Bergoglio gegen Bergoglio? Buenos Aires gegen Rom?

Kardinal Poli,Jorge Mario Bergoglios Nachfolger als Erzbischof von Buenos Aires, mit Papst Franziskus. "Es gibt keine anderen Interpretationen" zu Amoris laetitia als jene Polis, so Franziskus.
Kardinal Poli,Jorge Mario Bergoglios Nachfolger als Erzbischof von Buenos Aires, mit Papst Franziskus. "Es gibt keine anderen Interpretationen" zu Amoris laetitia als jene Polis, so Franziskus.

(Rom) Roma locu­ta, cau­sa fini­ta? “Mit­nich­ten”, ant­wor­tet der Vati­ka­nist San­dro Magi­ster. Die Kon­tro­ver­se um das umstrit­te­ne Ach­te Kapi­tel des nach­syn­oda­len Schrei­ben Amo­ris lae­ti­tia sei durch die jüng­sten Ent­wick­lun­gen nur „noch ver­wor­re­ner“ gewor­den. Der von Magi­ster vor­ge­brach­ten The­se wur­de aller­dings bereits von ande­rer Sei­te dahin­ge­hend wider­spro­chen, daß Papst Fran­zis­kus gera­de das viel­leicht wol­le.

Richtlinien von Rom nicht jene von Buenos Aires

Es genü­ge ein Blick auf das Bis­tum Rom, immer­hin das Bis­tum des Pap­stes selbst. Dort folg­te man früh­zei­tig den unaus­ge­spro­che­nen, aber den­noch ver­stan­de­nen Vor­ga­ben von Papst Fran­zis­kus und erlaub­te wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen die Zulas­sung zu den Sakra­men­ten. Kri­ti­kern von Amo­ris lae­ti­ti­tia geht die­se Öff­nung zu weit. Wo eine „Öff­nung“ objek­tiv falsch sei, spie­le es grund­sätz­lich kei­ne Rol­le, ob die­se gemä­ßig­ter oder radi­ka­ler aus­fal­le.

Im Ver­gleich zu den Richt­li­ni­en der Bischö­fe der Kir­chen­pro­vinz Bue­nos Aires, die vom Papst schrift­lich appro­biert wur­den, sind jene der Diö­ze­se Rom restrik­ti­ver. Magi­ster scheint sie des­halb auch für bes­ser zu hal­ten, was zwei­fel­haft erscheint und im Detail zu klä­ren wäre

Magi­ster dazu:

„Das Rät­sel ist gera­de durch die Ver­öf­fent­li­chung des Schrei­bens in den Acta Apo­sto­li­cae Sedis ent­stan­den, mit dem Fran­zis­kus die Richt­li­ni­en der argen­ti­ni­schen Bischö­fe gut­heißt und schreibt ‚no hay otras inter­pretacio­nes‘, es gibt kei­ne ande­ren Inter­pre­ta­tio­nen. Wäre die­ser Satz wört­lich zu neh­men, müß­te auch die Diö­ze­se Rom die Richt­li­ni­en über­neh­men, die von den argen­ti­ni­schen Bischö­fen mit aus­drück­li­cher Bil­li­gung von Fran­zis­kus ange­wandt wer­den.“

Wor­in unter­schei­den sich die Richt­li­ni­en der Diö­ze­se Rom und der Kir­chen­pro­vinz Bue­nos Aires aber?

„Die in Rom gebrauch­te Instruk­ti­on ist ein Mei­ster­werk des Gleich­ge­wichts zwi­schen Inno­va­ti­on und Tra­di­ti­on. Bezüg­lich der Kom­mu­ni­on für die wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen preßt sie aus Amo­ris lae­ti­tia das maxi­mal Mög­li­che an Neu­em her­aus, bleibt aber zugleich voll­kom­men der immer­wäh­ren­den Leh­re der Kir­che treu.“

So sieht es jeden­falls Magi­ster.

Römische Richtlinie auf der Linie von Kardinal Müller und Benedikt XVI.?

Es sei die­sel­be Linie, der Kar­di­nal Ger­hard Mül­ler in der Ein­lei­tung zu Roc­co But­tiglio­nes Buch über Amo­ris lae­ti­tia folgt, das Anfang Novem­ber erschie­nen ist. Und es sei die­sel­be Linie, die zuvor bereits vom Theo­lo­gen Joseph Ratz­in­ger ver­tre­ten wur­de, als Kar­di­nal und als Papst.

