Zehn Jahre „Amoris laetitia“: Leo XIV. läßt die bergoglianische Mannschaft weiter aufspielen

Wird der neue Papst Korrekturen vornehmen?

Papst Leo XIV. hat zu 10 Jahre "Amoris laetitia" zu einer großen Versammlung nach Rom gerufen. Wird er bei dieser Gelegenheit Korrekturen an dem umstrittenen Dokument vornehmen und neue Akzente setzen, oder bestimmt Franziskus auch im Pontifikat von Leo XIV. den Ton und die Richtung?
Papst Leo XIV. hat zu 10 Jahre "Amoris laetitia" zu einer großen Versammlung nach Rom gerufen. Wird er bei dieser Gelegenheit Korrekturen an dem umstrittenen Dokument vornehmen und neue Akzente setzen, oder bestimmt Franziskus auch im Pontifikat von Leo XIV. den Ton und die Richtung?

Der Vati­kan fei­ert zehn Jah­re Amo­ris lae­ti­tia – und setzt dabei auf­fal­lend stark auf jene Kräf­te, die schon unter Fran­zis­kus die syn­oda­le Neu­ord­nung der Kir­che vor­an­ge­trie­ben haben. Das nach­syn­oda­le Schrei­ben Amo­ris lae­ti­tia bil­de­te den Auf­takt zu einer gan­zen Rei­he höchst umstrit­te­ner Doku­men­te des berg­o­glia­ni­schen Pontifikats. 

Mit Amo­ris lae­ti­tia wur­den die über­lie­fer­te Sakra­men­ten­ord­nung und die Ehe- und Moral­leh­re der Kir­che in Fra­ge gestellt, indem die Schei­dung fak­tisch aner­kannt wur­de, womit die Unauf­lös­lich­keit des Ehe­sa­kra­ments unter­gra­ben wur­de und neben wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen auch ande­re irre­gu­lä­re Bezie­hun­gen wie wil­des Zusam­men­le­ben und Homo-Ver­bin­dun­gen bei der Zulas­sung zur Kom­mu­ni­on Aner­ken­nung fan­den, wodurch auch das Altar­sa­kra­ment und das Buß­sa­kra­ment lädiert wurden.

Rom steht in die­sen Tagen ganz im Zei­chen die­ses Doku­ments, das die katho­li­sche Kir­che seit einem Jahr­zehnt beschäf­tigt und spal­tet. Vom heu­ti­gen 7. bis zum 14. Okto­ber 2026 ver­sam­melt Papst Leo XIV. im Vati­kan die Vor­sit­zen­den der Bischofs­kon­fe­ren­zen und die Ober­häup­ter der katho­li­schen Ost­kir­chen, um zehn Jah­re nach der Ver­öf­fent­li­chung des nach­syn­oda­len Apo­sto­li­schen Schrei­bens über die Fami­lie Bilanz zu zie­hen. Die Eröff­nung der Ver­samm­lung erfolgt heu­te nach­mit­tag um 16 Uhr.

Der offi­zi­el­le Ton der Vor­be­rei­tun­gen ist pasto­ral und ver­söhn­lich. Es geht um das „Evan­ge­li­um mit den Fami­li­en heu­te“, um Zuhö­ren, Unter­schei­dung und die Fra­ge, wie die Kir­che auf die „ver­än­der­te Lebens­wirk­lich­keit“ der Fami­li­en reagie­ren soll.

Doch wer nicht nur auf die vati­ka­ni­schen For­mu­lie­run­gen schaut, die beson­ders unter Fran­zis­kus teils ver­schlei­ernd waren, son­dern auf die Namen schaut, stößt auf eine bemer­kens­wer­te Kontinuität.

Unter den per­sön­lich aus­ge­wähl­ten Teil­neh­mern fin­den sich zahl­rei­che Kar­di­nä­le und Bischö­fe, die wäh­rend des Pon­ti­fi­ka­tes von Fran­zis­kus zu den pro­mi­nen­te­sten Ver­tre­tern einer syn­oda­len und pasto­ral offe­nen Neu­ori­en­tie­rung gehör­ten. Die­je­ni­gen, die in den ver­gan­ge­nen Jah­ren auf die lehr­amt­li­chen und sakra­men­ta­len Kon­se­quen­zen bestimm­ter Inter­pre­ta­tio­nen von Amo­ris lae­ti­tia hin­ge­wie­sen haben und warn­ten, spie­len dem­ge­gen­über bei die­sem Tref­fen kei­ne ver­gleich­ba­re Rol­le. Die Pro­gres­si­ven fül­len die vati­ka­ni­schen Hal­len, wäh­rend die kon­ser­va­ti­ven und tra­di­ti­ons­ver­bun­de­nen Kir­chen­ver­tre­ter drau­ßen bleiben.

