„Wahre Freiheit verlangt Gerechtigkeit“ − Der Ukrainekonflikt und die Kirche

Überlegungen zum Ukraine-Konflikt

Die Entstehung der Ukraine als Staat 1917/1918: Rot = bürgerlich regierte Ukrainische Volksrepublik; Grün = Sowjetukraine; Blau = Sowjetrepublik Odessa; Gelb = Westukrainische Volksrepublik (katholisch). Die Ukrainische und die Westukrainische Volksrepublik im Westen standen zusammen gegen die beiden Sowjetrepubliken im Osten.
Die Entstehung der Ukraine als Staat 1917/1918: Rot = bürgerlich regierte Ukrainische Volksrepublik; Grün = Sowjetukraine; Blau = Sowjetrepublik Odessa; Gelb = Westukrainische Volksrepublik (katholisch). Die Ukrainische und die Westukrainische Volksrepublik im Westen standen zusammen gegen die beiden Sowjetrepubliken im Osten.

Wir set­zen die Ver­öf­fent­li­chung von Bei­trä­gen zum Ukrai­ne­kon­flikt fort, um unter­schied­li­chen Mei­nun­gen Raum zu geben und mög­lichst vie­le Aspek­te zu beleuch­ten. Heu­te publi­zie­ren wir ein Schrei­ben des Sozio­lo­gen Pie­tro De Mar­co* an den Vati­ka­ni­sten San­dro Magister.

Lieber Magister,

ich ersu­che um Ihre Gast­freund­schaft für eini­ge Über­le­gun­gen, die durch den anhal­ten­den Krieg in der Ukrai­ne ver­an­laßt sind. Der Nach­rich­ten­ho­ri­zont und die Ver­brei­tung der Chro­ni­ken und Refle­xio­nen auf den Sei­ten der Medi­en wei­sen auf eine Dop­pel­zün­gig­keit, viel­mehr eine Dys­to­nie hin. Auf der einen Sei­te steht der Kon­flikt mit sei­nen Fak­ten: die Kriegs­hand­lun­gen und die poli­ti­schen Ent­schei­dun­gen über die Gegen­wart und Zukunft des gesam­ten euro­päi­schen Raums. Zum ande­ren die Demon­stra­tio­nen, Gebe­te, mora­li­schen und poli­ti­schen Erklä­run­gen für den Frie­den. Demon­stra­tio­nen und Gebe­te, die in ihrer Wahr­heit vom Krieg spre­chen, ohne ihn jemals zu berüh­ren oder ihn als sol­chen zu betrach­ten; die Augen sind auf das Leid, auf die Migran­ten, auf den Frie­den gerichtet.

Die Zwei­glei­sig­keit wäre eine aus­nahms­lo­se Kom­ple­men­ta­ri­tät, wenn es bei den Mit­füh­len­den oder Frie­dens­su­chen­den auch eine ratio­na­le Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Kon­flikt gäbe, eine Instanz der Beur­tei­lung von Ver­dien­sten und schließ­lich eine nicht-dua­li­sti­sche Posi­tio­nie­rung zwi­schen Gut und Böse.

Zu sagen: „Es gibt Krieg, es lebe der Frie­den“, ist mei­ner Mei­nung nach gleich­be­deu­tend damit, sich in einer aus­schließ­li­chen „Ratio­na­li­tät nach Wer­ten“ zu bewe­gen und die not­wen­di­ge „Ratio­na­li­tät nach Zie­len“ zu igno­rie­ren. Auf­grund die­ser Gleich­gül­tig­keit gegen­über Ergeb­nis­sen, die nicht abso­lut sind (der blü­hen­de Frie­den), kann man auf den Plät­zen alles hören, bis hin zur Abwe­sen­heit jeg­li­chen Urteils oder dem vibrie­ren­den „Alles, solan­ge wir nur auf­hö­ren zu kämp­fen“. Und es gibt auch zu viel Ver­spielt­heit. Es gibt jun­ge Men­schen, aber auch Erwach­se­ne, Frau­en und Män­ner, die eher in den Komö­di­en von Ari­sto­pha­nes zu leben schei­nen („Es gibt zu vie­le Hor­mo­ne in die­ser Ange­le­gen­heit“, hör­ten wir im Fern­se­hen ver­kün­den, „Wenn die Frau­en an der Macht wären…“), als über Hero­dot zu meditieren.

