Der Petersdom bleibt verschlossen

Für die Tradition ist unter Leo XIV. nichts gewonnen

Kein Platz für den überlieferten Ritus. Franziskus hatte den Petersdom für den überlieferten Ritus gesperrt. Leo XIV. folgt ihm darin.
Kein Platz für den überlieferten Ritus. Franziskus hatte den Petersdom für den überlieferten Ritus gesperrt. Leo XIV. folgt ihm darin.

Es soll­te ein Zei­chen der Hoff­nung wer­den. Es wur­de ein Zei­chen der Ernüch­te­rung. Die inter­na­tio­na­le Wall­fahrt der Tra­di­ti­on Ad Petri Sedem kehrt auch 2026 nach Rom zurück. Seit 2012 zie­hen Gläu­bi­ge aus aller Welt zum Stuhl Petri und zum Grab des Apo­stel­für­sten. Was als Dank­wall­fahrt für Papst Bene­dikt XVI. und sein Motu pro­prio Sum­morum Pon­ti­fi­cum begann, hat­te von Anfang an ein beson­de­res Ziel: Die über­lie­fer­te römi­sche Lit­ur­gie soll­te im Her­zen der Welt­kir­che wie­der sicht­bar wer­den. Nun aber wird gera­de die­ser sym­bo­li­sche Mit­tel­punkt erneut ver­wei­gert. Und aller Welt wird sicht­bar, wer aus­ge­sperrt wird.

Das für den 23. bis 25. Okto­ber 2026 ver­öf­fent­lich­te Pro­gramm sieht zwar wei­ter­hin den Ein­zug der Pil­ger in den Peters­dom und ein Gebet dort vor. Ein Pon­ti­fi­kal­amt im über­lie­fer­ten Ritus als Höhe­punkt und Abschluß der Wall­fahrt wird im Peters­dom aber nicht statt­fin­den. Der als Zele­brant vor­ge­se­he­ne Bischof Atha­na­si­us Schnei­der wird am 24. Okto­ber auf den Hoch­al­tar von San­ta Maria Mag­gio­re aus­wei­chen müssen.

Damit ist die Hoff­nung, die das Jahr 2025 geweckt hat­te, auch schon wie­der zer­sto­ben. Sie erweist sich als blo­ßes Strohfeuer.

Von Benedikt XVI. zu Franziskus

Die Geschich­te die­ser inter­na­tio­na­len Wall­fahrt der Tra­di­ti­on ist eng mit dem Pon­ti­fi­kat von Bene­dikt XVI. ver­bun­den. Als sie 2012 erst­mals statt­fand, saß der deut­sche Papst auf dem Stuhl Petri und nichts deu­te­te auf sei­nen bal­di­gen Amts­ver­zicht hin. Die Wall­fahrt soll­te dem Pon­ti­fex für Sum­morum Pon­ti­fi­cum dan­ken und zugleich die Rück­kehr des über­lie­fer­ten Ritus an einen Haupt­al­tar des Peters­doms sicht­bar machen. Tat­säch­lich kehr­te im Herbst 2012 der Vetus Ordo erst­mals wie­der offi­zi­ell in das Herz der Chri­sten­heit zurück.

Doch weni­ge Wochen spä­ter erfolg­te der über­ra­schen­de Amts­ver­zicht von Bene­dikt XVI., sym­bol­träch­tig von einem auf­se­hen­er­re­gen­den Blitz­ein­schlag in die Peters­kup­pel beglei­tet. Unter sei­nem Nach­fol­ger Fran­zis­kus änder­te sich die Lage grund­le­gend. Nach­dem der argen­ti­ni­sche Papst jahr­lang die Ver­tre­ter der Tra­di­ti­on attackiert und teils auf nie­der­träch­ti­ge Wei­se dis­kre­di­tiert hat­te, schränk­te er den über­lie­fer­ten Ritus mit Tra­di­tio­nis cus­to­des von 2021 mas­siv ein. Par­al­lel erfolg­te im sel­ben Jahr auch eine beson­de­re Ver­schär­fung für den Peters­dom: Eine vom Staats­se­kre­ta­ri­at erlas­se­ne Neu­re­ge­lung ver­bann­te die Zele­bra­ti­on des über­lie­fer­ten Ritus aus dem Peters­dom. Kri­ti­ker aus dem Kar­di­nals­kol­le­gi­um stell­ten damals aus­drück­lich die Zustän­dig­keit des Staats­se­kre­ta­ri­ats für die­se Anord­nung in Frage.

Laut der Neu­re­ge­lung darf im Peters­dom nur mehr im Novus Ordo zele­briert wer­den, wobei die Zele­bra­tio­nen auf zwei am Tag beschränkt wur­den und dadurch alle Prie­ster zur Kon­ze­le­bra­ti­on gedrängt wer­den.

