„Väterliche Nächstenliebe“ für die Piusbruderschaft

Bischof Schneider fordert Großmut gegenüber der Piusbruderschaft

Bischof Schneider in seinem Interview vom 2. September: "Wir können nicht mit den mehrdeutigen Texten des Zweiten Vatikanischen Konzils weitermachen. Wir müssen sie korrigieren"
Bischof Schneider in seinem Interview vom 2. September: "Wir können nicht mit den mehrdeutigen Texten des Zweiten Vatikanischen Konzils weitermachen. Wir müssen sie korrigieren"

Auf die noch sehr jun­ge Nach­rich­ten­sei­te AdVa­ti­ca­num haben wir bereits hin­ge­wie­sen, als deren Vati­ka­nist der Bri­te nepa­le­si­scher Abstam­mung Niwa Lim­bu her­vor­sticht. AdVa­ti­ca­num ist seit Sep­tem­ber 2025 aktiv. Zuvor schrieb Lim­bu für den Catho­lic Herald.
Lim­bu ver­öf­fent­lich­te am 2. Sep­tem­ber ein Inter­view mit Msgr. Atha­na­si­us Schnei­der, Weih­bi­schof von Ast­a­na, dem der Hei­li­ge Stuhl die Zele­bra­ti­on im über­lie­fer­ten Ritus im Peters­dom ver­wei­gert, die als Höhe­punkt der dies­jäh­ri­gen inter­na­tio­na­len Wall­fahrt der Tra­di­ti­on Ad Petri Sedem statt­fin­den soll­te. Inzwi­schen ist bereits die Fort­set­zung des Inter­views erschie­nen.
Die deut­sche Über­set­zung des Inter­views stammt von Bru­der Gio­van­ni Maria.

„Bischof Schneider über Synodalität, die Miterlöserin und darüber, was ihn die Tränen seiner Mutter über die Kommunion in die Hand gelehrt haben“

Inter­view von Niwa Lim­bu

Bischof Atha­na­si­us Schnei­der ist einer der ange­se­hen­sten und zugleich deut­lich­sten tra­di­tio­na­li­sti­schen Prä­la­ten der heu­ti­gen Kir­che. Als Weih­bi­schof der Erz­diö­ze­se St. Maria in Ast­a­na, Kasach­stan, wirkt er in einem Land, in dem Katho­li­ken weni­ger als ein Pro­zent der Bevöl­ke­rung aus­ma­chen. Die Erz­diö­ze­se selbst wur­de erst vor 23 Jah­ren errich­tet, sodass der Bischofs­sitz zunächst als ein eher unwahr­schein­li­cher Ort erscheint, von dem aus sich eine so pro­mi­nen­te Stim­me des tra­di­tio­nel­len katho­li­schen Den­kens ent­wickeln konnte.

Den­noch ist Bischof Schnei­der für eine Gene­ra­ti­on jun­ger Prie­ster, die der tra­di­tio­nel­len latei­ni­schen Mes­se ver­bun­den sind und bei denen es sei­tens der kirch­li­chen Hier­ar­chie häu­fig an Unter­stüt­zung man­gelt, zu einer Quel­le der Inspi­ra­ti­on und Hoff­nung gewor­den. Zugleich hat er sich als kla­re und kom­pro­miss­lo­se Stim­me in Fra­gen des Glau­bens und der Moral etabliert.

Ange­sichts der zahl­rei­chen Her­aus­for­de­run­gen, mit denen die Kir­che kon­fron­tiert ist, hat Sei­ne Exzel­lenz, ein Freund von AdVa­ti­ca­num, ein aus­führ­li­ches Inter­view gege­ben, in dem er eini­ge der umstrit­ten­sten kirch­li­chen Fra­gen erör­tert. Der Bischof spricht über sei­ne Äuße­run­gen zur Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X., die anhal­ten­de Debat­te über den tra­di­tio­nel­len Römi­schen Ritus sowie über die Kate­che­sen­rei­he von Papst Leo XIV. bei den Gene­ral­au­di­en­zen, ein­schließ­lich der jüng­sten Fol­ge über Sacro­sanc­tum Con­ci­li­um.

Niwa Lim­bu (AdVa­ti­ca­num): Exzel­lenz, in der Erklä­rung, die nach den Wei­hen am 1. Juli in Écô­ne ver­öf­fent­licht wur­de, haben Sie die Hand­lung der Bru­der­schaft als ein „sel­te­nes Dilem­ma“ dar­ge­stellt: ent­we­der die ein­deu­ti­ge Inte­gri­tät des katho­li­schen Glau­bens, wie ihn das Lehr­amt im Lau­fe der Jahr­hun­der­te gelehrt hat, zu bewah­ren oder wei­ter­hin kano­nisch vom Papst aner­kannt zu blei­ben. Sie haben die­ses Dilem­ma mit dem des hei­li­gen Atha­na­si­us unter Papst Libe­ri­us ver­gli­chen. Wie weit soll die­se Ana­lo­gie Ihrer Mei­nung nach rei­chen? Wol­len Sie damit sagen, dass die gegen­wär­ti­gen Sank­tio­nen gegen die wei­hen­den und geweih­ten Bischö­fe mora­lisch auf einer Linie mit Libe­ri­us’ Zen­sur gegen Atha­na­si­us ste­hen, oder dient der Ver­gleich ledig­lich der Veranschaulichung?

