Kardinal Sistach: „Amoris laetitia ist nicht zweideutig“ — „Dubia haben mich negativ beeindruckt“

Interview von Kardinal Sistach mit "La Vanguardia". Die Informationspolitik des "Osservatore Romano".
Interview von Kardinal Sistach mit "La Vanguardia". Die Informationspolitik des "Osservatore Romano".

(Rom) Der Osser­va­to­re Roma­no, die Tages­zei­tung des Hei­li­gen Stuhls, läßt kei­nen „Dia­log“ zum nach­syn­oda­len Schrei­ben Amo­ris lae­ti­tia zu, obwohl das Doku­ment hef­tig umstrit­ten ist. Das vati­ka­ni­sche Medi­um ist  „papst­treu“ und ver­steht dar­un­ter eine ein­sei­ti­ge Infor­ma­ti­ons­po­li­tik zu Amo­ris lae­ti­tia.

Will man dar­aus Rück­schlüs­se auf die Posi­ti­on des der­zei­ti­gen Pap­stes in den umstrit­te­nen Fra­gen (Kom­mu­ni­on für wie­der­ver­hei­ra­te­te Geschie­de­ne, Pri­mat des indi­vi­du­el­len Gewis­sens, Neu­in­ter­pre­ta­ti­on des Buß­sa­kra­ments, des Ehe­sa­kra­ments und des Altarsa­kra­ments) zie­hen, müß­ten die­se ent­spre­chend ein­deu­tig aus­fal­len. Doch der Papst schweigt sich seit zehn Mona­ten über die alles ent­schei­den­de Kern­fra­ge aus. Er schweigt nicht erst zu den Dubia (Zwei­feln) der vier nam­haf­ten Kar­di­nä­le Brand­mül­ler, Bur­ke, Caf­farra und Meis­ner. Er schweigt seit dem 8. April 2016. Die Vor­stel­lung von Amo­ris lae­ti­tia vor der Pres­se über­ließ er den Kar­di­nä­len Schön­born (Wien) und Bal­dis­se­ri (Kurie). Von Jour­na­li­sten spä­ter befragt, was er denn nun wirk­lich zur Fra­ge der Zulas­sung von wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen zu den Sakra­men­ten meint, kamen bis­her nur gewun­de­ne und indi­rek­te, aber kei­ne kla­ren Ant­wor­ten. Am 2. Mai 2016 ent­hüll­te Erz­bi­schof Bru­no For­te, ein Par­tei­gän­ger von Papst Fran­zis­kus, der als Son­der­se­kre­tär der Bischofs­syn­ode für die Redak­ti­on des Schluß­be­richts mit­ver­ant­wort­lich war, wel­che Order Papst Fran­zis­kus ihm zur Abfas­sung des Syn­oden­schluß­be­richts 2015 erteilt hat­te:

„Wenn wir aus­drück­lich von Kom­mu­ni­on für wie­der­ver­hei­ra­te­te Geschie­de­ne spre­chen, wer weiß, was die uns dann für ein Casi­no [einen Wir­bel] machen. Wir reden des­halb nicht direkt davon. Mach es so, daß die Prä­mis­sen gege­ben sind, die Schluß­fol­ge­run­gen zie­he dann ich.“

Die „Schluß­fol­ge­run­gen“ lie­gen seit dem 8. April 2016 in der Form von Amo­ris lae­ti­tia vor und haben Unru­he, Ver­wir­rung und Spal­tung in die Kir­che getra­gen. „Nur ein Blin­der“ kön­ne das nicht sehen, mein­te dazu Kar­di­nal Caf­farra, einer der Unter­zeich­ner der Dubia. Der  Papst und sei­ne eng­sten Mit­ar­bei­ter gehö­ren zu jenen, die es nicht sehen wol­len. Bestärkt wer­den sie dar­in von ande­ren Kir­chen­ver­tre­tern wie dem eme­ri­tier­ten Erz­bi­schof von Bar­ce­lo­na, Luis Kar­di­nal Mar­ti­nez Sist­ach.

„Dubia der vier Kardinäle haben mich sehr negativ beeindruckt“

In ihrer gest­ri­gen Sonn­tags­aus­ga­be ver­öf­fent­lich­te die bür­ger­li­che kata­la­ni­sche Tages­zei­tung La Van­guar­dia ein Inter­view mit dem Kar­di­nal, der dar­in erklärt, daß Amo­ris lae­ti­tia „nicht zwei­deu­tig“ sei. Denn, so die Begrün­dung, der Papst spre­che dar­in „nicht von Geschie­de­nen, son­dern von kon­kre­ten Per­so­nen“. Kar­di­nal Sist­ach nahm als Syn­oda­le an bei­den Bischofs­syn­oden über die Fami­lie von 2014 und 2015 teil.

La Van­guar­dia: Ist es not­wen­dig, zu erklä­ren, wie Amo­ris lae­ti­tia anzu­wen­den ist?

