Der 13. Oktober und die Heilung unserer Wunden

Gott, der Herr der Geschichte, kann die Geschicke der Zeit wandeln – auch dank der Gebete

Unsere Liebe Frau von Fatima

Von Rober­to de Mattei*

Der Histo­ri­ker, der in fünf­zig oder hun­dert Jah­ren den 13. Okto­ber 2026 – den 109. Jah­res­tag der letz­ten Erschei­nung der Madon­na von Fati­ma – in einem ein­zi­gen Bild fest­hal­ten woll­te, stün­de vor fol­gen­dem Szenario.

Am 14. Okto­ber hät­te Papst Leo XIV. in der Peters­ba­si­li­ka die inter­na­tio­na­le Zusam­men­kunft zum zehn­ten Jah­res­tag der Exhorta­ti­on Amo­ris lae­ti­tia von Papst Fran­zis­kus abschlie­ßen sol­len. Doch nach­dem er beim Ange­lus am 11. Okto­ber einen Kno­ten in der Lun­ge bekannt­ge­ge­ben hat­te, wur­de der Pon­ti­fex am 13. Okto­ber in Gemel­li-Kli­nik ein­ge­lie­fert und noch am sel­ben Tag operiert.

Die Absa­ge der fei­er­li­chen Mes­se, die der Papst am Mitt­woch in Anwe­sen­heit von 250 aus der gan­zen Welt ange­rei­sten Bischö­fen hät­te zele­brie­ren sol­len, bestä­tigt einer­seits die Dring­lich­keit des chir­ur­gi­schen Ein­griffs und läßt ande­rer­seits die Schluß­fol­ge­run­gen der Begeg­nung mit den Bischö­fen in der Unbe­stimmt­heit versinken.

Nun beten alle katho­li­schen Gläu­bi­gen für die Gesund­heit des Pap­stes. Doch neben dem media­len Bild eines ener­gi­schen Man­nes, der eine anspruchs­vol­le Agen­da mit Kraft vor­an­zu­trei­ben ver­mag, tritt nun das Bild eines durch eine Krank­heit geschwäch­ten Men­schen, deren mög­li­cher Ver­lauf noch unbe­kannt ist. Die­se Fest­stel­lung hat eine Bedeu­tung, die über die medi­zi­ni­sche Chro­nik hin­aus­geht und uns hilft, vom Welt­ge­sche­hen ver­ges­se­ne Wahr­hei­ten in Erin­ne­rung zu rufen. Die Kir­che lebt von der Gna­de Chri­sti, und ihre Unfehl­bar­keit hängt nicht vom Gesund­heits­zu­stand eines Pon­ti­fex ab. Der Papst bedarf der Gebe­te der Gläu­bi­gen gera­de des­halb, weil sein Amt ihn nicht von dem Lei­den befreit, das – zusam­men mit dem Tod – die Fol­ge der Erb­sün­de ist. Ereig­nis­se wie eine plötz­li­che Erkran­kung hel­fen uns jedoch, über die Ver­gäng­lich­keit des mensch­li­chen Lebens, über das jen­sei­ti­ge Schick­sal des Men­schen und über die Exi­stenz eines Got­tes nach­zu­den­ken, der im Dies­seits und in der Ewig­keit vergilt.

Donald Trump, Wolo­dym­yr Selen­skyj, Xi Jin­ping und alle Mäch­ti­gen der Erde leben in der­sel­ben Unwäg­bar­keit, in der sich heu­te der Papst befin­det – aus­ge­setzt, wie jeder Mensch, dem Lei­den und dem Tod. In Washing­ton nimmt die Fra­gi­li­tät in die­sen Tagen poli­ti­sche Gestalt an. Prä­si­dent Trump nähert sich den Zwi­schen­wah­len vom 3. Novem­ber mit dem Risi­ko einer schwe­ren Nie­der­la­ge, nach­dem sei­ne Ankün­di­gun­gen eines Frie­dens in der Ukrai­ne und im Nahen Osten erneut durch die Tat­sa­chen wider­legt wor­den sind. Das Ergeb­nis der Wah­len bleibt offen, doch das Bild eines Prä­si­den­ten, der jede Kri­se allein durch sei­nen Wil­len zu lösen ver­mag, hat sich aufgelöst.