Heu­te kön­nen sich die „Fried­fer­ti­gen“, ange­sichts der Geschich­te der Völ­ker, nicht mehr hin­ter dem Schlei­er ihres Ent­set­zens über Haß und Blut­ver­gie­ßen ver­stecken, auch nicht unter dem einer alles miß­ach­ten­den Näch­sten­lie­be. In die­ser Ord­nung der Wirk­lich­keit, die der statt­fin­den­de Kon­flikt dar­stellt, muß die weni­ger dank­ba­re Tugend der Gerech­tig­keit domi­nie­ren. Weni­ger dank­bar, weil die Gerech­tig­keit in den Bezie­hun­gen zwi­schen den Völ­kern, wenn sie über­haupt gewährt wird, gerecht­fer­tigt sein muß: Ihr Urteil muß Fol­gen haben. Und die­se wer­den mit der Mecha­nik des Krie­ges über­ein­stim­men, und tun es bereits, da sie die­sen betref­fen: Waf­fen und Mit­tel, die der schwä­che­ren Par­tei zur Ver­fü­gung gestellt wer­den, um zu kämp­fen, Stra­fen für den Aggres­sor, um ihn auf meh­re­ren Ebe­nen zu ver­let­zen und sicher­lich Leid zu ver­ur­sa­chen, sowie sym­me­tri­sche Dro­hun­gen, um ihn ein­zu­schüch­tern. Am Ende wird eine Sei­te unwei­ger­lich nach­ge­ben (oder mit Scha­den Ter­rain aufgeben).

Wenn die Wor­te des Frie­dens die­se Ver­ket­tung not­wen­di­ger Tat­sa­chen, die rea­li­sti­scher­wei­se auf die Been­di­gung des Kon­flikts abzie­len, nicht sehen, wenn sie sie für ein Übel hal­ten, das es nicht wert ist, einer Prü­fung iux­ta pro­pria princi­pia zu unter­zie­hen, ver­ur­tei­len sie sich dazu, abstrakt zu sein. Und die­se selbst­zu­frie­de­nen Wor­te wer­den von den Spat­zen weggepickt.

Es ist nicht der Krieg im all­ge­mei­nen, son­dern die­ser oder jener Krieg bestimmt den Ort der Ent­schei­dung. Das Gebet, die inten­siv­ste und theo­lo­gisch bewuß­te­ste Ent­schei­dung, ist not­wen­dig und zwei­fel­los Gott wohl­ge­fäl­lig, aber es fällt in den uner­gründ­li­chen Bereich Sei­nes Wil­lens. Oder sind wir als Kir­che ver­sucht, das Gebet als „Aus­re­de“ zu neh­men, um nicht Stel­lung zu bezie­hen und nicht in und an die­sem Krieg zu arbei­ten? Wir wür­den die­ser Ver­su­chung nicht erlie­gen, wenn wir uns die Fähig­keit bewahrt hät­ten, über die Ereig­nis­se im Sin­ne einer Geschichts­theo­lo­gie nach­zu­den­ken. Statt­des­sen sind die vor­herr­schen­den Theo­lo­gien anti­the­tisch zu Pau­lus, feind­lich zu Augu­sti­nus, sie wür­den Bossu­et oder de Maist­re ver­höh­nen. Sie flir­ten mit den Phi­lo­so­phien, aber auch Hegels häre­ti­sche, aber sehr hohe Geschichts­theo­lo­gie ist ihnen fremd. Sie den­ken klein oder uto­pisch, und die Uto­pie ist das Pro­dukt der Gefühlsethik.

