Franziskus, der Papst des Alten Testaments

Die Tiefe des Abgrunds


Papst Franziskus mit lutherischen Bischöfen und Bischöfinnen beim "Reformationsgedenken" im schwedischen Lund 2016
Papst Franziskus mit lutherischen Bischöfen und Bischöfinnen beim "Reformationsgedenken" im schwedischen Lund 2016

Von Cami­nan­te Wanderer*

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Für Berg­o­glio ist die Tra­di­ti­on nichts ande­res als Tra­di­ti­on, d. h. es gibt kein Heils­er­eig­nis hin­ter der Tra­di­ti­on, son­dern nur tra­di­tio­nel­le Über­zeu­gun­gen, was immer sie auch sein mögen. Für ihn sind sie alle nur will­kür­li­che Ideen und Prak­ti­ken, inso­fern sie in einer bestimm­ten Kul­tur, in einem bestimm­ten Kon­text und in einer bestimm­ten Geschich­te ent­stan­den sind. Es gibt nicht „die“ Tra­di­ti­on hin­ter den Tra­di­tio­nen und vor allem gibt es kein Ereig­nis, kei­ne onto­lo­gi­sche Dich­te hin­ter der Tradition.

Dies erklärt vie­le der Hal­tun­gen, Äuße­run­gen und Ent­schei­dun­gen des Pap­stes, die jeden im Grund­ka­te­chis­mus geschul­ten Katho­li­ken ver­blüf­fen. Fran­zis­kus wird bei­spiels­wei­se nicht müde zu beteu­ern, daß die Prie­ster allen in der Beich­te ver­ge­ben müs­sen, unab­hän­gig davon, ob sie die gefor­der­ten Bedin­gun­gen erfül­len oder nicht: Reue und Vor­satz zur Bes­se­rung. Wenn das nicht geschieht, so lehrt die Theo­lo­gie, wird ein Sakri­leg began­gen, und das Sakra­ment ist ungül­tig. Aber viel­leicht ist das Buß­sa­kra­ment für Berg­o­glio nicht mehr als eine mit­tel­al­ter­li­che Erfin­dung, wie vie­le Theo­lo­gen behaup­ten. Wenn wir nur die über­lie­fer­ten Urkun­den berück­sich­ti­gen, stel­len wir streng­ge­nom­men fest, daß das erste Zeug­nis über die per­sön­li­che Pri­vat­beich­te (Ohren­beich­te) aus dem 8. Jahr­hun­dert stammt und erst­mals von einem Kon­zil von der Beich­te als Sakra­ment auf dem Vier­ten Late­r­an­kon­zil im Jahr 1215 gespro­chen wird. Die Väter spre­chen von einer Beich­te oder Exo­moló­ge­sis, aber es wird nicht deut­lich, daß es sich um ein Sakra­ment han­delt. In der Tat konn­te die­se Offen­ba­rung öffent­li­cher Feh­ler einst sogar vor einem Lai­en erfol­gen. Es gibt kei­nen Beweis dafür, daß pri­va­te Sün­den „gebeich­tet“ oder „offen­bart“ wur­den. Aus der Tra­di­ti­on wis­sen wir jedoch, daß es das Beicht­sa­kra­ment in der Kir­che immer gege­ben hat, weil es von unse­rem Herrn ein­ge­setzt wur­de, unab­hän­gig davon, ob es dafür schrift­li­che oder son­sti­ge Bele­ge gibt oder nicht.