In der Ukrai­ne prallt die ame­ri­ka­ni­sche Ankün­di­gung eines auf die Ener­gie­fra­ge kon­zen­trier­ten Waf­fen­still­stands auf die Rea­li­tät der zuneh­men­den rus­si­schen Angrif­fe auf die Infra­struk­tur Kiews. Auch im Nahen Osten bleibt der Frie­den eine unsi­che­re Aus­sicht. Die Distanz zwi­schen den Wor­ten und den Tat­sa­chen, zwi­schen den öffent­li­chen Zusi­che­run­gen und der Wirk­lich­keit von Zer­stö­rung und Blut, bleibt dra­ma­tisch. Die diplo­ma­ti­schen Ankün­di­gun­gen eilen auf den Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­teln dahin, doch das mensch­li­che Leid zieht sich Tag für Tag zwi­schen den Trüm­mern hin.

Die inter­na­tio­na­len Span­nun­gen wir­ken sich auf die Ener­gie­ver­sor­gung und die Prei­se aus, wäh­rend sich Euro­pa mit ver­rin­ger­ten Sicher­heits­mar­gen auf die kal­te Jah­res­zeit vor­be­rei­tet. Die Fol­gen tref­fen die Fami­li­en über die Rech­nun­gen und die Unter­neh­men über die Pro­duk­ti­ons­ko­sten. Ein Kon­ti­nent, der von Ent­schei­dun­gen abhängt, die anders­wo getrof­fen wer­den, ent­deckt, wie schwer es ist, die eige­ne Auto­no­mie ohne aus­rei­chen­de wirt­schaft­li­che und mate­ri­el­le Grund­la­gen zu ver­tei­di­gen. Auf die­sem Boden wächst das sozia­le Unbe­ha­gen und wei­tet sich das Miß­trau­en gegen­über den öffent­li­chen Insti­tu­tio­nen aus. Zur Ver­wund­bar­keit über die Ener­gie­ver­sor­gung tritt eine tie­fe­re Kri­se hin­zu: die Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit der Wer­te, das Ver­ges­sen der eige­nen Wur­zeln und die Reduk­ti­on des All­tags­le­bens auf die Suche nach einem unmit­tel­ba­ren, rein mate­ri­el­len Eigeninteresse.

Das Datum des 13. Okto­ber lädt dazu ein, die­ses Pan­ora­ma im Licht von Fati­ma neu zu lesen. 1917 war Euro­pa vom Krieg ver­wü­stet, und die bol­sche­wi­sti­sche Revo­lu­ti­on stand im Begriff, eine neue Epo­che zu eröff­nen. Die den drei Hir­ten­kin­dern anver­trau­te Bot­schaft rief zum Gebet, zur Buße und zur Bekeh­rung auf. Bei der letz­ten Erschei­nung in der Cova da Iria stell­te sich die Jung­frau Maria als Unse­re Lie­be Frau vom Rosen­kranz vor, bat um das täg­li­che Rosen­kranz­ge­bet und kün­dig­te das bal­di­ge Ende des Krie­ges an. Die Ver­bin­dung zwi­schen dem Frie­den und dem Rosen­kranz durch­zieht die gesam­te Bot­schaft von Fati­ma. Nach dem Gespräch sahen die Hir­ten­kin­der neben der Son­ne den hei­li­gen Josef mit dem Jesus­kind und die Madon­na in Weiß geklei­det, mit einem azur­blau­en Man­tel; der hei­li­ge Josef und das Kind seg­ne­ten die Welt, indem sie mit der Hand das Kreuz­zei­chen mach­ten. Die Visi­on der Hei­li­gen Fami­lie erscheint als para­dig­ma­ti­sches Bild der christ­li­chen Ord­nung. Der Frie­den der Natio­nen wur­zelt in die­ser Ord­nung, nicht in ihrer syste­ma­ti­schen Zer­stö­rung durch den revo­lu­tio­nä­ren Pro­zeß, der die christ­li­che Zivi­li­sa­ti­on angreift.