Wor­auf will ich hin­aus? „Der Krieg ist also ein Akt der Gewalt, um den Geg­ner zur Erfül­lung unse­res Wil­lens zu zwin­gen“, so lau­tet eine der bekann­ten Defi­ni­tio­nen von Clau­se­witz. Die christ­li­che Unter­schei­dung vom Krieg als sol­chem abzu­wen­den und sich mit einem Nein der sorg­fäl­ti­gen Prü­fung eines Ereig­nis­ses zu ent­zie­hen, das weit über die Übel und Lei­den des Augen­blicks hin­aus­ge­hen wird, ist nicht nur ein Feh­ler. Es ist ein Weg­lau­fen vor einer Verantwortung.

Nichts ent­bin­det die katho­li­sche Kir­che von die­ser Ver­ant­wor­tung. Der Hei­li­ge Stuhl, der zwar eine geist­li­che Macht ist, aber den­noch eine Macht, hat sich bis­her zag­haft bewegt, als ob er zwi­schen dem Gebet − wobei der Papst bewun­derns­wert, aber als Indi­vi­du­um und nicht als mensch­li­che Spit­ze der Kir­che tätig ist − und dem Han­deln, dem Han­deln der ande­ren, schweb­te. Ich habe die fer­nen Jah­re des inter­na­tio­na­len poli­ti­schen Wir­kens von Gior­gio La Pira (Kuba-Kri­se, Viet­nam) mit gro­ßer Auf­merk­sam­keit ver­folgt, das viel­leicht ohne gro­ße Ergeb­nis­se blieb, der aber ein Trä­ger der Ver­nunft, der Ana­ly­se und der Fähig­keit zur Ein­fluß­nah­me war.

Wir wis­sen, daß die berühm­ten „Divi­sio­nen des Pap­stes“ nur das welt­wei­te katho­li­sche Volk sind. Den Vati­kan als Ort der Begeg­nung und Ver­hand­lung anzu­bie­ten, bedeu­tet aber nicht, den Ukrai­ne­kon­flikt in einen mysti­schen Ort zu ver­wan­deln. Der Hei­li­ge Stuhl wird nur dann ver­mit­teln, wenn er die Kraft und das Anse­hen hat, dies zu tun; wenn er zum Bei­spiel im Spiel der mora­li­schen, reli­giö­sen und poli­ti­schen Kräf­te in der Welt sagen kann: Die katho­li­sche Kir­che, ob in Über­ein­stim­mung mit den ortho­do­xen Kir­chen oder nicht, kann die gegen­wär­ti­ge Macht­pro­be weder akzep­tie­ren noch ertra­gen, die bewußt und nach einem kla­ren Plan die ent­schei­den­den Frei­hei­ten, die gro­ßen Räu­me neu­er Selbst­be­stim­mung, die die Welt und alle Kir­chen mit dem Zusam­men­bruch der UdSSR gewon­nen haben, bewußt ver­wei­gert. Der Zusam­men­bruch des Sowjet­sy­stems war von sei­nem eige­nen Volk gewollt, er ist in gewis­ser Wei­se ein welt­ge­schicht­li­ches Gut, von dem man ger­ne wüß­te, daß es unum­kehr­bar ist.

Die katho­li­sche Kir­che hat als Hei­li­ger Stuhl die Macht, wenn sie will, die Katho­li­ken im Gewis­sen zu ver­pflich­ten, dem Pro­jekt eines neo­im­pe­ria­len Ruß­lands weder Ali­bi noch Spiel­raum (mora­lisch, ideo­lo­gisch, poli­tisch) zu bie­ten und damit auch den unklu­gen pro-Putin-neu­kon­stan­ti­ni­schen katho­li­schen Posi­tio­nen ein Ende zu set­zen. Das bedeu­tet, dies vor­aus­ge­schickt, mit all ihren Kräf­ten als Exper­tin für Mensch­lich­keit und als Schwe­ster der ortho­do­xen Kir­chen dazu bei­zu­tra­gen, daß Frie­dens­ver­hand­lun­gen über einen begrenz­ten Bereich (Garan­tien, mög­li­che Grenz­kor­rek­tu­ren) und nicht poli­tisch und reli­gi­ös rück­wir­kend (kei­ne aus der Geschich­te begrün­de­te Rück­kehr gro­ßer euro­päi­scher Gebie­te unter die Will­kür­herr­schaft eines Auto­kra­ten) stattfinden.

