Wirtschaftselite, Macht und religiöses Bekenntnis

Was ist für die westlichen Eliten identitätsstiftend?


US-Präsident Donald Trump bei einer Begegnung mit China Staatspräsident Xi Jinping im Jahr 2017
US-Präsident Donald Trump bei einer Begegnung mit China Staatspräsident Xi Jinping im Jahr 2017

Die Rei­se von US-Prä­si­dent Donald Trump in die Volks­re­pu­blik Chi­na wird von einer bemer­kens­wer­ten Dele­ga­ti­on beglei­tet: sech­zehn Vor­stands­vor­sit­zen­de und Spit­zen­ma­na­ger der bedeu­tend­sten ame­ri­ka­ni­schen Kon­zer­ne – aus Finanz­in­du­strie, Tech­no­lo­gie, Luft­fahrt, Halb­lei­ter­wirt­schaft und Zah­lungs­ver­kehr – sol­len ihn beglei­ten. Es han­delt sich nicht nur um Wirt­schafts­füh­rer, son­dern um einen füh­ren­den Aus­schnitt jenes sicht­ba­ren Teils der trans­na­tio­na­len Eli­te, die gro­ßen Ein­fluß auf Poli­tik, Kapi­tal­strö­me und tech­no­lo­gi­sche Ent­wick­lung ausübt.

Inter­es­sant ist dabei nicht allein, wer mit­reist, son­dern auch, wel­che kul­tu­rel­len und reli­giö­sen Bin­dun­gen die­se Füh­rungs­schicht erken­nen läßt.

Die Delegation

NameFunk­ti­onÖffent­lich bekann­te bzw. doku­men­tier­te Religionszugehörigkeit
Tim CookCEO von Applebaptistisch/​christlich erzo­gen; öffent­lich dokumentiert
Lar­ry FinkCEO von BlackRockjüdisch
Ste­phen SchwarzmanCEO von Blackstonejüdisch
Kel­ly OrtbergCEO von Boeingkei­ne öffent­lich gesi­cher­te Angabe
Bri­an SikesCEO von Cargillkei­ne öffent­lich gesi­cher­te Angabe
Jane Fra­serCEO von Citigroupver­mut­lich christ­li­cher Hin­ter­grund, aber unbestätigt
Jim Ander­sonCEO von Coherentkei­ne öffent­lich bekann­te Angabe
H. Law­rence Culp Jr.CEO von GE Aerospacekei­ne öffent­lich bekann­te Angabe
David Solo­monCEO von Gold­man Sachsjüdisch
Jacob Thay­senCEO von Illuminakei­ne öffent­lich bekann­te Angabe
Micha­el MiebachCEO von Mastercardkei­ne öffent­lich bekann­te Angabe
Dina Powell McCormickCEO von Metakop­tisch-christ­lich
San­jay MehrotraCEO von Micron Technologyindi­scher reli­giö­ser Hin­ter­grund mög­lich, aber unklar
Cri­stia­no AmonCEO von Qualcommkei­ne öffent­lich bekann­te Angabe
Elon MuskCEO von Tes­la /​ SpaceXheu­te eher agno­stisch bzw. nicht religiös
Ryan McI­ner­neyCEO von Visaver­mut­lich christ­lich-katho­li­scher Hin­ter­grund, aber unbestätigt

Zunächst der Hin­weis, daß die Ver­net­zung auf die­ser hohen Ebe­ne sehr groß ist. Eini­ge der Genann­ten arbei­te­ten zuvor für ande­re hier geli­ste­te Unter­neh­men oder etwas klei­ne­re Kon­zer­ne dar­un­ter, so war zum Bei­spiel Dina Powell McCor­mick zuvor für Gold­man Sachs tätig und Bera­te­rin im Wei­ßen Haus. Insti­tu­tio­nell sind die Unter­neh­men unter­ein­an­der ver­schränkt. Black­Rock besitzt bei fast allen genann­ten Unter­neh­men typi­scher­wei­se einen Anteil von etwa 5 bis 9 Pro­zent, womit die­ser Inve­stor größ­ter oder zweit­größ­ter Ein­zel­ak­tio­när ist und auf­grund der gebün­del­ten Stimm­rech­te sei­ner Fonds­an­le­ger erheb­li­chen Ein­fluß auf Haupt­ver­samm­lun­gen und Gover­nan­ce aus­üben kann.

Die Auf­li­stung wirkt auf den ersten Blick banal. Tat­säch­lich offen­bart sie jedoch ein bemer­kens­wer­tes Muster. 

Bei den jüdi­schen Teil­neh­mern ist die kul­tu­rel­le oder reli­giö­se Her­kunft öffent­lich bekannt und sicht­bar. Lar­ry Fink, Ste­phen Schwarz­man oder David Solo­mon tre­ten mit jüdi­schen Insti­tu­tio­nen, Bil­dungs­pro­jek­ten oder israel­be­zo­ge­nen Netz­wer­ken offen in Ver­bin­dung. Ihre Her­kunft erscheint nicht als etwas, das ver­bor­gen wer­den müß­te, son­dern als selbst­ver­ständ­li­cher Teil ihrer öffent­li­chen Identität.

Dem­ge­gen­über steht die Mehr­heit der übri­gen CEOs. Elf von ihnen stam­men aus nord­ame­ri­ka­nisch-euro­päi­schem, also west­li­chem Milieu – aus Gesell­schaf­ten, die histo­risch ein­deu­tig christ­lich geprägt sind. Doch gera­de dort ver­schwimmt die reli­giö­se Ver­or­tung fast vollständig.

