Wie sieht Papst Franziskus das Zweite Vatikanische Konzil? – Kardinal Sarah ins Gefängnis?

Der Einfluß der „Schule von Bologna“

Was denkt Papst Franziskus über das Zweite Vatikanische Konzil?
Was denkt Papst Franziskus über das Zweite Vatikanische Konzil?

(Rom) Wie hält es Papst Fran­zis­kus mit dem Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil? Das war jüngst The­ma bei Il Sis­mo­gra­fo (Der Seis­mo­graph), einem inof­fi­zi­el­len Pres­se­spie­gel des vati­ka­ni­schen Staats­se­kre­ta­ri­ats im Inter­net. Der „Seis­mo­graph“ pro­vo­zie­re „klei­ne Erd­be­ben“ schrieb der Vati­ka­nist San­dro Magi­ster. Das jüng­ste „Erd­be­ben“ betrifft „nichts gerin­ge­res als die Her­me­neu­tik, mit der Papst Fran­zis­kus das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil inter­pre­tiert und anwendet“.

Die han­deln­den Per­so­nen in der Sache sind:
Luis Badil­la Mora­les, der Chef­re­dak­teur von Il Sis­mo­gra­fo, ein Chi­le­ne, der „Mini­ster der Regie­rung Allen­de war und seit 1973 im poli­ti­schen Exil in Euro­pa“ lebt (Terre d’America) und vie­le Jah­re für Radio Vati­kan arbei­te­te;
Mas­si­mo Fag­gio­li, Kir­chen­hi­sto­ri­ker und ein füh­ren­der Ver­tre­ter der pro­gres­si­ven „Schu­le von Bolo­gna“ um Giu­sep­pe Albe­ri­go, für die das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil ein posi­ti­ver „Bruch“ und „Neu­be­ginn“ in der Geschich­te der Kir­che war;
Agosti­no Mar­chet­to, Kuri­en­erz­bi­schof und ehe­ma­li­ger Diplo­mat sowie gewich­tig­ster Kri­ti­ker der „Schu­le von Bolo­gna“ — und lang­jäh­ri­ger Freund von Papst Fran­zis­kus. Mar­chet­to ist ein Ver­tre­ter der „Her­me­neu­tik der Kon­ti­nui­tät“ im Sin­ne von Papst Bene­dikt XVI.

„Der Papst kennt keine Unsicherheiten, wie das Konzil zu interpretieren ist“

Luis Badilla Morales
Luis Badil­la Mora­les, Mini­ster unter Allen­de, seit 1973 im „poli­ti­schen Asyl“ in Rom

Am 14. Janu­ar ver­öf­fent­lich­te Il Sis­mo­gra­fo ein begei­ster­tes Inter­view mit Fag­gio­li, das Badil­la und der Her­aus­ge­ber der Inter­net­sei­te, Fran­ces­co Gaglia­no, führten.

Fag­gio­li behaup­te­te dar­in, Papst Fran­zis­kus „spricht sehr wenig vom Kon­zil“, weil „er es macht, es stän­dig umsetzt, und die fas­zi­nie­rend­ste Sache dabei ist, daß er nie ein Inter­es­se an der Fra­ge der Her­me­neu­tik des Kon­zils gezeigt hat“. Viel­mehr sei Fran­zis­kus „der erste Papst, der kei­ne Unsi­cher­hei­ten dazu hat, wie das Kon­zil zu inter­pre­tie­ren ist“. Das kom­me daher, daß der Papst, laut Fag­gio­li, wie folgt über das Kon­zil den­ke: „Wir haben es jetzt in der Hand und wir inter­pre­tie­ren es, ohne Strei­tig­kei­ten von vor 30 oder 40 Jah­ren wiederaufzumachen“.

Die Begei­ste­rung von Fag­gio­li und sei­ner bei­den Inter­view­er „erklärt sich, weil sie die Inter­pre­ta­ti­on des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils durch Papst Fran­zis­kus mit jener der ‚Schu­le von Bolo­gna‘ gleich­set­zen“, so der Vati­ka­nist San­dro Magister.

