Das korrekte und doch unvollständige Zitat des heiligen Vinzenz von Lérins

Kursänderungen rechtfertigen mit einem Heiligen, der Kursänderungen ablehnte?

Der Mönch und Kirchenvater Vinzenz von Lerins wird von Papst Franziskus gerne zitiert, allerdings auf nicht unproblematische Weise.
Der Mönch und Kirchenvater Vinzenz von Lérins wird von Papst Franziskus gerne zitiert, allerdings auf nicht unproblematische Weise.

(Rom) In sei­nem Pon­ti­fi­kat zitier­te Papst Fran­zis­kus bereits mehr­mals den berühm­ten Satz des hei­li­gen Vin­zenz von Lérins über den Erkennt­nis­fort­schritt der christ­li­chen Leh­re. Das Zitat des Pap­stes ist kor­rekt, aber unvoll­stän­dig, sodaß es aus dem Zusam­men­hang geris­sen wer­den kann. Mit die­sem Pro­blem, denn um ein sol­ches han­delt es sich, befaß­te sich der US-ame­ri­ka­ni­sche Theo­lo­ge und Prie­ster Tho­mas G. Gua­ri­no, ein aus­ge­wie­se­ner Exper­te für das Den­ken und Werk des hei­li­gen Vin­zenz von Lérins. Gua­ri­no publi­zier­te dazu am 16. August im US-ame­ri­ka­ni­schen Medi­um First Things den Auf­satz „Papst Fran­zis­kus und der hei­li­ge Vin­zenz von Lérins“. Dar­in führt er den Nach­weis, wie durch die ver­kürz­te Wie­der­ga­be des Zitats des Hei­li­gen des­sen eigent­li­che Aus­sa­ge annul­liert wird. Die­ser Satz des hei­li­gen Vin­zenz von Lérins wird auch von vie­len Pro­gres­si­ven und Moder­ni­sten ger­ne zitiert, um die „pasto­ra­le Wen­de“ des Gei­stes des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils zu rechtfertigen.

Gau­ri­no führt zunächst den Nach­weis, daß Papst Fran­zis­kus den Hei­li­gen „oft als theo­lo­gi­sche Ori­en­tie­rung“ zitiert, so zuletzt auf sei­nem Rück­flug aus Kana­da am ver­gan­ge­nen 29. Juli. Fran­zis­kus sag­te bei die­ser Gele­gen­heit, der hei­li­ge Vin­zenz von Lérins habe eine „sehr kla­re und erhel­len­de“ Regel für die rich­ti­ge Ent­wick­lung der Glaubenslehre.

Die Hin­ter­las­sen­schaft die­ses Kir­chen­va­ters aus dem 5. Jahr­hun­dert habe, so Gua­ri­no, eine „etwas unru­hi­ge theo­lo­gi­sche Kar­rie­re“ hin­ter sich. Sein Haupt­werk, das Com­mo­ni­to­ri­um, war vie­le Jahr­hun­der­te ver­schol­len, wur­de aber sehr popu­lär, als es im 16. Jahr­hun­dert wie­der­ent­deckt wur­de. Dann geriet es all­mäh­lich außer Gebrauch.

Wegen sei­nes berühm­ten Sat­zes: „Wir hal­ten den Glau­ben auf­recht, was über­all, immer, von allen geglaubt wor­den ist“ (ubi­que, sem­per, et ab omni­bus), galt Vin­zenz von Lérins als „streng kon­ser­va­tiv“ und „als jemand mit wenig Geschichtsbewußtsein“.

„Dies ist eine Fehl­in­ter­pre­ta­ti­on der grund­le­gen­den Arbeit des hei­li­gen Vin­zenz“, so Gua­ri­no. Es sei ermu­ti­gend, so der Theo­lo­ge, daß Papst Fran­zis­kus die­ser „fal­schen, aber weit ver­brei­te­ten Inter­pre­ta­ti­on“ nicht unter­le­gen ist. „Im Gegen­teil, der Papst hebt genau die Aspek­te der theo­lo­gi­schen Argu­men­ta­ti­on des hei­li­gen Vin­zenz her­vor, die ihn zu einem hell­sich­ti­gen Autor machen. Der Theo­lo­ge Vin­zenz von Lérins ist einer der weni­gen anti­ken christ­li­chen Autoren, die sich mit der Fra­ge der Ent­wick­lung der Leh­re im Lau­fe der Zeit befassen.“

