Die gegenwärtigen Auseinandersetzungen um die Liturgie sind weder neu noch überraschend. Sie betreffen vielmehr einen Bereich, der seit den späten 1960er Jahren in besonderer Weise aufgebrochen ist und der Kirche eine tiefe Wunde geschlagen hat. Im Kern geht es um das Wesen der Heiligen Messe und damit um nichts Geringeres als das rechte Verständnis dessen, was im Gottesdienst geschieht. In einer jüngst veröffentlichten Stellungnahme betonte Kardinal Arthur Roche, Präfekt des zuständigen Dikasteriums für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung in Rom, diesen Zusammenhang und stellte die gesamte Debatte unter das Leitmotiv der Einheit. Gerade in dieser Gegenüberstellung liegt jedoch eine problematische Verkürzung, die den eigentlichen Konflikt nicht nur verdeckt, sondern die ungebrochene Feindschaft hoher Kirchenkreise gegen den überlieferten Ritus.
In einem Interview mit OSV News, dem Nachrichtenportal der Bischofskonferenz der USA, bekräftigte Kardinal Roche sein im Januar beim außerprdentlichen Konsistorium Papst Leo XIV. und dem Kardinalskollegium vorgelegtes Dokument, das damals nach einheligen Berichten aber nicht disktutiert wurde. Das Interview erfolgte vor dem Hintergrund der teils deutlichen Reaktionen auf die Veröffentlichungen des Dokuments, als dieses durchgesickert war.
Nach der Auffassung von Kardinal Roche, einem entschiedenen Gegner des überlieferten Ritus, ist die Liturgie ihrem Wesen nach kein Feld individueller Vorlieben, sondern Ausdruck des gemeinsamen Glaubens der Kirche. Wer sich zum Gottesdienst versammelt, tritt nicht als isoliertes Individuum vor Gott, sondern als Teil eines größeren Ganzen. Diese Sichtweise knüpft an die biblische Überlieferung an: Schon im frühen Christentum verstand sich die Gemeinde als lebendiger Organismus, gegründet auf Christus selbst, nicht als Ansammlung autonomer Frömmigkeitsstile. Diese Feststellung ist im Grundsatz zutreffend, auch wenn sich bereits früh eine legitime Vielfalt von Riten und Ausprägungen entwickelte.
Vor diesem Hintergrund verweist Kardinal Roche auf die Mahnungen des Apostels Paulus an die Gemeinde von Korinth. Bereits dort zeigte sich, daß Spannungen und Mißverständnisse im Umgang mit der Eucharistie entstehen konnten. Die Antwort des Apostels zielte jedoch nicht auf eine Anpassung an subjektive Bedürfnisse, sondern auf die Rückbindung an das Empfangene: Die Eucharistie ist keine menschliche Hervorbringung, sondern ein überlieferter Schatz. Diese Perspektive bleibt auch heute maßgeblich.
Besondere Aufmerksamkeit gilt in diesem Zusammenhang den Diskussionen um die überlieferte Form der römischen Messe. Kardinal Roche verteidigt die nachkonziliare Liturgiereform – das allein wäre von ihm erwartbar. Zugleich bekräftigt er jedoch die geltenden Einschränkungen für die Zelebration der vorkonziliaren Liturgie. Die von ihm beschworene „Einheit“ erhält dadurch einen konkreten, repressiven Charakter, der als einseitig wahrgenommen werden muß.
Die in den Pontifikaten von Johannes Paul II. und Benedikt XVI. gewährten Erlaubnisse deutet Roche als bloß pastorale Zugeständnisse an Gläubige, die sich mit dem Novus Ordo Missae noch nicht abfinden konnten. Inzwischen habe sich gezeigt, daß diese Praxis jedoch bisweilen in Opposition zur Reform gestellt werde – mit nachteiligen Folgen für die kirchliche Einheit.
Auf diese Weise wird von Roche ein Deutungsmuster fortgeschrieben, das die überlieferte Liturgie primär unter dem Gesichtspunkt eines Problems betrachtet.
