Tod eines Theologen – Hans Küng und das Dritte Vaticanum

Die Saat der schlechten Früchte

Hans Küng, der Hegelianer, der das Dritte Vatikanische Konzil herbeisehnte.
Hans Küng (1928–2021), der Hegelianer, der das Dritte Vatikanische Konzil herbeisehnte.

Von Ste­fa­no Fontana*

Der Schwei­zer Theo­lo­ge Hans Küng ist tot. Er mach­te oft Schlag­zei­len auf den Titel­sei­ten, wenn er mit schwe­rem Geschütz auf die katho­li­sche Glau­bens­leh­re feu­er­te. Sei­ner Aus­bil­dung nach Hege­lia­ner, woll­te er die öku­me­ni­sche und demo­kra­ti­sche Refor­ma­ti­on der Kir­che. Jahr­zehn­te­lang trat er laut an die Öffent­lich­keit, säte aber lei­se im Stil­len. Die Früch­te ern­ten wir heu­te: Vie­le sind der Mei­nung, daß wir uns bereits mit­ten im Drit­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil befin­den, das er erhofft hatte.

Gestern ist der Theo­lo­ge Hans Küng im Alter von 93 Jah­ren in sei­nem Haus in Tübin­gen ver­stor­ben. Der 1928 in Sur­see in der Schweiz gebo­re­ne Küng hat­te sich dem Theo­lo­gie­stu­di­um ver­schrie­ben und wur­de mit 32 Jah­ren ordent­li­cher Pro­fes­sor an der Fakul­tät für Katho­li­sche Theo­lo­gie der Uni­ver­si­tät Tübingen.

Jeder, auch jemand, der fast nichts über Theo­lo­gie weiß, kennt zumin­dest den Namen Hans Küng und stellt ihn sich als den Ant­ago­ni­sten der katho­li­schen Leh­re schlecht­hin vor. Unter die­sem Gesichts­punkt ist Küngs theo­lo­gi­sches Leben das genaue Gegen­teil der Anlei­tun­gen, die von der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on 1990 in ihrer Instruk­ti­on Donum veri­ta­tis zur kirch­li­chen Beru­fung des Theo­lo­gen gege­ben wur­den. Dar­in wur­den die Theo­lo­gen zur Klug­heit ermahnt. Es wur­de ihnen nahe­ge­legt, sich nicht an die Medi­en zu wen­den, theo­lo­gi­sche Posi­tio­nen, die dem Lehr­amt zuwi­der­lau­fen, nicht zur Schau zu stel­len und nicht mehr die vom Lehr­amt ein­mal defi­nier­ten Aus­sa­gen anzu­zwei­feln. Küng hin­ge­gen hat sich immer auf die Büh­ne gestellt und in Sze­ne gesetzt, seit er Kar­di­nal König von Wien zum Kon­zil in den Vati­kan beglei­ten durf­te. Und mit Sicher­heit hat er nie die „kirch­li­che“ Klug­heit ange­wandt, die das Lehr­amt von Theo­lo­gen verlangt.

Wenn das bei einem Theo­lo­gen geschieht, wie im Fall von Küng, bedeu­tet es viel­leicht, daß der Theo­lo­ge mehr oder weni­ger bewußt denkt, daß die Zukunft der Kir­che von ihm oder zumin­dest vor allem von ihm abhängt. Die­se per­sön­li­che Ein­stel­lung führt dann zu einer histo­ri­sti­schen und pro­gres­si­sti­schen Theo­lo­gie, was wie­der­um die­se per­sön­li­che Ein­stel­lung theo­re­tisch belebt. Sein Gefähr­te Karl Rah­ner erklär­te offen, der Initia­tor einer neu­en Kir­che sein zu wol­len, und nach sei­nem Leben und sei­ner Theo­lo­gie zu urtei­len, dach­te auch Hans Küng so. Die Per­sön­lich­keit ist also mit dem theo­lo­gi­schen Bekennt­nis in jener Idee ver­schweißt und umge­kehrt, die den Refor­ma­to­ren und Häre­ti­kern beson­ders am Her­zen liegt, daß die Erlö­sung in der Zukunft liegt, daß die Zukunft die Erlö­sung ist und daß sie den Schlüs­sel zur Zukunft haben.

Ste­fa­no Fontana

Küng war phi­lo­so­phisch viel, aber vor allem war er Hege­lia­ner. In die­sem Schlüs­sel fällt die Wirk­lich­keit der Kir­che mit dem Selbst­be­wußt­sein der Kir­che in eins, und die­ses Selbst­be­wußt­sein ist stän­dig im Wer­den. Nicht daß es wird, son­dern es ist Wer­den, und das Wer­den wird von der Zukunft gelei­tet, nicht von der Ver­gan­gen­heit, sodaß es kei­nen gül­ti­gen theo­lo­gi­schen Begriff geben kann, der nicht auch neu ist. 