Schau­en wir uns ein ande­res Bei­spiel an. Wenn Papst Fran­zis­kus „Bischö­fe“ pro­te­stan­ti­scher Kir­chen oder sogar Sek­ten emp­fängt, spricht er sie als „Brü­der Bischö­fe“ oder auch „Bischö­fe“ an. Ein unge­heu­er­li­cher Fall war der Umgang mit kei­nem Gerin­ge­ren als Tony Pal­mer, einem Pfingst­ler-Pre­di­ger, der sich selbst für einen Bischof hielt. Sei­nen Freund, den Erz­bi­schof von Can­ter­bu­ry, oder die schwe­di­schen oder deut­schen luthe­ri­schen „Bischö­fe“ als „Brü­der und Schwe­stern Bischö­fe“ zu behan­deln, bedeu­tet, einen bischöf­li­chen Cha­rak­ter anzu­er­ken­nen, der ihnen fehlt. Machen wir uns den Ernst der Lage klar: Der Bischof von Rom, Nach­fol­ger Petri, erkennt still­schwei­gend die Gül­tig­keit von Bischofs- und Prie­ster­wei­hen an, die völ­lig ungül­tig sind, weil das von der Kir­che so fest­ge­legt wur­de. Auch hier ist die Situa­ti­on die glei­che: Es gibt kei­nen urkund­li­chen Beweis für eine unun­ter­bro­che­ne „apo­sto­li­sche Suk­zes­si­on“, außer­dem gibt es kei­nen urkund­li­chen Beweis für eine „Prie­ster­wei­he“ in den ersten Jahr­hun­der­ten der Kir­che. Daß die Prie­ster­wei­he ein Sakra­ment ist und daß es eine apo­sto­li­sche Suk­zes­si­on gibt, wis­sen wir aus der Tra­di­ti­on. Wenn „die“ Tra­di­ti­on nichts ande­res als eine Tra­di­ti­on ist, wie es für Berg­o­glio der Fall ist, dann bewahrt die Kir­che von Rom eine Tra­di­ti­on des Wei­he­sa­kra­ments, die in einem bestimm­ten kul­tu­rel­len Milieu ent­stan­den ist, und die Kir­che von Eng­land oder die luthe­ri­sche Kir­che bewah­ren ande­re Tra­di­tio­nen, die eben­so gül­tig sind wie die unsere.

Das ist die Theo­lo­gie von Papst Fran­zis­kus, wie sie aus sei­nen Äuße­run­gen her­vor­geht, und das ist die Theo­lo­gie, die an einem gro­ßen Teil der katho­li­schen Uni­ver­si­tä­ten, auch der päpst­li­chen, gelehrt wird. Was bleibt dann noch von unse­rem Glau­ben? Was bleibt dann noch von der Kir­che? Wenig bis nichts, nur eine Ver­län­ge­rung des Alten Bun­des, ein alt­te­sta­ment­li­cher Rück­schritt, der ver­sucht, das Reich Got­tes in die­ser Welt zu errichten.

Es ist nicht neu, daß eini­ge der heu­ti­gen Theo­lo­gen das Neue Testa­ment als eine blo­ße Neu­schrei­bung des Alten Testa­ments betrach­ten, eine Art Alt­te­sta­men­ta­ri­sie­rung des Neu­en Testa­ments. Das Ziel die­ser Ten­denz ist ver­ständ­lich: „(…) die neu­te­sta­ment­li­chen Heils­ver­hei­ßun­gen ihres über­na­tür­li­chen und damit chri­sto­lo­gi­schen Cha­rak­ters zu ent­klei­den und die über­wie­gend welt­li­che Reli­gi­ons­be­zie­hung Isra­els zu ver­ab­so­lu­tie­ren. Im Alten Testa­ment betrifft das Heils­han­deln Got­tes im wesent­li­chen inner­welt­li­che Dimen­sio­nen: Der von Gott geseg­ne­te Mensch hat ein lan­ges irdi­sches Leben und hat männ­li­che Nach­kom­men; dem Volk Isra­el wird ein bestimm­tes geo­gra­phi­sches Gebiet als Hei­mat gege­ben; Gott ver­hängt über das unge­hor­sa­me Isra­el kör­per­li­che Stra­fen, eben­so wie er Isra­el aus der Knecht­schaft der Skla­ve­rei befreit; er steht dem Volk im Kampf gegen ande­re Völ­ker bei usw. Folg­lich wird Jah­we in der jüdi­schen Theo­lo­gie als der wah­re Gott aner­kannt, weil er im Gegen­satz zu den Göt­tern der ande­ren Völ­ker tat­säch­lich hilft und sei­ne Macht empi­risch demon­striert. Er ist der Gott der Juden, der denen hilft, die zu ihm gehö­ren, und die ande­ren bestraft. Jesus, der ein Jude war, hat die­ses Han­deln Got­tes, das nicht mehr nur inner­halb des jüdi­schen Vol­kes, son­dern in der gesam­ten Mensch­heit erfah­ren wird, uni­ver­sa­li­siert. Mit ande­ren Wor­ten: Die Heils­ver­hei­ßun­gen des Neu­en Testa­ments sind, wie gesagt, nichts ande­res als die imma­nen­te Uni­ver­sa­li­sie­rung der Ver­hei­ßun­gen des Alten.

