Kardinal Ortega verstorben – 35 Jahre Castros Widerpart

Karibik-Sozialismus

Kardinal Jaime Ortega von Havanna mit Staats- und Parteiführer Fidel Castro.
Kardinal Jaime Ortega von Havanna (links) mit Staats- und Parteiführer Fidel Castro (1926-2016).

(Havan­na) Am ver­gan­ge­nen 26. Juli ver­starb Kar­di­nal Jai­me Lucas Orte­ga y Ala­mi­no, der eme­ri­tier­te Erz­bi­schof von San Cri­sto­bal de la Haba­na und ehe­ma­li­ge Pri­mas von Kuba. Das Kon­do­lenz­schrei­ben von Papst Fran­zis­kus unter­zeich­ne­te – unüb­lich für das der­zeit regie­ren­de Kir­chen­ober­haupt – aller­dings Kar­di­nal­staats­se­kre­tär Pie­tro Paro­lin.

Kar­di­nal Orte­ga wur­de am 18. Okto­ber 1936 gebo­ren und war damit zwei Mona­te älter als Papst Fran­zis­kus. Dem Sohn eines Zucker­rohr­plan­ta­gen­ar­bei­ters wur­de der Besuch eines Gym­na­si­ums ermög­licht. Nach einem Jahr an der Uni­ver­si­tät trat er in das diö­ze­sa­ne Prie­ster­se­mi­nar ein. Mit Hil­fe der fran­zö­si­schen Aus­lands­mis­si­on von Que­bec konn­te Orte­ga vier Jah­re in Kana­da stu­die­ren, wes­halb er die ersten Jah­re der Dik­ta­tur nach der gewalt­sa­men kom­mu­ni­sti­schen Macht­er­grei­fung von 1959 nicht mit­er­leb­te. 1961 beschlag­nahm­ten die Kom­mu­ni­sten alle 245 katho­li­schen Schu­len Kubas und ver­bann­ten zahl­rei­che Prie­ster außer Lan­des. Tau­sen­de rie­fen vor Castros Hin­rich­tungs­kom­man­dos: „Viva Cri­sto Rey!“ (Es lebe Chri­stus König).

1964 kehr­te Orte­ga nach Kuba zurück und wur­de zum Prie­ster des Bis­tums Mat­anz­as geweiht. Im Zuge der Kir­chen­ver­fol­gung wur­de auch er 1966, wegen sei­ner pasto­ra­len Arbeit als Kaplan, inhaf­tiert. Nach der Haft­ent­las­sung 1967 wur­de er Pfar­rer und hat­te, wegen der vom Regime dezi­mier­ten Zahl an Prie­stern, meh­re­re, teils weit von­ein­an­der ent­fern­te Pfar­rei­en zu betreu­en. 1969 wur­de er Dom­pfar­rer von Mat­anz­as und hat­te zugleich eine wei­te­re Stadt­pfar­rei und zwei Kir­chen außer­halb der Stadt zu betreu­en.

Jaime Kardinal Ortega (1936-2019)
Jai­me Kar­di­nal Orte­ga (1936–2019)

1979 ernann­te ihn Papst Johan­nes Paul II. zum Bischof von Pinar del Rio, nur zwei Jah­re spä­ter zum Erz­bi­schof von San Cri­sto­bal de la Haba­na und damit zum Pri­mas des Lan­des. 1994 kre­ierte ihn der­sel­be Papst zum Kar­di­nal. Als sol­cher nahm er an den Kon­kla­ven von 2005 und 2013 teil. Anschlie­ßend mach­te er kein Hehl dar­aus, für den Erz­bi­schof von Bue­nos Aires gestimmt zu haben. Die­sen Schritt begrün­de­te er mit Ber­go­gli­os Wort­mel­dung im Rah­men der Gene­ral­kon­gre­ga­tio­nen, die dem Kon­kla­ve vor­aus­gin­gen. Die­se Wort­mel­dung habe ihn schwer beein­druckt.

Papst Fran­zis­kus beließ Kar­di­nal Orte­ga bis zum 80. Lebens­jahr im Amt, was unter dem der­zei­ti­gen Kir­chen­ober­haupt eher sel­ten der Fall ist. Am 26. April 2016 wur­de er als Erz­bi­schof von Havan­na eme­ri­tiert. Sein Gewicht im kuba­ni­schen Epi­sko­pat wur­den auch dar­an deut­lich, daß er im Mai 2017, obwohl eme­ri­tiert, am Ad-Limi­na-Besuch in Rom teil­nahm.

Die Lage der Kir­che in der kom­mu­ni­sti­schen Dik­ta­tur gestal­te­te sich ab 1959 als sehr schwie­rig. Einer­seits wur­de die Kir­che mas­siv geschwächt. 150 Prie­ster wur­den allein nach Spa­ni­en ver­bannt. Ein schwer­wie­gen­der Ader­laß. Heu­te wir­ken in den elf Bis­tü­mern Kubas kei­ne 350 Prie­ster. Vor der Revo­lu­ti­on war es fast 900.

Raul Castro mit Kardinal Ortega
Raul Castro mit Kar­di­nal Orte­ga

Ein beson­de­res Augen­merk leg­te der Pri­mas auf die För­de­rung von Prie­ster­be­ru­fun­gen. In sei­ner Zeit als Erz­bi­schof von Havan­na weih­te Msgr. Orte­ga ins­ge­samt 24 Prie­ster. Die Zahl wirkt beschei­den für eine so lan­ge Amts­zeit. Für Kuba ist sie aller­dings beacht­lich, wo jedes pasto­ra­le Wir­ken auf staat­li­che Behin­de­rung stößt.

