Neue Fragen zu Papst Franziskus

Zwei neue Bücher, um Papst Franziskus zu enträtseln

Zwei neue Bücher versuchen das Enigma Papst Franziskus zu enträtseln.
Zwei neue Bücher versuchen das Enigma Papst Franziskus zu enträtseln.

Von Rober­to de Mattei*

Weih­nach­ten ist bekannt­lich eine Zeit der guten Wün­sche, und es ist ver­ständ­lich, daß Papst Fran­zis­kus die­sen Moment gewählt hat, um in die Häu­ser der Ita­lie­ner ein­zu­tre­ten, und zwar durch das Inter­view, das er am 18. Dezem­ber dem Fern­seh­sen­der Cana­le 5 zum The­ma „Das Weih­nach­ten, das ich mir wün­sche“ gab. Die The­men, die er ansprach, sind sol­che, für die jeder emp­fäng­lich ist, wie Krieg, Armut, Hun­ger, der demo­gra­fi­sche Win­ter, Sport und Kin­der. Sei­ne Äuße­run­gen schie­nen von natür­li­chem gesun­dem Men­schen­ver­stand inspi­riert zu sein, dabei ver­zich­te­te er jedoch dar­auf, die grund­le­gen­den Fra­gen des Glau­bens und der Moral zu berüh­ren, die unser täg­li­ches Leben auch her­aus­for­dern. Vie­le die­ser Fra­gen wer­den in zwei Büchern behan­delt, die soeben erschie­nen sind und die ver­su­chen, das Pon­ti­fi­kat und die Per­sön­lich­keit von Papst Fran­zis­kus zu beleuchten. 

Es han­delt sich, das muß gleich gesagt wer­den, um ern­ste wis­sen­schaft­li­che Stu­di­en und nicht um Pam­phle­te. Das erste Buch trägt den Titel „Fran­çois, la con­quête du pou­voir. Itin­é­rai­re d’un pape sous influen­ces“ („Fran­zis­kus – die Erobe­rung der Macht. Weg eines beein­fluß­ten Pap­stes“ Con­tre­temps, Ver­sailles 2022, 386 Sei­ten, 25 Euro) und stammt von Jean-Pierre Moreau, einem fran­zö­si­schen Spe­zia­li­sten für die Befrei­ungs­theo­lo­gie. Das zwei­te Buch, mit dem Titel „Super hanc petram. Il Papa e la Chie­sa in un’o­ra dram­ma­ti­ca del­la sto­ria“ („Super hanc petram. Der Papst und die Kir­che in einem dra­ma­ti­schen Moment der Geschich­te“, Fidu­cia, Rom 2022, 276 Sei­ten, 22 Euro), stammt von Pater Ser­a­fi­no Lan­zet­ta, einem begab­ten ita­lie­ni­schen Theo­lo­gen, der sei­nen Dienst in Eng­land und Schott­land ausübt.

Moreau begibt sich auf die Suche nach den „maîtres à pen­ser“, den Lehr­mei­stern, von Papst Fran­zis­kus und fin­det sie in den Schöp­fern der „Theo­lo­gie des Vol­kes“ (auch „Volks­theo­lo­gie“), einem Zweig der latein­ame­ri­ka­ni­schen Befrei­ungs­theo­lo­gie, der vom Kata­kom­ben­pakt inspi­riert wur­de, der am 16. Novem­ber 1965 in Rom gefei­ert wur­de, als etwa vier­zig Bischö­fe, dar­un­ter Mon­si­gno­re Hel­der Câma­ra, die Not­wen­dig­keit einer Rück­kehr zur Pra­xis des histo­ri­schen Jesus durch eine „die­nen­de und arme Kir­che“ pro­kla­mier­ten. Im sel­ben Jahr wur­de Pater Pedro Arru­pe, Autor eines Reform­pro­jekts, das die Kir­che in ihren Grund­fe­sten erschüt­ter­te, zum Gene­ral­obe­ren der Gesell­schaft Jesu gewählt. Der Selig­spre­chungs­pro­zeß von Mon­si­gno­re Câma­ra und von Pater Arru­pe wur­de unter dem Pon­ti­fi­kat von Papst Fran­zis­kus ein­ge­lei­tet, was bei kri­ti­schen Ken­nern der Befrei­ungs­theo­lo­gie wie Julio Lore­do de Izcue, empör­tes Erstau­nen her­vor­rief, die sich zu Recht frag­ten, ob wir nicht vor einer „Selig­spre­chung des Schlech­ten“ ste­hen.

