Marco Pannella – der Mann, der Italien zum Schlechteren veränderte

Maco Pannella, die Verkörperung der Radikalen Partei Italiens, dessen Lebensziel die Bekämpfung der katholischen Kirche war, ist tot
Maco Pannella, die Verkörperung der Radikalen Partei Italiens, dessen Lebensziel die Bekämpfung der katholischen Kirche war, ist tot

(Rom) Im Alter von 86 Jah­ren ist Mar­co Pan­nella, der histo­ri­sche Anfüh­rer der Radi­ka­len Par­tei Ita­li­ens, am Don­ners­tag in Rom gestor­ben. Zusam­men mit Euge­nio Scal­fa­ri, dem spä­te­ren Grün­der und Chef­re­dak­teur der Tages­zei­tung La Repub­bli­ca und heu­ti­gen Papst-Freund, grün­de­te er 1955 den Par­ti­to Radi­ca­le (PR). Sein Name ist untrenn­bar mit der Lega­li­sie­rung von Schei­dung und Abtrei­bung, dem Kampf für die Lega­li­sie­rung der Eutha­na­sie und der „Homo-Ehe“, für die Dro­gen­li­be­ra­li­sie­rung, für die Abschaf­fung der Wehr­pflicht und die Frei­ga­be der Por­no­gra­phie ver­bun­den, vor allem aber mit einer unstill­ba­ren Abnei­gung gegen die katho­li­sche Kir­che.

Am ver­gan­ge­nen 1. Mai ver­öf­fent­lich­te der Reli­gi­ons­so­zio­lo­ge Mas­si­mo Intro­vi­g­ne ein Por­trät des Man­nes, der Ita­li­en zum Schlech­te­ren ver­än­der­te, der nun zum Nach­ruf wur­de.

Der Mann, der Italien zum Schlechteren veränderte

von Mas­si­mo Intro­vi­g­ne

Der öku­me­ni­sche Pil­ger­zug zum Rock­zip­fel des schwer­kran­ken Mar­co Pan­nella, der die unter­schied­lich­sten Per­so­nen umfaßt, weist alle Merk­ma­le einer lai­zi­sti­schen Reli­gio­si­tät auf. Die Sozio­lo­gen haben dies früh bemerkt: Wäh­rend die Reli­gi­on „in der Kir­che“ im Westen nur mehr von einer Min­der­heit prak­ti­ziert wird, zeigt sich das reli­giö­se Emp­fin­den heu­te in lai­zi­sti­schen und impli­zi­ten For­men, vom Kult der Berühmt­hei­ten bis zum Sport- und dem Kunst­kult. Eine der am mei­sten unter­such­ten Erschei­nungs­for­men die­ses Phä­no­mens ist der Kult um die ver­stor­be­ne Prin­zes­sin Dia­na von Eng­land, die kei­ne beson­ders reli­giö­se Per­son war.

Benannt nach einem Onkel, der katholischer Priester war

Das Ver­hält­nis zwi­schen Mar­co Pan­nella und der Reli­gi­on ist jedoch kom­ple­xer. Auf den offi­zi­el­len Kan­di­da­ten­li­sten bei Wah­len konn­te man sei­nen eigent­li­chen Namen lesen: „Gia­c­in­to Pan­nella, genannt Mar­co“. In der Geburts­stadt des radi­ka­len Par­tei­füh­rers, in Ter­a­mo in den Abruz­zen, gibt es eine „Via Gia­c­in­to Pan­nella“. Nein, noch wur­de kei­ne Stra­ße nach dem Leben­den benannt, was aller­dings auf­grund der über­zo­ge­nen Apo­lo­ge­tik, die der­zeit um ihn betrie­ben wird, nicht ein­mal ver­wun­dern wür­de. Die Stra­ße, in der Pan­nellas Geburts­haus steht, ist nach einem Groß­on­kel benannt. Die­ser Groß­on­kel, Gia­c­in­to Pan­nella, war ein katho­li­scher Prie­ster, ein geach­te­ter Intel­lek­tu­el­ler in sei­ner Hei­mat und ein katho­li­scher Ansprech­part­ner von Bene­det­to Cro­ce und Gio­van­ni Gen­ti­le [1]