Das bedeu­tet nicht auto­ma­tisch, daß Leo XIV. jede Posi­ti­on sei­nes Vor­gän­gers über­nimmt. Es zeigt aber sehr wohl, wel­che Stim­men der neue Papst hören will, wenn in Rom über die Zukunft der Fami­li­en­pa­sto­ral gespro­chen wird.

Nicht nur das Dokument ist entscheidend – sondern auch seine Ausleger

Amo­ris lae­ti­tia wur­de am 19. März 2016 von Papst Fran­zis­kus ver­öf­fent­licht. Von Anfang an ent­zün­de­te sich die Kon­tro­ver­se vor allem an jenen Pas­sa­gen, die das Ver­hält­nis von Gewis­sen, objek­ti­ver mora­li­scher Norm, irre­gu­lä­ren Lebens­si­tua­tio­nen und dem Emp­fang der Sakra­men­te betref­fen. Eine beson­de­re Bedeu­tung erhielt dabei die berüch­tig­te Fuß­no­te 351.

Vier Kar­di­nä­le – Ray­mond Bur­ke, Wal­ter Brand­mül­ler, Car­lo Caf­farra und Joa­chim Meis­ner – leg­ten Fran­zis­kus im Sep­tem­ber 2016 fünf Dubia vor. Sie baten um Klar­heit über die Ver­ein­bar­keit bestimm­ter Punk­te und Inter­pre­ta­tio­nen von Amo­ris lae­ti­tia mit dem bis­he­ri­gen kirch­li­chen Lehramt.

Eine Ant­wort erhiel­ten die vier Kar­di­nä­le von Fran­zis­kus nicht. Dafür umso mehr Angrif­fe durch über­zeug­te Berg­o­glia­ner bis hin zur For­de­run­gen, ihnen die Kar­di­nals­wür­de abzu­er­ken­nen.

Damit blieb eine der ent­schei­den­den Fra­gen des Fran­zis­kus-Pon­ti­fi­ka­tes offen: Han­delt es sich bei Amo­ris lae­ti­tia ledig­lich um eine Ent­wick­lung und Ver­tie­fung der bis­he­ri­gen Leh­re – oder führt die dar­aus her­vor­ge­gan­ge­ne pasto­ra­le Pra­xis in bestimm­ten Berei­chen fak­tisch zu einer grund­le­gen­den Ver­än­de­rung der kirch­li­chen Disziplin?

Zehn Jah­re spä­ter wird die­se Fra­ge erneut auf­ge­ru­fen. Aller­dings geschieht dies nicht in Form einer klas­si­schen lehr­amt­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung. Der Schwer­punkt liegt viel­mehr auf der Fra­ge, wie Amo­ris lae­ti­tia „gelebt“ wur­de. Ist die­ser pasto­ra­le Zugang aber ange­mes­sen, wenn die grund­sätz­li­chen Fra­gen noch unge­klärt sind?

Damit ver­schiebt sich der Akzent wei­ter im berg­o­glia­ni­schen Sinn: Nicht der Text und sei­ne lehr­amt­li­che Bedeu­tung ste­hen im Mit­tel­punkt, son­dern die pasto­ra­len Pro­zes­se, die sich aus ihm ent­wickelt haben. Fran­zis­kus bau­te sein gan­zes Pon­ti­fi­kat auf dem Vor­rang der Pra­xis gegen­über der Theo­rie auf, der Pasto­ral vor dem Dogma.

Und genau des­halb spielt die per­so­nel­le Zusam­men­set­zung des Tref­fens eine erheb­li­che Rolle.