„Als der hei­li­ge Vin­zenz im Jahr 434 das Com­mo­ni­to­ri­um schrieb, bean­stan­de­ten eini­ge christ­li­che Den­ker jener Zeit die Ver­wen­dung von Begrif­fen wie homoou­si­os (wesen­haft) und Theo­to­kos (Mut­ter Got­tes) durch die Kir­che, die in der Bibel nicht vor­kom­men. Sie lehn­ten die­se neu­en Begrif­fe aus­drück­lich als unzu­läs­sig ab. Aber der hei­li­ge Vin­zenz argu­men­tier­te, daß die neu­en Begrif­fe rich­tig sei­en, weil die christ­li­che Leh­re not­wen­di­ger­wei­se mit der Zeit wach­se, so wie aus einem Samen eine Pflan­ze und aus einem Kind ein Erwach­se­ner wer­de. Eben­so tra­gen die­se neu­en Wör­ter dazu bei, den Sinn der Hei­li­gen Schrift zu ent­wickeln und zu klä­ren. Vin­zenz erkennt an, daß alles, was für den christ­li­chen Glau­ben not­wen­dig ist, im Keim in der Hei­li­gen Schrift zu fin­den ist. Aber er besteht auch auf einem all­mäh­li­chen und gleich­mä­ßi­gen Wachs­tum im Lau­fe der Zeit.“

Auf die Fra­ge: „Gibt es in der Kir­che Chri­sti kei­nen reli­giö­sen Fort­schritt?“, ant­wor­tet der hei­li­ge Vin­zenz: „Gewiß soll es einen geben, sogar einen recht gro­ßen“. Die­ser Fort­schritt muß jedoch immer ein Fort­schritt des Glau­bens sein und nicht eine Defor­ma­ti­on des­sel­ben. Die Leh­re ent­wickelt sich auf ähn­li­che Wei­se wie der Mensch. Obwohl der Mensch von der Jugend bis ins hohe Alter vie­le Ver­än­de­run­gen durch­macht, bleibt er der­sel­be Mensch, das­sel­be Wesen. Es gibt ein orga­ni­sches und archi­tek­to­ni­sches Wachs­tum im Lau­fe der Zeit, sowohl bei den Men­schen als auch bei der christ­li­chen Leh­re. Aber die­ser Fort­schritt, so argu­men­tiert der hei­li­ge Vin­zenz, muß von einer bestimm­ten Art und Form sein und immer die frü­he­ren lehr­mä­ßi­gen Errun­gen­schaf­ten des christ­li­chen Glau­bens schüt­zen. Eine Ände­rung kann nicht zu einer ande­ren Bedeu­tung füh­ren. Viel­mehr müs­sen spä­te­re For­mu­lie­run­gen „nach der­sel­ben Leh­re, dem­sel­ben Sinn und der­sel­ben Beur­tei­lung“ wie die frü­he­ren sein.

Spä­ter, im Com­mo­ni­to­ri­um, so Gua­ri­no wei­ter, macht Vin­zenz jene Bemer­kung, die von Papst Fran­zis­kus oft zitiert wird.

„Auch die christ­li­che Leh­re folgt die­sem Gesetz des Fort­schritts. Sie hat sich im Lau­fe der Jah­re gefe­stigt, mit der Zeit ent­wickelt und mit dem Alter verfeinert.“

Papst Fran­zis­kus hat sei­ne Lieb­lings­pas­sa­ge vom hei­li­gen Vin­zenz seit sei­ner Wahl im Jahr 2013 mehr­fach zitiert, unter ande­rem in der Enzy­kli­ka Lau­da­to sì. Sei­ne aus­führ­lich­sten Äuße­run­gen fin­den sich in einer Rede zum Kate­chis­mus aus dem Jahr 2017. Dar­in erklärt der Papst kühn, daß die Todes­stra­fe „in ihrem Wesen dem Evan­ge­li­um wider­spricht“ und zitiert den hei­li­gen Vin­zenz, um die­se Posi­ti­on zu ver­tei­di­gen, die nach Ansicht des Pap­stes die Aner­ken­nung des Enga­ge­ments der Kir­che für die unan­tast­ba­re Wür­de des Men­schen impli­ziert. Es hand­le sich um eine „har­mo­ni­sche Ent­wick­lung der kirch­li­chen Lehre“.