Der spä­te­re Anfüh­rer der Radi­ka­len wur­de zu Ehren die­ses Groß­on­kels Gia­c­in­to genannt. Er lern­te ihn aller­dings nicht per­sön­lich ken­nen, da er erst drei Jah­re nach des­sen Tod gebo­ren wur­de. Sei­ne Eltern aber kann­ten ihn sehr gut. Der Vater von Mar­co Pan­nella, Leo­nar­do Pan­nella, ein wohl­ha­ben­der Grund­be­sit­zer, wur­de in Ter­a­mo zum Skan­dal, weil er eine Fran­zö­sin hei­ra­te­te, die er wäh­rend einer Geschäfts­rei­se ken­nen­ge­lernt hat­te. Vor allem benahm und klei­de­te sie sich zu frei­zü­gig für eine Klein­stadt des Südens der 1920er Jah­re. Es war der ein­fluß­rei­che Onkel, der sei­nen Nef­fen und des­sen Frau ver­tei­dig­te und dem jun­gen Paar half. Mar­co Pan­nella schrieb spä­ter dar­über, er habe die Kir­che immer bekämpft, ohne sie zu has­sen. Der Grund? „Wegen die­ser Epi­so­de der Fami­li­en­chro­nik, weil die beste Per­son in mei­ner Fami­lie die­ser Prie­ster war.“ [2]

Liberales, antiklerikales Familienumfeld

Marco Pannella als Student
Mar­co Pan­nella als Stu­dent

Den­noch kann kein Zwei­fel bestehen, daß Pan­nella sein gan­zes Leben dar­auf ver­wen­de­te, die Kir­che zu bekämp­fen. Er wuchs in einem Umfeld auf, in dem Faschis­mus und Anti­fa­schis­mus mit­ein­an­der koexi­stier­ten. Gleich­zei­tig wur­de er regel­mä­ßig in den Feri­en zu den Ver­wand­ten der Mut­ter nach Frank­reich geschickt, wo er früh­zei­tig lai­zi­sti­schen und libe­ra­len Ideen aus­ge­setzt ist. [3] Bei Kriegs­en­de hat­te er sich im Alter von 15 Jah­ren bereits sei­ne poli­ti­sche Fami­lie aus­ge­wählt: die Libe­ra­le Par­tei, die seit dem Ersten Welt­krieg das gemä­ßig­te­re Erbe des Risor­gi­men­to, jenes von Camil­lo Cavour ver­trat. Er leg­te in der Par­tei eine Blitz­kar­rie­re hin und wur­de 1950, im Alter von 20 Jah­ren, Vor­sit­zen­der der Libe­ra­len Stu­den­ten. Eini­ge Jah­re spä­ter schloß er erfolg­reich an der Uni­ver­si­tät Urbi­no sein Jura­stu­di­um. Sei­ne Schluß­ar­beit war eine Kri­tik dar­an, daß dem Kon­kor­dat mit der katho­li­schen Kir­che Ver­fas­sungs­rang ein­ge­räumt wur­de. Von ihr soll­te er spä­ter behaup­ten, daß sie in Wirk­lich­keit von ande­ren geschrie­ben wur­de, weil er zu sehr mit der Poli­tik beschäf­tigt war.

Eugenio Scalfari und die Kaderschmiede künftiger Parteiführer

Die Libe­ra­le Par­tei, vor allem in Rom, wohin Pan­nella mit sei­ner Fami­lie wäh­rend sei­ner Gym­na­si­al­zeit über­sie­delt war, ver­trat sehr anti­kle­ri­ka­le Posi­tio­nen. Pan­nella wur­de zu einem der Anfüh­rer des lin­ken Par­tei­flü­gels, wo er in einem sechs Jah­re älte­ren Par­tei­ver­tre­ter einen Freund, aber auch Riva­len fand, der sich gera­de mit den Ell­bo­gen Auf­merk­sam­keit ver­schaff­te: einem gewis­sen Euge­nio Scal­fa­ri.