Laut Moreau hät­te sich der Erz­bi­schof von Bue­nos Aires, Jor­ge Mario Berg­o­glio, der 2013 Papst Fran­zis­kus wur­de, ange­regt von der „Theo­lo­gie des Vol­kes“, zum Ziel gesetzt, den poli­tisch-reli­giö­sen Arru­pe-Plan zu ver­wirk­li­chen, der 1981 durch des­sen Rück­tritt und die anschlie­ßen­de kom­mis­sa­ri­sche Ver­wal­tung des Jesui­ten­or­dens durch Johan­nes Paul II. unter­bro­chen wur­de. Moreau geht jedoch noch wei­ter zurück und spürt in dem argen­ti­ni­schen Dik­ta­tor Juan Dom­in­go Peron, der von 1940 bis zu sei­nem Tod 1975 eine ent­schei­den­de Rol­le in der Poli­tik sei­nes Lan­des spiel­te, den eigent­li­chen Men­tor von Jor­ge Mario Berg­o­glio auf. Aus die­ser Per­spek­ti­ve wäre Papst Fran­zis­kus in erster Linie ein „Pero­nist“, kein Ideo­lo­ge, son­dern ein prag­ma­ti­scher und popu­li­sti­scher Mann der Tat, der sich eher von der poli­ti­schen als von der über­na­tür­li­chen Dimen­si­on des katho­li­schen Glau­bens ange­zo­gen fühlt.

Der Ansatz von Moreau ist histo­risch-poli­tisch geprägt, jener von Pater Lan­zet­ta dage­gen theo­lo­gisch. Die Wor­te und Taten von Papst Fran­zis­kus wer­den in sei­nem Buch mit einem streng kri­ti­schen Geist, aber zugleich kind­li­cher Hin­ga­be an das Papst­tum unter­sucht, um die Gefahr auf­zu­zei­gen, wenn der Pasto­ral Vor­rang vor der Leh­re ein­ge­räumt wird, dem Han­deln vor dem Sein, der Per­son des Pap­stes vor der Insti­tu­ti­on der Kir­che. Sehr ein­dring­lich sind die Sei­ten, die der Autor der neu­en, heu­te weit ver­brei­te­ten Form des Nomi­na­lis­mus wid­met, bei der Wor­te nicht mehr der Rea­li­tät ent­spre­chen, son­dern ver­wen­det wer­den, um etwas ande­res zu sagen, als ihrer ursprüng­li­chen und authen­ti­schen Bedeu­tung ent­spricht. Der Nomi­na­lis­mus ist histo­risch gese­hen der Königs­weg, der zum Prag­ma­tis­mus führt, d. h. zur Auf­lö­sung des Den­kens durch die Auf­lö­sung der Spra­che. Die Begrif­fe Ortho­do­xie und Häre­sie ver­flüch­ti­gen sich im nomi­na­li­sti­schen Pri­mat der Pra­xis. Mehr noch als die Aus­brei­tung der Häre­sie besteht das eigent­li­che Pro­blem der Kir­che heu­te in dem, was Pater Lan­zet­ta als „flüs­si­ge Apo­sta­sie“ bezeich­net, die ihre Wur­zeln in dem Ver­such hat, „den dok­tri­nä­ren Aspekt der Offen­ba­rung vom pasto­ra­len zu tren­nen, indem der Anfang der Ver­kün­di­gung nicht in den zu glau­ben­den Wahr­hei­ten gese­hen wird, son­dern dar­in, wie man glau­ben soll, indem Ange­mes­sen­heit und Moda­li­tä­ten beur­teilt wer­den“.