Von die­ser oder einer ähn­li­chen Ent­schlos­sen­heit des Hei­li­gen Stuhls ist nichts zu spü­ren. Es bleibt zu hof­fen, daß die Schwie­rig­kei­ten, die Rom bis­her hat­te, sei­ne Erklä­run­gen auf das Niveau des inter­na­tio­na­len Anse­hens der katho­li­schen Kir­che zu heben, auf die Vor­sicht einer ernst­haf­ten Erkun­dung der Lage und der offe­nen Fra­gen zurück­zu­füh­ren sind und nicht auf die Erkennt­nis, daß es in der Zwi­schen­zeit sei­ne welt­wei­te mora­li­sche Armee auf­ge­löst und sei­ne Son­der­ein­hei­ten, jene, die zu einer rea­li­sti­schen Beur­tei­lung fähig sind, in den Ruhe­stand ver­setzt hat. Unter ihnen rag­te einst die Gesell­schaft Jesu her­vor. Die Geschich­te wird ohne sie auskommen.

Pie­tro De Mar­co
*eme­ri­tier­ter Pro­fes­sor der Sozio­lo­gie an der Uni­ver­si­tät Flo­renz und an der Hoch­schu­le für Reli­gi­ons­wis­sen­schaf­ten in Flo­renz mit dem Schwer­punkt Reli­gi­ons- und Kul­tur­so­zio­lo­gie. Als pro­mo­vier­ter Phi­lo­soph befaßt er sich zudem mit der euro­päi­schen Ideen­ge­schich­te der Renais­sance und der frü­hen Neu­zeit sowie dem jüdi­schen, früh­christ­li­chen und isla­misch-mit­tel­al­ter­li­chen Den­ken. 2015 gehör­te er anläß­lich der zwei­ten Fami­li­en­syn­ode zu den Erst­un­ter­zeich­nern des Inter­na­tio­na­len Appells an den Papst zur Zukunft der Fami­lie.

Zwei „kleine Anmerkungen“ von Sandro Magister

Zwei klei­ne Anmer­kun­gen über die Tätig­keit der Kir­che in die­sem Krieg. Die erste betrifft das Ver­bot des Wor­tes „Krieg“ in Ruß­land, das durch „Mili­tär­ope­ra­ti­on“ ersetzt wur­de. Beim Ange­lus am Sonn­tag, dem 6. März, reagier­te Papst Fran­zis­kus aus­drück­lich dar­auf: „Es han­delt sich nicht nur um eine Mili­tär­ope­ra­ti­on, son­dern um einen Krieg, der Tod, Zer­stö­rung und Elend sät“. Andrea Tor­ni­el­li, der Chef­re­dak­teur der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ab­tei­lung des Hei­li­gen Stuhls, schrieb auf der Titel­sei­te des Osser­va­to­re Roma­no, daß „Papst Fran­zis­kus die ‚Fake News‘ zurück­ge­wie­sen hat, die das Gesche­hen mit ver­ba­len Aus­flüch­ten dar­stel­len wol­len, um die grau­sa­me Rea­li­tät der Fak­ten zu verschleiern“.

Man muß aber nur eini­ge Tage zurück­ge­hen, um zu sehen, daß der Hei­li­ge Stuhl selbst in sei­ner ersten offi­zi­el­len Erklä­rung − die am 24. Febru­ar von Kar­di­nal­staats­se­kre­tär Pie­tro Paro­lin abge­ge­ben wur­de − nach der rus­si­schen Aggres­si­on oder, wie es in dem Doku­ment heißt, „nach dem Beginn der rus­si­schen Mili­tär­ope­ra­tio­nen auf ukrai­ni­schem Ter­ri­to­ri­um“ zu die­sen „ver­ba­len Aus­flüch­ten“ gegrif­fen hatte.