Bischof Schnei­der: Nun, kein Ver­gleich ist zu 100 Pro­zent exakt. In schwie­ri­gen histo­ri­schen Situa­tio­nen dient er eher der Ver­an­schau­li­chung. Natür­lich habe ich den Ver­gleich mit Atha­na­si­us nicht in Bezug auf den Wei­he­akt selbst gezo­gen. Das wäre falsch, und eini­ge Autoren haben geschrie­ben, ich hät­te dies getan. Ich habe nie behaup­tet, Atha­na­si­us habe Bischofs­wei­hen ohne päpst­li­ches Man­dat vor­ge­nom­men. Das wäre ana­chro­ni­stisch, da es zu jener Zeit kein päpst­li­ches Man­dat für Bischofs­wei­hen gab. Jeder Metro­po­lit hat­te das Recht, mit Hil­fe der ande­ren Suf­fra­gan­bi­schö­fe Bischö­fe aus­zu­wäh­len und zu weihen.

Auf jeden Fall wur­de Atha­na­si­us nicht wegen der Wei­hen exkom­mu­ni­ziert, son­dern wegen einer noch schwer­wie­gen­de­ren Ange­le­gen­heit. In bei­den Fäl­len lag der Ver­gleichs­punkt nicht in den Wei­hen selbst. Der Ver­gleich bestand dar­in, dass es in bei­den Fäl­len einen Akt des Unge­hor­sams gegen­über einer kon­kre­ten Anord­nung eines Pap­stes gab.

Im Fall der Bru­der­schaft sind es die Bischofs­wei­hen ohne päpst­li­ches Man­dat. Im Fall von Atha­na­si­us war es die Anord­nung des Pap­stes, dass er mit ket­ze­ri­schen oder halb­ket­ze­ri­schen Bischö­fen im Osten in kirch­li­che Gemein­schaft tre­ten sol­le. Atha­na­si­us wei­ger­te sich, zu gehor­chen. Er ver­wei­ger­te dem Papst in einer sehr wich­ti­gen Fra­ge den Gehor­sam, weil der Papst sinn­ge­mäß sag­te: „Ich als Papst ste­he in Gemein­schaft mit die­sen Bischö­fen. Wie kön­nen Sie, Atha­na­si­us, die Gemein­schaft mit einer Grup­pe von Bischö­fen ver­wei­gern, mit denen ich als Papst in Gemein­schaft ste­he?“ Und dies ist mei­ner Mei­nung nach kirch­lich gese­hen schwerwiegender.

Die Situa­ti­on des Atha­na­si­us war damals in die­ser Hin­sicht schwer­wie­gen­der als der kon­kre­te Unge­hor­sam der Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X. in Bezug auf die Wei­hen. Jeden­falls wur­de er wegen Unge­hor­sams und wegen der Stö­rung des kirch­li­chen Frie­dens exkom­mu­ni­ziert, da er die Gemein­schaft mit den vom Papst aner­kann­ten Bischö­fen verweigerte.

Es gibt noch wei­te­re Grün­de, war­um ich Atha­na­si­us als Ver­gleich her­an­ge­zo­gen habe. Ein Grund ist, dass sei­ne Hand­lun­gen einen Akt des Unge­hor­sams dar­stell­ten. Hät­te Atha­na­si­us dem Papst gehorcht, hät­te er sein Gewis­sen und die Inte­gri­tät des Glau­bens gefähr­det, da er damit in gewis­ser Wei­se zumin­dest halb-ket­ze­ri­sche Bischö­fe aner­kannt hät­te. Dies konn­te er nicht tun. Ein wei­te­rer Grund ist, dass er, nach­dem er exkom­mu­ni­ziert wor­den war, die Exkom­mu­ni­ka­ti­on des Pap­stes miss­ach­te­te und sei­ne Diö­ze­se wei­ter­hin lei­te­te. Das geht über die blo­ße Wei­he eines Bischofs hin­aus. Er übte als exkom­mu­ni­zier­ter Bischof die vol­le Juris­dik­ti­on über sei­ne Diö­ze­se und sogar über sei­ne Metro­po­li­tan­sit­ze aus – er fei­er­te nicht nur die Sakra­men­te, son­dern übte die vol­le kirch­li­che Juris­dik­ti­on aus. Er hat die Exkom­mu­ni­ka­ti­on eines Pap­stes schlicht­weg missachtet.

In ähn­li­cher Wei­se miss­ach­tet auch die Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X. die Exkom­mu­ni­ka­ti­on, die ihr im Juli auf­er­legt wur­de, da sie die­se für unge­recht und ungül­tig hält, weil sie sie dar­an hin­dern wür­de, ihr Wir­ken aus Lie­be zur Kir­che fort­zu­set­zen. Und genau­so ver­hielt es sich bei Atha­na­si­us: Als er die Exkom­mu­ni­ka­ti­on von Papst Libe­ri­us miss­ach­te­te, sag­te er sinn­ge­mäß: „Ich muss mei­ne Diö­ze­se und mei­ne Metro­po­litan­struk­tur dort in Ägyp­ten um der Kir­che wil­len – aus Lie­be zur Kir­che – wei­ter­hin lei­ten.“ In die­ser Hin­sicht war die Situa­ti­on also vergleichbar.