„Nicht wahr“, daß Papst Franziskus kein Interesse an der Frage der Konzils-Hermeneutik hat

Prompt reagier­te Kuri­en­erz­bi­schof Mar­chet­to, der die „Schu­le von Bolo­gna“ und ihre Les­art des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils einer syste­ma­ti­schen Kri­tik unter­zo­gen hat­te. Nur drei Stun­den nach der Ver­öf­fent­li­chung des Inter­views ging in der Redak­ti­on des Sis­mo­gra­fo eine Replik von Msgr. Mar­chet­to ein, die kom­men­tar­los ver­öf­fent­licht wurde.

Kurienerzbischof Agostino Marchetto, Hermeneutiker der Kontinuität und Freund von Papst Franziskus
Kuri­en­erz­bi­schof Agosti­no Mar­chet­to, Her­me­neu­ti­ker der Kon­ti­nui­tät und Freund von Papst Franziskus

Deren Ver­tre­ter igno­rie­ren das Schrei­ben jedoch und behaup­ten wei­ter­hin Papst Fran­zis­kus als einen der Ihren und damit in Sachen Kon­zil eine Deckungs­gleich­heit des päpst­li­chen Den­kens mit jenem der „Schu­le“.

Die Inter­net­sei­te Il Sis­mo­gra­fo scheint nicht unter den offi­zi­el­len Medi­en des Hei­li­gen Stuhls auf, ist aber des­sen direk­te Grün­dung. Sie wird von Jour­na­li­sten von Radio Vati­kan gelei­tet und betrie­ben und steht unter der Auf­sicht des Staats­se­kre­ta­ri­ats, bis das neue Kom­mu­ni­ka­ti­ons­se­kre­ta­ri­at unter Prä­fekt Dario Viganò, dem bis­he­ri­gen Direk­tor des vati­ka­ni­schen Fern­seh­sen­der CTV, ein­satz­be­reit sein wird.

Die Neutralität zugunsten der Parteinahme aufgegeben

Auf­ga­be des Ende Janu­ar 2012 gegrün­de­ten Sis­mo­gra­fo ist es, Arti­kel ande­rer Medi­en über Papst Fran­zis­kus und den Hei­li­gen Stuhl voll­in­halt­lich in fünf Spra­chen zu über­neh­men und zu ver­brei­ten. Bis vor kur­zem geschah dies ohne eige­ne Bei­trä­ge und unkommentiert.

„Seit eini­gen Mona­ten aber haben sich die Din­ge geän­dert. Luis Badil­la Mora­les, der Haupt­ver­ant­wort­li­che der Sei­te greift immer häu­fi­ger mit sei­nen Kom­men­ta­ren ein, die alles sind, aber nicht neu­tral“, so Magister.

Er wur­de von Anfang an mit der Lei­tung der Sei­te beauf­tragt und ist seit eini­gen Mona­ten bei TV2000, dem Fern­seh­sen­der der Ita­lie­ni­schen Bischofs­kon­fe­renz, omni­prä­sent. Beson­ders inten­siv trat er wäh­rend der Bischofs­syn­ode im ver­gan­ge­nen Okto­ber in Erschei­nung. Auf wel­cher Sei­te der Bar­ri­ka­de er steht, dar­aus mach­te er kein Hehl.

Ohne Kom­men­tar hin­ge­gen, ver­brei­te­te er die „Ent­hül­lung“ des päpst­li­chen Haus­va­ti­ka­ni­sten Andrea Tor­ni­el­li von einer angeb­li­chen „Kon­spi­ra­ti­on“ gegen Papst Fran­zis­kus. Als „Ver­schwö­rer“ mach­te er die „drei­zehn Kar­di­nä­le“ aus, die bei Papst Fran­zis­kus mit einem Brief gegen die Geschäfts­ord­nung der Bischofs­syn­ode pro­te­stier­ten und gegen den Ein­druck, nur mehr „vor­ge­fer­tig­te Ergeb­nis­se“ abwin­ken zu sol­len. Sie hiel­ten dem Kir­chen­ober­haupt vor, daß die Bischofs­syn­ode mani­pu­liert wer­den solle.

