Die Reise von US-Präsident Donald Trump in die Volksrepublik China wird von einer bemerkenswerten Delegation begleitet: sechzehn Vorstandsvorsitzende und Spitzenmanager der bedeutendsten amerikanischen Konzerne – aus Finanzindustrie, Technologie, Luftfahrt, Halbleiterwirtschaft und Zahlungsverkehr – sollen ihn begleiten. Es handelt sich nicht nur um Wirtschaftsführer, sondern um einen führenden Ausschnitt jenes sichtbaren Teils der transnationalen Elite, die großen Einfluß auf Politik, Kapitalströme und technologische Entwicklung ausübt.
Interessant ist dabei nicht allein, wer mitreist, sondern auch, welche kulturellen und religiösen Bindungen diese Führungsschicht erkennen läßt.
Die Delegation
| Name | Funktion | Öffentlich bekannte bzw. dokumentierte Religionszugehörigkeit |
|---|---|---|
| Tim Cook | CEO von Apple | baptistisch/christlich erzogen; öffentlich dokumentiert |
| Larry Fink | CEO von BlackRock | jüdisch |
| Stephen Schwarzman | CEO von Blackstone | jüdisch |
| Kelly Ortberg | CEO von Boeing | keine öffentlich gesicherte Angabe |
| Brian Sikes | CEO von Cargill | keine öffentlich gesicherte Angabe |
| Jane Fraser | CEO von Citigroup | vermutlich christlicher Hintergrund, aber unbestätigt |
| Jim Anderson | CEO von Coherent | keine öffentlich bekannte Angabe |
| H. Lawrence Culp Jr. | CEO von GE Aerospace | keine öffentlich bekannte Angabe |
| David Solomon | CEO von Goldman Sachs | jüdisch |
| Jacob Thaysen | CEO von Illumina | keine öffentlich bekannte Angabe |
| Michael Miebach | CEO von Mastercard | keine öffentlich bekannte Angabe |
| Dina Powell McCormick | CEO von Meta | koptisch-christlich |
| Sanjay Mehrotra | CEO von Micron Technology | indischer religiöser Hintergrund möglich, aber unklar |
| Cristiano Amon | CEO von Qualcomm | keine öffentlich bekannte Angabe |
| Elon Musk | CEO von Tesla / SpaceX | heute eher agnostisch bzw. nicht religiös |
| Ryan McInerney | CEO von Visa | vermutlich christlich-katholischer Hintergrund, aber unbestätigt |
Zunächst der Hinweis, daß die Vernetzung auf dieser hohen Ebene sehr groß ist. Einige der Genannten arbeiteten zuvor für andere hier gelistete Unternehmen oder etwas kleinere Konzerne darunter, so war zum Beispiel Dina Powell McCormick zuvor für Goldman Sachs tätig und Beraterin im Weißen Haus. Institutionell sind die Unternehmen untereinander verschränkt. BlackRock besitzt bei fast allen genannten Unternehmen typischerweise einen Anteil von etwa 5 bis 9 Prozent, womit dieser Investor größter oder zweitgrößter Einzelaktionär ist und aufgrund der gebündelten Stimmrechte seiner Fondsanleger erheblichen Einfluß auf Hauptversammlungen und Governance ausüben kann.
Die Auflistung wirkt auf den ersten Blick banal. Tatsächlich offenbart sie jedoch ein bemerkenswertes Muster.
Bei den jüdischen Teilnehmern ist die kulturelle oder religiöse Herkunft öffentlich bekannt und sichtbar. Larry Fink, Stephen Schwarzman oder David Solomon treten mit jüdischen Institutionen, Bildungsprojekten oder israelbezogenen Netzwerken offen in Verbindung. Ihre Herkunft erscheint nicht als etwas, das verborgen werden müßte, sondern als selbstverständlicher Teil ihrer öffentlichen Identität.
Demgegenüber steht die Mehrheit der übrigen CEOs. Elf von ihnen stammen aus nordamerikanisch-europäischem, also westlichem Milieu – aus Gesellschaften, die historisch eindeutig christlich geprägt sind. Doch gerade dort verschwimmt die religiöse Verortung fast vollständig.
Öffentlich eindeutig christlich ist im Grunde nur Tim Cook, geprägt vom baptistischen Protestantismus des US-amerikanischen Südens. Die zweite klar identifizierbare christliche Persönlichkeit der Delegation ist Dina Powell McCormick mit ihrer koptisch-christlichen Herkunft aus Ägypten – bemerkenswerterweise also aus einer orientalischen Minderheitentradition und nicht aus dem klassischen westlichen Establishment.
Bei den meisten anderen bleibt die Frage offen. Man findet kulturelle Hinweise oder biographische Vermutungen: irisch-katholisch, schottisch-presbyterianisch, dänisch-lutherisch oder protestantisch-amerikanisch. Doch öffentlich ausgesprochen oder sichtbar gelebt wird dies nicht. Selbst dort, wo die Herkunft offensichtlich christlich geprägt ist, scheint die religiöse Zugehörigkeit im öffentlichen Selbstverständnis keine Rolle zu spielen.
Das verweist auf eine tiefere Entwicklung innerhalb der westlichen Eliten.
Noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein war das amerikanische Establishment kulturell und religiös relativ klar verortet. Christliche Bezüge – ob protestantisch oder katholisch – gehörten selbstverständlich zum gesellschaftlichen Profil. Heute dagegen präsentiert sich die globale Führungsschicht technokratisch, funktional und weltanschaulich neutralisiert. Der moderne Spitzenmanager definiert sich primär über Effizienz, globale Anschlußfähigkeit, Kapitalmarkterfolg und technologische Kompetenz. Religion erscheint in diesem Milieu entweder als reine Privatsache oder als etwas, das im öffentlichen Raum besser unsichtbar bleibt.
Gerade deshalb fällt die jüdische Präsenz umso stärker auf. Nicht unbedingt im theologischen Sinn, sondern als kulturell artikulierbare Identität. Während christliche Herkunft im westlichen Topmanagement entpersonalisiert wirkt, bleibt jüdische Zugehörigkeit in vielen Fällen öffentlich benennbar und institutionell sichtbar.
Das bedeutet nicht, daß diese Manager besonders religiös wären. Aber es zeigt einen Unterschied im Verhältnis zur eigenen Identität. Das Christentum erscheint in den westlichen Eliten vielfach nur noch als historischer Hintergrund – als kulturelle Voraussetzung ohne ausdrückliche Gegenwart. Jüdische Identität dagegen wird häufiger, wenn nicht religiös, so doch weiterhin als bewußte kulturelle Kontinuität verstanden.
Die Delegation nach China erhält dadurch beinahe symbolischen Charakter. Auf der einen Seite die kommunistische Volksrepublik, die Religion staatlich kontrolliert und traditionelle Bindungen politisch steuert. Auf der anderen Seite eine amerikanische Wirtschaftselite, die sich selbst zunehmend postreligiös präsentiert.
Was diese Menschen verbindet, ist nicht Glaube, Nation oder kulturelle Tradition, sondern globale Macht, Kapital und technologische Steuerungskompetenz. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Aussage dieser Reise: Die obersten Entscheidungsebenen des Westens verstehen sich heute weniger als Träger einer bestimmten Zivilisation, sondern als Manager eines globalen Systems. Religion verschwindet dabei nicht vollständig – aber sie bleibt meist nur dort sichtbar, wo sie bewußt bewahrt und als identitätsstiftend verstanden wird.
Text: Giuseppe Nardi
Bild: Flickr/gemeinfrei
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