Die höchste Bestimmung des Menschen

Von einer kirchlichen Versammlung darf man sich die Worte des Lebens und der Hoffnung erwarten

Von Rober­to de Mattei*

Vom 7. bis zum 14. Okto­ber 2026 wird im Vati­kan das ange­kün­dig­te Tref­fen zwi­schen Papst Leo XIV., den Ober­häup­tern der katho­li­schen Ost­kir­chen sui iuris und den Vor­sit­zen­den der Bischofs­kon­fe­ren­zen statt­fin­den. Die Zusam­men­kunft ver­folgt das Ziel, „im gegen­sei­ti­gen Zuhö­ren eine syn­oda­le Unter­schei­dung über die Schrit­te vor­zu­neh­men, die zu unter­neh­men sind, um den Fami­li­en heu­te das Evan­ge­li­um zu ver­kün­den, im Lich­te von Amo­ris lae­ti­tia und unter Berück­sich­ti­gung des­sen, was in den Orts­kir­chen bereits ver­wirk­licht wird“.

Zur Vor­be­rei­tung der Arbei­ten die­ser Ver­samm­lung ver­öf­fent­lich­ten das Gene­ral­se­kre­ta­ri­at der Bischofs­syn­ode und das Dik­aste­ri­um für die Lai­en, die Fami­lie und das Leben am 6. Juli einen the­ma­ti­schen Leit­fa­den, der an die Orts­kir­chen ver­sandt wur­de. Der vier­te Punkt die­ses Tex­tes trägt den Titel: „In den Schwie­rig­kei­ten des Lebens: beglei­ten und unter­stüt­zen. Mit den Fami­li­en in schwie­ri­gen Situa­tio­nen unter­wegs sein.“ Dar­in wird das zen­tra­le The­ma des ach­ten Kapi­tels des nach­syn­oda­len Apo­sto­li­schen Schrei­bens Amo­ris lae­ti­tia mit fol­gen­den Wor­ten aufgegriffen:

„Wel­che Schrit­te wur­den unter­nom­men, um jene zu unter­stüt­zen, die in Situa­tio­nen der Ver­wund­bar­keit oder der Not leben? Wel­che Wider­stän­de tre­ten dabei auf? Wie kön­nen christ­li­che Gemein­schaf­ten auf­ge­baut wer­den, in denen die­je­ni­gen, die die Erfah­rung von Leid, Ver­las­sen­heit, Tren­nung und Schei­dung gemacht haben, sich wirk­lich gehört, als Teil der Gemein­schaft und mit­ver­ant­wort­lich füh­len? Wel­che kon­kre­ten Erfah­run­gen zei­gen schon heu­te das Gesicht einer Kir­che, die immer mehr zu Nähe, Unter­schei­dung, Beglei­tung und Wert­schät­zung fähig ist und den Men­schen und Fami­li­en hilft, ihr Ver­trau­en wie­der­zu­fin­den, sich als Teil der Gemein­schaft zu erken­nen und die Barm­her­zig­keit Got­tes zu erfahren?“

Nach dem Apo­sto­li­schen Schrei­ben Amo­ris lae­ti­tia vom 19. März 2016 muß sich die Kir­che ange­sichts des Lei­dens jener Men­schen, die die Erfah­rung einer geschei­ter­ten Ehe machen, auf pasto­ra­ler Ebe­ne ein­set­zen und sich als auf­nah­me­be­rei­te und barm­her­zi­ge Hei­mat erwei­sen. Doch wie weit darf die­se Auf­nah­me­be­reit­schaft gehen? Kann man Men­schen zu den Sakra­men­ten zulas­sen, die dau­er­haft in einer objek­ti­ven Situa­ti­on schwe­rer Sün­de leben, wie dies bei wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen der Fall ist, ohne dadurch dem natür­li­chen und gött­li­chen Gesetz zu widersprechen?

Amo­ris lae­ti­tia scheint die­se Fra­ge beja­hend zu beant­wor­ten, wenn es in Nr. 301 heißt: „Es ist nicht mehr mög­lich zu behaup­ten, daß alle, die sich in irgend­ei­ner soge­nann­ten ‚irre­gu­lä­ren‘ Situa­ti­on befin­den, in einem Zustand der Tod­sün­de leben und der hei­lig­ma­chen­den Gna­de beraubt sind.“ In Nr. 305 heißt es wei­ter: „Auf­grund von Ein­schrän­kun­gen oder mil­dern­den Fak­to­ren ist es mög­lich, daß man mit­ten in einer objek­ti­ven Situa­ti­on der Sün­de – die nicht sub­jek­tiv schuld­haft ist oder es zumin­dest nicht in vol­lem Maße ist – in der Gna­de Got­tes leben, lie­ben und auch im Leben der Gna­de und der Lie­be wach­sen kann und zu die­sem Zweck die Hil­fe der Kir­che emp­fängt.