Kar­di­nal Sist­ach: Amo­ris lae­ti­tia ist sehr klar. In der tra­di­tio­nel­len Moral gibt es den Grund­satz der ent­la­sten­den und mil­dern­den Umstän­de. Wenn in einer kon­kre­ten Situa­ti­on die­se Umstän­de gege­ben sind, kann eine Hand­lung, die, objek­tiv betrach­tet, mora­lisch schwer­wie­gend ist, es sub­jek­tiv gese­hen nicht sein. Vor allem, wie Fran­zis­kus sagt, will die Kir­che die­sen Men­schen hel­fen, indem sie in die Gemein­schaft inte­griert wer­den, ein­schließ­lich der Mög­lich­keit zu kom­mu­ni­zie­ren. Der Papst spricht nicht von Kate­go­ri­en, von Geschie­de­nen; er spricht von kon­kre­ten Per­so­nen. Das ist kein, „man darf“ oder „man darf nicht“ zur Kom­mu­ni­on gehen. Es hängt von der Per­son ab, von den Situa­tio­nen, von den ent­la­sten­den und den mil­dern­den Umstän­den, von deren Gewis­sens­ent­schei­dung vor Gott. Das ist ein dyna­mi­scher und offe­ner Pro­zeß, der mit der Hil­fe eines Prie­sters statt­fin­det.

La Van­guar­dia: Vier bekann­te Kar­di­nä­le haben öffent­lich mit einem Schrei­ben beklagt, daß die­se Exhor­ta­ti­on Zwei­fel ver­ur­sacht und daß der Papst die­se klä­ren sol­le.

Kar­di­nal Sist­ach: Die­ses Schrei­ben hat mich sehr geschmerzt. Es hat mich sehr nega­tiv beein­druckt. Wir Kar­di­nä­le sind gehal­ten, den Papst zu unter­stüt­zen, nicht ihm Schwie­rig­kei­ten zu berei­ten. Man kann mit dem Papst spre­chen oder ihm einen Brief schrei­ben, aber nicht ihn ver­öf­fent­li­chen. Der Inhalt wur­de nicht gut auf­ge­nom­men und die Art und Wei­se eben­so­we­nig.

La Van­guar­dia: Amo­ris lae­ti­tia ist nicht zwei­deu­tig?

Kar­di­nal Sist­ach: Nein. Die ent­la­sten­den und mil­dern­den Umstän­de sind ein Grund­satz, der sich im Kate­chis­mus fin­det. Das ist die tra­di­tio­nel­le Leh­re. Johan­nes Paul II. sag­te bereits, daß er dazu dient, von Fall zu Fall zu prü­fen. Es gibt kei­ne Ände­rung der Leh­re. Und was Fran­zis­kus sagt, meint, daß man mit der Logik des Evan­ge­li­ums nie­man­den für immer ver­ur­tei­len kann. Man spricht von Zwei­feln, Zwei­feln … wel­che Zwei­fel? Kann man oder kann man nicht die­sen Grund­satz auf einen kon­kre­ten Fall von Geschie­de­nen anwen­den? Ja, denn das ist das gro­ße Argu­ment.

Damit ist die Rei­he der Ver­tei­di­ger von Amo­ris lae­ti­tia um einen Pur­pur­trä­ger rei­cher. Aller­dings beant­wor­tet auch Kar­di­nal Sist­ach nicht die Fra­ge, war­um Papst Fran­zis­kus sich seit zehn Mona­ten wei­gert, auf kon­kre­te Fra­gen, ob von Jour­na­li­sten oder Kar­di­nä­len, kla­re Ant­wor­ten zu geben, obwohl alles so „klar“ und „ein­deu­tig“ ist, wie Sist­ach sagt und es vor ihm bereits Ver­trau­te des Pap­stes gesagt haben. Kar­di­nal Sist­ach gehört zu jenen, die es bereits für untrag­bar hal­ten, daß dem Papst Fra­gen zu zen­tra­len Glau­bens­fra­gen gestellt wer­den.

Und was hat das alles mit dem Osser­va­to­re Roma­no zu tun? Weil man nun beob­ach­ten kann, wie­viel Tage es dau­ert, bis die „Tages­zei­tung des Pap­stes“ das Sist­ach-Inter­view voll­in­halt­lich abdrucken wird, wäh­rend kri­ti­sche Wort­mel­dun­gen, Inter­views, Appel­le, Aktio­nen und Initia­ti­ven vom Osser­va­to­re Roma­no kon­se­quent über­gan­gen wer­den.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: La Van­guar­dia (Screen­shot)

 




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1 Kommentar

  1. Er hofft wahr­schein­lich noch auf ein net­tes Poe­st­chen, wenn der naech­ste Krti­ker fliegt, kann man ver­ste­hen, hat aber lei­der mit der theo­lo­gi­schen Rea­li­ta­et nichts zu tun.
    Natu­er­lich aen­dert kei­ner die Leh­re und die Gebo­te, nur bei der Ein­hal­tung setzt AL die Pra­xis ausser Kraft.
    Wir haben das in Deutsch­land auch naeml­cih bei der Abtrei­bung, die­se ist rechts­wid­rig aber straf­frei.
    Aehn­lich soll es mit den unpo­pu­lae­ren Gebo­ten wer­den.
    Wo kein Glau­be mehr.….….….….….….….!

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