„Der typi­sche Fall, in dem sowohl Mül­ler als auch Ratz­in­ger die Zulas­sung zur Kom­mu­ni­on den wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen erlau­ben, die more uxorio zusam­men­le­ben, ist, wenn die­se von der Ungül­tig­keit der kirch­lich geschlos­se­nen Ehe über­zeugt sind – aus Man­gel an Glau­ben oder auf­grund ande­rer grund­le­gen­der Vor­aus­set­zun­gen –, die­se Ungül­tig­keit aber kir­chen­recht­lich nicht aner­kannt wird.“

In die­sem Fall, so Magi­ster, wür­den Mül­ler und Ratz­in­ger die sakra­men­ta­le Los­spre­chung und die Zulas­sung zur Kom­mu­ni­on gut­hei­ßen, sofern die Fra­ge im forum inter­num mit dem Beicht­va­ter ent­schie­den wur­de und dis­kret erfolgt, also ohne öffent­li­ches Ärger­nis zu geben.

Zu die­ser The­se sind Zwei­fel ange­bracht. Als Kar­di­nal Ratz­in­ger und als Papst Bene­dikt XVI. ging die­ser ledig­lich soweit, zu sagen, daß die­se Fra­ge stu­diert und ver­tieft wer­den soll­te. Eine Ant­wort in die eine oder die ande­re Rich­tung gab er dazu nicht.

Kar­di­nal Mül­ler ant­wor­te­te auf Kri­tik an sei­ner Ein­lei­tung zu But­tiglio­nes Buch mit einer Rei­he von kon­kre­ten Bei­spie­len, an die er gedacht habe. Das von Magi­ster hier genann­te Bei­spiel fin­det sich dar­un­ter aller­dings nicht.

Der Ver­such, die römi­schen Richt­li­ni­en als Aus­druck der Kon­ti­nui­tät, gar im Sin­ne von Bene­dikt XVI., sehen zu wol­len, und jene von Bue­nos Aires viel­leicht als Aus­druck des Den­kens von Papst Fran­zis­kus, geht an der Sache vor­bei. Bei­de Richt­li­ni­en sind Aus­druck der­sel­ben Linie, die Kar­di­nal Wal­ter Kas­per im Febru­ar 2014 vor dem Kar­di­nals­kon­si­sto­ri­um gefor­dert hat­te.

Die Richtlinien von Rom

Kardinal Vallini mit Papst Franziskus
Kar­di­nal Val­li­ni mit Papst Fran­zis­kus

Magi­ster setzt wie folgt fort: Genau die­sen Fall, den der Vati­ka­nist auch Mül­ler und Ratz­in­ger zuschreibt, nennt der ehe­ma­li­ge Kar­di­nal­vi­kar für Rom, Kar­di­nal Val­li­ni, in den römi­schen Richt­li­ni­en zur Umset­zung von Amo­ris lae­ti­tia. Zunächst weist Val­li­ni dar­auf hin, daß die berühmt-berüch­tig­te Fuß­no­te 351 von Amo­ris lae­ti­tia im Kon­junk­tiv for­mu­liert ist. Der Papst sag­te nicht, man müs­se zu den Sakra­men­ten zulas­sen, schlie­ße die Zulas­sung aber in eini­gen Fäl­len und zu eini­gen Bedin­gun­gen nicht aus. Der Papst, so Val­li­ni, ver­lan­ge, daß die „via cari­ta­tis“ beschrit­ten wer­de. Büßer sei­en „Will­kom­men zu hei­ßen, ihnen auf­merk­sam zuzu­hö­ren, ihnen das müt­ter­li­che Ant­litz der Kir­che zu zei­gen, sie ein­zu­la­den, dem Weg Jesu Chri­sti zu fol­gen, um in der rech­ten Absicht zu rei­fen, sich dem Evan­ge­li­um zu öff­nen.“

Die ent­schei­den­de Stel­le lau­tet:

„Es geht nicht dar­um, zwangs­läu­fig zu den Sakra­men­ten zu gelan­gen. Wenn die kon­kre­ten Umstän­de eines Paa­res es ver­ein­bar machen, was bedeu­tet, wenn ihr Glau­bens­weg lang und ehr­lich war und vor­wärts führ­te, und ihnen ein Leben in Ent­halt­sam­keit vor­ge­schla­gen wird; wenn die­se Ent­schei­dung dann schwer für die Sta­bi­li­tät des Paa­res anzu­wen­den ist, schließt Amo­ris lae­ti­tia die Mög­lich­keit nicht aus, zur Buße und zur Eucha­ri­stie zuge­las­sen zu sein.“

Val­li­ni selbst spricht von einer „Öff­nung“, die zwar nicht als „unein­ge­schränk­ter Zugang zu den Sakra­men­ten“ zu ver­ste­hen sei, „wie es manch­mal geschieht, son­dern als eine Unter­schei­dung, die Fall für Fall ange­mes­sen unter­schei­det“.