Papst Fran­zis­kus setzt fort mit einer Defi­ni­ti­on der Tra­di­ti­on, die der hei­li­ge Vin­zenz von Lérins gut­hei­ßen wür­de, indem er die Tra­di­ti­on als „leben­di­ge Rea­li­tät“ beschreibt. Er beruft sich dann erneut auf die „tref­fen­de For­mu­lie­rung“ des hei­li­gen Vin­zenz (so die deut­sche Über­set­zung des Vati­kans; glück­li­che For­mu­lie­rung“ laut der exak­ten Wort­wahl von Fran­zis­kus), daß die christ­li­che Leh­re annis con­so­li­de­tur, dila­te­tur tem­po­re, sub­li­me­tur aeta­te, „durch die Jah­re gefe­stigt, durch die Zeit erwei­tert [und] durch das Alter ver­fei­nert“ wird. Der Papst hat recht, so Gua­ri­no, wenn er sagt, daß dies ein ent­schei­den­der Satz ist.

„Aber wenn ich dem Papst einen Rat geben soll­te, wür­de ich ihn ermu­ti­gen, das gesam­te Com­mo­ni­to­ri­um des hei­li­gen Vin­zenz zu berück­sich­ti­gen, nicht nur die Aus­wahl, die er immer wie­der zitiert“.

Jüngst zitier­te Fran­zis­kus erneut den hei­li­gen Vin­zenz von Lérins, Anlaß für den US-Theo­lo­gen Tho­mas G. Gua­ri­no, einen Blick auf Aus­sa­ge und Zusam­men­hang zu werfen.

Man beach­te näm­lich, so der US-Theo­lo­ge, daß sich der Hei­li­ge nie posi­tiv über Kurs­än­de­run­gen äußert.

„Eine sol­che Ände­rung ist nach Ansicht von Lérins kein Fort­schritt im Ver­ständ­nis der Kir­che von der Wahr­heit; es han­delt sich nicht um eine Leh­re, die ‚durch die Zeit erwei­tert‘ wur­de. Im Gegen­teil, sol­che Ver­än­de­run­gen sind das Mar­ken­zei­chen von Häre­ti­kern. Es han­delt sich um Ver­än­de­run­gen, die dar­auf hin­deu­ten, daß alle, die Chri­stus, dem Haupt der Kir­che, ein­ver­leibt wur­den, ‚irren, lästern und nicht wis­sen, was sie glau­ben sol­len‘. Wenn der hei­li­ge Vin­zenz sol­che Ände­run­gen ver­ur­teilt, bezieht er sich immer auf den Ver­such, die fei­er­li­chen Leh­ren der öku­me­ni­schen Kon­zi­li­en zu ändern oder zu modi­fi­zie­ren. Lérins ist beson­ders besorgt über die Ver­su­che, die Leh­re von Nizäa umzu­sto­ßen, wie es auf dem Kon­zil von Ari­mi­num (Rimi­ni, 359 n. Chr.) geschah, das das ent­schei­den­de Wort homoou­si­os in sei­nem Glau­bens­be­kennt­nis­vor­schlag entfernte.“

Gua­ri­no weiter:

„Ich möch­te auch Papst Fran­zis­kus ein­la­den, sich auf die gesun­den Gren­zen zu beru­fen, die der hei­li­ge Vin­zenz im Inter­es­se einer ange­mes­se­nen Ent­wick­lung setzt. Wäh­rend Papst Fran­zis­kus sich an die For­mu­lie­rung des hei­li­gen Vin­zenz dila­te­tur tem­po­re (durch die Zeit ver­grö­ßert) hält, ver­wen­det Lérins auch die sug­ge­sti­ve For­mu­lie­rung res ampli­fice­tur in se (die Sache wach­se in sich selbst). Sankt Vin­zenz argu­men­tiert, daß es zwei Arten von Ver­än­de­run­gen gibt. Eine legi­ti­me Ver­än­de­rung, einen profec­tus, der ein Fort­schritt ist, ein gleich­mä­ßi­ges Wachs­tum im Lau­fe der Zeit, wie bei einem Kind, das erwach­sen wird. Und eine unsach­ge­mä­ße Ver­än­de­rung, die eine ver­derb­li­che Ver­for­mung des Wesens von jeman­dem oder einer Sache ist, z. B. wenn sich ein Rosen­gar­ten in blo­ße Dor­nen und Disteln verwandelt.“

Der Ver­weis auf die­se Unter­schei­dung könn­te Papst Fran­zis­kus hel­fen, so Gua­ri­no, zu zei­gen, wie eine bestimm­te Leh­re einen ech­ten profec­tus fidei dar­stellt.

Ein wei­te­res Hin­der­nis sei die Behaup­tung des Hei­li­gen, daß Wachs­tum und Wan­del in eodem sen­su eadem­que sen­ten­tia, d. h. nach dem­sel­ben Sinn und Urteil, erfol­gen müs­sen. Für den hei­li­gen Mönch und Kir­chen­va­ter muß jedes Wachs­tum oder jede Ent­wick­lung im Lau­fe der Zeit die inhalt­li­che Bedeu­tung der frü­he­ren Leh­ren bewahren.