Gerade hier entzündet sich die Kritik. Die Auffassung, die überlieferte Form des Ritus sei lediglich eine Übergangslösung für Anpassungsschwierigkeiten, greift historisch wie theologisch zu kurz. Sie verkennt nicht nur die tatsächlichen Intentionen früherer kirchlicher Entscheidungen, sondern auch die innere Bedeutung dieser Liturgie. Zeitgenössische Stimmen aus der Phase ihrer Zurückdrängung und schrittweisen Wiederzulassung haben wiederholt ihren bleibenden Wert hervorgehoben. Die überlieferte Form des Römischen Ritus macht in besonderer Weise die Kontinuität der apostolischen Tradition, die sakrale Ordnung und die Verbindlichkeit der Glaubenslehre sichtbar.
Die Spannung zwischen diesen beiden Sichtweisen prägt die gegenwärtige Diskussion.
Kardinal Roche läßt erkennen, daß ihm – wie auch schon Papst Franziskus (2013–2025) – die wachsende Anziehungskraft traditioneller liturgischer Formen, insbesondere unter jüngeren Gläubigen, unverständlich ist. Seine Deutungsversuche soziologischer oder psychologischer Art bleiben vorwiegend auf der Ebene äußerer Faktoren. So verweist er auf das Bedürfnis nach Stille, Sakralität und ästhetischer Dichte, die er jedoch unter dem bloßen Aspekt eines Gegenpols zu einer von Lärm geprägten Welt sieht. Diese Beobachtungen mögen Teilaspekte benennen, reichen jedoch nicht aus, um die tieferliegenden geistlichen Motive zu erfassen.
Ein weiterer Streitpunkt betrifft die Frage liturgischer Mißbräuche. Hier relativiert der Kardinal die seit Jahrzehnten geäußerte Kritik, indem er auf die geschichtliche Kontinuität solcher Erscheinungen verweist. Mißstände seien stets Ausdruck unzureichender Bildung oder eines mangelhaften Verständnisses gewesen, nicht das Ergebnis einer bestimmten liturgischen Form. Diese Einschätzung läßt jedoch außer acht, daß erst die Einführung des Novus Ordo als konkrete Rahmenbedingung das Auftreten und die Ausbreitung solcher Mißstände begünstige.
In diesem oft blasphemischen Kontext war von Kardinal Roche bisher keine vergleichbare Kritik zu hören. Der horror missae, der sich beispielsweise im deutschen Sprachraum zeigt – etwa das Hineindrängen feministischer Möchtegern-Priesterinnen in den Altarraum, die Verzerrung der Messe zu Homo-Spektakeln oder politischen Kampfplätzen für die „Klimareligion“ oder die Massenmigration –, wird von höchsten bergoglianischen Prälaten offenbar nicht als Gefährdung der kirchlichen „Einheit“ wahrgenommen. Die Tradition, die das heilige Meßopfer in treuer Kontinuität zelebriert, gilt hingegen als problematisch, obwohl sie nichts anderes tut, als die sakrale Ordnung und den Glauben der Kirche zu bewahren.
Im Kern von Roches Argumentation steht eine grundsätzlich berechtigte Warnung: Sobald die Liturgie als gestaltbares Produkt menschlicher Präferenzen verstanden wird, gerät ihr eigentlicher Mittelpunkt aus dem Blick. Der Gottesdienst entzieht sich dem Zugriff des Einzelnen wie auch kleiner Gruppen; er gehört der Kirche als ganzer und verweist über sie hinaus. Umso bemerkenswerter ist es, daß diese Einsicht in der aktuellen Debatte, so auch durch Roche selbst, gerade gegen die Tradition gewendet wird, die sich ausdrücklich an der unverfügbaren Überlieferung orientiert. Hier entpuppt sich die Abwehr gegen die Tradition als ideologischer Einsatz, also genau das, was im selben dialektischen Spiel der Tradition zum Vorwurf gemacht wird.
Die gegenwärtige Diskussion ist keine Randfrage, sondern ein Prüfstein kirchlichen Selbstverständnisses. Es geht nicht nur um Formen, Sprachen oder Riten, sondern um die Frage, wie das Empfangene bewahrt, verstanden und gelebt wird. Daran entscheidet sich, ob die Liturgie als verbindendes Band wirkt – oder zum Anlaß weiterer Spaltung wird.
Arthur Roche verhält sich dabei wie der Elefant im Porzellanladen.
Text: Giuseppe Nardi
Bild: VaticanMedia (Screenshot)
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