Faggioli kann in Vatikan-Medium Gefängnis für Kardinal Sarah fordern

Massimo Faggiolis Buch über Papst Franziskus: Tradition in Transition
Mas­si­mo Fag­gio­lis Buch über Papst Fran­zis­kus: Tra­di­ti­on in Transition

Als San­dro Magi­ster die behaup­te­te „Ver­schwö­rung“ als Unter­stel­lung ent­larv­te, kam der gan­ze Zorn der Papst-Entou­ra­ge zur Explo­si­on, weil die Kar­di­nä­le den ursprüng­li­chen Syn­oden-Plan zu Fall gebracht hat­ten. Auch Badil­la konn­te sich nicht mehr zurück­hal­ten und schrieb meh­re­re per­sön­li­che, „sehr pole­mi­sche“ Kom­men­ta­re gegen die Kar­di­nä­le, die den Brief an den Papst unter­zeich­net hat­ten und die bei der Syn­ode zu den ent­schei­den­den Syn­oden­vä­tern gehör­ten, die sich der Zulas­sung wie­der­ver­hei­ra­te­ter Geschie­de­ner zur Kom­mu­ni­on und der Aner­ken­nung der Homo­se­xua­li­tät widersetzten.

Schüt­zen­hil­fe erhielt Badil­la dabei von Fag­gio­li, der an der Uni­ver­si­ty of St. Tho­mas in Min­nea­po­lis Geschich­te des Chri­sten­tums und an der Vil­la­no­va Uni­ve­si­ty von Phil­adel­phia Theo­lo­gie lehrt. Fag­gio­li griff die Kar­di­nä­le-Syn­oda­len noch schär­fer an und ging soweit, für einen der drei­zehn Unter­zeich­ner, für Kar­di­nal Robert Sarah, den Prä­fek­ten der Got­tes­dienst­kon­gre­ga­ti­on, sogar nach dem Gefäng­nis zu schrei­en. Fag­gio­li gerier­te sich mit Schaum vor dem Mund als Denun­zi­ant und behaup­te­te, der afri­ka­ni­sche Kar­di­nal habe bei sei­nen Wort­mel­dun­gen in der Syn­ode­nau­la Din­ge gesagt, „die in eini­gen west­li­chen Demo­kra­tien straf­recht­lich rele­vant“ seien.

Sei­ne Breit­sei­te feu­er­te Fag­gio­li aus den Spal­ten der Huf­fing­ton Post ab. Badil­la über­nahm die unter­grif­fi­ge For­de­rung, einen Kar­di­nal der Kir­che und Prä­fek­ten der Römi­schen Kurie, für eine nicht­öf­fent­li­che Äuße­rung in Ver­tei­di­gung der kirch­li­chen Moral­leh­re ins Gefäng­nis zu wün­schen, kom­men­tar­los beim Sis­mo­gra­fo, einer inof­fi­zi­el­len Sei­te des Staatssekretariats.

Schlagabtausch: Liturgiker Grillo macht sich über Papst-Briefe lustig

Fag­gio­li, soll­te sich damit eigent­lich für jede Zusam­men­ar­beit mit kirch­li­chen Ein­rich­tun­gen selbst dis­kre­di­tiert haben. Doch bei Badil­la ist er auch wei­ter­hin ein gern gese­he­ner Gast und Inter­view­part­ner, wie jüngst vor weni­gen Tagen. Eine gemein­sa­me Gesin­nung schweißt zusammen.

Durch das Inter­view wur­de das Augen­merk auf das Ver­hält­nis von Papst Fran­zis­kus zum Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil gelenkt. Am Tag nach dem Schlag­ab­tausch zwi­schen Fag­gio­li und Kuri­en­erz­bi­schof Mar­chet­to ver­öf­fent­lich­te der Sis­mo­gra­fo kom­men­tar­los die Stel­lung­nah­me von Andrea Gril­lo, einem bekann­ten Theo­lo­gen und Pro­fes­sor für Lit­ur­gie­wis­sen­schaf­ten an der römi­schen Hoch­schu­le der Bene­dik­ti­ner Sant’Anselmo.

