende kön­nen wir tun, was wir wol­len. Gott ist nicht die Natur, wie es Baruch de Spi­no­za (1632–1677) for­mu­lier­te. Wir aber glau­ben an Gott, den Schöp­fer des Uni­ver­sums. Die Schöp­fung exi­stiert für die Ver­herr­li­chung Got­tes, aber sie ist auch eine Her­aus­for­de­rung für uns, die wir geru­fen sind, mit dem heil­brin­gen­den Wil­len Got­tes für alle Men­schen zusam­men­zu­ar­bei­ten. Unse­re Auf­ga­be ist es nicht, die Natur zu bewah­ren, so wie sie ist. Wir haben viel­mehr die Ver­ant­wor­tung für den Fort­schritt der Mensch­heit in der Erzie­hung, der sozia­len Gerech­tig­keit, für den Frie­den zwi­schen den Völ­kern. Des­halb bau­en die Katho­li­ken Schu­len und Kran­ken­häu­ser, denn auch das ist Teil der Mis­si­on der Kir­che. Man kann nicht die Natur idea­li­sie­ren, als wäre der Ama­zo­nas eine Art Para­dies, denn die Natur ist nicht immer freund­lich gegen­über dem Men­schen. Im Ama­zo­nas gibt es wil­de Tie­re, Infek­tio­nen, Krank­hei­ten. Und auch die dor­ti­gen Kin­der und Jugend­li­chen haben ein Recht auf eine gute Aus­bil­dung und den Zugang zu einer moder­nen Medi­zin. Man kann nicht nur die tra­di­tio­nel­le Medi­zin idea­li­sie­ren, wie es in die­sem Syn­oden­do­ku­ment geschieht. Eine Sache ist es, Kopf­schmer­zen zu behan­deln, eine ande­re Sache ist es aber, wenn es um ern­ste Krank­hei­ten und kom­pli­zier­te Ope­ra­tio­nen geht. Der Mensch hat nicht nur das Recht, son­dern auch die Pflicht, alles zu tun, die Gesund­heit zu erhal­ten oder wie­der­her­zu­stel­len. Auch das Kon­zil wer­tet die moder­ne Wis­sen­schaft auf, weil wir dank ihr vie­le Krank­hei­ten besiegt, die Kin­der­sterb­lich­keits­ra­te gesenkt und die Gefah­ren für die Müt­ter redu­ziert haben. Die moder­ne Tech­nik ist ja nicht an sich des Teu­fels, hat aber dazu zu die­nen, die vie­len Pro­ble­me der mensch­li­chen Exi­stenz zu lösen. Die Chri­sten haben eine Ver­ant­wor­tung für die För­de­rung des zeit­li­chen All­ge­mein­wohls (Gau­di­um et Spes, 34ff), ohne es aber mit dem ewi­gen Heil zu verwechseln.

Cascio­li: Die tra­di­tio­nel­len Kul­tu­ren und Reli­gio­nen der indi­ge­nen Ama­zo­nas­völ­ker wer­den aber als Modell der Har­mo­nie mit der Natur beschrieben.

Kar­di­nal Mül­ler: Seit der Ursün­de gibt es kei­ne Har­mo­nie mehr mit der Natur. Oft ist sie der Feind des Men­schen, in jedem Fall aber ist sie ambi­va­lent. Den­ken wir an die vier Ele­men­te: Erde, Feu­er, Was­ser und Luft. Erd­be­ben, Brän­de, Über­schwem­mun­gen, Stür­me sind alles Aus­drucks­for­men der Natur und Gefah­ren für den Men­schen. Der Mensch sei­ner­seits ist zum Feind sei­nes Bru­ders gewor­den anstatt sein Freund zu sein (Ehe­bruch, Raub, Lüge, Mord, Krieg). „Denn wir wis­sen, daß die gesam­te Schöp­fung bis zum heu­ti­gen Tag seufzt und in Geburts­we­hen liegt. Aber auch wir, obwohl wir als Erst­lings­ga­be den Geist haben, seuf­zen in unse­rem Her­zen und war­ten dar­auf, daß wir mit der Erlö­sung unse­res Lei­bes als Söh­ne offen­bar wer­den“ (Röm 8,22–23).