Und in bei­den Fäl­len gibt es noch einen wei­te­ren Ver­gleichs­punkt. Die Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X. hat nicht mit Bit­ter­keit auf die Exkom­mu­ni­ka­ti­on reagiert, son­dern betet wei­ter­hin für den Papst und betrach­tet ihn als ihren Vater. Selbst wenn ein Vater sei­nen Sohn schlägt, lie­ben sie ihn wei­ter­hin – selbst wäh­rend sie vom Papst geschla­gen wer­den – und ver­rich­ten ihre Arbeit aus Lie­be zum Hei­li­gen Stuhl und zur gesam­ten Kir­che. Das ist die Absicht. Auch der hei­li­ge Atha­na­si­us wur­de von Papst Libe­ri­us geschla­gen, und er reagier­te nicht mit Bit­ter­keit. Der hei­li­ge Atha­na­si­us erwähn­te die­se Schwä­che Libe­ri­us’ sogar in einer sei­ner Schrif­ten sehr takt­voll. Er sprach sie sehr behut­sam an, ohne ihn zu ver­ur­tei­len, und ent­schul­dig­te ihn in gewis­ser Wei­se sogar, da er, wie der hei­li­ge Atha­na­si­us schrieb, unter Druck gehan­delt habe. Wir sehen hier eine sehr fein­füh­li­ge Hal­tung. Dies waren die Ver­gleichs­ele­men­te – nicht zu 100 Pro­zent, aber in gewis­ser Hin­sicht las­sen sie sich her­an­zie­hen. Dies war, wür­de ich sagen, der Kern mei­nes Textes.

Niwa Lim­bu (AdVa­ti­ca­num): Sie schrie­ben, dass es „den Anfang vom Ende des moder­ni­sti­schen Pro­jekts inner­halb der Kir­che“ bedeu­ten wür­de, wenn der Hei­li­ge Stuhl die Hal­tung der Pius­bru­der­schaft ernst näh­me und „objek­ti­ve Mehr­deu­tig­kei­ten“ in bestimm­ten Aus­sa­gen des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils sowie im Ritus der Neu­en Mes­se aner­ken­nen wür­de. Was müss­te die­ses Ein­ge­ständ­nis beinhal­ten, um mehr als eine höf­li­che Flos­kel zu sein? Und sehen Sie unter Papst Leo XIV. irgend­wel­che Anzei­chen dafür, dass Rom bereit ist, die­se Zwei­deu­tig­kei­ten als sol­che zu benennen?

Bischof Schnei­der: Im Gegen­teil. In der Erklä­rung von Kar­di­nal Fernán­dez im Febru­ar, nach dem Tref­fen mit F. Pagli­a­ra­ni, wur­de erneut betont, dass das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil nicht zur Dis­kus­si­on ste­he, und er sag­te, die Tex­te des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils könn­ten nicht kor­ri­giert werden.

Auch wenn es sich for­mal nicht um end­gül­ti­ge Leh­ren han­delt – wie Paul VI. im Janu­ar 1966 erklär­te –, sind die Tex­te des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils kei­ne unfehl­ba­ren Leh­ren und kei­ne end­gül­ti­gen Leh­ren der Kir­che. Ich mei­ne die eige­nen Leh­ren des Kon­zils. Wenn das Kon­zil Dog­men zitier­te – und es zitier­te vie­le Dog­men der Kir­che –, blei­ben die­se natür­lich Dog­men. Das ist nicht die Fra­ge. Die Fra­ge betrifft die eige­nen Leh­ren des Konzils.

Wenn die­se Tex­te also nicht end­gül­tig sind, nicht ex cathe­dra, war­um kön­nen sie dann nicht ergänzt, ver­bes­sert oder sogar kor­ri­giert wer­den? Es gab Fäl­le in der Kir­chen­ge­schich­te. Auf dem Kon­zil von Flo­renz gab es Lehr­aus­sa­gen – kei­ne rein dis­zi­pli­na­ri­schen –, die nicht als unfehl­bar gedacht waren. Eine davon war die Erklä­rung von Flo­renz, dass die Mate­rie (mate­ria) des Wei­he-Sakra­ments in der Über­ga­be der Kel­che und der Instru­men­te bestehe und nicht in der Handauflegung.

Dies stand jedoch im Wider­spruch zur lang­jäh­ri­gen Tra­di­ti­on der Kir­che, da wäh­rend des gesam­ten ersten Jahr­tau­sends sowohl im Osten als auch im Westen die Über­ga­be der Instru­men­te noch nicht prak­ti­ziert wur­de. Die­se kam erst spä­ter auf, viel­leicht gegen Ende des ersten Jahr­tau­sends. Lan­ge Zeit bedien­te sich die Kir­che aus­schließ­lich der Hand­auf­le­gung. Und auch zur Zeit des Kon­zils von Flo­renz prak­ti­zier­te fast die Hälf­te der Kir­che – die Ost­kir­chen – noch immer aus­schließ­lich die Hand­auf­le­gung. Dabei han­delt es sich um eine ein­zi­ge Kir­che mit einem ein­zi­gen Sakra­ment. Daher erschien es eini­gen Theo­lo­gen selt­sam, dass das Kon­zil die­se Aus­sa­ge traf. Sie war unaus­ge­wo­gen. Objek­tiv betrach­tet han­del­te es sich um einen Irr­tum. Doch der Hei­li­ge Stuhl war zu jener Zeit recht tole­rant und ver­bot den Theo­lo­gen nicht, dar­über zu dis­ku­tie­ren oder gar Ein­wän­de gegen die­se For­mu­lie­rung zu erheben.

Jahr­hun­dert für Jahr­hun­dert ver­trat die Mehr­heit der Theo­lo­gen die Auf­fas­sung, dass es sich bei der Mate­rie aus­schließ­lich um die Hand­auf­le­gung han­de­le. Die­se Sicht­wei­se reif­te her­an, und schließ­lich erklär­te Papst Pius XII. in einem fei­er­li­chen Doku­ment end­gül­tig, dass es sich bei der Mate­rie aus­schließ­lich – er beton­te: aus­schließ­lich – um die Hand­auf­le­gung han­de­le. Somit kor­ri­gier­te er for­mal ein öku­me­ni­sches Kon­zil in einer Lehrfrage.