Gril­lo eil­te Fag­gio­li zu Hil­fe und mach­te sich sogar über die bei­den Brie­fe von Papst Fran­zis­kus lustig, die er als blo­ße Kuri­en­pro­duk­te abtat. Papst Fran­zis­kus sei „nicht Tra­di­tio­na­list“, so Gril­lo, son­dern ein „Post-Libe­ra­ler“. Kon­kret mein­te der Lit­ur­gi­ker damit, daß die Her­me­neu­tik der Kon­ti­nui­tät, wie sie Mar­chet­to und Bene­dikt XVI. ver­tre­ten, eine „tra­di­tio­na­li­sti­sche“ Les­art des Kon­zils sei. Fran­zis­kus aber mit „Tra­di­tio­na­lis­mus“ in Ver­bin­dung zu brin­gen, das sei ja schließ­lich wirk­lich lächerlich.

Franziskus: Zweites Vaticanum heißt, „das Evangelium im Licht der zeitgenössischen Kultur neu zu lesen“

„In der Tat ist es leicht, in den Wor­ten und Gesten von Fran­zis­kus Anhalts­punk­te zu fin­den, die ihn viel­mehr in die Nähe zu den The­sen der Schu­le von Bolo­gna rücken“, so Magister.

Einen expli­zi­ten Anhalts­punkt lie­fer­te Fran­zis­kus im Inter­view der Civil­tà  Cat­to­li­ca von Sep­tem­ber 2013. Dar­in bezeich­ne­te er das Kon­zil als „einen Dienst am Volk“, der dar­in bestehe „das Evan­ge­li­um im Licht der zeit­ge­nös­si­schen Kul­tur neu zu lesen“.

„Nach­dem die­ses Inter­view erschie­nen war, wur­de der Papst ver­trau­lich dar­auf hin­ge­wie­sen, daß die Ver­kür­zung des Kon­zils auf ein sol­ches Ver­ständ­nis zumin­dest ‚unprä­zi­se‘, wenn nicht ‚falsch‘ sei“, so Magi­ster. Die­ser Hin­weis für den Papst kam von Kuri­en­erz­bi­schof Mar­chet­to, der frü­her fak­tisch der „Ein­wan­de­rungs­mi­ni­ster“ des Vati­kans war und daher mit Migra­ti­ons­fra­gen zu tun hat­te. Ein The­ma, das schon Jor­ge Mario Ber­go­glio wich­tig war und so lern­te man sich ken­nen. „Die bei­den befreun­de­ten sich in gegen­sei­ti­ger Wert­schät­zung“, so Magi­ster. Mar­chet­to wohnt im römi­schen Kle­rus­haus in der Via del­la Scro­fa auf Zim­mer 204. Ber­go­glio beleg­te frü­her die Num­mer 203, wenn er sich in Rom aufhielt.

Fran­zis­kus ließ sich von sei­nem Freund die Kri­tik an sei­ner Inter­view-Aus­sa­ge erklä­ren. Dar­aus folg­te der Brief an Mar­chet­to, mit dem der Papst sei­ne Sep­tem­ber-Aus­sa­ge kor­ri­gier­te und die Ver­öf­fent­li­chung des Brie­fes erlaub­te, was Mar­chet­to am 13. Novem­ber 2013 tat.

Kampf um die Deutungshoheit des Konzils

Don Dossetti mit dem späteren italienischen Ministerpräsdenten und EU-Kommissionspräsidenten Romano Prodi
Drang nach links: Don Dos­set­ti mit dem spä­te­ren EU-Kom­mis­si­ons­prä­si­den­ten Roma­no Prodi

Die „Schu­le von Bolo­gna“ läßt aber nicht locker. Immer­hin geht es um die Deu­tungs­ho­heit des Kon­zils, die mit jah­re­lan­ger Ell­bo­gen­tech­nik errun­gen wur­de. Erst durch die Wahl von Papst Bene­dikt XVI. wur­de ihr von höch­ster Stel­le ent­ge­gen­ge­tre­ten und ihr Mono­pol in Fra­ge gestellt. Ein Mono­pol, das nicht unwe­sent­lich mit Unter­stüt­zung der Deut­schen Bischofs­kon­fe­renz zustan­de gekom­men war.