Cupich, McElroy, Tobin: die amerikanische Achse

Zu beson­de­ren kirch­li­chen Ver­samm­lun­gen, so auch bei Bischofs­syn­oden, kann ein Papst per­sön­lich Kir­chen­ver­tre­ter ein­la­den. Die­se Ein­la­dun­gen sen­den ein deut­li­ches Signal aus, in wel­che Rich­tung das Kir­chen­ober­haupt denkt und wel­che Strö­mung er auf der Ver­samm­lung stär­ken will. Zu den per­sön­lich aus­ge­wähl­ten Teil­neh­mern der heu­te begon­ne­nen Ver­samm­lung gehö­ren die ame­ri­ka­ni­schen Kar­di­nä­le Bla­se Cupich von Chi­ca­go, Robert McEl­roy von Washing­ton und Joseph Tobin von Newark. Alle drei Pur­pur­trä­ger gehö­ren zum pro­gres­si­ven Flü­gel der US-Kir­che und sind Krea­tio­nen von Franziskus.

Gera­de Cupich und McEl­roy gehö­ren zu jenen ame­ri­ka­ni­schen Kir­chen­män­nern, die Amo­ris lae­ti­tia in einer pro­gres­si­ven pasto­ra­len Per­spek­ti­ve inter­pre­tiert haben. McEl­roy ver­band die Debat­te über die Fami­li­en­pa­sto­ral wie­der­holt mit der Homo-Fra­ge, einer ande­ren pro­gres­si­ven Groß­bau­stel­le des berg­o­glia­ni­schen Pontifikats.

Auch Kar­di­nal Tobin steht für die­sen pasto­ra­len Kurs, der den Schwer­punkt stark auf Auf­nah­me und Beglei­tung legt. In den USA wur­den alle drei Kir­chen­män­ner als McCar­ri­ck-Boys bekannt, die von Fran­zis­kus in die höch­sten Posi­tio­nen geho­ben wur­den. Auch dar­in läßt sich eine Kon­ti­nui­tät zum vori­gen Pon­ti­fi­kat erkennen.

Es han­delt sich also kei­nes­wegs um eine zufäl­li­ge Aus­wahl ame­ri­ka­ni­scher Bischö­fe. Hier sit­zen Män­ner am Tisch, die in den ver­gan­ge­nen Jah­ren zu den mar­kan­te­sten Ver­tre­tern jener berg­o­glia­ni­schen Inter­pre­ta­ti­on gehör­ten, wel­che Amo­ris lae­ti­tia als Aus­gangs­punkt für eine wei­ter­ge­hen­de pasto­ra­le Öff­nung gegen­über Schei­dung und Wie­der­ver­hei­ra­tung und Homo-Bezie­hun­gen verstand.

José Cobo und Fiducia supplicans

Noch deut­li­cher wird die Rich­tung beim spa­ni­schen Kar­di­nal José Cobo, Erz­bi­schof von Madrid.

Cobo gehört zu den pro­mi­nen­ten Befür­wor­tern der Syn­oda­li­tät und unter­stütz­te Fidu­cia sup­pli­cans aus­drück­lich, also jene nicht min­der umstrit­te­ne Erklä­rung, mit der Homo-Seg­nun­gen in der Kir­che eta­bliert wur­den. Anfang 2024 erklär­te er, Madrid wer­de die vati­ka­ni­sche Erklä­rung über Seg­nun­gen mit jener „Inten­si­tät“ anwen­den, die das Doku­ment ver­lan­ge. Zugleich wur­den Prie­ster der Erz­diö­ze­se ermahnt, die sich öffent­lich gegen die Umset­zung aus­ge­spro­chen hatten.

Cobo ist damit nicht bloß Teil­neh­mer einer all­ge­mei­nen Fami­li­en­kon­fe­renz. Sei­ne Prä­senz steht für eine expli­zi­te Vor­stel­lung davon, wie die Kir­che mit soge­nann­ten „irre­gu­lä­ren“ Lebens­si­tua­tio­nen umge­hen soll: Abgren­zung, Ver­ur­tei­lung und Dis­zi­plin waren gestern, nun gehe es um „Beglei­tung“, Inte­gra­ti­on und pasto­ra­le Unter­schei­dung, also fak­tisch um die Aner­ken­nung des­sen, was die Kir­che stets verurteilte.

Gera­de des­halb ist sei­ne per­sön­li­che Ein­la­dung durch Papst Leo XIV. bemerkenswert.