Der Hei­li­ge Stuhl war in jenen Jahr­hun­der­ten tole­ran­ter als heu­te. Heu­te ver­bie­tet der Hei­li­ge Stuhl Dis­kus­sio­nen sowie Kor­rek­tu­ren oder Ände­run­gen bestimm­ter pasto­ral-dog­ma­ti­scher Aus­sa­gen – Reli­gi­ons­frei­heit, Öku­me­ne, Kol­le­gia­li­tät: die­se zwei oder drei Punk­te, die für die Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X. rele­vant sind. Man muss sie ein­fach akzep­tie­ren; man muss sich intel­lek­tu­ell etwas anstren­gen, ein wenig gei­sti­ge Akro­ba­tik betrei­ben, und dann ist alles in Ord­nung. Das ist nicht ehrlich.

Der näch­ste Punkt: Das­sel­be Kon­zil erklär­te, dass jeder Unge­tauf­te, ob Säug­ling oder Erwach­se­ner, der noch unge­tauft stirbt, unmit­tel­bar in die Höl­le kommt. Eine sol­che Aus­sa­ge ist sehr unaus­ge­wo­gen. Spä­ter hat­ten Theo­lo­gen das Gefühl, dass hier etwas fehl­te; es war nicht ganz kor­rekt. Die Kir­che ließ eine Dis­kus­si­on dar­über bis ins 19. Jahr­hun­dert zu. Pius IX. ver­öf­fent­lich­te zwei Doku­men­te, Enzy­kli­ken, in denen er die­se Fra­ge behan­del­te und die Lehr­aus­sa­ge von Flo­renz kor­ri­gier­te, indem er erklär­te, dass unge­tauf­te Men­schen, wenn sie in soge­nann­ter unüber­wind­ba­rer Unwis­sen­heit ster­ben, auf Wegen geret­tet wer­den könn­ten, die nur Gott allein kennt.

Sie sehen also, wir haben bereits eini­ge Bei­spie­le. War­um nicht tole­ran­ter sein und sagen: „Na gut, las­sen Sie uns dis­ku­tie­ren; die­se drei Punk­te sind viel­leicht wich­ti­ger; las­sen Sie uns die Frei­heit zur Dis­kus­si­on gewäh­ren“? War­um nicht Ergän­zun­gen, ja sogar Ände­run­gen oder Kor­rek­tu­ren vor­schla­gen, damit die­se Tex­te nicht län­ger mehr­deu­tig sind?

Ein wei­te­rer Fall in der Geschich­te war Papst Hono­ri­us I. im sieb­ten Jahr­hun­dert. Er ver­fass­te zwei Brie­fe, die zu sei­nem authen­ti­schen päpst­li­chen Lehr­amt gehö­ren, an den Patri­ar­chen von Kon­stan­ti­no­pel zum The­ma Chri­sto­lo­gie. Die­se Brie­fe des Pap­stes waren so unklar, so mehr­deu­tig. Sie waren nicht direkt ket­ze­risch, nicht direkt irr­tüm­lich, aber durch­aus mehr­deu­tig. Die­se bei­den mehr­deu­ti­gen Brie­fe gaben dem ket­ze­ri­schen Patri­ar­chen in Kon­stan­ti­no­pel und im Osten den Anstoß, dort wei­ter­hin Ket­ze­rei zu ver­brei­ten. Sie berie­fen sich auf Papst Hono­ri­us und ver­brei­te­ten Ketzerei.

Der unmit­tel­ba­re Nach­fol­ger von Hono­ri­us – denn der erste Nach­fol­ger war nur weni­ge Mona­te im Amt – war Johan­nes IV. Er ver­such­te, die Situa­ti­on zu ret­ten und Hono­ri­us zu ver­tei­di­gen, und das zu tun, was wir heu­te als Her­me­neu­tik der Kon­ti­nui­tät bezeich­nen wür­den. Doch dann akzep­tier­ten die nach­fol­gen­den Nach­fol­ger von Hono­ri­us im sel­ben Jahr­hun­dert sowie das Drit­te Kon­zil von Kon­stan­ti­no­pel die Her­me­neu­tik von Johan­nes IV. nicht. Sie sag­ten: „Nein, Ihre Aus­le­gung ist nicht akzep­ta­bel“ – nicht, weil es sich um Ket­ze­rei han­del­te, son­dern weil es ihr an Klar­heit man­gel­te; sie war mehr­deu­tig. Und aus die­sem Grund ver­ur­teil­ten sie ihn fei­er­lich. Und der Papst, der hei­li­ge Leo II., der das öku­me­ni­sche Kon­zil bestä­tig­te, ver­ur­teil­te sei­nen Vor­gän­ger eben­falls wegen die­ser Mehrdeutigkeit.

Daher kön­nen wir nicht mit den mehr­deu­ti­gen Tex­ten des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils fort­fah­ren. Wir müs­sen sie kor­ri­gie­ren, damit sie in Bezug auf Öku­me­ne und Reli­gi­ons­frei­heit glas­klar sind, ohne jeg­li­chen Anlass für mehr­deu­ti­ge Aus­le­gun­gen – wie sie in die­sen sechs Jahr­zehn­ten, die­sen sech­zig Jah­ren, bereits statt­ge­fun­den haben. Wir sehen nun die Fol­gen die­ser mehr­deu­ti­gen Tex­te in einer fal­schen Öku­me­ne, in einem fal­schen System des inter­re­li­giö­sen Dia­logs, das im Grun­de Rela­ti­vis­mus ist und die ein­zi­ge Wahr­heit sowie die ein­zig wah­re Reli­gi­on unter­gräbt, näm­lich die von Gott gegrün­de­te katho­li­sche Kir­che. Und die­se wird voll­stän­dig untergraben.