Pan­nella genüg­te die Libe­ra­le Par­tei bald nicht mehr. Er erkann­te, daß dem an den Uni­ver­si­tä­ten bestehen­den Goli­ar­den­tum, einer spe­zi­fisch ita­lie­ni­schen Form stu­den­ti­scher Ver­ei­ni­gun­gen, mit sei­ner hei­ter-jugend­li­chen Aus­ge­las­sen­heit auch ein anar­chi­scher Zug inne­wohn­te, in der eine poli­ti­sche Kraft steck­te. Er wur­de zum Vor­sit­zen­den der Ita­lie­ni­schen Goli­ar­di­schen Ver­ei­ni­gung gewählt und ver­wan­del­tet sie zur Kader­schmie­de der künf­ti­gen Radi­ka­len Par­tei, aber auch der Sozia­li­sten und der Kom­mu­ni­sten, dar­un­ter Bet­ti­no Cra­xi [4] und Achil­le Occhet­to [5]. Er schreibt damals, wie auch Scal­fa­ri, in der anti­kle­ri­ka­len Wochen­zei­tung Il Mondo. Als 1954 Gio­van­ni Malagodi neu­er libe­ra­ler Par­tei­vor­sit­zen­der wur­de und die Par­tei auf einen zwar lai­zi­sti­schen, aber weni­ger anti­kle­ri­ka­len Kurs führt und sich dia­log­be­rei­ter gegen­über den Katho­li­ken zeigt, voll­zie­hen Pan­nella und Scal­fa­ri 1955, der im sel­ben Jahr mit dem Wochen­ma­ga­zin L’Espresso star­tet, die Grün­dung der Radi­ka­len Par­tei. Die sehen sich als Erben des Par­ti­to d’Azione (Akti­ons­par­tei), und damit des radi­ka­le­ren Erbes des Risor­gi­men­to, jenem von Giu­sep­pe Mazzi­ni. Die Radi­ka­le Par­tei erhob die „Ent­va­ti­ka­ni­sie­rung“ Ita­li­ens auf ihr Ban­ner. Kon­kret war damit gemeint, das katho­li­sche Erbe des Lan­des zu zer­trüm­mern, um Ita­li­en nach den Maß­stä­ben des euro­päi­schen Lai­zis­mus zu „moder­ni­sie­ren“.

Der Anti­kle­ri­ka­lis­mus macht sich bei den Wah­len aber nicht bezahlt. Mit­ten im Kal­ten Krieg, in dem es der christ­de­mo­kra­ti­schen Par­tei gelun­gen war, eine kom­mu­ni­sti­sche Macht­über­nah­me abzu­wen­den, waren jene Tei­le der ita­lie­ni­schen Gesell­schaft, die nicht zur Volks­front gehör­ten, um Zusam­men­ar­beit und Kon­sens bemüht. Das hat­te ja auch dazu geführt, daß die Libe­ra­le Par­tei ihren akzen­tu­ier­ten Anti­kle­ri­ka­lis­mus abschwäch­te.

Bündnisplan mit den Kommunisten

Die Radi­ka­len erhiel­ten in den ersten 20 Jah­ren bei Wah­len durch­schnitt­lich nur 0,8 Pro­zent der Stim­men. Schon früh kam es zu Spal­tun­gen: Auf der einen Sei­te stand der von Scal­fa­ri geführ­te Flü­gel, der unter dem Ein­druck des sowje­ti­schen Ein­mar­sches in Ungarn ein Bünd­nis mit den Sozia­li­sten gegen die Kom­mu­ni­sten anstreb­te. Auf der ande­ren Sei­te stand der von Pan­nella geführ­te Flü­gel, der uner­bitt­lich auf dem Kampf gegen die Kir­che als ent­schei­den­den Pro­gramm­punkt beharrt, dem sich alles ande­ren stra­te­gi­schen oder tak­ti­schen Über­le­gun­gen unter­zu­ord­nen hat­ten. Sein Feind war die Christ­de­mo­kra­tie, die er als poli­ti­schen Arm der katho­li­schen Kir­che sah, und nicht der Kom­mu­nis­mus. Folg­lich for­der­te er 1959 ein Bünd­nis mit den Kom­mu­ni­sten gegen die regie­ren­den Christ­de­mo­kra­ten.

Des­halb wur­de Pan­nella aus der Par­tei­lei­tung aus­ge­schlos­sen und ging nach Bel­gi­en und Frank­reich. 1962 konn­te er die Radi­ka­le Par­tei wie­der unter sei­ne Kon­trol­le brin­gen. Nach einer Kri­se war kaum mehr als der Par­tei­na­me übrig­ge­blie­ben. Vie­le füh­ren­de Par­tei­ver­tre­ter hat­ten sich der Sozia­li­sti­schen Par­tei oder der links­li­be­ra­len Repu­bli­ka­ni­schen Par­tei ange­schlos­sen. Pan­nella hält damit uner­war­tet wie­der ein klei­nes Instru­ment in der Hand, mit dem nun aber machen kann, was er will.