Der Brief an Mar­chet­to war eine kla­re schrift­li­che Aus­sa­ge, der aber eine Rei­he ande­rer Gesten und Wor­te ent­ge­gen­steht. Damit wur­de die Ambi­va­lenz von Papst Fran­zis­kus im Umgang mit dem Kon­zil nicht auf­ge­löst. Die „Schu­le von Bolo­gna“ kann ihrer­seits auf päpst­li­che Gesten zu ihren Gun­sten ver­wei­sen. Dazu zählt die jüngst erfolg­te Ernen­nung von Cor­ra­do Lore­fice, einem Ver­tre­ter der „Schu­le von Bolo­gna“, zum neu­en Erz­bi­schof von Palermo.

Lore­fice schrieb ein Buch über Don Giu­sep­pe Dos­set­ti und Kar­di­nal Gia­co­mo Ler­ca­ro. Dos­set­ti war ein ehe­ma­li­ger links­ka­tho­li­scher Poli­ti­ker, der dann Prie­ster wur­de und beim Kon­zil als tech­ni­scher Orga­ni­sa­tor der pro­gres­si­ven „Rhei­ni­schen Alli­anz“ galt. Auf­grund sei­ner par­tei­po­li­ti­schen und par­la­men­ta­ri­schen Erfah­rung, ver­such­te er das Kon­zil über die Geschäfts­ord­nung zu steu­ern. Ein Aspekt, der den aller­mei­sten Kon­zils­vä­tern so fremd war, daß er von ihnen nicht ein­mal wahr­ge­nom­men wurde.

Kar­di­nal Ler­ca­ro war Erz­bi­schof von Mai­land und der ita­lie­ni­sche Haupt­ver­tre­ter der „Rhei­ni­schen Alli­anz“. Ler­ca­ro wur­de einer der vier Kon­zils-Mode­ra­to­ren und von 1964–1957 Vor­sit­zen­der des Con­si­li­um ad exse­quen­dam Con­sti­tu­tio­nem de Sacra Lit­ur­gia, des Rats zur Umset­zung der Kon­sti­tu­ti­on über die hei­li­ge Lit­ur­gie. Sekre­tär des Rates, der für die Lit­ur­gie­re­for­men von 1965 und 1969 ver­ant­wort­lich zeich­net, war Pater Anni­ba­le Bugni­ni. Ler­ca­ro wur­de zwar 1967 nach einer Rede über den Viet­nam­krieg, wegen inter­na­tio­na­ler diplo­ma­ti­scher Ver­wick­lun­gen mit den USA, von Papst Paul VI. als Vor­sit­zen­der abbe­ru­fen, blieb aber Ratsmitglied.

Paul VI., Giuseppe Dossetti und die „Rheinische Allianz“

Der Kir­chen­hi­sto­ri­ker Alber­to Mel­lo­ni und der­zei­ti­ge Lei­ter der „Schu­le von Bolo­gna“ gab jüngst eine neue Paro­le aus. Auch Papst Paul VI. habe Dos­set­ti geschätzt und sei­ne Art der Abstim­mun­gen bis zur letz­ten Stim­me, um eine neue „syn­oda­le“ Kir­che zu schaf­fen. Bis­her war Paul VI. ein Lieb­lings­haß­ob­jekt der „Schu­le“. Papst Mon­ti­ni wird vor­ge­wor­fen, daß der radi­ka­le Umbau der Kir­che auf hal­bem Weg stecken­ge­blie­ben und eine „restau­ra­ti­ve“ Pha­se unter Johan­nes Paul II. und Bene­dikt XVI. mög­lich gewor­den sei. Mehr noch: Paul VI. habe bereits „restau­ra­ti­ve“ Züge getra­gen, die Refor­men gebremst und mit der Enzy­kli­ka Huma­nae vitae einen „Rück­schritt“ vollzogen.