Die Sicht­bar­keit der Kir­che im öffent­li­chen Raum wur­de von den Kom­mu­ni­sten aus­ge­löscht. Im Gegen­satz zu ande­ren Staa­ten, in denen der „rea­le Sozia­lis­mus“ herrsch­te, behielt Kuba jedoch vol­le diplo­ma­ti­sche Bezie­hun­gen zum Hei­li­gen Stuhl auf­recht. Der Geschäfts­trä­ger des Vati­kans wur­de damit zum sicht­ba­ren Ver­tre­ter der Kir­che. Zudem gab es Ver­su­che, die Kir­che durch die Grün­dung einer schis­ma­ti­schen, regi­me­hö­ri­gen Par­al­lel­struk­tur zu erset­zen. Als der Erfolg jedoch aus­blieb, begnüg­te sich Fidel Castro mit der För­de­rung der Bewe­gung Chri­sten­tum und Sozia­lis­mus. Eine ernst­haf­te Spal­tung der Kir­che durch mar­xi­sti­sche Links­ka­tho­li­ken konn­te aber ver­mie­den wer­den.

Erschwe­rend kam hin­zu, daß Erz­bi­schof Fran­cis­co Ricar­do Oves Fernán­dez von Havan­na an einem Ner­ven­lei­den erkrank­te und 1980 im Alter von erst 52 Jah­ren abbe­ru­fen wer­den muß­te. Zu sei­nem Nach­fol­ger wur­de Kar­di­nal Orte­ga ernannt, dem die schwie­ri­ge Auf­ga­be oblag, den Spa­gat zwi­schen den pri­mä­ren Auf­ga­ben und dem Schutz der Kir­che einer­seits und der Tat­sa­che, daß die Kir­che zum wich­tig­sten Sam­mel­becken poli­ti­scher Dis­si­den­ten wur­de, ande­rer­seits zu bewäl­ti­gen. Zu den katho­li­schen Regime­kri­ti­kern gehör­te als füh­ren­der Kopf Oswal­do Payá, Vor­sit­zen­der des Movi­mi­en­to Cri­stia­no de Libe­r­aci­on (Christ­li­che Befrei­ungs­be­we­gung,) der am 22. Juli 2012 bei einem „sehr ver­däch­ti­gen Auto­un­fall“, so der Schwei­zer Jour­na­list Giu­sep­pe Rus­co­ni, ums Leben kam.

35 Jahre Erzbischof von Havanna und Primas von Kuba
35 Jah­re Erz­bi­schof von Havan­na und Pri­mas von Kuba

Aus den Rei­hen der poli­ti­schen Oppo­si­ti­on wur­de Kar­di­nal Orte­ga daher vor­ge­hal­ten, eine zu gro­ße Zurück­hal­tung gegen­über den kom­mu­ni­sti­schen Macht­ha­bern an den Tag gelegt zu haben. Er sei der „zahn­lo­se Wider­part“ von Fidel Castro gewe­sen.

Zuletzt wur­de die­se Kri­tik im Zusam­men­hang mit dem Papst­be­such 2015 laut, als bereits im Vor­feld bekann­te Dis­si­den­ten ver­haf­tet und wäh­rend der Dau­er des Papst­be­su­ches ein­ge­sperrt wur­den. Auch am Ran­de der offi­zi­el­len Ter­mi­ne von Fran­zis­kus kam es zu Fest­nah­men, als Dis­si­den­ten auf ihr Schick­sal auf­merk­sam machen woll­ten. Weder Papst Fran­zis­kus noch Kar­di­nal Orte­ga nah­men dazu Stel­lung, was auch von Oswal­do Pay­ás Wit­we kri­ti­siert wur­de. Ofe­lia Ace­ve­do warf dem Kar­di­nal eine „feind­li­che Hal­tung gegen­über den Dis­si­den­ten und Regime­kri­ti­kern“ vor.

„Papst Fran­zis­kus kennt die erbärm­li­che Lage der Kuba­ner“, so die Wit­we, die 2014 von Fran­zis­kus in Pri­vat­au­di­enz emp­fan­gen wor­den war. Die Regime­kri­ti­ker hat­ten auf ein Tref­fen mit dem Papst gehofft, wozu es im Rah­men sei­nes Kuba-Besu­ches aber nicht kam.

In euro­päi­schen Medi­en ist seit 2014 von einer „Ent­span­nung“ zwi­schen Regime und Kir­che die Rede, was auf der poli­ti­schen Ebe­ne zutref­fend ist. Auf kirch­li­cher Sei­te wur­de sie von Papst Fran­zis­kus und Kar­di­nal Orte­ga erreicht. Für sie ist aller­dings ein Preis zu bezah­len. Im Vati­kan hofft man offen­bar auf eine „christ­li­che Zäh­mung“ der kom­mu­ni­sti­schen Macht­ha­ber, die dann an der Macht blei­ben könn­ten, ja viel­leicht sogar soll­ten. Sie­he dazu auch: 60 Jah­re kuba­ni­sche Revo­lu­ti­on – und der Vati­kan fei­ert ein biß­chen mit.

Wie beim Tod eines Kar­di­nals üblich sen­det der Papst ein Kon­do­lenz­schrei­ben an das Bis­tum. Anders als sonst, wur­de das Bei­leids­te­le­gramm an den Erz­bi­schof von San Cri­sto­bal de la Haba­na am ver­gan­ge­nen Sams­tag zwar im Namen von Papst Fran­zis­kus ver­schickt, aber von Kar­di­nal­staats­se­kre­tär Pie­tro Paro­lin unter­zeich­net.

Der Grund dafür ist der­zeit nicht bekannt.

Requie­scat in pace.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: MiL