Die zwei­te Anmer­kung betrifft den Vor­schlag der Gemein­schaft San­t’E­g­idio und ins­be­son­de­re ihres Grün­ders Andrea Ric­car­di, Kiew zu einer „offe­nen Stadt“ zu machen. Erklär­tes Ziel ist es, „die bewaff­ne­te Aus­ein­an­der­set­zung, den Kampf von Haus zu Haus und von Stra­ße zu Stra­ße zu ver­mei­den“, denn „Kiew ist das Jeru­sa­lem der rus­si­schen Ortho­do­xie und damit der weiß­rus­si­schen, rus­si­schen und ukrai­ni­schen Ortho­do­xie. Es darf nicht zu Alep­po werden“.

Nur weni­ge wis­sen jedoch, daß eine „offe­ne Stadt“ tech­nisch gese­hen eine Stadt ist, die auf­grund einer aus­drück­li­chen Ver­ein­ba­rung der Kon­flikt­par­tei­en vom Feind, in die­sem Fall Ruß­land, ohne Wider­stand besetzt wer­den darf.

Und einige Hinweise

Soweit Magi­sters Anmer­kun­gen, denen noch eini­ge Hin­wei­se ange­fügt wer­den sollen:

1

Ric­car­di erkennt offen­bar die gesamt­rus­si­sche Gemein­sam­keit an, die seit der Chri­stia­ni­sie­rung im 10. Jahr­hun­dert im Titel des ursprüng­lich vom Patri­ar­chen von Kon­stan­ti­no­pel ent­sand­ten Ober­haupts der Kir­che zum Aus­druck kommt. Die­ser hat­te sei­nen Sitz in den ersten 300 Jah­ren in Kiew, der Haupt­stadt der noch geein­ten Rus, und war Metro­po­lit, spä­ter dann Patri­arch „aller Rus“.

Von den Mit­tel­mäch­ten im März 1918 besetz­tes Gebiet (dun­kel­grü­ne Linie)

2

Durch die Erobe­run­gen der Mon­go­len kam es im aus­ge­hen­den Hoch­mit­tel­al­ter zu einer Aus­ein­an­der­ent­wick­lung, weil der Befrei­ungs­kampf gegen die Mon­go­len auf der einen Sei­te von den sich selbst befrei­en­den nörd­li­chen Rus, ins­be­son­de­re Mos­kau, getra­gen wur­de, auf der ande­ren Sei­te vom König­reich Polen und dem Groß­für­sten­tum Litau­en, zwei katho­li­schen Mäch­ten. Dadurch wur­de die heu­ti­ge sprach­li­che, vor allem aber kul­tu­rel­le und reli­giö­se Zwei­tei­lung des Lan­des grundgelegt.

3

Bei der Fra­ge, wer für einen Krieg die Ver­ant­wor­tung trägt, ist nicht nur ent­schei­dend, wer den ersten Schuß abge­ge­ben hat, son­dern vor allem das, was vor die­sem Schuß gesche­hen ist. Die Geschichts­wis­sen­schaft wird die­ser Fra­ge ein­mal, abseits der gro­ßen Öffent­lich­keit, nach­ge­hen. Fak­tisch gilt: Der Sie­ger schreibt die Geschichte.