„Zum Bei­spiel kann die Kir­che in ihrem Ver­ständ­nis des Mensch­seins und der Gott­heit Jesu Chri­sti sicher­lich wach­sen, aber sie kann nie­mals von der nizä­ni­schen Defi­ni­ti­on abrücken. Der idem sen­sus oder ‚die­sel­be Bedeu­tung‘ muß bei jeder künf­ti­gen Ent­wick­lung stets bei­be­hal­ten wer­den. Papst Fran­zis­kus zitiert die­sen wich­ti­gen Satz des hei­li­gen Vin­zenz sel­ten, wenn über­haupt, aber jeder Ver­such, ihn zu ändern, muß zei­gen, daß er nicht ein­fach eine Abän­de­rung oder sogar eine Umkeh­rung frü­he­rer Leh­ren ist, son­dern tat­säch­lich in eodem sen­su mit dem steht, was ihm vorausging.“

Gua­ri­no beharrt daher, dem Papst auch zu raten, „es zu ver­mei­den, den hei­li­gen Vin­zenz zu zitie­ren, um Kurs­än­de­run­gen zu unter­stüt­zen, wie im Fall sei­ner Leh­re, daß die Todes­stra­fe ‚an sich dem Evan­ge­li­um wider­spricht‘. Ein orga­ni­sches und linea­res Ver­ständ­nis der Ent­wick­lung des hei­li­gen Vin­zenz schließt kei­ne Umkeh­rung frü­he­rer Posi­tio­nen ein. Vin­zenz setzt sein größ­tes Ver­trau­en in die eini­ge Gemein­schaft der Bischö­fe, die gemein­sam den christ­li­chen Glau­ben in der gan­zen Welt bezeu­gen. Der Theo­lo­ge Lérins wür­de wahr­schein­lich der Mei­nung sein, daß solch tief­grei­fen­de Ver­än­de­run­gen, ins­be­son­de­re der alten Posi­tio­nen, am besten durch ein öku­me­ni­sches Kon­zil oder zumin­dest durch die all­ge­mei­ne Zustim­mung des gesam­ten Epi­sko­pats sank­tio­niert wer­den soll­ten, wenn auch der Papst auf­grund der Auto­ri­tät sei­nes Stuhls die Füh­rung übernimmt.“

Vin­zenz ruft, so Gua­ri­no, in sei­nem gan­zen Werk mit dem hei­li­gen Paulus: 

„Timo­theus, bewah­re, was dir anver­traut ist. Hal­te dich fern von dem gott­lo­sen Geschwätz und den fal­schen Leh­ren der soge­nann­ten «Erkennt­nis»!“ (1 Tim 6,20).

In sei­ner Anspra­che von 2017 erklärt Papst Fran­zis­kus, daß das Glau­bens­gut „nicht etwas Sta­ti­sches“ ist. Der Theo­lo­ge Tho­mas G. Gua­ri­no schließt:

„Vin­zenz wür­de zustim­men, daß das Depo­si­tum leben­dig ist und wächst, aber gleich­zei­tig wür­de er dar­auf bestehen, daß die­ses Wachs­tum in enger Ver­bin­dung und Kon­ti­nui­tät mit der frü­he­ren dog­ma­ti­schen Tra­di­ti­on der Kir­che ste­hen muß.“

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: first​things​.com/​W​i​k​i​c​o​m​m​ons (Screen­shot)

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1 Kommentar

  1. Die chas­si­di­schen Juden haben die Ansicht, daß die geschicht­li­che Ent­wick­lung so ist, daß sich das Wesen der gött­li­chen Offen­ba­rung mit der Wei­ter­ent­wick­lung des Men­schen ändert. „Nie­mals wie­der ist in Isra­el ein Pro­phet wie Mose auf­ge­tre­ten“ steht am Ende des Pen­ta­teuchs. Die zukünf­ti­gen Pro­phe­ten sind anders. Inso­fern ver­tritt Vin­zenz von Lérins die glei­che Posi­ti­on wie die jüdi­schen Rab­bi­ner sei­ner Zeit. Vin­zenz von Lérins ver­tritt die Strö­mung, die in der Geschich­te eine Evo­lu­ti­on des mensch­li­chen Bewußt­seins beob­ach­tet. Fran­zis­kus ver­tritt die, die sel­ber Hand anle­gen wol­len, die das mensch­li­che Bewußt­sein gewalt­sam ver­än­dern wollen.

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