In die­ser Per­spek­ti­ve hel­fen uns die mate­ri­el­len und mora­li­schen Lei­den – indi­vi­du­el­le wie kol­lek­ti­ve –, dem Leben sein ewi­ges Maß zurück­zu­ge­ben. Nur die Betrach­tung der höch­sten Bestim­mung des Men­schen kann uns den wah­ren Frie­den schen­ken, quam mun­dus dare non potest (Joh 14,27): jenen Frie­den, den eine gott­fer­ne Welt nie­mals geben kann. Kein poli­ti­sches oder diplo­ma­ti­sches Abkom­men kann für sich allein die mora­li­sche Unord­nung hei­len, aus der die Krie­ge ent­ste­hen. Der Frie­den unter den Natio­nen erfor­dert Gerech­tig­keit, und die Gerech­tig­keit ver­langt Men­schen, die bereit sind, ein natür­li­ches und gött­li­ches Gesetz anzu­er­ken­nen, das ihren kon­tin­gen­ten Inter­es­sen über­ge­ord­net ist.

Gott, der Herr der Geschich­te, kann die Geschicke der Zeit wan­deln – auch dank der Gebe­te, die an ihn gerich­tet wer­den, wenn sich der Hori­zont ver­dun­kelt. „Möge die Hand der Chir­ur­gen Papst Leos von Jesus Chri­stus, dem gött­li­chen Arzt, gelei­tet wer­den“, sag­te der Vor­sit­zen­de der US-ame­ri­ka­ni­schen Bischofs­kon­fe­renz, Msgr. Paul S. Coak­ley. Möge der Geist und das Herz des Pon­ti­fex – auch nach der erhoff­ten Gene­sung – von dem gelei­tet wer­den, der jede Wun­de der See­le und des Lei­bes heilt. Chri­stus, der gött­li­che Arzt, nimmt näm­lich die Last unse­rer Sün­den auf sich und opfert sein Leben, um uns zu ret­ten. „Durch sei­ne Wun­den seid ihr geheilt“ (1 Petr 2,24), sagt der Apo­stel Petrus, des­sen Nach­fol­ger Leo ist. Laßt uns beten, daß die hei­len­de Kraft Chri­sti sich auf alle erstrecke, die heu­te cum Petro et sub Petro die Kir­che lei­ten, und ihre Wun­den hei­le – die auch die unse­ren sind (1 Petr 2,24).

*Rober­to de Mat­tei, Histo­ri­ker, Vater von fünf Kin­dern, Pro­fes­sor für Neue­re Geschich­te und Geschich­te des Chri­sten­tums an der Euro­päi­schen Uni­ver­si­tät Rom. De Mat­tei ist zudem Autor zahl­rei­cher Stan­dard­wer­ke, Vor­sit­zen­der der Stif­tung Lepan­to für den Erhalt der katho­li­schen Tra­di­ti­on, Schrift­lei­ter des Inter­net­me­di­ums Cor­ri­spon­den­za Roma­na und der Monats­zeit­schrift Radi­ci Cri­stia­ne. Von 2002 bis 2011 war er Vize­prä­si­dent des ita­lie­ni­schen Natio­na­len For­schungs­ra­tes (CNR) mit Zustän­dig­keit für die Gei­stes­wis­sen­schaf­ten. Er ver­öf­fent­lich­te mehr als drei­ßig Bücher, die in zahl­rei­che Spra­chen über­setzt wurden.

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ri­spon­den­za Romana

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