Der über­lie­fer­te Ritus wur­de in die Vati­ka­ni­schen Grot­ten unter­halb des Peters­doms ver­bannt, wo auf engem Raum nur klei­nen Grup­pen die Teil­nah­me mög­lich ist. 

Die Sym­bo­lik war unüber­seh­bar. Unüber­seh­bar wur­de, wer akzep­tiert und wer aus­ge­grenzt wird. Unüber­seh­bar wur­de, wer oben bestimm­te, und wer in den Kel­ler ver­bannt wurde.

Benedikt und der letzte große Konflikt

Die Ver­schär­fung der lit­ur­gi­schen Poli­tik fiel in eine Pha­se, in der Bene­dikt XVI. bereits seit Jah­ren eme­ri­tiert und gesund­heit­lich geschwächt war. Zuvor hat­te der deut­sche Papst jedoch noch ein­mal inter­ve­niert, als die Ama­zo­nas­syn­ode die Fra­ge des Prie­ster­tums und ins­be­son­de­re die Zulas­sung ver­hei­ra­te­ter Män­ner zum Prie­ster­amt auf die Tages­ord­nung setzte.

Bischof Atha­na­si­us Schnei­der und Kar­di­nal Ray­mond Bur­ke rie­fen damals gemein­sam zu Gebet und Fasten gegen die Auf­wei­chung des prie­ster­li­chen Zöli­bats auf. Katho​li​sches​.info hat­te bereits vor der Syn­ode dar­auf hin­ge­wie­sen, daß hin­ter der Ama­zo­nas-Idee wei­ter­rei­chen­de Fra­gen nach der Gestalt des Prie­ster­tums standen.

Danach ging es tat­säch­lich Schlag auf Schlag, sobald Fran­zis­kus erkann­te, daß Bene­dikt XVI. zu schwach gewor­den war, um sich ihm noch in den Weg zu stel­len. So folg­te Tra­di­tio­nis cus­to­des und der Beginn einer neu­en Pha­se der Ver­fol­gung gegen Prie­ster und Gemein­schaf­ten, die dem über­lie­fer­ten Ritus ver­bun­den sind. Die­ser soll­te nicht mehr als legi­ti­me, dau­er­haft bestehen­de und gleich­wer­ti­ge Form des römi­schen Ritus behan­delt wer­den, son­dern als Pro­blem, das mög­lichst zurück­ge­drängt wer­den sollte.

Ein kurzes Aufleuchten unter Leo XIV.

Umso grö­ßer war die Über­ra­schung im Som­mer 2025. Am 22. August wur­de Kar­di­nal Ray­mond Bur­ke von Leo XIV. in Audi­enz emp­fan­gen. Dabei leg­te die­ser dem neu­en Papst die Bit­te um Gewäh­rung der Zele­bra­ti­on im Rah­men der jähr­li­chen inter­na­tio­na­len Wall­fahrt der Tra­di­ti­on vor. Und Leo XIV. gewähr­te sie großzügig.

Nach drei Jah­ren fak­ti­scher Ver­ban­nung kehr­te der über­lie­fer­te Ritus für die Wall­fahrt Ad Petri Sedem in den Peters­dom zurück. Kar­di­nal Ray­mond Bur­ke zele­brier­te am 25. Okto­ber 2025 ein fei­er­li­ches Pon­ti­fi­kal­amt am Kathe­dr­aal­tar. Tau­sen­de Pil­ger nah­men dar­an teil. Es war ein Ereig­nis von weit über die kon­kre­te Wall­fahrt hin­aus­rei­chen­der sym­bo­li­scher Bedeutung.

Für vie­le tra­di­ti­ons­ver­bun­de­ne Katho­li­ken war dies das erste sicht­ba­re Zei­chen dafür, daß sich unter Leo XIV. etwas zum Posi­ti­ven ändern könnte.

Viel­leicht, so die Hoff­nung, wür­de der neue Papst die von sei­nem Vor­gän­ger geschla­ge­nen Wun­den hei­len. Viel­leicht wür­de Tra­di­tio­nis cus­to­des kor­ri­giert, gar zurück­ge­nom­men. Viel­leicht wür­de Sum­morum Pon­ti­fi­cum nicht wie­der­her­ge­stellt, aber doch sein Kern­an­lie­gen aner­kannt.

Die Groß­her­zig­keit des neu­en Pap­stes stieß in sei­nem Umfeld kei­nes­wegs auf Zustim­mung und er selbst scheint kei­nen Bezug zum über­lie­fer­ten Ritus zu haben.
Und so erwies sich die geheg­te Hoff­nung als vor­ei­lig. Nun liegt die letz­te Bestä­ti­gung vor.