Ent­schei­den kön­ne nur der Beicht­va­ter, so der ehe­ma­li­ge Kar­di­nal­vi­kar.

Die Richtlinien von Buenos Aires

Im Unter­schied dazu for­mu­lie­ren die Richt­li­ni­en von Bue­nos Aires zumin­dest in zwei Punk­ten deut­lich anders. Die „Zugän­ge zur sakra­men­ta­len Kom­mu­ni­on sind viel brei­ter“. Wäh­rend in der Diö­ze­se Rom als Vor­aus­set­zung „die mora­li­sche Gewiß­heit“ gefor­dert ist, daß die kirch­lich geschlos­se­ne Ehe ungül­tig sei, genügt es in Bue­nos Aires, „zur erken­nen, daß es Ein­schrän­kun­gen gibt, die die Ver­ant­wort­lich­keit und die Schuld­haf­tig­keit abmil­dern, wenn eine Per­son der Mei­nung ist, [durch Been­di­gung des Ehe­bru­ches] in eine ande­re Schuld zu fal­len, zum Bei­spiel indem er den Kin­dern der neu­en Ver­bin­dung Scha­den zufügt“.

Wäh­rend in Rom kate­go­risch der Zugang zu den Sakra­men­ten eine Ent­schei­dung des Beicht­va­ters im forum inter­num vor­aus­setzt, gilt dies in Bue­nos Aires nur als Emp­feh­lung. Wäh­rend in Rom ein dis­kre­tes Vor­ge­hen ver­langt wird, das kein Ärger­nis gibt, wur­de in der argen­ti­ni­schen Diö­ze­se Recon­qui­sta die Wie­der­zu­las­sung zur Kom­mu­ni­on von 30 wie­der­ver­hei­ra­te­ten, geschie­de­nen Paa­ren, die more uxorio zusam­men­le­ben, bereits in der Kathe­dra­le mit Pau­ken und Trom­pe­ten gefei­ert.

Die Fra­ge, wel­che der bei­den Richt­li­ni­en, jene von Rom oder jene von Bue­nos Aires, nun mehr dem Den­ken von Papst Fran­zis­kus ent­spre­che, drän­ge sich laut Magi­ster ganz von selbst auf.

Für jene von Bue­nos Aires spre­che die schrift­li­che Zustim­mung von Fran­zis­kus vom Sep­tem­ber 2016, vor allem aber die Ver­öf­fent­li­chung die­ser Zustim­mung in den Acta Apo­sto­li­ciae Sedis. Der Satz: „Es gibt kei­ne ande­ren Inter­pre­ta­tio­nen“, scheint die Fra­ge aus­rei­chend geklärt zu haben.

Für jene von Rom, so Magi­ster, spre­che aber die Tat­sa­che, daß es sich dabei um das Bis­tum des Pap­stes han­delt und sie sicher nicht ohne päpst­li­che Zustim­mung erlas­sen wur­den. Für sie spre­che zudem, daß sie auch nach der Ver­öf­fent­li­chung der päpst­li­chen Bue­nos-Aires-Appro­ba­ti­on in den Acta wei­ter­hin in Gel­tung sind.

Der dritte Faktor

Mit dem näch­sten Satz kommt Magi­ster der Sache aber wahr­schein­lich am näch­sten:

„Es gibt aber noch einen drit­ten Fak­tor, der imstan­de ist, das Dilem­ma [wel­che der bei­den Richt­li­ni­en die rich­ti­ge ist] über­flüs­sig zu machen: das prak­ti­sche Ver­hal­ten. Über­all in der Kir­che, auf allen Ebe­nen, geschieht es immer häu­fi­ger, daß jeder in die­ser Sache denkt und tut, was er will.“

Ein­falls­pfor­ten sei­en die „Zugän­ge, die durch Amo­ris lae­ti­tia geöff­net wur­den“.

In der Tat war das die Posi­ti­on Kas­pers, der früh­zei­tig zu ver­ste­hen gab, daß er ja gar kei­ne ein­heit­li­che Neu­re­ge­lung im Sin­ne einer gene­rel­len Zulas­sung der wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen zu den Sakra­men­ten wol­le. Er wol­le viel­mehr – hier spielt ein zwei­tes zen­tra­les The­ma die­ses Pon­ti­fi­kats her­ein, das unter den Stich­wor­ten „Syn­oda­li­tät“ und „Dezen­tra­li­sie­rung“ auf­tritt – die Mög­lich­keit haben, daß etwa in Deutsch­land, wo die Sache auf eine gewis­se Wei­se gese­hen wer­de, die Zulas­sung mög­lich wird, und in Afri­ka eben so blei­be, wie sie ist.

