Leo XIV. und die Beziehungen zu Moskau

Außenminister des Moskauer Patriarchats kommt in den Vatikan


Metropolit Antonij von Wolokolamsk, der Außenminister des Moskauer Patriarchats, wird am Samstag erstmals mit Papst Leo XIV. zusammentreffen. Im Bild Antonijs erste Begegnung mit Franziskus im August 2022.
Metropolit Antonij von Wolokolamsk, der Außenminister des Moskauer Patriarchats, wird am Samstag erstmals mit Papst Leo XIV. zusammentreffen. Im Bild Antonijs erste Begegnung mit Franziskus im August 2022.

Die rus­si­sche Nach­rich­ten­agen­tur Ria Nowo­sti mel­det, daß der Lei­ter der Abtei­lung für Außen­be­zie­hun­gen des Mos­kau­er Patri­ar­chats, Metro­po­lit Anto­nij Sewr­juk von Wolo­ko­lamsk, am kom­men­den Sams­tag im Vati­kan mit Papst Leo XIV. zusam­men­tref­fen wird. Die Agen­tur beruft sich auf eine „infor­mier­te Quel­le beim Hei­li­gen Stuhl“.

Am heu­ti­gen Diens­tag kehrt der Papst von sei­nem Som­mer­auf­ent­halt in Castel Gan­dol­fo in den Vati­kan zurück. Für Sams­tag ist eine Audi­enz mit dem bis­lang rang­höch­sten Gesand­ten der rus­sisch-ortho­do­xen Kir­che vor­ge­se­hen – dem ersten offi­zi­el­len Besuch die­ser Art seit der Wahl Leos XIV.

Das Ver­hält­nis zwi­schen der rus­sisch-ortho­do­xen Kir­che und dem Hei­li­gen Stuhl ist histo­risch bela­stet. Bis ins 16. Jahr­hun­dert, zur Zeit der Ruri­ki­den, unter­stand die rus­si­sche Kir­che dem Patri­ar­chen von Kon­stan­ti­no­pel, von wo aus die Chri­stia­ni­sie­rung erfolgt war. Erst die Zaren aus dem Hau­se Roma­now erho­ben den Metro­po­li­ten von Mos­kau – ursprüng­lich von Kiew – eigen­mäch­tig zum Patri­ar­chen. Der Patri­arch von Kon­stan­ti­no­pel hat­te in der ersten Hälf­te des 15. Jahr­hun­derts auf dem Kon­zil von Flo­renz die Uni­on mit Rom unter­zeich­net, eben­so der ihm unter­ste­hen­de Metro­po­lit von Kiew (Mos­kau). Damit war eine Wie­der­ver­ei­ni­gung der Ost­kir­che mit Rom in Leh­re und Ord­nung voll­zo­gen. Kurz­zei­tig. Aber immer­hin wur­de der Beweis erbracht, daß eine Eini­gung kei­nes­wegs unmög­lich ist.

Doch schon bald nach der Uni­ons­ver­ein­ba­rung wur­de Kon­stan­ti­no­pel 1453 von den isla­mi­schen Osma­nen erobert. Der Patri­arch wur­de hin­ge­rich­tet, ein neu­er, den Osma­nen geneh­mer Patri­arch ein­ge­setzt. Zwar hat­te auch die­ser die Uni­on von Flo­renz unter­schrie­ben, stell­te sich nun jedoch gegen sie – unter­stützt von den neu­en mus­li­mi­schen Herr­schern, denen an einer gespal­te­nen Chri­sten­heit gele­gen war. In der Fol­ge distan­zier­te sich auch die rus­si­sche Kir­che, die zur Natio­nal­kir­che wur­de und fort­an unter der Kon­trol­le der Zaren stand. Eine kirch­li­che Eini­gung mit Rom wur­de nun aus macht­po­li­ti­schen Grün­den kate­go­risch abgelehnt.