Wenn Sie die Prie­ster­se­mi­na­re und theo­lo­gi­schen Fakul­tä­ten der ver­gan­ge­nen sech­zig Jah­re besu­chen, wenn Sie heu­te mit den dor­ti­gen Ver­tre­tern spre­chen und sie befra­gen, wird die Mehr­heit der Prie­ster und Semi­na­ri­sten im soge­nann­ten Novus Ordo, an den heu­ti­gen theo­lo­gi­schen Fakul­tä­ten der katho­li­schen Kir­che, sagen: „Ja, die ver­schie­de­nen christ­li­chen Gemein­schaf­ten gehen alle den­sel­ben Weg zu Gott, zu Chri­stus, und wir kön­nen mit­ein­an­der koexi­stie­ren. Eine Bekeh­rung ist nicht unbe­dingt not­wen­dig.“ Und dies erstreckt sich sogar auf Nicht­chri­sten. Dies ist immer wei­ter ver­brei­tet und wird an den Fakul­tä­ten gelehrt sowie von Prie­stern und sogar Bischö­fen gepredigt.

Niwa Lim­bu (AdVa­ti­ca­num): Eure Exzel­lenz, Sie haben die Wei­hen von Écô­ne als eine Wahl zwi­schen der Bewah­rung eines kla­ren Glau­bens und der Aner­ken­nung durch den Papst beschrie­ben, da Rom von der Pius­bru­der­schaft ver­lan­gen wür­de, bestimm­te neue Unklar­hei­ten und die Legi­ti­mi­tät der Neu­en Mes­se zu akzep­tie­ren. Sie selbst sind ein Bischof in vol­ler Gemein­schaft, und Sie wei­sen schon seit lan­gem auf genau die­se Pro­ble­me hin. Haben Sie die­se Bedin­gun­gen akzep­tiert? Falls nicht, war­um ist dies dann ein Dilem­ma nur für die Bruderschaft?

Bischof Schnei­der: Nun, als ich Bischof wur­de, war mir dies noch nicht in vol­lem Umfang bewusst. Ich muss ehr­lich sein. Inzwi­schen bin ich seit zwan­zig Jah­ren Bischof. Ich bin Patri­sti­ker. Ich habe mich immer ein­ge­hen­der mit der Situa­ti­on befasst: mit den Tex­ten des Kon­zils, der Geschich­te des Kon­zils, den Debat­ten. Ich habe das Kon­zil sorg­fäl­tig gele­sen. Und so ist mir die Mehr­deu­tig­keit die­ser Tex­te stär­ker bewusst gewor­den. Wir kön­nen sol­che Mehr­deu­tig­kei­ten nicht akzeptieren.

Dann auch der Novus Ordo: Durch das Stu­di­um der Tex­te und Zeug­nis­se ist mir zuneh­mend bewusst gewor­den, dass er nicht kor­rekt ist. Wir kön­nen nicht sagen, dass der Novus Ordo – mit ande­ren Wor­ten: sei­ne Rich­tig­keit oder Legi­ti­mi­tät – kei­ner Kor­rek­tur bedarf. Wir kön­nen nicht mit einem der­art mehr­deu­ti­gen lit­ur­gi­schen Ritus fort­fah­ren, der die Klar­heit des Opfer­cha­rak­ters der Mes­se unter­gräbt. Nun bin ich mir des­sen bewuss­ter. Und des­halb kann ich die Bru­der­schaft bes­ser ver­ste­hen, die sich die­sen Aus­sa­gen des Kon­zils und der Güte oder Rich­tig­keit der Neu­en Mes­se nicht anschlie­ßen kann.

Ich gehör­te vor zehn Jah­ren zu den apo­sto­li­schen Visi­ta­to­ren der Bru­der­schaft, und mir ist dies bewusst. Und eines der letz­ten Doku­men­te, das Kar­di­nal Mül­ler ihnen noch im Jahr 2017 vor­leg­te, habe ich vor mir. Dar­in wer­den sie gebe­ten, nicht nur die Gül­tig­keit der Neu­en Mes­se und der neu­en Sakra­men­te anzu­er­ken­nen – wozu sie bereit sind. Stel­len Sie sich vor: Sogar der Hei­li­ge Stuhl muss sich damit begnü­gen. Ich habe damals, zu mei­ner Zeit, zum Hei­li­gen Stuhl gesagt: „Bit­te geben Sie sich damit zufrie­den, wenn sie bereit sind, die Gül­tig­keit anzu­er­ken­nen.“ Doch der Hei­li­ge Stuhl gab sich damit nicht zufrie­den. Er ver­folg­te einen maxi­ma­li­sti­schen Ansatz und ver­lang­te mehr von der Bru­der­schaft. Ich sag­te zu ihm: „Bit­te ver­fol­gen Sie aus pasto­ra­len und histo­ri­schen Grün­den den mini­ma­li­sti­schen Ansatz.“

Die Bru­der­schaft akzep­tier­te den Vor­schlag nicht, dass sie die Güte, die Legi­ti­mi­tät und die Rich­tig­keit der Mes­se aner­ken­nen müs­se – nicht nur deren Gül­tig­keit. Und dann auch, dass die Leh­ren des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils, all­ge­mein gespro­chen, Teil der Tra­di­ti­on der Kir­che sind.