Es ist rich­tig, daß die katho­li­sche Moral­theo­lo­gie stets zwi­schen der objek­ti­ven Schwe­re einer Hand­lung und der vol­len sub­jek­ti­ven Zure­chen­bar­keit des­sen, der sie begeht, unter­schie­den hat. Unwis­sen­heit, Furcht, Gewalt, tief ver­wur­zel­te Gewohn­hei­ten und ande­re Umstän­de kön­nen die per­sön­li­che Ver­ant­wor­tung min­dern. Das von Amo­ris lae­ti­tia auf­ge­wor­fe­ne Pro­blem beschränkt sich jedoch nicht auf die Beur­tei­lung des indi­vi­du­el­len Gewis­sens, die letzt­lich Gott allein vor­be­hal­ten ist. Es geht viel­mehr um die Fra­ge, ob eine klu­ge und ver­ant­wor­tungs­vol­le Beur­tei­lung durch den Beicht­va­ter in eine kirch­li­che Pra­xis über­führt wer­den kann, die einem Men­schen den Zugang zur Eucha­ri­stie ermög­licht, obwohl er wei­ter­hin öffent­lich in einer Lebens­si­tua­ti­on ver­harrt, die einem gött­li­chen Gebot wider­spricht, ohne den Vor­satz zu haben, die­se Situa­ti­on zu beenden.

Aus die­sem Grun­de leg­ten im Jah­re 2016 vier Kar­di­nä­le – Ray­mond Leo Bur­ke, Wal­ter Brand­mül­ler, Car­lo Caf­farra und Joa­chim Meis­ner – Papst Fran­zis­kus fünf Dubia vor. Unter ande­rem frag­ten sie, ob es nach Amo­ris lae­ti­tia, Nr. 301, noch mög­lich sei zu bekräf­ti­gen, daß „eine Per­son, die gewohn­heits­mä­ßig im Wider­spruch zu einem Gebot des Geset­zes Got­tes lebt, wie etwa dem­je­ni­gen, das den Ehe­bruch ver­bie­tet (vgl. Mt 19,3–9), sich in einer objek­ti­ven Situa­ti­on habi­tu­el­ler schwe­rer Sün­de befin­det“. Weder die­se Fra­ge noch die übri­gen von den Kar­di­nä­len vor­ge­leg­ten Dubia haben jemals eine Ant­wort erhalten.

Wird das von Leo XIV. ein­be­ru­fe­ne Tref­fen im Okto­ber die Irr­tü­mer und Unklar­hei­ten von Amo­ris lae­ti­tia bekräf­ti­gen? Oder wird es viel­mehr ver­su­chen, das Doku­ment von Papst Fran­zis­kus im Sin­ne der katho­li­schen Leh­re neu zu deu­ten und dabei erneut bekräf­ti­gen, daß jemand, der sich in einer objek­ti­ven Situa­ti­on schwe­rer Sün­de befin­det, die Eucha­ri­stie nicht ohne Reue, sakra­men­ta­le Los­spre­chung und den Vor­satz einer Ände­rung sei­nes Lebens emp­fan­gen kann?

Wie Abbé Clau­de Bar­the in einem kürz­lich erschie­ne­nen, kla­ren und über­zeu­gen­den Bei­trag bemerkt, „könn­te die­ses Tref­fen für eini­ge muti­ge Hir­ten eine pro­vi­denzi­el­le Gele­gen­heit dar­stel­len, den erheb­li­chen Scha­den auf­zu­zei­gen, den das nach­syn­oda­le Apo­sto­li­sche Schrei­ben Amo­ris lae­ti­tia der natür­li­chen und katho­li­schen Moral und damit dem Heil der See­len zuge­fügt hat“.

Kei­ne pasto­ra­le Pra­xis kann näm­lich wahr­haft katho­lisch sein, wenn sie – und sei es auch nur mit­tel­bar – jener Glau­bens- und Sit­ten­leh­re wider­spricht, die sie sicht­bar und wirk­sam machen soll.

Das eigent­li­che Pro­blem liegt jedoch tie­fer und nicht erst bei den dar­aus fol­gen­den pasto­ra­len Maß­nah­men. Der tief­ste Grund für so vie­le geschei­ter­te Ehen und für die dar­aus ent­ste­hen­den Situa­tio­nen von Not, Leid und Sün­de liegt im Ver­lust des Ver­ständ­nis­ses für das Wesen und die Bedeu­tung der Ehe und, all­ge­mei­ner, in der Ver­dun­ke­lung des natür­li­chen und gött­li­chen Geset­zes. Noch grund­le­gen­der ist das Feh­len einer kla­ren, zusam­men­hän­gen­den und beharr­li­chen Ver­kün­di­gung sei­tens vie­ler Hir­ten der Kir­che, die den Men­schen dar­an erin­nert, wor­in das Ziel sei­nes Lebens und sei­ne höch­sten Bestim­mun­gen bestehen.