Die gro­ße Ein­heit schei­ter­te. Es blie­ben nur klei­ne­re, lokal begrenz­te Unio­nen in den von Litau­en und Polen kon­trol­lier­ten west­li­chen Gebie­ten der Rus. Aus die­sen gin­gen die heu­ti­gen ukrai­ni­schen und ruthe­ni­schen grie­chisch-katho­li­schen Kir­chen her­vor, die in vol­ler Ein­heit mit Rom ste­hen, dabei aber den byzan­ti­ni­schen Ritus und ost­kirch­li­che Tra­di­tio­nen bewah­ren. Bei­de konn­ten sich nur in den Gebie­ten durch­set­zen, die vom 18.–20. Jahr­hun­dert zu Öster­reich gehör­ten. Gera­de sie sind heu­te der Haupt­stol­per­stein im Ver­hält­nis zwi­schen Mos­kau und Rom: Die ortho­do­xe Kir­che denkt strikt natio­nal­kirch­lich und dul­det kei­ne kon­kur­rie­ren­de Juris­dik­ti­on auf ihrem Gebiet.

Die Päp­ste des 20. Jahr­hun­derts bemüh­ten sich inten­siv um die rus­si­schen Gebie­te – in unter­schied­lich­ster Wei­se. Nach der Okto­ber­re­vo­lu­ti­on grün­de­te Rom das „Rus­si­cum“, ein Prie­ster­se­mi­nar zur Aus­bil­dung von Mis­sio­na­ren für Ruß­land. Vie­le die­ser Prie­ster wur­den zu Mär­ty­rern – eben­so wie die rus­sisch-ortho­do­xe Kir­che unter der kom­mu­ni­sti­schen Gewalt­herr­schaft zur Mär­ty­rer­kir­che wur­de. Unter Sta­lin wur­den bis zum Aus­bruch des Zwei­ten Welt­kriegs 90 Pro­zent der rus­sisch-ortho­do­xen Kir­che aus­ge­löscht – sowohl an Gebäu­den als auch an Geist­li­chen. Erst als wäh­rend des Welt­kriegs die vol­le Mobi­li­sie­rung des rus­si­schen Vol­kes benö­tigt wur­de, gewähr­ten die kom­mu­ni­sti­schen Macht­ha­ber dem Über­rest der Kir­che neu­en Spielraum.

Seit dem Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil ver­zich­tet Rom auf eigen­stän­di­ge Mis­sio­nie­rungs­be­stre­bun­gen – Fran­zis­kus löste das Rus­si­cum sogar auf – und setzt auf Dia­log und Annä­he­rung. Mit dem Patri­ar­chat von Kon­stan­ti­no­pel war dies mög­lich – Mos­kau hin­ge­gen ver­wei­gert sich bis heu­te. Zunächst lag dies an der Kon­trol­le durch die sowje­ti­schen Macht­ha­ber, die zwar gewis­se Frei­hei­ten gewähr­ten, zugleich aber loya­les Kir­chen­per­so­nal instal­lier­ten und streng über­wach­ten. Die­se enge Ver­flech­tung von Staat und Kir­che ist ein Merk­mal der ost­kirch­li­chen Tra­di­ti­on – ein deut­li­cher Unter­schied zur römi­schen Auffassung.

Die maxi­ma­le Distanz, die Mos­kau stets gegen­über Rom for­der­te, hat bis heu­te zur Fol­ge, daß die katho­li­sche Kir­che zwar die Sakra­men­te der Ost­kir­che aner­kennt, umge­kehrt jedoch nicht. Erst unter Papst Fran­zis­kus kam es – nach 425 Jah­ren, also seit Bestehen des Mos­kau­er Patri­ar­chats – zu einem ersten Tref­fen zwi­schen einem Papst und einem Mos­kau­er Patri­ar­chen. Doch selbst die­se Begeg­nung – Aus­druck der tie­fen rus­sisch-ortho­do­xen Abgren­zung – konn­te weder in Rom noch in Mos­kau statt­fin­den. Der Patri­arch wei­ger­te sich, den Vati­kan zu betre­ten, und lehn­te es zugleich ab, den Papst auf rus­si­schem Boden zu emp­fan­gen. So muß­te das Tref­fen auf Kuba statt­fin­den – einem lang­jäh­ri­gen Ver­bün­de­ten Ruß­lands in der Karibik.