Im Febru­ar die­ses Jah­res hat Kar­di­nal Fernán­dez die Anfor­de­run­gen erneut klar­ge­stellt. Wenn man Bischö­fe haben will, muss man die­se Bedin­gun­gen akzep­tie­ren. Wir müs­sen theo­lo­gi­sche Debat­ten füh­ren, doch die Bru­der­schaft kennt das Ergeb­nis der Debat­te bereits, eben­so wie der Hei­li­ge Stuhl: die Akzep­tanz die­ser zwei­deu­ti­gen Aus­sa­gen, die Aner­ken­nung der Güte der Neu­en Messe.

Niwa Lim­bu (AdVa­ti­ca­num): Die letz­te Fra­ge zur Bru­der­schaft: Wenn Sie die Gele­gen­heit hät­ten, Sei­ne Hei­lig­keit erneut zu tref­fen und sich mit Kar­di­nal Fernán­dez im Hei­li­gen Offi­zi­um zu tref­fen, was wür­den Sie ihnen sagen? Wie wür­den Sie ihnen den Stand­punkt der Bru­der­schaft darlegen?

Bischof Schnei­der: Ich wür­de zu ihnen sagen: „Bege­hen Sie kei­nen gro­ßen histo­ri­schen Feh­ler, damit die Kir­che nach Ihrem Tod nicht Buße tun muss – damit die näch­sten Päp­ste nicht Buße tun müs­sen.“ War­um? Weil die Kir­che zu die­ser Zeit, im Jahr 2026, so starr war und nicht in der Lage war, ein pasto­ra­les Pro­blem zu lösen – natür­lich mit eini­gen lehr­mä­ßi­gen Ele­men­ten, aber es geht nicht dar­um, direkt über ein Glau­bens­dog­ma zu dis­ku­tie­ren. Es geht viel­mehr um die pasto­ra­len Erläu­te­run­gen des Konzils.

Wir brau­chen hier­für einen sehr groß­mü­ti­gen, einen wahr­haft pasto­ra­len, ja sogar syn­oda­len Ansatz und eine ent­spre­chen­de Lösung: ein wenig mehr Offen­heit und syn­oda­len Geist. Wir soll­ten sagen: „Ja, das gewäh­ren wir ihnen jetzt“, und dann die Wei­he der Bischö­fe zulas­sen – oder die Bischö­fe aner­ken­nen, nach­dem sie geweiht wur­den –, um ein Kli­ma des gegen­sei­ti­gen Ver­trau­ens zu schaffen.

Da der Hei­li­ge Stuhl stär­ker ist, müs­sen die­je­ni­gen, die stär­ker sind, mehr Offen­heit zei­gen als die­je­ni­gen, die schwä­cher sind und nicht über so viel Macht ver­fü­gen. Es ste­hen also die Mäch­ti­gen den Macht­lo­sen gegen­über. Die Bru­der­schaft ist, kano­nisch gese­hen, macht­los. Der Hei­li­ge Stuhl ist mäch­tig. Die gesam­te Macht liegt dort. War­um also soll­ten Sie, die Sie mäch­tig sind, sich nicht ein wenig ent­ge­gen­kom­men, ein pasto­ra­les Ent­ge­gen­kom­men zei­gen und so die­ses Kli­ma des gegen­sei­ti­gen Ver­trau­ens, die­ses psy­cho­lo­gi­sche Kli­ma, schaf­fen? Inte­grie­ren Sie sie ein wenig in das nor­ma­le Leben der Kir­che, und dann wer­den wir posi­ti­ve­re und frucht­ba­re­re Ele­men­te sowie einen Rah­men haben, in dem wir die not­wen­di­gen Gesprä­che füh­ren können.

Doch das kann Zeit brau­chen. Es kann lan­ge dau­ern. Die Kir­che hat bei der Erör­te­rung bestimm­ter The­men über vie­le, vie­le Jah­re hin­weg stets Zeit gewährt und Tole­ranz gezeigt. Inte­grie­ren Sie sie zunächst ein wenig.

Dem Hei­li­gen Vater wür­de ich sagen: „Sie sind der Ein­zi­ge, der dies lösen kann – mit gro­ßer väter­li­cher Näch­sten­lie­be und Großmut.“

Niwa Lim­bu (AdVa­ti­ca­num): Am 26. August been­de­te Papst Leo XIV. sei­ne Mitt­wochs­rei­he über Sacro­sanc­tum Con­ci­li­um. Er stell­te die nach­kon­zi­lia­re Reform als in der leben­di­gen Tra­di­ti­on ver­wur­zelt dar und als auf eine bewuss­te, akti­ve Teil­nah­me aus­ge­rich­tet, statt auf „stil­le Zuschau­er“. Sie haben von „lehr­mä­ßi­ger und ritu­el­ler Unbe­stimmt­heit“ in der Neu­en Mes­se und einem Bruch mit dem tra­di­tio­nel­len römi­schen Ritus gespro­chen. Was haben Sie in die­ser abschlie­ßen­den Kate­che­se ver­nom­men? Lässt sich der Novus Ordo, wie er übli­cher­wei­se gefei­ert wird, mit dem in Ein­klang brin­gen, was das Kon­zil tat­säch­lich for­der­te, oder nur mit einem spä­te­ren Reform­geist, der über den Text hinausging?