Cascio­li: Alles wird mit dem Schlüs­sel einer ver­pflich­ten­den „öko­lo­gi­schen Umkehr“ gelesen…

Kar­di­nal Müller: Wir müs­sen auf abso­lu­te Wei­se Begrif­fe wie „öko­lo­gi­sche Umkehr“ ableh­nen. Es gibt nur die Umkehr zum Herrn, und als Kon­se­quenz gibt es auch das Wohl der Natur. Wir kön­nen nicht aus dem Öko­lo­gis­mus eine neue Reli­gi­on machen. Da sind wir bei einem pan­the­isti­schen Ver­ständ­nis, das abzu­leh­nen ist. Der Pan­the­is­mus ist nicht nur eine Theo­rie über Gott, son­dern auch Ver­ach­tung des Men­schen. Der Gott, der mit der Natur gleich­ge­setzt wird, ist kei­ne Per­son. Der Schöp­fer­gott aber hat uns nach Sei­nem Eben­bild erschaf­fen. Im Gebet haben wir eine Bezie­hung zu Gott, der uns zuhört, der ver­steht, was wir brau­chen, und nicht einen Mysti­zis­mus, in dem wir die per­sön­li­che Iden­ti­tät auf­lö­sen kön­nen. „Denn ihr habt nicht einen Geist emp­fan­gen, der euch zu Skla­ven macht, so daß ihr euch immer noch fürch­ten müß­tet, son­dern ihr habt den Geist emp­fan­gen, der euch zu Söh­nen macht, den Geist, in dem wir rufen: Abba, Vater!“ (Röm 8,15).

Die im März 2018 von Papst Franziskus eingesetzte Vorsynoden-Kommission, mit den Kardinälen Hummes und Baldisseri an der Spitze.
Die im März 2018 von Papst Fran­zis­kus ein­ge­setz­te Vor­syn­oden-Kom­mis­si­on, mit den Kar­di­nä­len Hum­mes und Bal­dis­se­ri an der Spitze.

Cascio­li: Und man soll die „Mut­ter Erde“ achten.

Kar­di­nal Müller: Unse­re Mut­ter ist eine Per­son und nicht die Erde. Und unse­re Mut­ter im Glau­ben ist Maria. Auch die Kir­che ist als Mut­ter beschrie­ben, da sie Braut Jesu Chri­sti ist. Die­se Wor­te dür­fen nicht infla­tio­när gebraucht wer­den. Eine Sache ist es, Respekt für alle Ele­men­te die­ser Welt zu haben, ein ganz ande­re, sie zu idea­li­sie­ren und zu ver­göt­tern. Die­se Gleich­set­zung Got­tes mit der Natur ist eine Form von Athe­is­mus, weil Gott von der Natur unab­hän­gig ist. Sie [die Autoren] igno­rie­ren völ­lig die Schöpfung.

Cascio­li: Bereits zu Beginn der 80er Jah­re des vori­gen Jahr­hun­derts sah der dama­li­ge Kar­di­nal Ratz­in­ger, daß in den Kir­chen nicht mehr über die Schöp­fung gepre­digt wur­de, und er sah die dra­ma­ti­schen Kon­se­quen­zen voraus.

Kar­di­nal Müller: In der Tat ent­ste­hen alle die­se Irr­tü­mer wegen der Ver­wir­rung zu Schöp­fer und Geschöpf, wegen der Gleich­set­zung Got­tes mit der Natur, was unter ande­rem den Poly­the­is­mus her­vor­bringt, weil jedem Natur­ele­ment eine Gott­heit zuge­schrie­ben wird. Gott aber ist nicht Teil sei­nes Wer­kes. Er ist sou­ve­rän und steht über allen geschaf­fe­nen Din­gen. Das ist kei­ne Ver­ach­tung, son­dern Hoch­ach­tung der Natur. Ein grund­le­gen­des Axi­om der katho­li­schen Theo­lo­gie sagt: Gra­tia non tol­lit naturam sed per­fi­cit eam (Tho­mas von Aquin, Sum­ma theo­lo­giae I, q. 1 a.8). Und die Men­schen sind nicht mehr Skla­ven der Ele­men­te, sie müs­sen nicht mehr den Gott des Feu­ers anbe­ten oder dem Feu­er­gott Opfer brin­gen, um uns mit einem Ele­ment zu ver­söh­nen, das uns angst macht. Der Mensch ist end­lich frei.

