Der Sophismus: „Parteiische Stellungnahme vermeiden“

Wie die US-Bischöfe es begründen, weshalb sie Joe Biden wegen seiner Abtreibungspolitik doch nicht verurteilen

Am 29. Oktober wurde von Papst Franziskus das Bündnis mit US-Präsident Joe Biden persönlich besiegelt. Zu einer Verurteilung Bidens wegen seiner Abtreibungspolitik wird es auf der Herbstversammlung der US-Bischöfe nicht kommen.
Am 29. Oktober wurde von Papst Franziskus das Bündnis mit US-Präsident Joe Biden persönlich besiegelt. Zu einer Verurteilung Bidens wegen seiner Abtreibungspolitik wird es auf der Herbstversammlung der US-Bischöfe nicht kommen.

(Washing­ton) Heu­te wur­de in Bal­ti­more die Herbst­voll­ver­samm­lung der Bischofs­kon­fe­renz der Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka eröff­net. Bereits vor Tagungs­be­ginn stand fest, daß es weder zu einer Rüge für US-Prä­si­dent Joe Biden wegen sei­ner Abtrei­bungs- und Homo-Poli­tik kom­men wird, geschwei­ge denn zu des­sen Aus­schluß vom Kommunionempfang.

Nach den mas­si­ven Inter­ven­tio­nen durch San­ta Mar­ta lau­tet die inof­fi­zi­el­le Linie, daß eine direk­te Kri­tik am Abtrei­bungs­po­li­ti­ker Biden ver­mie­den wer­den soll. Die Fra­ge, um die es seit Novem­ber 2020, seit­dem Biden zum Wahl­sie­ger erklärt wur­de, geht, lau­tet: „Kön­nen Poli­ti­ker wie Biden, die ein ‚Recht‘ auf Abtrei­bung unter­stüt­zen, die hei­li­ge Kom­mu­ni­on empfangen“.

Der Ent­wurf für ein Doku­ment, mit dem die Bischofs­kon­fe­renz Stel­lung neh­men will, wur­de in den ver­gan­ge­nen Mona­ten so abge­schwächt, daß weder Biden noch ein ande­rer Abtrei­bungs­po­li­ti­ker nament­lich erwähnt und die Abtrei­bung selbst nur mehr ein ein­zi­ges Mal genannt wird. Aus dem ursprüng­li­chen Kern­the­ma des Doku­ments wur­de eine Mar­gi­na­lie. Das Doku­ment brei­tet sich nun sehr all­ge­mein über die Eucha­ri­stie, deren Ver­eh­rung und den wür­di­gen Kom­mu­nion­emp­fang aus.

Biden selbst hat­te den end­gül­ti­gen Tri­umph über die katho­li­sche Moral- und Sakra­men­ten­leh­re ver­kün­det, nach­dem er am 29. Okto­ber von Papst Fran­zis­kus in Audi­enz emp­fan­gen wor­den war. Gleich am näch­sten Tag emp­fing er noch in Rom demon­stra­tiv die hei­li­ge Kom­mu­ni­on. Die US-Bischö­fe hat­ten das Nach­se­hen. Dort agiert ohne­hin seit Ende 2020 eine Papst Fran­zis­kus nahe­ste­hen­de Min­der­heit, denen die Kom­mu­nion­fra­ge sehr unge­le­gen ist.

Die Begrün­dung, mit der das zahn­lo­se Papier schön­ge­re­det wird, mach­te Bischof Micha­el Olson von Fort Worth in Texas bekannt. Es sei, so der erklär­te Biden-Kri­ti­ker, beschlos­sen wor­den, jede Spur von par­tei­ischer Poli­tik zu ver­mei­den. Im Klar­text: Weil die Abtrei­bungs­po­li­ti­ker der Demo­kra­ti­schen Par­tei ange­hö­ren, sei eine Kri­tik an ihnen „par­tei­isch“, wes­halb man dar­auf ver­zich­te. Im Umkehr­schluß könn­te man sagen, woll­te man pole­misch sein, daß Bischö­fe, die so etwas beschlie­ßen, so lan­ge Abtrei­bungs­po­li­ti­ker der Demo­kra­ten nicht kri­ti­sie­ren wer­den, solan­ge es nicht auch Abtrei­bungs­po­li­ti­ker der Repu­bli­ka­ner gibt, die man dann gleich­zei­tig kri­ti­sie­ren könn­te, um sich nicht dem Vor­wurf einer „par­tei­ischen“ Rüge auszusetzen.

Bischof Olson bestä­tig­te gleich­zei­tig, daß Biden mit sei­ner Abtrei­bungs­hal­tung „das Aus­maß des Skan­dals erhöht“ habe. Des­halb haben eini­ge Bischö­fe bereits im Allein­gang erklärt, daß sie in ihrem Bis­tum Biden kei­ne Kom­mu­ni­on spen­den wer­den. Den Auf­takt mach­te Kar­di­nal Wil­ton Gre­go­ry noch im ver­gan­ge­nen Herbst, aller­dings in ent­ge­gen­ge­setz­ter Rich­tung. Er erklär­te, gleich nach­dem fest­ge­stan­den hat­te, daß Biden ins Wei­ße Haus ein­zie­hen wird, daß dem neu­en Prä­si­den­ten in sei­nem Erz­bis­tum Washing­ton die Kom­mu­ni­on nicht ver­wei­gert werde.