Öffent­lich ein­deu­tig christ­lich ist im Grun­de nur Tim Cook, geprägt vom bap­ti­sti­schen Pro­te­stan­tis­mus des US-ame­ri­ka­ni­schen Südens. Die zwei­te klar iden­ti­fi­zier­ba­re christ­li­che Per­sön­lich­keit der Dele­ga­ti­on ist Dina Powell McCor­mick mit ihrer kop­tisch-christ­li­chen Her­kunft aus Ägyp­ten – bemer­kens­wer­ter­wei­se also aus einer ori­en­ta­li­schen Min­der­hei­ten­tra­di­ti­on und nicht aus dem klas­si­schen west­li­chen Establishment.

Bei den mei­sten ande­ren bleibt die Fra­ge offen. Man fin­det kul­tu­rel­le Hin­wei­se oder bio­gra­phi­sche Ver­mu­tun­gen: irisch-katho­lisch, schot­tisch-pres­by­te­ria­nisch, dänisch-luthe­risch oder pro­te­stan­tisch-ame­ri­ka­nisch. Doch öffent­lich aus­ge­spro­chen oder sicht­bar gelebt wird dies nicht. Selbst dort, wo die Her­kunft offen­sicht­lich christ­lich geprägt ist, scheint die reli­giö­se Zuge­hö­rig­keit im öffent­li­chen Selbst­ver­ständ­nis kei­ne Rol­le zu spielen.

Das ver­weist auf eine tie­fe­re Ent­wick­lung inner­halb der west­li­chen Eliten.

Noch bis weit ins 20. Jahr­hun­dert hin­ein war das ame­ri­ka­ni­sche Estab­lish­ment kul­tu­rell und reli­gi­ös rela­tiv klar ver­or­tet. Christ­li­che Bezü­ge – ob pro­te­stan­tisch oder katho­lisch – gehör­ten selbst­ver­ständ­lich zum gesell­schaft­li­chen Pro­fil. Heu­te dage­gen prä­sen­tiert sich die glo­ba­le Füh­rungs­schicht tech­no­kra­tisch, funk­tio­nal und welt­an­schau­lich neu­tra­li­siert. Der moder­ne Spit­zen­ma­na­ger defi­niert sich pri­mär über Effi­zi­enz, glo­ba­le Anschluß­fä­hig­keit, Kapi­tal­markt­er­folg und tech­no­lo­gi­sche Kom­pe­tenz. Reli­gi­on erscheint in die­sem Milieu ent­we­der als rei­ne Pri­vat­sa­che oder als etwas, das im öffent­li­chen Raum bes­ser unsicht­bar bleibt.

Gera­de des­halb fällt die jüdi­sche Prä­senz umso stär­ker auf. Nicht unbe­dingt im theo­lo­gi­schen Sinn, son­dern als kul­tu­rell arti­ku­lier­ba­re Iden­ti­tät. Wäh­rend christ­li­che Her­kunft im west­li­chen Top­ma­nage­ment ent­per­so­na­li­siert wirkt, bleibt jüdi­sche Zuge­hö­rig­keit in vie­len Fäl­len öffent­lich benenn­bar und insti­tu­tio­nell sichtbar.

Das bedeu­tet nicht, daß die­se Mana­ger beson­ders reli­gi­ös wären. Aber es zeigt einen Unter­schied im Ver­hält­nis zur eige­nen Iden­ti­tät. Das Chri­sten­tum erscheint in den west­li­chen Eli­ten viel­fach nur noch als histo­ri­scher Hin­ter­grund – als kul­tu­rel­le Vor­aus­set­zung ohne aus­drück­li­che Gegen­wart. Jüdi­sche Iden­ti­tät dage­gen wird häu­fi­ger, wenn nicht reli­gi­ös, so doch wei­ter­hin als bewuß­te kul­tu­rel­le Kon­ti­nui­tät verstanden.

Die Dele­ga­ti­on nach Chi­na erhält dadurch bei­na­he sym­bo­li­schen Cha­rak­ter. Auf der einen Sei­te die kom­mu­ni­sti­sche Volks­re­pu­blik, die Reli­gi­on staat­lich kon­trol­liert und tra­di­tio­nel­le Bin­dun­gen poli­tisch steu­ert. Auf der ande­ren Sei­te eine ame­ri­ka­ni­sche Wirt­schafts­eli­te, die sich selbst zuneh­mend post­re­li­gi­ös präsentiert.

Was die­se Men­schen ver­bin­det, ist nicht Glau­be, Nati­on oder kul­tu­rel­le Tra­di­ti­on, son­dern glo­ba­le Macht, Kapi­tal und tech­no­lo­gi­sche Steue­rungs­kom­pe­tenz. Viel­leicht liegt genau dar­in die eigent­li­che Aus­sa­ge die­ser Rei­se: Die ober­sten Ent­schei­dungs­ebe­nen des Westens ver­ste­hen sich heu­te weni­ger als Trä­ger einer bestimm­ten Zivi­li­sa­ti­on, son­dern als Mana­ger eines glo­ba­len Systems. Reli­gi­on ver­schwin­det dabei nicht voll­stän­dig – aber sie bleibt meist nur dort sicht­bar, wo sie bewußt bewahrt und als iden­ti­täts­stif­tend ver­stan­den wird.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Flickr/​gemeinfrei

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