Cascio­li: In die­ser pan­the­isti­schen Sicht­wei­se, die sich das Instru­men­tum labo­ris zu eigen macht, ist  auch eine Kri­tik am Anthro­po­zen­tris­mus zu erken­nen, den die Kir­che kor­ri­gie­ren solle.

Kar­di­nal Mül­ler: Es ist eine absur­de Idee, behaup­ten zu wol­len, daß Gott nicht anthro­po­zen­trisch sei. Der Mensch ist der Mit­tel­punkt der Schöp­fung, und Jesus ist Mensch gewor­den. Er ist nicht eine Pflan­ze gewor­den. Das ist eine Häre­sie gegen die Men­schen­wür­de. Die Kir­che muß viel­mehr den Anthro­po­zen­tris­mus beto­nen. Das Leben des Men­schen ist unend­lich wür­di­ger als das Leben egal wel­chen Tie­res. Heu­te gibt es bereits einen Umsturz die­ses Prin­zips: Wenn ein Löwe in Afri­ka getö­tet wird, ist das ein welt­wei­tes Dra­ma, wenn aber hier die Kin­der im Mut­ter­leib getö­tet wer­den, ist das in Ord­nung. Auch Sta­lin behaup­te­te, daß die­se Zen­tra­li­tät der Men­schen­wür­de zu besei­ti­gen sei; so konn­te er vie­le Men­schen rufen, um einen Kanal zu gra­ben und sie zum Wohl der künf­ti­gen Genera­tio­nen ster­ben zu las­sen. Dafür nüt­zen die­se Ideo­lo­gien, damit eini­ge über alle ande­ren herr­schen kön­nen. Gott aber ist anthro­po­zen­trisch, die Mensch­wer­dung ist anthro­po­zen­trisch. Die Ableh­nung des Anthro­po­zen­tris­mus rührt von einem Haß her auf sich selbst und auf die ande­ren Men­schen. Der Mensch in Chri­stus als Sohn des Vaters ist theo­zen­trisch, aber nie kos­mo­zen­trisch. Die Lie­be zu Gott über alles und die Lie­be zum Näch­sten, das ist das Gra­vi­ta­ti­ons­feld der mensch­li­chen Existenz.

Cascio­li: Ein ande­res magi­sches Wort von Instru­men­tum labo­ris ist die Inkul­tu­ra­ti­on, die mehr­fach mit der Inkar­na­ti­on in Ver­bin­dung gebracht wird.

Kar­di­nal Mül­ler: Die Inkar­na­ti­on fast als Syn­onym für Inkul­tu­ra­ti­on zu gebrau­chen, ist die erste Mysti­fi­zie­rung. Die Mensch­wer­dung ist ein ein­ma­li­ges, unwie­der­hol­ba­res Ereig­nis. Es ist das Wort, das sich in Jesus Chri­stus inkar­niert. Gott hat sich nicht in der jüdi­schen Reli­gi­on inkar­niert, er hat sich nicht in Jeru­sa­lem inkar­niert; Jesus Chri­stus ist ein­zig­ar­tig. Das ist ein grund­le­gen­der Punkt, weil die Sakra­men­te von der Inkar­na­ti­on abhän­gen. Sie sind Gegen­wart des fleisch­ge­wor­de­nen Wor­tes. Man darf bestimm­te Begrif­fe nicht miß­brau­chen, die im Chri­sten­tum von zen­tra­ler Bedeu­tung sind. Die Kir­che drückt sich in den Sym­bo­len der Kate­che­se und in der sekun­dä­ren Lit­ur­gie in den For­men der ver­schie­de­nen Kul­tu­ren aus. Die sakra­men­ta­len Sym­bo­le (Wort und Zei­chen) aber füh­ren die über­na­tür­li­che Gna­de des gegen­wär­ti­gen Chri­stus aus. Des­halb darf man die Lit­ur­gie nicht ver­ach­ten als „ein Muse­ums­stück oder Besitz von weni­gen“ (Nr. 124). Die „Sub­stanz der Sakra­men­te“ ist wich­ti­ger als die sekun­dä­ren Riten und kann nicht durch die kirch­li­che Auto­ri­tät geän­dert wer­den (Kon­zil von Tri­ent, 21. Sess., 1562, DH 1728).