Bischof Schnei­der: Leo XIV. hat die wah­re Rea­li­tät des­sen, was der Novus Ordo ist und wie er welt­weit über­wie­gend gefei­ert wird, nicht erfasst. Er stellt die Rea­li­tät ein­fach nicht dar, akzep­tiert sie nicht und sieht sie nicht. Es han­delt sich eher um eine theo­re­ti­sche Rede, die nicht mit der Pra­xis, wie sie tat­säch­lich ist, übereinstimmt.

Der Novus Ordo in sei­ner jet­zi­gen Form ent­spricht nicht der Absicht der Kir­chen­vä­ter und der Kon­zils­vä­ter. Dies muss der Papst aner­ken­nen, denn wir ver­fü­gen über zahl­rei­che Zeu­gen aus jener Zeit. An erster Stel­le steht Kar­di­nal Ratz­in­ger, Pro­fes­sor Ratzinger.

Er schrieb 1976 einen berühm­ten Brief an Pro­fes­sor Wald­stein und erklär­te dar­in – denn Ratz­in­ger nahm als soge­nann­ter peri­tus an allen Dis­kus­sio­nen des Kon­zils teil; er war anwe­send –, dass „ich auf­grund mei­ner Teil­nah­me und Anwe­sen­heit bei den Debat­ten über die Lit­ur­gie wäh­rend des Kon­zils mit Sicher­heit sagen kann, dass der Novus Ordo, wie wir ihn ken­nen, nicht das ist, was die Kon­zils­vä­ter beab­sich­tig­ten“. Dies ist ein sehr wich­ti­ges und gewich­ti­ges Zeugnis.

Dann haben wir das Zeug­nis von Kar­di­nal Anto­nel­li, der am Kon­zil und anschlie­ßend in der soge­nann­ten Bug­nini-Kom­mis­si­on mit­wirk­te. In sei­nen Memoi­ren kri­ti­siert Kar­di­nal Anto­nel­li die Arbeit Bug­ninis am Novus Ordo, die über das hin­aus­ging, was das Kon­zil beab­sich­tigt hatte.

Dann der berühm­te Lit­ur­gi­ker und Theo­lo­ge Lou­is Bouy­er. Auch er war als Peri­tus Mit­glied des Kon­zils und anschlie­ßend der Bug­nini-Kom­mis­si­on. Und in sei­nen Memoi­ren kri­ti­siert er sehr deut­lich die ideo­lo­gi­sche Arbeit Bug­ninis am Novus Ordo. Dann gibt es das kürz­lich erschie­ne­ne Buch von Archi­man­drit Boni­face Luy­kx, A Wider View of Vati­can II, in dem er anhand sei­ner eige­nen Teil­nah­me am Kon­zil und im Aus­schuss sehr fun­diert dar­legt, dass die Mes­se des Paul VI. tat­säch­lich nicht den Absich­ten der Kon­zils­vä­ter entspricht.

Das sind Tat­sa­chen. Wir kön­nen sie nicht leug­nen. Es erschien mir, als wür­de man ein­fach die Augen ver­schlie­ßen und wei­ter­hin rhe­to­ri­sche Flos­keln wie­der­ho­len, die an sich zwar wahr sein mögen – die aber, wie ich mei­ne, nicht der Rea­li­tät und der Geschich­te entsprechen.

Dann noch ein wei­te­rer Aspekt: Ich wür­de sogar dem Hei­li­gen Vater und sei­nen Bera­tern wärm­stens emp­feh­len, die gesam­ten Debat­ten des Kon­zils zur Lit­ur­gie sorg­fäl­tig zu lesen. Es gibt ein vor vie­len Jah­ren in Rom ver­öf­fent­lich­tes Buch, das alle Debat­ten der Kon­zils­vä­ter zur Lit­ur­gie ent­hält. Ich habe es zwei­mal gele­sen, aller­dings ist es auf Latein. Und es ist auf­schluss­reich. Wenn man dies liest, sagt man: „Oh, die Kon­zils­vä­ter waren so zöger­lich, so vor­sich­tig, was dra­sti­sche Ver­än­de­run­gen betraf.“ Die gesam­te Debat­te dreh­te sich im Grun­de genom­men um die Spra­che, die Volks­spra­che oder das Latein.

Doch selbst in Sacro­sanc­tum Con­ci­li­um – und es über­rascht mich, dass Papst Leo dies nicht erkannt hat – gibt es zwei Zif­fern, die besa­gen, dass die latei­ni­sche Spra­che bewahrt wer­den muss: Sie darf nicht nur bewahrt wer­den, son­dern muss im latei­ni­schen Ritus bewahrt wer­den. Es ist ein „muss“. Ein wei­te­rer Absatz besagt, dass die Bischö­fe dafür sor­gen müs­sen, dass die Gläu­bi­gen das Ordi­na­ri­um der Mes­se auf Latein ken­nen­ler­nen kön­nen. Das bedeu­tet: Kyrie, Glo­ria, Cre­do, Agnus Dei, Sanctus.

Und dies wird in mehr als 90 Pro­zent der Fäl­le im Novus Ordo prak­tisch über­haupt nicht umge­setzt. Das steht also im Wider­spruch zu einem aus­drück­li­chen Auf­trag des Kon­zils, den der Hei­li­ge Vater eben­falls berück­sich­ti­gen soll­te, wenn er dar­über spricht.

Und dann hat­ten wir bei­spiels­wei­se wäh­rend des Kon­zils, in der Debat­te über die Lit­ur­gie, einen Bischof, der auf­stand und sag­te: „Ich schla­ge dies nicht vor; ich bin gegen die­se Vor­schlä­ge zur Aus­wei­tung der Volks­spra­che, denn wenn wir sie aus­wei­ten“, so sag­te die­ser Kon­zils­va­ter, „dann wird die Mes­se mit der Zeit voll­stän­dig in der Volks­spra­che gefei­ert wer­den.“ Und dar­auf­hin begann fast das gesam­te Kon­zil zu lachen, da dies unmög­lich war.