Paul VI. mit Konzilsgeneralsekretär Pericle Felici
Paul VI. mit Kon­zils­ge­ne­ral­se­kre­tär Peri­cle Felici

Als Mel­lo­ni, zwei Tage nach Abschluß der außer­or­dent­li­chen Bischofs­syn­ode am 21. Okto­ber 2014 im Cor­rie­re del­la Sera die­se The­se auf­stell­te, wider­sprach ihm auch damals Msgr. Mar­chet­to. Der Kuri­en­erz­bi­schof zitier­te aus dem unver­öf­fent­lich­ten Tage­buch von Kuri­en­erz­bi­schof Peri­cle Feli­ci, dem Gene­ral­se­kre­tär des Kon­zils, aus dem unzwei­fel­haft die Abnei­gung Pauls VI. gegen die Manö­ver Dos­set­tis her­vor­geht. Feli­ci, spä­ter zum Kar­di­nal erho­ben, soll­te am 16. Okto­ber 1978 als Kar­di­nal­pro­to­dia­kon der Welt die Wahl von Papst Johan­nes Paul II. verkünden.

Das Tage­buch wur­de von Mar­chet­to, der bereits dar­an arbei­te­te, im Novem­ber 2015 im Vati­kan­ver­lag ver­öf­fent­licht. Dabei han­delt es sich um eine wich­ti­ge neue Quel­le, um eine umfas­sen­de Geschich­te des Kon­zils schrei­ben zu kön­nen. Magi­ster zitiert zur Unter­strei­chung drei Stellen.

Die Kon­zils­mo­de­ra­to­ren I

„Als die Mode­ra­to­ren aus­ge­wählt wur­den in den Per­so­nen Aga­gia­nan, Ler­ca­ro, Döpf­ner und Sue­n­ens, erlaub­te ich mir den Kar­di­nal­staats­se­kre­tär (Amle­to Cico­gna­ni) dar­auf hin­zu­wei­sen, daß es sich dabei erklär­ter­ma­ßen um par­tei­ische Män­ner hand­le, die daher wenig geeig­net sei­en, zu ‚mode­rie­ren‘. Der Staats­se­kre­tär ant­wor­te­te mir mit einem gewis­sen Groll. Letzt­end­lich und nach schmerz­li­chen Erfah­run­gen war er der erste, der den bei der Aus­wahl der Per­so­nen gemach­ten Feh­ler anerkannte.“

Die Kon­zils­mo­de­ra­to­ren II

„Lei­der sind die Mode­ra­to­ren nicht nur ein­mal wenig klu­ge Wege gegan­gen. Sie haben begon­nen auf eige­ne Faust zu han­deln, indem sie das Gene­ral­se­kre­ta­ri­at über­gin­gen und sich der Arbeit Don Dos­set­tis bedien­ten, den Kar­di­nal Ler­ca­ro als Sekre­tär der Mode­ra­to­ren vor­ge­stellt hat. Ich ließ gewäh­ren, bis die Pro­ble­me sicht­bar wur­den… Dann habe ich bei Kar­di­nal Aga­gia­nan pro­te­stiert und dar­an erin­nert, daß der Sekre­tär der Mode­ra­to­ren laut Geschäfts­ord­nung der Gene­ral­se­kre­tär ist und ich kei­nen Ersatz zulas­se, außer der Papst will es, und daß ich für nich­tig hal­te, was bis­her von Don Dos­set­ti gemacht wor­den war. Das­sel­be sag­te ich auch Kar­di­nal Döpf­ner. Der Papst, von mir dar­über infor­miert, sag­te kate­go­risch, daß er Don Dos­set­ti nicht auf jenem Posten haben will, mehr noch, daß er nach Bolo­gna zurück­keh­ren solle.“

Die Kon­zils­mo­de­ra­to­ren III

„Es lohnt dar­an zu erin­nern, wie­viel ich arbei­ten muß­te, damit in den Appro­ba­ti­ons­for­meln der Dekre­te durch den Papst nicht jene Kon­zep­te der fal­schen Kol­le­gia­li­tät Ein­gang fin­den, die Gegen­stand der Abstim­mung vom 30. Okto­ber waren. Man woll­te den Papst dar­auf redu­zie­ren, mit dem bereits Beschlos­se­nen über­ein­zu­stim­men. Der Papst, dem ich die Sache berich­te­te, bemerk­te dazu: ‚Es sind sie, die in Über­ein­stim­mung mit mir sein müs­sen, nicht ich mit ihnen!‘ Opti­me dictum!“