Scheidung, Drogen, Abtreibung

Pannellas Kampagne für die Scheidung 1969
Pan­nellas Kam­pa­gne für die Schei­dung 1969

Die anti­ka­tho­li­schen The­men setz­te er wie­der ganz oben auf die Par­tei­pro­gram­ma­tik. Das waren damals: die Abschaf­fung des Kon­kor­dats und die Ein­füh­rung der Ehe­schei­dung. 1967 erklär­te er zum „anti­kle­ri­ka­len Jahr“. Im Jahr zuvor hat­te er den Ita­lie­ni­schen Bund für die Schei­dung (LID) gegrün­det, dem eine ent­schei­den­de Rol­le bei der Ein­füh­rung der Ehe­schei­dung im Jahr 1970 und bei deren Bestä­ti­gung bei einem Refe­ren­dum 1974 zukom­men soll­te.

Mit der Schei­dung war es für Pan­nella aber nicht getan. Kaum hat­te er die Volks­ab­stim­mung gewon­nen, mit der die Schei­dung wie­der abge­schafft wer­den soll­te, ließ er sich 1975 ver­haf­ten, weil er öffent­lich einen Joint geraucht hat­te. Damit setz­te er den Auf­takt zu einer Kam­pa­gne für die Dro­gen­li­be­ra­li­sie­rung, oder das, was Pan­nella „leich­te“ Dro­gen nann­te. 1993 konn­te er eine Ent­kri­mi­na­li­sie­rung durch­set­zen. Sei­nen Kampf setz­te er jedoch bis an sein Lebens­en­de fort. Denn war auch ein Aspekt eines The­ma durch­ge­setzt, gab es immer wei­te­re Aspek­te zum sel­ben The­ma, die noch durch­zu­set­zen waren.

Nach der Schei­dung ent­deck­ten die Radi­ka­len das Abtrei­bungs­the­ma. Sie for­dern die Lega­li­sie­rung der Tötung unge­bo­re­ner Kin­der, begin­nen ihre Kam­pa­gne und kei­ne vier Jah­re danach soll­ten sie ihr Ziel auch schon erreicht haben. Das Abtrei­bungs­ge­setz wird 1978 beschlos­sen und kann bei der Volks­ab­stim­mung, mit der katho­li­sche Orga­ni­sa­tio­nen 1981 sei­ne Abschaf­fung ver­su­chen, ver­tei­digt wer­den. An der Sei­te Pan­nellas kämpft nun Emma Boni­no. [6]

Mit ihr zusam­men war Pan­nella 1978 Haupt­ak­teur einer wüsten Ver­leum­dungs­kam­pa­gne gegen den katho­li­schen Staats­prä­si­den­ten Gio­van­ni Leo­ne, die zu sei­nem Rück­tritt führ­te. Die Kam­pa­gne war Teil des Kamp­fes für die Abtrei­bungs­frei­ga­be. Die Radi­ka­len befürch­te­ten, Leo­ne könn­te sich wei­gern, das Abtrei­bungs­ge­setz zu unter­zeich­nen. Erst 1998 ent­schul­dig­te sich Pan­nella beim 90jährigen Leo­ne und gab zu, daß die Anschul­di­gun­gen gegen ihn falsch waren.

Abgeordneter in Rom und Straßburg — Radio Radicale

ampagne zur Drogenliberalisierung 1989
Kam­pa­gne zur Dro­gen­li­be­ra­li­sie­rung 1989

Durch sei­ne Polit­kam­pa­gnen gelingt Pan­nella 1976 der Ein­zug ins Ita­lie­ni­sche Par­la­ment, wo er mit selbst gewähl­ten Unter­bre­chun­gen bis 1994 blei­ben soll­te. Das Euro­päi­sche Par­la­ment inter­es­sier­te ihn aller­dings bald mehr. Dort saß er durch­ge­hend von 1979–2009. Die Wahl­er­geb­nis­se schwank­ten nun zwi­schen zwei und drei Pro­zent. Das Wahl­jahr 1979 war mit 3,5 Pro­zent das beste über­haupt. Mit der Wahl­kampfrück­er­stat­tung und öffent­li­chen Zuschüs­sen grün­de­te und finan­zier­te er nun sein Haupt­pro­pa­gan­da­in­stru­ment: Radio Radi­ca­le. [7]