4

Wer einem Ein­heits­staat Ukrai­ne das Wort redet, der in sei­ner Aus­deh­nung ein mehr zufäl­li­ges Pro­dukt in den Wirr­nis­sen am Ende des Ersten Welt­krie­ges war (sie­he Kar­te ganz oben), läuft Gefahr, will­kür­lich oder sträf­lich, die viel­schich­ti­ge Rea­li­tät der Ukrai­ne zu ver­ken­nen. Die­se besteht je nach Sicht­wei­se aus zwei Tei­len (ukrai­ni­scher Westen, rus­si­scher Osten) oder drei Tei­len (rus­si­sche ortho­do­xe Ost­ukrai­ne sowie nörd­li­che ortho­do­xe West­ukrai­ne und süd­li­che katho­li­sche West­ukrai­ne). Für jeden Teil läßt sich eine Eigen­staat­lich­keit begrün­den und recht­fer­ti­gen. Zu den schwer­wie­gen­den Feh­lern, die zum der­zei­ti­gen Krieg führ­ten, gehört es, daß die­se Tat­sa­chen in den ver­gan­ge­nen Jah­ren igno­riert wur­den und die Kie­wer Regie­rung dar­in vom Westen bestärkt wur­de. Für eine fried­li­che Lösung gibt es eine Viel­zahl mög­li­cher und geeig­ne­ter Instru­men­te: die Tei­lung des Lan­des, die Umwand­lung in einen Staa­ten­bund, die Umwand­lung in einen Bun­des­staat mit star­ken eth­ni­schen und reli­giö­sen Garan­tien im Inne­ren, um nur drei zu nen­nen. Eine gerech­te Tei­lung, wie die Geschich­te lehrt, wäre nicht sel­ten die bes­se­re Lösung gewe­sen und hät­te mil­lio­nen­fa­ches Leid, Krieg, Tod und Ver­trei­bung ver­hin­dert. Die mei­sten Staa­ten, vor allem auch Brüs­sel, haben Grenz­ver­än­de­run­gen jedoch zu einem göt­zen­haft über­höh­ten Tabu erklärt.
Was damit gemeint ist? Ein Bei­spiel unter vie­len: Hät­ten Öster­reich und Preu­ßen 1848 nach Schwei­zer Vor­bild die eth­ni­schen Ver­hält­nis­se aner­kannt und garan­tiert bzw. eini­ge Kron­län­der und Pro­vin­zen − auch unter Auf­recht­erhal­tung der histo­ri­schen Gren­zen − nach eth­ni­schen Kri­te­ri­en orga­ni­siert, wären die spä­ter auf­bre­chen­den Volks­tums­kämp­fe schon ab ini­tio ent­schärft gewe­sen und die Ver­trei­bungs­tra­gö­di­en des 20. Jahr­hun­derts wohl nie zustan­de gekom­men.
Der Maxi­ma­lis­mus des jeweils Stär­ke­ren birgt nicht nur die Tra­gö­di­en von heu­te in sich, son­dern auch jene von, denn der heu­te Stär­ke­re kann bald schon der Schwä­che­re sein.

Übersetzung/​Hinweise: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Wiki­com­mons

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1 Kommentar

  1. Tat­sa­che ist, daß die liberale/​christenfeindliche EU und die Biden- wie Oba­ma-USA seit lan­gem eine Art Krieg gegen Ungarn und Polen führt: es geht der EU und den „Demo­kra­ten“ der USA um Kin­des­mord bis zur Geburt (und dar­über hin­aus) wie auch die Unzucht u.a.m. salon­fä­hig zu machen. Für all das steht auch der ukrai­ni­sche Prä­si­dent Selen­ski, wäh­rend sich Ruß­land unter Putin dem seit lan­gem wider­setzt. Das Maß der west­li­chen Aggres­si­on war jetzt wohl über­voll, und der Zorn Got­tes ent­lädt sich. Es geht nicht so sehr um die Ukrai­ne, son­dern um den got­tes­feind­li­chen Westen mit­samt sei­ner Impf­dik­ta­tur, dem jetzt schließ­lich die Rech­nung prä­sen­tiert wird. Der heu­ti­ge Vati­kan unter Ber­go­glio ist bekannt­lich ein Par­tei­gän­ger der Mäch­ti­gen im Westen, ein Befür­wor­ter der sog. Neu­en, aber men­schen­feind­li­chen „Welt­ord­nung“. Dem Macht Ruß­land einen Strich durch die Rechnung.

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