Die Kir­che ist nicht bloß ein Zufluchts­ort, in dem ein Mensch, der geist­lich oder see­lisch bela­stet ist, durch das Zusam­men­le­ben mit sei­nen Brü­dern und Schwe­stern sein inne­res Gleich­ge­wicht wie­der­fin­den kann. Gewiß ist sie eine Mut­ter, die Wun­den auf­nimmt und heilt. Vor allem aber ist sie die von Jesus Chri­stus gestif­te­te gött­li­che Ein­rich­tung, die beru­fen ist, die Wahr­heit zu bewah­ren, die Sakra­men­te zu spen­den und den Men­schen die not­wen­di­gen Mit­tel zu sei­nem ewi­gen Heil darzureichen.

Ihre Auf­ga­be besteht nicht dar­in, ein rein irdi­sches Wohl­be­fin­den zu gewähr­lei­sten, son­dern dar­in, die See­len zu Gott zu füh­ren. Wenn sie die­ses über­na­tür­li­che Ziel aus dem Auge ver­liert, wird auch die pasto­ra­le Beglei­tung zu einer blo­ßen Form psy­cho­lo­gi­scher oder sozia­ler Betreuung.

Unser Schick­sal erschöpft sich nicht im irdi­schen Leben. Es gibt ein zukünf­ti­ges Leben, in wel­chem die Ver­dien­ste und Ver­feh­lun­gen eines jeden ihre voll­kom­me­ne Ver­gel­tung erfah­ren wer­den. Wie der hei­li­ge Tho­mas von Aquin lehrt, durch­dringt die See­le, sobald sie vom Lei­be getrennt ist, ein Licht­strahl bis in ihr Inner­stes. „Erleuch­tet durch die­ses Licht über ihre eige­nen Ver­dien­ste oder Ver­feh­lun­gen, geht die See­le gleich­sam von selbst an den Ort ihrer Ewig­keit, ähn­lich wie jene leich­ten oder schwe­ren Kör­per, die dort­hin auf­stei­gen oder hin­ab­sin­ken, wo ihre Bewe­gung enden soll“ (Sum­ma Theo­lo­giae, Sup­pl., q. 69, a. 2).

Der Him­mel – die unaus­sprech­li­che Fül­le der Glück­se­lig­keit im ewi­gen Besitz Got­tes – und die Höl­le – die ewi­ge Gott­fer­ne und die umfas­sen­de Gegen­wart alles Bösen – sind unse­re höch­sten Bestim­mun­gen. Sich die­se Wahr­heit vor Augen zu hal­ten bedeu­tet, die Wirk­lich­keit mit den Augen des Glau­bens zu betrach­ten. Und dies ist die Auf­ga­be der Kirche.

Die Ver­zweif­lung, die in der Ewig­keit den­je­ni­gen erwar­tet, der unbuß­fer­tig stirbt, nach­dem er schwer gegen das gött­li­che Gesetz ver­sto­ßen hat, ist unend­lich schreck­li­cher als das vor­über­ge­hen­de Lei­den des­sen, der auf Erden dar­um ringt, die­ses Gesetz zu erfül­len. Die Ant­wort auf die Kri­se der Fami­lie kann des­halb nicht dar­in bestehen, das Gesetz Got­tes den mensch­li­chen Schwä­chen anzu­pas­sen. Sie muß viel­mehr dar­in bestehen, den Men­schen das Ver­trau­en in die Macht der Gna­de zurück­zu­ge­ben, die alles ver­mag – auch das, was mensch­lich unmög­lich erscheint.

Das sind die Wor­te des Lebens und der Hoff­nung, die man von einer kirch­li­chen Ver­samm­lung erwar­ten darf, die der Ver­kün­di­gung des Evan­ge­li­ums gewid­met ist.

*Rober­to de Mat­tei, Histo­ri­ker, Vater von fünf Kin­dern, Pro­fes­sor für Neue­re Geschich­te und Geschich­te des Chri­sten­tums an der Euro­päi­schen Uni­ver­si­tät Rom. De Mat­tei ist zudem Autor zahl­rei­cher Stan­dard­wer­ke, Vor­sit­zen­der der Stif­tung Lepan­to für den Erhalt der katho­li­schen Tra­di­ti­on, Schrift­lei­ter des Inter­net­me­di­ums Cor­ri­spon­den­za Roma­na und der Monats­zeit­schrift Radi­ci Cri­stia­ne. Von 2002 bis 2011 war er Vize­prä­si­dent des ita­lie­ni­schen Natio­na­len For­schungs­ra­tes (CNR) mit Zustän­dig­keit für die Gei­stes­wis­sen­schaf­ten. Er ver­öf­fent­lich­te mehr als drei­ßig Bücher, die in zahl­rei­che Spra­chen über­setzt wurden.

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ri­spon­den­za Romana

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*