Am 10. Okto­ber wird Cobo den The­men­block über das Ehe­le­ben und die ent­schei­den­den ersten Ehe­jah­re eröff­nen. Neben ihm spricht die argen­ti­ni­sche Theo­lo­gin María Mar­ce­la Mazzini.

Mazzini war bereits Teil­neh­me­rin der Fami­li­en­syn­ode von 2015 und beschrieb die von Fran­zis­kus ange­sto­ße­ne „Öff­nung“ aus­drück­lich als dau­er­haf­ten Ver­än­de­rungs­pro­zeß. In einem Inter­view von 2023 erklär­te sie, Fran­zis­kus för­de­re eine dau­er­haf­te Reform der Kir­che und beschrei­te einen Weg mit Men­schen, die „mit sei­nem Kir­chen­bild übereinstimmten“.

Man könn­te die Ein­la­dun­gen nüch­tern so for­mu­lie­ren: Der Reform­pro­zeß wird unter Leo XIV. nicht abge­bro­chen, son­dern per­so­nell weitergeführt.

Synodalität als Methode – und als Programm

Bereits der erste Tag des Tref­fens macht die Rich­tung deut­lich. Neben Leo XIV. tre­ten Kar­di­nal Mario Grech, Gene­ral­se­kre­tär des Syn­oden­se­kre­ta­ria­tes, und Kar­di­nal Kevin Far­rell auf. Die Medi­ta­ti­on hält Schwe­ster Helen Alford OP, die Fran­zis­kus 2023 zur Vor­sit­zen­den der Päpst­li­chen Aka­de­mie der Sozi­al­wis­sen­schaf­ten ernannt hatte.

Auch die Arbeits­wei­se ist bezeich­nend. Auf die ein­füh­ren­den Vor­trä­ge fol­gen Klein­grup­pen und soge­nann­te „Gesprä­che im Geist“. Die Ergeb­nis­se wer­den anschlie­ßend zusam­men­ge­tra­gen und gemein­sam wei­ter­be­ra­ten. Damit wird die umstrit­te­ne Metho­de selbst zu einem Teil der Botschaft.

Die Fra­ge lau­tet nicht nur: Was sagt die kirch­li­che Leh­re? Sie lau­tet viel­mehr: Wie wur­de Amo­ris lae­ti­tia in den Orts­kir­chen auf­ge­nom­men? Wel­che Erfah­run­gen wur­den gemacht? Wel­che pasto­ra­len Pro­zes­se sind ent­stan­den? Was muß ange­sichts der gesell­schaft­li­chen Ver­än­de­run­gen wei­ter­ent­wickelt werden?

Die­se Ver­schie­bung vom Lehr­satz zur pasto­ra­len Erfah­rung gehört zu den cha­rak­te­ri­sti­schen Merk­ma­len der Fran­zis­kus-Zeit. Und Leo XIV. führt dies auf der struk­tu­rel­len Ebe­ne unver­än­dert fort.

„Prozessualität“, Anpassung und Verhandlung

Beson­ders deut­lich tritt die­se Denk­wei­se beim ita­lie­ni­schen Theo­lo­gen Vin­cen­zo Rosi­to her­vor. Er lehrt am Päpst­li­chen Theo­lo­gi­schen Insti­tut Johan­nes Paul II. für Ehe- und Fami­li­en­wis­sen­schaf­ten in Rom und ist dort Stu­di­en­di­rek­tor. Die­ses Insti­tut war vom pol­ni­schen Papst aus­drück­lich zur Ver­tei­di­gung von Ehe und Fami­lie gegrün­det wor­den. Fran­zis­kus ernann­te im Som­mer 2016 jedoch Kuri­en­erz­bi­schof Vin­cen­zo Paglia, um das Insti­tut berg­o­glia­nisch umzu­bau­en. Der Grund dafür war, daß die Ver­tre­ter des Insti­tuts im Zuge der bei­den Fami­li­en­syn­oden von 2014 und 2015 mas­si­ven Wider­stand gegen die pro­gres­si­ven Neue­run­gen lei­ste­ten. Das woll­te Fran­zis­kus been­den und er ließ das Insti­tut einem Radi­kal­um­bau unterziehen.