„Entvatikanisierung“ Italiens und Europas — Pannellas Nachhilfe bei Antonio Gramsci

Als der Ost­block zusam­men­brach und der Kal­te Krieg ende­te, bedeu­te­te das in Ita­li­en das Ende der Ersten Repu­blik. Es folg­te 1994 die Zwei­te Repu­blik und für Pan­nella fan­den sich schnell neue The­men: die Lega­li­sie­rung der künst­li­chen Befruch­tung, der „Homo-Ehe“, die Eutha­na­sie. Die neue Par­tei­en­land­schaft kam sei­nem tak­ti­schen Den­ken ent­ge­gen. Er ver­bün­det sich, je nach­dem, wo es sich mehr lohn­te, ein­mal mit dem Mit­te-rechts-Lager, ein­mal mit dem Mit­te-links-Lager. Sein poli­ti­scher Kom­paß zeig­te aber unver­än­dert auf das ursprüng­li­che Ziel des anti­kle­ri­ka­len Aktio­ni­sten: die „Ent­va­ti­ka­ni­sie­rung“ Ita­li­ens und Euro­pas. Pan­nella war nie Kom­mu­nist, aber Anto­nio Gram­sci hat­te er gele­sen. Von die­sem wuß­te er, daß in Ita­li­en ein Fron­tal­an­griff gegen die katho­li­sche Kir­che unmög­lich war, wor­aus sich auch die Erfolg­lo­sig­keit der Akti­ons­par­tei (1942–1947) erklär­te.

Um die katho­li­sche Kir­che auch in Ita­li­en bekämp­fen zu kön­nen, muß­ten viel­mehr die sozia­len Wur­zeln der Reli­gi­on aus­ge­ris­sen wer­den, indem man die Gesell­schaft nach den Model­len des lai­zi­sti­schen Frank­reichs und des pro­te­stan­ti­schen Nor­dens „moder­ni­sier­te“. Das Pro­gramm sah vor, einen Punkt nach dem ande­ren, aber uner­bitt­lich umzu­set­zen: Schei­dung, Abtrei­bung, Dro­gen­li­be­ra­li­sie­rung, künst­li­che Befruch­tung, „Homo-Ehe“ und Eutha­na­sie. Für die­ses Pro­gramm, wie Pan­nella selbst erklär­te, sei­en die Alli­an­zen nicht wich­tig, letzt­lich nicht ein­mal die Ideo­lo­gien. Die einen wie die ande­ren sei­en nur „Taxis“, in die man ein­steigt und wie­der aus­steigt. Wich­tig sei das Pro­gramm, das mit Ent­schlos­sen­heit ver­folgt wer­den müs­se, und von dem es nicht über­trie­ben sei, es als „reli­gi­ös“ zu bezeich­nen.

Warum wurde Pannella von vielen Katholiken als Gesprächspartner gesehen?

Marco Pannella mit Emma Bonino: "To Taliban - No Vatican", 2003
Mar­co Pan­nella mit Emma Boni­no: „No Tale­ban – No Vati­can“, 2003

Man kann sich nun fra­gen, war­um Pan­nella, wenn das der Kern sei­nes poli­ti­schen und kul­tu­rel­len Han­delns war, gera­de auch von Katho­li­ken als inter­es­san­ter Gesprächs­part­ner gese­hen wur­de, und zwar von füh­ren­den Christ­de­mo­kra­ten bis hin zu Papst Fran­zis­kus. Sogar Johan­nes Paul II. grüß­te ihn.

Dar­auf gibt es eine dop­pel­te Ant­wort. Der erste Grund liegt im para­do­xer­wei­se „reli­giö­sen“ Cha­rak­ter der Radi­ka­len Par­tei, die des­halb immer wie­der mit einer Sek­te ver­gli­chen wur­de , aber auch des öffent­li­chen Lebens von Mar­co Pan­nella, das an Figu­ren des Barock­thea­ters erin­nert.