Cascio­li: Keh­ren wir zur Inkul­tu­ra­ti­on zurück: Aus dem Syn­oden­do­ku­ment geht her­vor, daß alle Glau­bens­for­men der indi­ge­nen Völ­ker, ihre Riten und ihre Gebräu­che anzu­neh­men sind. Man fin­det sogar einen Bezug, wie sich das frü­he Chri­sten­tum in die grie­chi­sche Welt inkul­turiert hat. Und es heißt, so wie man es damals gemacht hat, so muß man es heu­te mit dem Volk des Ama­zo­nas machen.

Kar­di­nal Mül­ler: Die katho­li­sche Kir­che hat aber nie die grie­chi­schen und römi­schen Mythen akzep­tiert. Im Gegen­teil: Sie hat eine Gesell­schaft abge­lehnt, die mit der Skla­ve­rei die Men­schen ver­ach­te­te. Sie hat die impe­ria­li­sti­sche Kul­tur Roms abge­lehnt und die Päd­era­stie, die für die Grie­chen typisch war. Die Kir­che hat sich auf das Den­ken der grie­chi­schen Kul­tur bezo­gen, das soweit gelangt war, Ele­men­te zu erken­nen, die dem Chri­sten­tum über den Ver­stand den Weg öff­ne­ten. Das Ver­hält­nis zwi­schen geof­fen­bar­tem Glau­ben und mensch­li­chem Intel­lekt ist die Basis unse­rer Bezie­hung zu Gott, Ursprung und Ende der gan­zen Schöp­fung. Ari­sto­te­les hat nicht die zehn Kate­go­rien erfun­den: Sie exi­stie­ren bereits im Sein; er hat sie ent­deckt. So wie es in der moder­nen Wis­sen­schaft geschieht. Das betrifft nicht nur den Westen, es ist viel­mehr die Ent­deckung eini­ger Struk­tu­ren und Mecha­nis­men, die in der Natur vor­han­den sind. Das­sel­be gilt für das Römi­sche Recht, das nicht irgend­ein will­kür­li­ches System ist. Es ist viel­mehr die Ent­deckung eini­ger Rechts­grund­sät­ze, die die Römer in der Natur einer Gemein­schaft gefun­den haben. Mit Sicher­heit haben ande­re Kul­tu­ren nicht eine sol­che Tie­fe erreicht, aber wir leben den­noch nicht in der grie­chi­schen, römi­schen, goti­schen, lan­go­bar­di­schen oder frän­ki­schen Kul­tur. Das Chri­sten­tum hat die grie­chi­sche und römi­sche Kul­tur völ­lig ver­än­dert. Bestimm­te heid­ni­sche Mythen kön­nen eine päd­ago­gi­sche Dimen­si­on haben, die zum Chri­sten­tum hin­füh­ren, aber sie sind kei­ne Ele­men­te, auf denen das Chri­sten­tum gründet.

Cascio­li: In die­sem Pro­zeß der Inkul­tu­ra­ti­on, wer­den durch das Instru­men­tum labo­ris auch die Sakra­men­te neu gele­sen, vor allem was die hei­li­gen Wei­hen betrifft mit dem Vor­wand, daß es in einem so gro­ßen Gebiet zu wenig Prie­ster gibt. 