Am 8. Okto­ber wird Rosi­to gemein­sam mit Kar­di­nal Fili­pe Neri Fer­rão den ersten gro­ßen The­men­block über die heu­ti­ge Fami­lie eröff­nen. Rosi­to beschrieb Syn­oda­li­tät bereits als „Pro­zes­sua­li­tät“ und ver­wen­de­te dabei Begrif­fe wie Anpas­sung, Impro­vi­sa­ti­on und Ver­hand­lung. Ver­än­de­run­gen der gesell­schaft­li­chen Wirk­lich­keit müß­ten dem­nach nicht ein­fach ver­ur­teilt, son­dern ver­stan­den und in einem Pro­zeß gemein­sa­mer Unter­schei­dung bear­bei­tet wer­den. Kurz­um, die kirch­li­che Leh­re habe sich den Ver­än­de­run­gen anzu­pas­sen, weil die­se kraft ihrer selbst, also durch die Macht des Fak­ti­schen, als eine Form gött­li­cher Emana­ti­on zu ver­ste­hen und anzu­er­ken­nen seien.

Als Bei­spie­le wur­den von Rosi­to der Rück­gang der sakra­men­ta­len Beich­te und die zuneh­men­de Ver­brei­tung des Zusam­men­le­bens ohne Ehe ange­führt. Hier liegt auch einer der neur­al­gi­schen Punk­te des gesam­ten Unternehmens.

Denn die katho­li­sche Kir­che steht zwei­fel­los vor einer ver­än­der­ten gesell­schaft­li­chen Wirk­lich­keit. Aber aus der Tat­sa­che, daß eine bestimm­te Pra­xis gesell­schaft­lich ver­brei­tet ist, folgt noch lan­ge nicht ihre mora­li­sche oder sakra­men­ta­le Legitimität.

Das Evan­ge­li­um hat die Welt zu bekeh­ren – nicht die Welt das Evan­ge­li­um. Doch mit Hil­fe der Dia­lek­tik wird ver­sucht, selbst die­se eher­nen Grund­sät­ze aufzulösen.

Genau an die­ser Stel­le ent­schei­det sich, ob „pasto­ra­le Anpas­sung“ eine klu­ge Form der Evan­ge­li­sie­rung oder eine schlei­chen­de Anpas­sung der kirch­li­chen Norm an gesell­schaft­li­che Ver­hält­nis­se bedeutet.

Der australische Synodalismus

Am 9. Okto­ber wird Erz­bi­schof Timo­thy Costel­loe von Perth, Vor­sit­zen­der der Austra­li­schen Bischofs­kon­fe­renz, über Jugend­li­che und die Beru­fung zur Ehe sprechen.

Costel­loe gehört zu den pro­mi­nen­ten austra­li­schen Ver­tre­tern des „syn­oda­len Weges“. In einem Inter­view vom Sep­tem­ber 2026 erklär­te er, er sei beson­ders von Leos Beto­nung eines „Sti­les der Syn­oda­li­tät“ beeindruckt.

Dar­un­ter ver­steht er eine Hal­tung des tie­fen Zuhö­rens und der Bereit­schaft, durch den ande­ren zu erken­nen, was der Hei­li­ge Geist sagen könnte.

Auch hier zeigt sich die Kon­ti­nui­tät: Leo XIV. über­nimmt nicht ein­fach die Schlag­wor­te sei­nes Vor­gän­gers, hält aber an einem zwei­fel­haf­ten zen­tra­len metho­di­schen Instru­ment der Fran­zis­kus-Zeit fest.

Pablo David und die Grenzen der traditionellen Sakramentenlehre

Am 12. Okto­ber steht das The­ma „In den Schwie­rig­kei­ten des Lebens: beglei­ten und unter­stüt­zen“ auf dem Pro­gramm. Ein­ge­la­den ist Kar­di­nal Pablo Vir­gi­lio Siongco David, Bischof von Kaloo­kan auf den Phil­ip­pi­nen. Gemein­sam mit der Theo­lo­gin Julie Han­lon Rubio führt er in die­sen The­men­block ein.

David gehört zu den ent­schie­de­nen Befür­wor­tern des syn­oda­len Modells und unter­stütz­te auch Fidu­cia sup­pli­cans. Dar­über hin­aus hat er mit Äuße­run­gen zur Eucha­ri­stie und zu Gestal­ten der neu­te­sta­ment­li­chen Über­lie­fe­rung für erheb­li­che Dis­kus­sio­nen gesorgt.