Die komö­di­an­ti­schen Töne, die his­tr­io­ni­schen Züge, das Kla­gen und Wei­nen, die Hun­ger­streiks und nun die Krank­heit wer­den als Ele­men­te einer Art sakra­ler Auf­füh­rung prä­sen­tiert – von etwas Sakra­lem natür­lich, das sehr weit vom Hei­li­gen der katho­li­schen Reli­gi­on ent­fernt ist. Es geht um eine sakra­le Insze­nie­rung, die eini­ge abstößt, aber vie­le fas­zi­niert, auch in Krei­sen, die den Ideen der Radi­ka­len sehr fern­ste­hen.

Der zwei­te Grund für Pan­nellas Erfolg in bestimm­ten katho­li­schen Krei­sen ist, daß nicht alle sei­ner Kämp­fe für die „Rech­te“ zu ver­ach­ten sind. Beson­ders zu drei Fra­gen traf sich Pan­nella mit der katho­li­schen Welt: die ver­folg­ten Chri­sten in ver­schie­de­nen Tei­len der Erde, wobei er über eini­ge Ver­fol­gun­gen als Erster in Ita­li­en sprach; den Hun­ger in der Welt sowie die unmensch­li­chen Haft­be­din­gun­gen in vie­len Gefäng­nis­sen Ita­li­ens und im Aus­land. Über die­se The­ma sprach Pan­nella auch mit Papst Fran­zis­kus.

Pannellas Rolle in der Gesellschaft, „kann man nur negativ beurteilen“

Pannella mit dem Dalai Lama
Pan­nella mit dem Dalai Lama

Bewußt hal­te ich mich hier nicht mit Gerüch­ten auf, die von einer Bekeh­rung Pan­nellas auf dem Ster­be­bett zu berich­ten wis­sen. Es han­delt sich um Gerüch­te, die eine pri­va­te und per­sön­li­che Sphä­re betref­fen, da nichts davon öffent­lich bekannt wur­de. Ich befas­se mich mit der öffent­li­chen Figur und der Rol­le, die Pan­nella in der ita­lie­ni­schen Gesell­schaft spiel­te. Eine Rol­le, die man nur nega­tiv beur­tei­len kann, da Pan­nella dort Erfolg hat­te, wo die Akti­ons­par­tei geschei­tert war. Durch sein skru­pel­lo­ses Vor­ge­hen, und obwohl er nie Wahl­er­fol­ge erziel­te, trug er auf unüber­trof­fe­ne Wei­se zur Ent­christ­li­chung Ita­li­ens bei.

Natür­lich ist es nicht ein ein­zel­ner Mann und nicht ein­mal eine Par­tei, die einen Ent­christ­li­chungs­pro­zeß bestim­men oder beherr­schen. Ein wich­ti­ger Motor eines sol­chen Pro­zes­ses sind jedoch schlech­te Geset­ze, und vie­le davon, wenn auch von ganz ande­ren unter­zeich­net, hät­te es wahr­schein­lich ohne den Erst­im­puls durch Pan­nella nicht gege­ben, oder erst spä­ter und nicht in die­ser Form.

Der Groß­nef­fe von Don Gia­c­in­to Pan­nella mag auch eini­ge gute Kämp­fe aus­ge­foch­ten haben. Bene­dikt XVI. warnt in Cari­tas in veri­ta­te jedoch vor der Ver­wir­rung zwi­schen wirk­li­chen Rech­ten und erfun­de­nen oder fal­schen Rech­ten, die immer von den­sel­ben Per­so­nen gefor­dert wer­den, so als wären sie alle von glei­chem Wert und glei­cher Wür­de. Das füh­re nur dazu, daß auch die guten und rich­ti­gen For­de­run­gen und Anlie­gen in einem gro­ßen Ein­topf kom­pro­mit­tiert und unkennt­lich gemacht wer­den.

Text: Mas­si­mo Intro­vi­g­ne

Pannellas Aufruf an Kommunisten und Faschisten: Bekämpfung der Freimaurerei beenden

Zum Tod von Mar­co Pan­nella fügen wir eine Text­pro­be bei, um Pan­nellas kir­chen­feind­li­ches Den­ken auf­zu­zei­gen, das in sei­ner per­ma­nen­ten Pole­mik immer und unein­ge­schränk­te Prio­ri­tät hat­te. Am 6. Sep­tem­ber 2000 for­der­te er die radi­ka­le Lin­ke und die radi­ka­le Rech­te auf, ihre Ableh­nung der Frei­mau­re­rei zu been­den, denn viel „schlim­mer“ als die Frei­mau­re­rei sei die katho­li­sche Kir­che, die so etwas, wie den Syl­labus erro­rum des Jah­res 1864 her­vor­ge­bracht habe:

„Es ist wirk­lich Zeit, daß Kom­mu­ni­sten und Post­kom­mu­ni­sten und eben­so Faschi­sten und Post­fa­schi­sten bereu­en und ein für alle­mal auf­hö­ren, die Frei­mau­re­rei als sol­che zu belei­di­gen und zu ver­fol­gen. Ein­ver­stan­den, die Anathe­ma­ta des Syl­labus ver­such­ten mehr­heit­lich die Frei­maue­rei­en, die Kar­bo­na­ri, Orga­ni­sa­tio­nen der Auf­klä­rung und lai­zi­stisch-libe­ra­le Grup­pen aller Art zu ver­nich­ten. Der Syl­labus selbst stellt aber die schlimm­ste Aus­prä­gung der Kul­tur der Unfrei­heit, der Into­le­ranz, der Ableh­nung der Gewis­sens­frei­heit dar. Das ist ein Grund mehr, damit Schluß zu machen, und ich habe kei­nen Zwei­fel: Ent­we­der sie machen Schluß damit, oder es wer­den Kom­mu­ni­sten und Faschi­sten, Kle­ri­ka­le Pro­hi­bi­tio­ni­sten und Gegen­re­for­ma­to­ren jeder Art sein, die am Ende sein wer­den, begra­ben auf den Müll­hal­den der Mensch­heits­ge­schich­te.“

Übersetzungen/Einleitungen/Fußnoten: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Wikicommons/MiL/CR

 

[1] Bene­det­to Cro­ce (1866–1952) und Gio­van­ni Gen­ti­le (1875–1944) waren die bei­den Haupt­ver­tre­ter des ita­lie­ni­schen Neo­idea­lis­mus. Wäh­rend Cro­ce zum Vor­den­ker und Vor­sit­zen­den der Libe­ra­len Par­tei wur­de und sowohl vor dem Ersten als auch nach dem Zwei­ten Welt­krieg dem Ita­lie­ni­schen Par­la­ment ange­hör­te, und nach dem Ersten und am Ende des Zwei­ten Welt­krie­ges Mini­ster war, schloß sich Gen­ti­le der Faschi­sti­schen Par­tei an und wur­de zu einem ihrer füh­ren­den Intel­lek­tu­el­len und Mini­ster. 1944 wur­de Gen­ti­le bei einem kom­mu­ni­sti­schen Atten­tat in Flo­renz ermor­det. Gemein­sam war ihnen ein ent­schie­de­ner Anti­kle­ri­ka­lis­mus.

[2] Was Mas­si­mo Intro­vi­g­ne als Fami­li­en­idyll dar­stellt, läßt aller­dings uner­wähnt, daß Don Gia­c­in­to Pan­nella libe­ra­le Über­zeu­gun­gen heg­te und zu frei­mau­re­ri­schen Krei­sen Kon­tak­te unter­hielt. Als Schrift­lei­ter der „Rivi­sta Abruz­ze­se“ bot er den erklär­ten Kir­chen­geg­nern Bene­det­to Cro­ce und Gio­van­ni Gen­ti­le Raum für Ver­öf­fent­li­chun­gen. Er selbst gab die „Gesam­mel­ten Wer­ke“ von Mel­chior­re Del­fi­co her­aus, eines Illu­mi­na­ten und Jako­bi­ners aus Ter­a­mo, nach dem die älte­ste Loge in den Abruz­zen benannt ist. Gia­c­in­to Pan­nella wur­de 1893 zum Rit­ter der Ita­lie­ni­schen Kro­ne ernannt, was kaum mehr als 20 Jah­re nach der Zer­schla­gung des Kir­chen­staa­tes durch den ita­lie­ni­schen Staat für einen katho­li­schen Prie­ster zumin­dest unge­wöhn­lich war.