Die reli­giö­se Kri­se geht also tief, aber Papst Fran­zis­kus selbst sag­te beim Ange­lus am Sonn­tag, dem 18. Dezem­ber, daß Gott in Kri­sen­zei­ten neue Per­spek­ti­ven eröff­net, die wir uns vor­her nicht vor­stel­len konn­ten, viel­leicht nicht so, wie wir es erwar­ten, aber Er. Wer hät­te zum Bei­spiel die Aus­sa­gen erwar­tet, die am 18. Dezem­ber gegen­über der spa­ni­schen Tages­zei­tung ABC gemacht wurden?

Der Papst, der bei der Ama­zo­nas­syn­ode 2019 die Weis­heit der Ein­ge­bo­re­nen der Arro­ganz der spa­ni­schen Erobe­rer gegen­über­stell­te, sagt heute: 

Die Her­me­neu­tik für die Inter­pre­ta­ti­on eines histo­ri­schen Ereig­nis­ses muß jene der dama­li­gen Zeit sein, nicht die der Gegen­wart. Es ist offen­sicht­lich, daß dort (in Latein­ame­ri­ka) Men­schen getö­tet wur­den, es ist offen­sicht­lich, daß es Aus­beu­tung gab, aber die India­ner haben sich auch gegen­sei­tig umge­bracht. Die Kriegs­at­mo­sphä­re wur­de nicht von den Spa­ni­ern expor­tiert. Und die Erobe­rung gehör­te allen. Ich unter­schei­de zwi­schen Kolo­ni­sie­rung und Erobe­rung. Es gefällt mir nicht, zu sagen, daß Spa­ni­en ein­fach nur ‚erobert‘ hat. Man kann dar­über strei­ten, soviel man will, aber es hat kolo­ni­siert. Wenn man die Anwei­sun­gen der spa­ni­schen Köni­ge jener Zeit liest, wie ihre Ver­tre­ter zu han­deln hat­ten, dann hat kein König eines ande­ren Lan­des so viel getan. Spa­ni­en ist in das Gebiet vor­ge­drun­gen, die ande­ren impe­ria­len Mäch­te blie­ben an der Küste. Spa­ni­en hat kei­ne Pira­te­rie betrie­ben. Das muß man berück­sich­ti­gen. Dahin­ter ver­birgt sich näm­lich eine Mystik. Spa­ni­en ist immer noch das Mut­ter­land, was nicht alle Mäch­te von sich behaup­ten kön­nen.

Hat der Phi­lo­soph und Publi­zist Mar­cel­lo Vene­zia­ni recht, wenn er sagt, daß Papst Fran­zis­kus seit eini­ger Zeit sei­ne Posi­tio­nen ändert (La Veri­tà, 17. Dezem­ber 2022), oder erle­ben wir die Ent­fal­tung eines poli­ti­schen Pro­gramms, das sich an einer kohä­ren­ten Phi­lo­so­phie der Pra­xis orientiert?

*Rober­to de Mat­tei, Histo­ri­ker, Vater von fünf Kin­dern, Pro­fes­sor für Neue­re Geschich­te und Geschich­te des Chri­sten­tums an der Euro­päi­schen Uni­ver­si­tät Rom, Vor­sit­zen­der der Stif­tung Lepan­to, Autor zahl­rei­cher Bücher, zuletzt in deut­scher Über­set­zung: Ver­tei­di­gung der Tra­di­ti­on: Die unüber­wind­ba­re Wahr­heit Chri­sti, mit einem Vor­wort von Mar­tin Mose­bach, Alt­öt­ting 2017, und Das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil. Eine bis­lang unge­schrie­be­ne Geschich­te, 2. erw. Aus­ga­be, Bobin­gen 2011.

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Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ri­spon­den­za Romana

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