Gera­de bei einem Tref­fen, das sich mit dem Umgang der Kir­che mit schwie­ri­gen Lebens­si­tua­tio­nen beschäf­tigt, sticht die päpst­li­che Ein­la­dung an ihn ins Auge. Denn die Fra­ge nach der Barm­her­zig­keit läßt sich nicht von der Fra­ge nach der Wahr­heit trennen.

Die Kir­che beglei­tet den Sün­der nicht dadurch, daß sie die Sün­de umbe­nennt und damit fak­tisch aner­kennt. Sie beglei­tet ihn, indem sie ihn zur Umkehr und damit zur Wahr­heit führt. Doch das erscheint vie­len zu müh­se­lig. Wahr­schein­li­cher jedoch ist, was nüch­tern ange­merkt wer­den muß, daß sie selbst nicht mehr an die kirch­li­che Leh­re glauben.

Julie Hanlon Rubio: „Queer“ als Subjekt katholischer Familienlehre

Auch die Aus­wahl der ame­ri­ka­ni­schen Theo­lo­gin Julie Han­lon Rubio ist pro­gram­ma­tisch. Rubio ver­öf­fent­lich­te 2021 gemein­sam mit Bar­ba­ra Anne Kozee bei New Ways Mini­stry, einer US-ame­ri­ka­ni­schen LGBT-Orga­ni­sa­ti­on, die Homo-Lob­by­is­mus im katho­li­schen Umfeld betreibt, einen Bei­trag über LGBTQ-Jugend­li­che und die katho­li­sche Fami­li­en­leh­re. Dar­in ver­trat sie die Auf­fas­sung, daß katho­li­sche Theo­lo­gie begin­ne, „que­e­re“ Jugend­li­che als Sub­jek­te inner­halb der Leh­re über die Fami­lie zu verstehen.

Zugleich sah sie in Amo­ris lae­ti­tia die Grund­la­ge für einen stär­ker inklu­si­ven und hand­lungs­ori­en­tier­ten Ansatz. Rubio ist also kei­nes­wegs eine zufäl­li­ge aka­de­mi­sche Stim­me. Ihre Ver­öf­fent­li­chun­gen befas­sen sich seit Jah­ren mit Fami­li­en­ethik, Sexua­li­tät und den Fol­gen von Amo­ris lae­ti­tia im radi­kal­pro­gres­si­ven Sinn.

Ihre Ein­la­dung zeigt des­halb, wel­che Art von „Beglei­tung“ in die­sem Zusam­men­hang als theo­lo­gisch rele­vant ange­se­hen wird.

Und wer fehlt?

Min­de­stens eben­so auf­schluß­reich wie die Namen auf der Liste sind jene, die fehlen.

Kei­ner der vier Kar­di­nä­le, die 2016 die Dubia zu Amo­ris lae­ti­tia ein­reich­ten – Bur­ke, Brand­mül­ler, Caf­farra und Meis­ner –, gehört zu den per­sön­lich ein­ge­la­de­nen Stim­men. Zwei von ihnen sind ver­stor­ben, aber zwei leben noch.

Auch die spä­te­ren Unter­zeich­ner der zwei­ten Dubia-Initia­ti­ve fin­den sich nicht in die­ser Grup­pe. Glei­ches gilt für Kar­di­nal Ger­hard Mül­ler und Erz­bi­schof Charles Cha­put, die bei­de die tra­di­tio­nel­le sakra­men­ta­le und moral­theo­lo­gi­sche Les­art gegen­über wei­ter­ge­hen­den Inter­pre­ta­tio­nen verteidigten.

Natür­lich sind die Vor­sit­zen­den der Bischofs­kon­fe­ren­zen kraft ihres Amtes ver­tre­ten. Dadurch ist eine gewis­se Plu­ra­li­tät gewähr­lei­stet. Doch gera­de bei den per­sön­lich aus­ge­wähl­ten Teil­neh­mern ist die Aus­wahl auf­fäl­lig pro­gres­siv und bergoglianisch.