[3] Mit libe­ra­len und anti­kle­ri­ka­len Ideen wur­de Mar­co Pan­nella, wie dar­ge­stellt, aller­dings bereits durch sei­ne Fami­lie in Ter­a­mo ver­traut, nicht erst in Frank­reich. Die Fra­ge Faschis­mus-Anti­fa­schis­mus wur­de davon nicht berührt, wie die Bio­gra­phien von Cro­ce und Gen­ti­le zei­gen.
Intro­vi­g­ne behan­delt in sei­nem Auf­satz nicht Pan­nellas Kon­tak­te zur Frei­mau­re­rei, die bereits sein Groß­on­kel hat­te, und — laut Doku­men­ten im ita­lie­ni­schen Par­la­ments­ar­chiv — offen­bar auch sein Vater, noch Pan­nellas Homo­se­xua­li­tät.

[4] Bet­ti­no Cra­xi (1934–2000) war von 1968–1994 Mit­glied des Ita­lie­ni­schen Par­la­ments, 1976–1993 Vor­sit­zen­der der Sozia­li­sti­schen Par­tei Ita­li­ens und von 1983–1987 ita­lie­ni­scher Mini­ster­prä­si­dent.

[5] Achil­le Occhet­to (1936), von 1962–1966 Vor­sit­zen­der der Kom­mu­ni­sti­schen Jugend­or­ga­ni­sa­ti­on, 1966–1969 Lei­ter der Abtei­lung Pro­pa­gan­da des Zen­tral­ko­mi­tees der Kom­mu­ni­sti­schen Par­tei Ita­li­ens (KPI), Par­tei­se­kre­tär in Sizi­li­en, 1976–2006 Mit­glied des Ita­lie­ni­schen Par­la­ments, 1988–1991 Gene­ral­se­kre­tär der KPI, nach deren Umbe­nen­nung 1991–1994 Vor­sit­zen­der der Demo­kra­ti­schen Links­par­tei (PDS), seit 2009 Mit­glied der Links­öko­lo­gi­schen Par­tei, einer Nach­fol­ger­or­ga­ni­sa­ti­on des ehe­ma­li­gen lin­ken Flü­gels der KPI, die der Euro­päi­schen Lin­ken ange­hört.

[6] Emma Boni­no bezich­tig­te sich im Rah­men des Kamp­fes für die Abtrei­bung selbst, mehr als 10.000 unge­bo­re­ne Kin­der durch Abtrei­bung getö­tet zu haben. Um einer Straf­ver­fol­gung zu ent­ge­hen, setz­te sie sich nach Frank­reich ab. Nach der Lega­li­sie­rung der Abtrei­bung wur­de sie amne­stiert. Wäh­rend der Katho­lik Roc­co But­tiglio­ne wegen sei­ner katho­li­schen Glau­bens nicht EU-Kom­mis­sar wer­den konn­te, sah bei Emma Boni­no in ihrer blu­ti­gen Ver­gan­gen­heit kei­nen Hin­de­rungs­grund. Boni­no, die bis zum heu­ti­gen Tag für die welt­wei­te Lega­li­sie­rung der Abtrei­bung und der Eutha­na­sie ein­tritt, wur­de von Papst Fran­zis­kus als eine „ganz Gro­ße“ Ita­li­ens gelobt.

[7] Der Par­tei­sen­der, zudem einer radi­ka­len Split­ter­grup­pe, erhielt in einer eben­so unge­wöhn­li­chen wie bis heu­te kaum nach­voll­zieh­ba­ren poli­ti­schen Über­ein­kunft den Auf­trag zur Par­la­ments­be­richt­erstat­tung, dar­un­ter Direkt­über­tra­gun­gen der Par­la­ments­de­bat­ten. Eine Auf­ga­be den bereits der öffent­lich-recht­li­che Rund­funk RAI erfüll­te. In Wirk­lich­keit han­del­te es sich um einen poli­ti­schen Deal, mit dem die gesam­te Finan­zie­rung des Sen­ders, und dar­über hin­aus auch eines Teils der radi­ka­len Par­tei­struk­tu­ren, durch den Steu­er­zah­ler über­nom­men wur­de. Eine Rege­lung, die nach wie vor gilt. Wie sie zustan­de kam, und daß sie so lan­ge hal­ten konn­te, gehört zu den Rät­seln der ita­lie­ni­schen Poli­tik. Über die Mikro­pho­ne von Radio Radi­ca­le sam­mel­te Pan­nella neue Anhän­ger und ver­brei­te­te sei­ne täg­li­che Pro­pa­gan­da gegen die „nicht ver­han­del­ba­ren Wer­te“.