Die­se Novi­s­si­ma theo­lo­gia steht ein­deu­tig im Wider­spruch zur katho­li­schen Theo­lo­gie. Es waren vor allem die Kir­chen­vä­ter, die eine bahn­bre­chen­de chri­sto­lo­gi­sche Her­me­neu­tik des Alten Testa­ments ent­wickelt haben. Wir wis­sen, daß der Neue Bund onto­lo­gisch aus­schließ­lich in Chri­stus, d. h. in der Unio hypo­sta­ti­ca kon­sti­tu­iert ist. Damit wird Isra­el als sol­ches in der Kir­che als dem mysti­schen Leib Chri­sti auf­ge­löst. Es gibt einen Bezugs­kon­text zwi­schen den bei­den Testa­men­ten, aber er ist streng chri­sto­zen­trisch organisiert.

Abge­se­hen von der Zer­stö­rung, die der genann­te Ent­wurf für die hei­li­ge und über­na­tür­li­che Dimen­si­on unse­res Glau­bens bedeu­tet, ist die Absicht dahin­ter nicht, wie man­che ver­mu­ten könn­ten, eine Annä­he­rung an das jüdi­sche Volk durch eine Annä­he­rung an des­sen Glau­ben. Es geht dar­um, das Alte Testa­ment zu instru­men­ta­li­sie­ren, um die Defi­ni­ti­on des eigent­li­chen christ­li­chen Glau­bens­ge­gen­stan­des zu ver­än­dern. Was Berg­o­glio und sei­ne jesui­ti­schen Theo­lo­gen anstre­ben, ist, „das Gesicht der Kir­che zu ver­än­dern“, um zu einem Chri­sten­tum zu gelan­gen, das auf die Welt aus­ge­rich­tet ist und sich auf empi­ri­sche, natür­lich-mora­li­sche, psy­cho­lo­gi­sche und poli­ti­sche Zusam­men­hän­ge kon­zen­triert. Wie er in sei­ner Fasten­an­spra­che sag­te, erscheint Gott in die­sem Hori­zont nur als der­je­ni­ge, der die­se neue Welt durch unse­ren Ein­satz zur Ver­bes­se­rung des irdi­schen Lebens ver­wirk­li­chen will. Ein Bei­spiel dafür haben wir vor eini­gen Mona­ten in der Oster­bot­schaft des Erz­bi­schofs von Bue­nos Aires Jor­ge Gar­cía Cuer­va gese­hen, der die theo­lo­gi­sche Defi­ni­ti­on von Ostern unter­schieds­los mit dem Exodus und dem Pes­sach­fest des Alten Testa­ments ver­wech­selt. Der Pri­mas von Argen­ti­ni­en erwähn­te den Herrn Jesus Chri­stus mit kei­nem Wort, der damit aus dem Hori­zont der Reli­gi­on ver­schwun­den ist.

Die natür­li­che Schluß­fol­ge­rung die­ser neu­te­sta­ment­li­chen Theo­lo­gie ist die berühm­te „uni­ver­sel­le Brü­der­lich­keit“, auf die Papst Fran­zis­kus so oft anspielt: Fratel­li tut­ti, wir sind alle Brü­der, ganz gleich, wel­cher reli­giö­sen Tra­di­ti­on wir ange­hö­ren oder auch nicht. Chri­stus, der jüdi­sche Jesus, ist dem­nach erschie­nen, damit wir ver­ste­hen, daß das Reich Got­tes auf Erden errich­tet wird.

*Cami­nan­te Wan­de­rer ist ein argen­ti­ni­scher Blogger

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Vati​can​.va (Screen­shot)

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