Die Ver­tei­di­ger der über­lie­fer­ten Leh­re und die Kri­ti­ker an Amo­ris lae­ti­tia sind sicher auch ver­tre­ten, spie­len aber orga­ni­sa­to­risch kei­ne erkenn­ba­re Rol­le. Die syn­oda­le Rezep­ti­on des Doku­men­tes dage­gen umso mehr.

Kein neuer Bruch – sondern eine direkte Fortsetzung?

Der neue Papst hat natür­lich das Recht und die Pflicht, die Kir­che nach sei­nem eige­nen Ver­ständ­nis zu füh­ren. Auch die offi­zi­el­le vati­ka­ni­sche Dar­stel­lung des Tref­fens betont nicht eine Ände­rung der Leh­re, son­dern die Evan­ge­li­sie­rung der Fami­li­en und die Not­wen­dig­keit, auf die dra­ma­ti­schen Ver­än­de­run­gen der Fami­li­en­wirk­lich­keit zu reagieren.

Und tat­säch­lich ent­hält das Pro­gramm durch­aus klas­si­sche katho­li­sche The­men: die Beru­fung zur Ehe, die ersten Jah­re des Ehe­le­bens, die Wei­ter­ga­be des Glau­bens in der Fami­lie und die Fami­lie als Trä­ge­rin der Evangelisierung.

Leo XIV. hät­te das zehn­jäh­ri­ge Jubi­lä­um von Amo­ris lae­ti­tia auch dazu nut­zen kön­nen, die offe­nen lehr­amt­li­chen Fra­gen aus­drück­lich zu klä­ren. Statt des­sen steht, soweit durch die Vor­be­rei­tun­gen abseh­bar, die pasto­ra­le Rezep­ti­on des Doku­men­tes im Mittelpunkt.

Das Tref­fen soll her­aus­fin­den, was in den Orts­kir­chen „gelebt“ wur­de und wel­che näch­sten Schrit­te dar­aus fol­gen sol­len. Die ent­schei­den­de Fra­ge lau­tet daher nicht, ob Leo XIV. Fran­zis­kus kopiert. Die ent­schei­den­de Fra­ge lau­tet, ob die von Fran­zis­kus ange­sto­ße­nen Pro­zes­se nun unter Leo XIV. insti­tu­tio­nell ver­ste­tigt wer­den. Die Zusam­men­set­zung des Tref­fens spricht jeden­falls für eine erheb­li­che Kontinuität.

Die offene Wunde von „Amoris laetitia“

Zehn Jah­re nach Amo­ris lae­ti­tia ist die Debat­te des­halb kei­nes­wegs been­det. Sie ist viel­mehr in eine neue Pha­se eingetreten.

Damals ging es um Fuß­no­te 351, um die Kom­mu­ni­on für wie­der­ver­hei­ra­te­te Geschie­de­ne, um das Ver­hält­nis von objek­ti­ver Norm und sub­jek­ti­ver Gewissensentscheidung.

Heu­te geht es um die viel grö­ße­re Fra­ge, ob die dar­aus ent­stan­de­ne pasto­ra­le Pra­xis zum Aus­gangs­punkt einer dau­er­haf­ten Ver­än­de­rung der kirch­li­chen Ord­nung wer­den soll.

Die Begrif­fe haben sich ver­än­dert. Aus „Kom­mu­ni­on“, „Gewis­sen“ und „irre­gu­lä­ren Situa­tio­nen“ sind „Beglei­tung“, „Inklu­si­on“, „Pro­zeß“, „Syn­oda­li­tät“ und „pasto­ra­le Unter­schei­dung“ geworden.

Doch die theo­lo­gi­sche Grund­fra­ge bleibt die­sel­be: Kann sich die pasto­ra­le Pra­xis ver­än­dern, ohne daß sich damit – aus­drück­lich oder still­schwei­gend – auch das Ver­ständ­nis der kirch­li­chen Leh­re verändert?

Das Tref­fen vom 7. bis zum 14. Okto­ber wird einen zen­tra­len Hin­weis dar­auf geben, in wel­che Rich­tung Rom gegen­wär­tig zu hören bereit ist. Ent­schei­dend wird dann sein, ob die „Syn­oda­li­tät“ ledig­lich eine Metho­de des Zuhö­rens bleibt – oder ob sie zum Instru­ment wird, mit dem aus pasto­ra­len Erfah­run­gen schritt­wei­se neue kirch­li­che Nor­men entstehen.