Roche spricht – und Leo schweigt

Ein Jahr spä­ter ist die Lage wesent­lich kla­rer. Kar­di­nal Arthur Roche, Prä­fekt des Dik­aste­ri­ums für den Got­tes­dienst und die Sakra­men­ten­ord­nung, erklär­te Ende Juli 2026 unmiß­ver­ständ­lich, daß Papst Leo XIV. Tra­di­tio­nis cus­to­des nicht ändern und nicht zum Rechts­zu­stand von Sum­morum Pon­ti­fi­cum zurück­keh­ren werde.

Dabei han­delt es sich nicht um die belang­lo­se Wort­mel­dung eines Kuri­en­be­am­ten. Kar­di­nal Roche ist der Mann, der wie kein ande­rer für die Umset­zung der unter Fran­zis­kus begon­ne­nen lit­ur­gi­schen Restrik­tio­nen steht. Sein pro­gram­ma­ti­sches Papier zur Lit­ur­gie, das Anfang 2026 im Umfeld des Kar­di­nals­kon­si­sto­ri­ums bekannt wur­de, zeigt, daß die­se Linie durch die Wahl des neu­en Pap­stes kei­nes­wegs auf­ge­ge­ben ist. Das Doku­ment ist viel­mehr Aus­druck einer regel­rech­ten lit­ur­gi­schen Amnesie.

Leo XIV. hat Roche nicht abbe­ru­fen und Tra­di­tio­nis cus­to­des nicht auf­ge­ho­ben. Die Zele­bra­ti­ons­er­laub­nis des Vor­jah­res war eine rei­ne Höf­lich­keits­ge­ste, die offen­bar fal­sche Sicher­hei­ten sug­ge­rie­ren soll­te. Doch schon 2026 wird jenes Pon­ti­fi­kal­amt im Peters­dom nicht mehr zuge­las­sen, das für die Wall­fahrt das Zen­trum bildet.

Bischof Atha­na­si­us Schnei­der, der im Dezem­ber 2025 selbst an Leo XIV. appel­liert hat­te, eine dau­er­haf­te Rege­lung für die über­lie­fer­te Lit­ur­gie zu schaf­fen, wird statt­des­sen in die Patri­ar­chal­ba­si­li­ka San­ta Maria Mag­gio­re aus­wei­chen müs­sen. Das ist mehr als eine Ände­rung des Veranstaltungsortes.

Der Zug ist tatsächlich abgefahren?

Kar­di­nal Roche hat die Bot­schaft aus­ge­spro­chen: Eine Rück­kehr zu Sum­morum Pon­ti­fi­cum wer­de es nicht geben. Die Fak­ten bestä­ti­gen dies. Die Hoff­nung auf eine lit­ur­gi­sche Wen­de unter Leo XIV. hat sich nicht erfüllt. Der Peters­dom bleibt für das Pon­ti­fi­kal­amt der Wall­fahrt verschlossen.

Dem Ver­an­stal­ter nahe­ste­hen­de Quel­len sagen: Die Pil­ger wer­den den­noch kom­men. Sie wer­den zum Grab des Apo­stels Petrus zie­hen. Sie wer­den im Peters­dom beten. Und Bischof Schnei­der wird die hei­li­ge Mes­se im über­lie­fer­ten Ritus zele­brie­ren – in San­ta Maria Maggiore.

Viel­leicht liegt gera­de dar­in die eigent­li­che Bot­schaft die­ses Jah­res: Die der­zei­ti­ge Hier­ar­chie kann den Ritus aus dem Peters­dom ver­ban­nen. Man kann sei­ne öffent­li­che Sicht­bar­keit beschnei­den. Man kann sei­ne Zele­bra­ti­on von Geneh­mi­gun­gen abhän­gig machen und ein­schrän­ken. Aber man kann nicht ein­fach aus­lö­schen, was so vie­le Gene­ra­tio­nen von Katho­li­ken vor der nach­kon­zi­lia­ren Lit­ur­gie­re­form als Teil ihrer lit­ur­gi­schen und geist­li­chen Hei­mat emp­fan­gen haben.

Der Kon­flikt ist damit nicht beendet.

Er ist nur wie­der dort ange­kom­men, wo er unter Fran­zis­kus begon­nen hat­te: bei der Fra­ge, ob die über­lie­fer­te Lit­ur­gie in der katho­li­schen Kir­che einen legi­ti­men Platz haben darf – oder ob sie auf Dau­er in die Kata­kom­ben ver­bannt wer­den soll.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Katho​li​sches​.info/KI

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