Den Rest erle­dig­te Papst Fran­zis­kus, der Biden am 29. Okto­ber sogar „ein­ge­la­den“ habe, wei­ter­hin die Kom­mu­ni­on zu emp­fan­gen, denn der US-Prä­si­dent, so das päpst­li­che Lob, sei ja ein „vor­bild­li­cher Katho­lik“. Die­se auf­se­hen­er­re­gen­den Aus­sa­gen sind der Öffent­lich­keit nur aus Bidens Mund bekannt. Der Vati­kan ver­wei­gert jeden Kom­men­tar. Es kann aber kein begrün­de­ter Zwei­fel bestehen, daß die Wie­der­ga­be authen­tisch ist.

Ent­täuscht im Regen ste­hen­ge­las­sen wur­den Ame­ri­kas beste Bischö­fe, dar­un­ter Msgr. Tho­mas J. Tobin, der Bischof von Pro­vi­dence in Rho­de Island. Er hat­te Papst Fran­zis­kus vor der Audi­enz auf­ge­for­dert, den US-Prä­si­den­ten mit des­sen Abtrei­bungs­hal­tung zu kon­fron­tie­ren. „Bit­te for­dern Sie Prä­si­dent Biden in die­ser kri­ti­schen Fra­ge her­aus“, hat­te er den Papst wis­sen lassen.

Das gan­ze Jahr hin­durch hat­ten die Fran­zis­kus nahe­ste­hen­de Min­der­heit unter den US-Bischö­fen und Fran­zis­kus selbst auf ver­schie­de­nen Wegen Ein­fluß auf die US-Bischofs­kon­fe­renz genom­men, um sie vom Vor­ha­ben abzu­brin­gen, gegen den US-Prä­si­den­ten und ande­re Abtrei­bungs­po­li­ti­ker eine fak­ti­sche Exkom­mu­ni­ka­ti­on anzu­stre­ben. Die Fra­ge ist nicht neu. Sie zieht sich schon vie­le Jah­re hin. Einen ersten Höhe­punkt hat­te sie 2004 erreicht, als der Katho­lik und Abtrei­bungs­po­li­ti­ker John Ker­ry demo­kra­ti­scher Prä­si­dent­schafts­kan­di­dat war, aller­dings beim Urnen­gang schei­ter­te. Kar­di­nal Joseph Ratz­in­ger, damals noch Prä­fekt der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on, hat­te den Bischö­fen eine deut­li­che Stel­lung­nah­me über­mit­telt, deren Ver­öf­fent­li­chung von die­sen aber nie erfolg­te. Einer, der damals maß­geb­lich an der Ver­tu­schung betei­ligt war, war Kar­di­nal Theo­do­re McCarrick, der Päd­erast im Kar­di­nal­spur­pur, der 2018 die Kar­di­nal­s­wür­de ver­lor und 2019 lai­siert wurde.

Die offen­bar erfolg­rei­che Inter­ven­ti­on von San­ta Mar­ta löst aber nicht das Dilem­ma der US-Bischö­fe. Bischof Tho­mas Tobin, nicht zu ver­wech­seln mit dem pro­gres­si­ven Kar­di­nal Joseph Tobin, Erz­bi­schof von Newark, sprach das Dilem­ma an:

„Die beharr­li­che Unter­stüt­zung der Abtrei­bung durch Biden ist eine Pein­lich­keit für die Kir­che und ein Skan­dal für die Welt.“

Die pro­gres­si­ven Bischö­fe beto­nen hin­ge­gen die Ein­heit. In einem Moment der poli­ti­schen Pola­ri­sie­rung des Lan­des müs­se sich die Bischofs­kon­fe­renz davor hüten, sich aus­ein­an­der­zu­di­vi­die­ren. Die wirk­li­che Bot­schaft ist kaum zu über­hö­ren: kei­ne Ver­ur­tei­lung von Joe Biden.

Auf der Bischofs­kon­fe­renz wer­den kämp­fe­ri­sche Wort­mel­dun­gen erwar­tet. Das zahn­los gemach­te Doku­ment wird aber als „Kom­pro­miß“ prä­sen­tiert und unter die­sem Vor­zei­chen aller Vor­aus­sicht nach die nöti­ge Mehr­heit erhalten.

War­um San­ta Mar­ta und eine Min­der­heit der US-Bischö­fe eine Ver­ur­tei­lung unbe­dingt ver­hin­dern wol­len, wird am Bei­spiel von US-Sena­tor Dick Dur­bin deut­lich. Er ist die Num­mer zwei der demo­kra­ti­schen Sena­to­ren. Seit 17 Jah­ren ist er wegen sei­ner Abtrei­bungs­hal­tung in sei­ner Hei­mat­diö­ze­se Spring­field im Staat Illi­nois von der Kom­mu­ni­on aus­ge­schlos­sen. Er besucht laut eige­nen Anga­ben die Mes­se inzwi­schen im Erz­bis­tum Chi­ca­go, wo er will­kom­men sei. Aber „unbe­hag­lich“ fin­de er die­se Situa­ti­on schon.

San­ta Mar­ta geht es um die gro­ße Poli­tik. Die Wahl Bidens mach­te eine Zusam­men­ar­beit mit dem mäch­tig­sten Mann der Welt mög­lich. Die Kom­mu­nion­fra­ge über­schat­te­te die­ses Zusam­men­wir­ken, das Papst Fran­zis­kus gegen­über Donald Trump abge­bro­chen hat­te, obwohl die­ser für das Lebens­recht der unge­bo­re­nen Kin­der ein­ge­tre­ten war. Die Lebens­rechts­fra­ge stellt für San­ta Mar­ta jedoch kei­ne Prio­ri­tät dar.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Vati­can­Me­dia (Screen­shot)

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1 Kommentar

  1. In jeder Diö­ze­se ist der Bischof ver­ant­wort­lich. Und er wird die­se Ver­ant­wor­tung vor dem Herrn nicht auf eine Kon­fe­renz abwäl­zen können.

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