Am 14. Okto­ber wird Leo XIV. die hei­li­ge Mes­se zele­brie­ren und anschlie­ßend den Abschluß­be­richt des Tref­fens ent­ge­gen­neh­men. Eines steht schon fest: Die per­so­nel­le Welt der Fran­zis­kus-Zeit ist in Rom kei­nes­wegs ver­schwun­den. Sie sitzt wei­ter­hin zen­tral am Tisch.

Auf­grund die­ser sich abzeich­nen­den Ent­wick­lung rief Prof. Rober­to de Mat­tei Papst Leo XIV. auf, die Gele­gen­heit die­ses Tref­fens zu nüt­zen, um die nöti­gen Kor­rek­tu­ren an Amo­ris lae­ti­tia vor­zu­neh­men und eine Kurs­än­de­rung ein­zu­läu­ten. Wird es dazu kommen? 

Dar­an jeden­falls wird man das Pon­ti­fi­kat von Leo XIV. zu mes­sen haben.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Katho​li​sches​.info

5 Kommentare

  1. Mich lang­weilt das nur mehr. Es erin­nert mich an die Abhand­lung der Herr­scher im Buch der Köni­ge. König x tat, was dem Herrn miss­fiel. Er wur­de so und so bestraft. Er herrsch­te so und so vie­le Jah­re. Danach wur­de y an sei­ner Stel­le König.
    König y tat, was dem Herrn missfiel …

  2. In der Regel ist es doch so, daß staat­lich Geschie­de­ne und even­tu­ell eben­so „Wie­der­ver­hei­ra­te­te“, aber kirch­lich und in Wahr­heit erst­ver­hei­ra­tet sind und blei­ben, sich wenig um kirch­li­che Lock­an­ge­bo­te küm­mern. Der gan­ze Unfug von AL inter­es­siert abso­lut nur weni­ge, die in irre­gu­lä­ren sün­di­gen Situa­tio­nen leben. Allein schon des­we­gen ist AL ein Schlag ins Was­ser bzw. ein Schuß der nach hin­ten losgeht.
    Eini­ge Her­ren Hir­ten leben in ihrer eige­nen Schein­welt von schmie­ri­gen Höf­lin­gen umge­ben, anschei­nend von allen guten Gei­stern ver­las­sen. Durch ihre fal­sche Barm­her­zig­keit rich­ten sie sich selbst.
    Papst Leo wird bzgl. AL wohl kaum als Bruch­pi­lot agie­ren, son­dern womög­lich, hof­fent­lich, das Gan­ze schluß­end­lich zu einer wei­chen Lan­dung brin­gen. Es wird der Tag kom­men, an dem die jet­zi­gen Ver­fech­ter von AL davon nichts mehr davon wis­sen wollen.

  3. „Der Vati­kan fei­ert zehn Jah­re Amo­ris lae­ti­tia“. Was gibt es da zu fei­ern? Viel­mehr soll­te man im Vati­kan in sich gehen und schleu­nigst sämt­li­che dubio­sen Stel­len aus die­sem ver­häng­nis­vol­len Doku­ment ent­fer­nen oder es gleich ganz zurück­zie­hen. Zual­ler­erst ist Papst Leo XIV. gefor­dert, von dem sich recht­gläu­bi­ge Katho­li­ken wün­schen, daß er end­lich sei­ne Fixie­rung auf das berg­o­glia­ni­sche Unheil­spon­ti­fi­kat über­win­det, abstrichs­los katho­lisch wird und ent­spre­chend handelt.

  4. Die Unauf­lös­lich­keit der Ehe besteht de fac­to nur noch auf dem Papier – und auch das könn­te sich nun ändern. Der Offen­ba­rung wider­spricht all dies jedoch schon heu­te, und es ist unse­re Pflicht, dies tap­fer zu beken­nen – um Chri­sti willen.

  5. Nur wegen der Fort­pflan­zung hat Gott zwei Geschlech­ter geschaf­fen, den­Von Gott her gesehn Mann Adam und aus ihm her­aus das Weib Eva und mit ihm das edel­ste Wesen, die Mama.
    Von Gott her gese­hen gibt es nur zwei rich­ti­ge Lebens­we­ge, Ehe oder Zölibat.

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