Die „Schule von Bologna“ in Privataudienz beim Papst

Am 23. Juni 2015 wur­de Alber­to Mel­lo­ni zusam­men mit einer Ver­tre­tung des von ihm gelei­te­ten Insti­tuts in Bolo­gna von Papst Fran­zis­kus in Pri­vat­au­di­enz emp­fan­gen, „der sie erneut glau­ben ließ, auf ihrer Sei­te zu ste­hen“, so Magister.

Eini­ge Mona­te spä­ter, am 9. Novem­ber, schrieb Fran­zis­kus aber einen zwei­ten Brief an Kuri­en­erz­bi­schof Mar­chet­to, der mit einem warm­her­zi­gen Lob für des­sen Edi­ti­on des Kon­zils­ta­ge­bu­ches von Kar­di­nal Peri­cle Feli­ci beginnt und damit dem „radi­kal­sten Gegen­teil der Theo­rien von einem „Bruch“ und „Neu­be­ginn“ durch das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil“, so Magister.

Um die Sache zu beru­hi­gen, boten Luis Badil­la und Fran­ces­co Gaglia­no auch Erz­bi­schof Mar­chet­to ein Inter­view über die „Inter­pre­ta­ti­on und Umset­zung“ des Kon­zils an. Die fünf Fra­gen und Ant­wor­ten wur­den am 18. Janu­ar von Il Sis­mo­gra­fo veröffentlicht.

Was aber denkt Papst Franziskus wirklich über das Konzil?

Weni­ger klar denn je ist die Hal­tung von Papst Fran­zis­kus zum Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil. Laut den Brie­fen und Aus­sa­gen von Kuri­en­erz­bi­schof Mar­chet­to wür­de Fran­zis­kus die Her­me­neu­tik des Bruchs ent­schie­den ableh­nen und sei viel­mehr auf der Linie der Her­me­neu­tik der Kon­ti­nui­tät von Papst Bene­dikt XVI. Die­ser Ein­druck wird aller­dings nur in den bei­den Brie­fen an Mar­chet­to ver­mit­telt, anson­sten weder durch sei­ne Aus­sa­gen oder Hand­lun­gen noch in sei­nen Beteue­run­gen gegen­über den Ver­tre­tern der „Schu­le von Bolo­gna“ bestätigt.

Letzt­end­lich könn­te man den Ein­druck gewin­nen, der Papst wol­le sei­nen jewei­li­gen Gesprächs­part­nern „gefal­len“ und ihnen eine Freu­de berei­ten. Ist es Erz­bi­schof Mar­chet­to, so lobt er ihn und stellt sich an sei­ne Sei­te. Sind es die Ver­tre­ter der „Schu­le von Bolo­gna“, so lobt er die­se und stellt sich an ihre Sei­te. Ist es nur eine Form, einer als stö­rend emp­fun­de­nen Dis­kus­si­on aus dem Weg zu gehen? Oder ist das Kon­zil für Fran­zis­kus ein­fach „Schnee von gestern“, wie ein pro­gres­si­ver Vati­ka­nist in dem Sin­ne mein­te, daß sich die pro­gres­si­ve Agen­da gar nicht mehr damit auf­hal­ten müsse?

Was also denkt der Papst wirk­lich über eine zen­tra­le Fra­ge der jüng­sten Kir­chen­ge­schich­te, zu der die Mei­nun­gen kaum gegen­sätz­li­cher sein könn­ten. Ein Ereig­nis, das die einen erst „zur Hälf­te“ umge­setzt sehen, ande­re es so als „alter­na­tiv­los“ behaup­ten und von den „Früch­ten des Kon­zils“ spre­chen, die wie­der ande­re trotz Anstren­gung nir­gends fin­den kön­nen und man­che es gar für den Brand­be­schleu­ni­ger der Kir­chen­kri­se halten.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: CR/TV2000/vatican.va/romanoprodi (Screen­shots)

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