Kar­di­nal Müller: Und hier zeigt sich wie­der­um, daß der zugrun­de­lie­gen­de Ansatz sozio­lo­gisch und nicht theo­lo­gisch ist. Die Offen­ba­rung Got­tes in Chri­stus ist in den Sakra­men­ten gegen­wär­tig, und die Kir­che besitzt kei­ne Auto­ri­tät, die Sub­stanz der Sakra­men­te zu ändern. Sie sind kei­ne Riten, die uns gefal­len, und das Prie­ster­tum ist kei­ne sozio­lo­gi­sche Kate­go­rie, um eine Bezie­hung in der Gemein­schaft her­zu­stel­len. Jedes kul­tu­rel­le System hat sei­ne Riten und sei­ne Sym­bo­le, aber die Sakra­men­te sind gött­li­che Gna­den­mit­tel für alle Men­schen zu allen Zei­ten und an allen Orten. Des­halb kön­nen wir weder den Inhalt noch die Sub­stanz ändern. Und wir kön­nen auch nicht den Ritus ändern, wenn die­ser Ritus von Chri­stus selbst kon­sti­tu­iert ist. Wir kön­nen die Tau­fe nicht mit irgend­ei­ner Flüs­sig­keit voll­zie­hen, son­dern mit Natur­was­ser. Beim Letz­ten Abend­mahl hat Jesus Chri­stus nicht irgend­ein Getränk oder irgend­ei­ne Spei­se genom­men. Er hat Wein von Trau­ben und Wei­zen­brot genom­men. Eini­ge sagen: Aber der Wei­zen wächst im Ama­zo­nas nicht, neh­men wir etwas ande­res. Das ist aber nicht Inkul­tu­ra­ti­on. Sie wol­len nicht nur das ändern, was kirch­li­ches Recht ist, son­dern auch was gött­li­ches Recht ist. 

Cascio­li: Emi­nenz, eine letz­te Sache: Sie bezie­hen sich immer wie­der auf „sie“, die die Kir­che ändern wol­len. Wer aber sind die­se „sie“?

Kar­di­nal Müller: Das hängt nicht von einer Per­son oder einer bestimm­ten Grup­pe von Per­so­nen ab. Es ist ein System der Selbst­be­zo­gen­heit, das gegen jedes kri­ti­sche Argu­ment immun ist. Ein Den­ken, das a prio­ri ande­re katho­li­sche Gläu­bi­ge und Theo­lo­gen dis­kre­di­tie­ren muß, indem sie mora­lisch als Pha­ri­sä­er, Geset­zes­leh­rer, Hart­her­zi­ge und Kon­ser­va­ti­ve abge­stem­pelt wer­den. Man spricht voll Respekt von der Weis­heit der Ahnen, ver­ach­tet aber die lan­ge Tra­di­ti­on der Kir­che. Die Päp­ste Johan­nes Paul II. und Bene­dikt XVI. wer­den wie etwas Über­hol­tes behan­delt. Man will sich der Welt anpas­sen: unauf­lös­li­che Ehe, Zöli­bat, Prie­ste­rin­nen, die apo­sto­li­sche Auto­ri­tät, sie wer­den behan­delt, als hand­le es sich um ein poli­ti­sches Pro­blem. Alles muß in der Über­zeu­gung geän­dert wer­den, daß es dadurch zu einem neu­en Früh­ling der Kir­che, zu einem neu­en Pfing­sten kommt. Auch das ist eine bizar­re Idee, da die Aus­gie­ßung des Hei­li­gen Gei­stes ein ein­ma­li­ges, escha­to­lo­gi­sches Ereig­nis ist, das für immer gilt. Als wür­de das Bei­spiel der Pro­te­stan­ten nicht genü­gen, um die­se Illu­si­on zu wider­le­gen. Sie sehen nicht, daß sie die Kir­che zer­stö­ren. Sie sind wie Blin­de, die in die Gru­be fal­len. Die Kir­che hat sich gemäß den Grund­sät­zen der katho­li­schen Theo­lo­gie und nicht der Sozio­lo­gie oder des Natu­ra­lis­mus und Posi­ti­vis­mus zu ent­fal­ten, (vgl. Dei Ver­bum, 8–10). „Die hei­li­ge Theo­lo­gie ruht auf dem geschrie­be­nen Wort Got­tes, zusam­men mit der Hei­li­gen Über­lie­fe­rung, wie auf einem blei­ben­den Fun­da­ment“ (Dei Ver­bum, 24).

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: NBQ/vatican.va/sinodoamazonico.va (Screen­shots)

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