In Mos­kau wur­de das Tref­fen damals als mög­li­cher Ver­zicht Roms auf die unier­ten Ost­kir­chen gedeu­tet. Rom wies dies zwar zurück, was unter den mit Rom unier­ten Ukrai­nern aber den­noch Empö­rung aus­lö­ste – eine Ver­stim­mung, die sich unter Fran­zis­kus bis zu sei­nem Tod nicht mehr auf­lö­sen soll­te. Fran­zis­kus quit­tier­te sei­nen Unmut dar­über, indem er den Groß­erz­bi­schof von Kiew-Halit­sch, das Ober­haupt der ukrai­ni­schen grie­chisch-ortho­do­xen Kir­che, nicht in den Kar­di­nals­rang erhob, statt­des­sen den Kar­di­nals­pur­pur aber einem bis dahin völ­lig unbe­kann­ten jun­gen Dia­spo­ra-Bischof die­ser unier­ten Kir­che verlieh.

Inzwi­schen betreibt die ukrai­ni­sche Staats­füh­rung eine radi­ka­le Abkop­pe­lung der rus­sich-ortho­do­xen Kir­che in der Ukrai­ne, also Klein­ruß­land, von Mos­kau. Die Moti­ve ähneln jenen der Roma­nows zur Zeit der Errich­tung des Mos­kau­er Patri­ar­chats: Die jewei­li­ge Staats­macht strebt eine mög­lichst enge Bin­dung der Lan­des­kir­che an die eige­ne Herr­schaft an – damals wie heu­te. Die ukrai­ni­sche Staats­füh­rung folgt dabei genau dem natio­nal­kirch­li­chen ortho­do­xen Den­ken, daß es nur eine Juris­dik­ti­on in einem Staat geben kön­ne – im kon­kre­ten Fall eben nicht mehr jene Ruß­lands, son­dern nur mehr jene der Ukrai­ne. Das wie­der­um ist für Mos­kau eine skan­da­lö­se, geschichts­frem­de Pro­vo­ka­ti­on, da die Ukrai­ne, eben Klein­ruß­land, als fester Bestand­teil der Rus gese­hen wird. Auf die tief­ge­hen­de Spal­tung in der Ukrai­ne in die­ser Fra­ge wur­de an ande­rer Stel­le ver­wie­sen (sie­he dazu Gedan­ken zur Ukrai­ne an einem dra­ma­ti­schen Tag und Katho­li­ken und Ortho­do­xe in der Ukrai­ne).

Papst Fran­zis­kus setz­te wei­ter auf ein Tau­wet­ter im Ver­hält­nis zu Mos­kau, indem er sich vom anti­rus­si­schen Ton vie­ler west­li­cher Staats­kanz­lei­en abhob und dem Westen im Mai 2022 eine Mit­schuld am Aus­bruch des Ukrai­ne-Krie­ges zuschrieb, weil „das Bel­len der NATO an Ruß­lands Tür“ den Krieg, wenn nicht sogar „pro­vo­ziert, so doch erleich­tert“ habe.

Auch Leo XIV. äußer­te sich bis­lang zurück­hal­tend zur Ukrai­ne-Kri­se und den Bezie­hun­gen zu Mos­kau. Das bevor­ste­hen­de Tref­fen könn­te nun Bewe­gung in die Sache brin­gen – und erst­mals die Hal­tung des neu­en Pap­stes erkenn­bar machen. Immer­hin han­delt es sich um den ersten US-Ame­ri­ka­ner auf dem Stuhl Petri – aus jenem Land also, das die west­li­che Füh­rungs­macht und einer der Haupt­ak­teu­re im Ukrai­ne-Krieg ist.

Die­se Hal­tung wird ent­schei­dend sein für die Fra­ge nach der Kir­chen­ein­heit in den kom­men­den Jah­ren. Das Schis­ma zwi­schen Ost- und West­kir­che datiert auf das Jahr 1054. In Rom besteht seit lan­gem der Wunsch, daß die­ses „zum Him­mel schrei­en­de Schis­ma“ kein tau­send­jäh­ri­ges Jubi­lä­um erle­ben möge. In Mos­kau hin­ge­gen bleibt der Wil­le zur Ein­heit begrenzt – das natio­nal­kirch­li­che Den­ken überwiegt.

Der Vor­gän­ger Metro­po­lit Anto­nijs war Metro­po­lit Hila­ri­on von Wolo­ko­lamsk, der sich stark um die Annä­he­rung bemüh­te. Mit Beginn des Ukrai­ne-Krie­ges wur­de Hila­ri­on – offen­bar gera­de wegen die­ser Bemü­hun­gen – als „Außen­mi­ni­ster“ des Mos­kau­er Patri­ar­chats abge­setzt und durch Anto­nij ersetzt.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Vati­can­News (Screen­shot)