Die Fra­ge Magi­sters, wel­che der bei­den von ihm ver­gli­che­nen Richt­li­ni­en nun jene von Papst Fran­zis­kus sei, löst sich vor die­sem Hin­ter­grund gewis­ser­ma­ßen im Nichts auf. Folgt Fran­zis­kus der Kas­per-The­se, und vie­les spricht dafür, dann gehen für ihn die römi­schen Richt­li­ni­en eben­so in Ord­nung wie jene von Bue­nos Aires, und jene der deut­schen Bischö­fe eben­so wie die – völ­lig kon­trä­ren – der pol­ni­schen Bischö­fe.

Gegen die „Star­ren“ und „Stren­gen“, die Papst Fran­zis­kus so gar nicht zu mögen scheint, wür­de er nur ein­schrei­ten, wenn die Polen den Deut­schen ihre Richt­li­ni­en „auf­zwin­gen“ wür­den. Solan­ge aber jeder macht, was er will, und dem Näch­sten das­sel­be Recht ein­räumt, sei alles in bester Ord­nung. Magi­ster schreibt das nicht. Er begnügt sich damit, Wider­sprü­che zwi­schen den von Fran­zis­kus appro­bier­ten Richt­li­ni­en auf­zu­zei­gen.

Amoris laetitia als moralisches Laissez-faire?

Basilio Petrà
Basi­lio Petrà, pro­gres­si­ver Moral­theo­lo­ge

Aller­dings ver­weist er auf jene, die die­ses Lais­sez-fai­re bereits theo­re­ti­sie­ren. Dazu gehört Basi­lio Petrà, der Vor­sit­zen­de der Ver­ei­ni­gung der ita­lie­ni­schen Moral­theo­lo­gen, in der pro­gres­si­ven Zeit­schrift Il Reg­no.

Petrà rei­tet jedes moder­ni­sti­sche Roß, der ihm auf sei­nem Weg begeg­net. Jüngst schrieb er für eine Kir­che, in der es ver­hei­ra­te­te und zöli­ba­tä­re Prie­ster gebe.

Zur Fra­ge des Kom­mu­nion­emp­fangs für wie­der­ver­hei­ra­te­te Geschie­de­ne (aber nicht nur) dozier­te er in Il Reg­no:

„Der auf­ge­klär­te Gläu­bi­ge könn­te zum Ent­schluß gelan­gen, daß in sei­nem Fall eine Beich­te nicht nötig ist.“

„Es ist abso­lut mög­lich, daß ein Mensch nicht über das ange­mes­se­ne mora­li­sche Bewußt­sein ver­fügt und/oder nicht die Frei­heit hat, anders zu han­deln, und daher – obwohl er etwas macht, das objek­tiv als schwer­wie­gend betrach­tet wird – in mora­li­scher Hin­sicht kei­ne schwe­re Sün­de begeht und kei­ne Pflicht zur Beich­te besteht, um zur Eucha­ri­stie zuge­las­sen zu sein. Amo­ris lae­ti­tia Nr. 301 spielt ein­deu­tig dar­auf an.“

Laut dem pro­gres­si­ven Moral­theo­lo­gen Petrà kann in letz­ter Kon­se­quenz jeder fast alles tun und las­sen, was er will, ob in Bue­nos Aires oder in Rom, denn das vor­han­de­ne mora­li­sche Bewußt­sein sei unge­klärt und kön­ne wohl objek­tiv auch gar nicht geklärt wer­den. Petrà besei­tigt die objek­ti­ven Kri­te­ri­en. Jeder den­ke und hand­le eben, wie es ihm gefällt. Die Gewis­sens­fra­ge als Frei­fahr­schein nach über­all.

Laut Petrà ste­he genau das „ein­deu­tig“ in Amo­ris lae­ti­tia.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: InfoCatolica/MiL/El Tir­re­no (Screen­shots)

1 Kommentar

  1. Eine Fra­ge erscheint ange­bracht: „Ist Rom noch Rom?“ oder heißt es heu­te „Bue­nos Aires loqu­ta, cau­sa fini­ta est.“ Es gibt schon Stim­men, wel­che sagen, dass die wich­ti­gen Ent­schei­dun­gen nicht mehr in Rom fal­len.

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