Dar­auf­hin erhob sich der Aus­schuss­vor­sit­zen­de und sag­te: „Eure Exzel­lenz, wir ver­si­chern Ihnen, dass dies nicht mög­lich ist. Es wird nie­mals dazu kom­men, dass die gesam­te Mes­se in der Volks­spra­che gefei­ert wird.“ Sie sehen die psy­cho­lo­gi­sche Stim­mung wäh­rend des Kon­zils: Die Mehr­heit der Kon­zils­vä­ter konn­te sich nicht vor­stel­len, dass die Mes­se voll­stän­dig in der Volks­spra­che abge­hal­ten wer­den könnte.

Doch heu­te fin­den mehr als 90 Pro­zent der Novus-Ordo-Mes­sen in der Volks­spra­che statt. Und es gibt sogar Diö­ze­sen, in denen Prie­ster, die den Novus Ordo auf Latein fei­ern wol­len, bestraft und dar­an gehin­dert wer­den. Das ist absurd.

Es gibt Men­schen, die wäh­rend der Mes­se wirk­lich schwei­gen möch­ten, um inner­lich zu betrach­ten. Kon­tem­pla­ti­on ist auch wäh­rend der Mes­se mög­lich. Natür­lich bedeu­tet das nicht, dass die gesam­te Gemein­de stumm ist und nicht spricht. Das ist nicht das Ide­al. Das Ide­al ist, dass sie dem Prie­ster ant­wor­ten. Aber wir müs­sen auch offen sein für die Mög­lich­keit, dass man­che Men­schen es vor­zie­hen, in sich zu gehen.

Es kann auch eine akti­ve Teil­nah­me geben, die frucht­los ist, weil kei­ner­lei inne­re Teil­nah­me vor­han­den ist.

Und dann noch ein wei­te­rer Aspekt: Das erste Mess­buch wur­de gemäß den Nor­men von Sacro­sanc­tum Con­ci­li­um im Jahr ’65 vom Hei­li­gen Stuhl ver­öf­fent­licht. Wir soll­ten das Mess­buch von ’65 nicht ver­ges­sen, das bereits die erste lit­ur­gi­sche Reform des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils dar­stell­te. Es war nicht ’69. Es war Anfang ’65.

Und als die Kon­zils­vä­ter dann im Sep­tem­ber ’65 zu ihrer letz­ten Sit­zung zurück­kehr­ten, fei­er­ten sie bereits die refor­mier­te Mes­se. Und sie waren alle glück­lich und sag­ten: „Oh, das ist es, was wir eigent­lich gemeint haben.“

Und was war das Mis­sa­le von 1965? Es han­del­te sich im Grun­de um eine sehr behut­sa­me, orga­ni­sche Reform, wie es das Kon­zil for­der­te, sodass die gesam­te tra­di­tio­nel­le Mes­se bei­be­hal­ten wur­de, mit nur zwei Ände­run­gen: Psalm 42 wur­de gestri­chen und das Letz­te Evan­ge­li­um wur­de gestri­chen. Doch bei­spiels­wei­se wur­de im alten Ritus Psalm 42 auch bei jeder Requi­em-Mes­se für Ver­stor­be­ne weg­ge­las­sen. Und in den letz­ten zwei Wochen vor Ostern, in der Pas­si­ons­zeit, wur­de Psalm 42 eben­falls weg­ge­las­sen. Es han­del­te sich also nicht um eine Neuerung.

Und wor­in bestand die gro­ße sicht­ba­re Reform von 1965? Es han­del­te sich, wie von den Kon­zils­vä­tern vor­ge­schla­gen, um einen umfas­sen­de­ren, brei­te­ren Gebrauch der Lan­des­spra­che. So erfolg­te der erste Teil der Mes­se bis zur Prä­fa­ti­on in der Lan­des­spra­che. Und nach dem Kanon erneut in der Lan­des­spra­che. Von der Prä­fa­ti­on bis zum Ende des Kanons erfolg­te also alles in Latein. Es war vor­ge­schrie­ben, dass die­se Tei­le in Latein gehal­ten wurden.

In der Mes­se von 1965 wur­de der Kanon in Stil­le gespro­chen. Es han­del­te sich um eine sehr behut­sa­me Reform, und die Kon­zils­vä­ter waren damit zufrie­den. Und dann, im Jahr 1967, auf der ersten Bischofs­syn­ode, leg­te Bug­nini den Ent­wurf der neu­en Mes­se vor, die 1969 in Kraft tre­ten soll­te. Er hat­te die­sen Ent­wurf bereits 1967 vor­ge­legt, doch die Mehr­heit der Syn­oden­vä­ter lehn­te die­sen Ent­wurf 1967 ab.

Sie sehen also: Eine Mehr­heit der Syn­oden­vä­ter von 1967, die zwei Jah­re zuvor noch Kon­zils­vä­ter gewe­sen waren, stimm­te der Mes­se von 1969 nicht zu.

Ich hät­te mir gewünscht, dass Papst Leo dies unter­sucht hät­te, bevor er sei­ne Rede zu die­sem The­ma hielt: all die­se histo­ri­schen Ele­men­te und Fak­ten zu stu­die­ren, die Debat­ten zu lesen und den Zeu­gen zuzuhören.

Bild: AdVa­ti­ca­num (Screen­shot)

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