Genau das hat­te Regi­nald Gar­ri­gou-Lagran­ge befürch­tet, als er sich 1946 frag­te, wohin die Nou­vel­le Théo­lo­gie gehen wür­de – deren Kind im Grun­de auch Küng ist, wenn auch rück­sichts­lo­ser als ande­re –, und noch dra­ma­ti­scher sich auch frag­te, ob eine wah­re Theo­lo­gie noch mög­lich sei, auch wenn sie nicht neu ist. Es ist auch Küng geschul­det, wenn vie­le Theo­lo­gen, ohne zu wis­sen, daß sie Kün­gia­ner sind, heu­te so den­ken: Jede theo­lo­gi­sche Posi­ti­on, um wirk­lich eine sol­che zu sein, muß neu sein. So denkt auch der Vor­sit­zen­de der deut­schen Bischö­fe, Msgr. Georg Bät­zing. Der Schwei­zer Küng war ganz deut­scher Theologe.

Hans Küng war auf ein Drit­tes Vati­ca­num aus­ge­rich­tet und erwar­te­te unge­dul­dig, einem Johan­nes XXIV. begeg­nen zu kön­nen. Er glaub­te, daß die Kir­che von unten kon­sti­tu­iert sei und sich auch von unten erneu­ern wür­de. Er sag­te, daß die neue Kir­che von unten bereits begon­nen habe. Er beschul­dig­te die Kir­che des männ­li­chen Chau­vi­nis­mus und hät­te sich eine weib­li­che Rück­erobe­rung der Frau­en­rech­te gewünscht, von der Emp­fäng­nis­ver­hü­tung bis zum Prie­ster­tum. Die Bischö­fe hät­ten von unten und frei gewählt wer­den sol­len. Er dräng­te sehr auf einen neu­en und radi­ka­le­ren Öku­me­nis­mus, pran­ger­te an, was er als „starr­köp­fi­ge Beto­nung von Unter­schie­den“ bezeich­ne­te, for­der­te die Auf­he­bung der Ver­ur­tei­lun­gen gegen Luther und Cal­vin und woll­te mit den Kir­chen der Refor­ma­ti­on eine „eucha­ri­sti­sche Gast­freund­schaft als Aus­druck einer bereits ver­wirk­lich­ten Glau­bens­ge­mein­schaft“. Er hielt es für nicht ver­tret­bar sei­tens der katho­li­schen Kir­che, daß es nur eine legi­ti­me Reli­gi­on gebe, und sah die­se Hal­tung als Fol­ge des „euro­päi­schen Kolo­nia­lis­mus und des römi­schen Impe­ria­lis­mus“. Ihm zufol­ge hät­te die Kir­che das Infra­ge­stel­len des Wahr­heits­an­spruchs durch ande­re Reli­gio­nen anzunehmen.

Intern hät­te die Kir­che die regio­na­len und loka­len Orts­kir­chen zu Ehren des „Reich­tums an Viel­falt“ gegen „dog­ma­ti­sche Arro­ganz“, „dog­ma­ti­sche Unbe­weg­lich­keit“ und „mora­li­sti­sche Zen­sur“ auto­nom machen müs­sen. Die Kir­che hät­te sei­ner Mei­nung nach eine „Gemein­schafts­be­zie­hung“ zu leben und das Modell einer Kir­che „von oben, starr­sin­nig, beru­hi­gend, büro­kra­ti­siert“ auf­zu­ge­ben. So wie die UdSSR ihre Dis­si­den­ten reha­bi­li­tier­te, hät­te auch die Kir­che ihre eige­nen Dis­si­den­ten reha­bi­li­tie­ren sol­len, von Hel­der Cama­ra bis Leo­nar­do Boff. Die Zukunft der Kir­che sah er neben der Öku­me­ne auch im Pazi­fis­mus und in einem neu­en Ökologismus.

Spit­zen­theo­lo­gen im Sin­ne von spitz im Ton bekom­men die Titel­sei­ten von Zei­tun­gen, wenn sie nur scharf genug schie­ßen, und in der Tat schie­ßen sie oft scharf, so Küng zum Bei­spiel, als er die Unfehl­bar­keit des Pap­stes attackier­te: Alle erin­nern sich dar­an. Es ist aber nicht gesagt, daß ihr Ver­mächt­nis in die­sen Angrif­fen liegt, die ihnen Ram­pen­licht ver­schaff­ten. Ihre wirk­li­che Aus­saat erfolgt, sobald die Schein­wer­fer aus­ge­hen und in der Pra­xis der Kir­che ihre Anlei­tun­gen still­schwei­gend im Dun­keln, abseits der Auf­merk­sam­keit, gelebt und ver­kör­pert werden. 

Man lese noch ein­mal den kur­zen Über­blick über Küngs Posi­tio­nen der vor­her­ge­hen­den Absät­ze. In der deut­schen Kir­che von heu­te und ihrem „Syn­oda­len Weg“ fin­den wir sie alle wie­der. Eini­ge wer­den viel­leicht etwas freund­li­cher vor­ge­bracht, aber wir fin­den sie alle. Schau­en wir dann auf die Welt­kir­che. Auch hier fin­den wir sie mehr oder weni­ger alle wie­der: Leo­nar­do Boff schreibt die päpst­li­chen Enzy­kli­ken und Msgr. Cama­ra soll hei­lig­ge­spro­chen wer­den. Vie­le den­ken, daß wir uns bereits im Drit­ten Vati­ca­num befin­den und daß ein Johan­nes XXIV. bereits gekom­men ist. Luther und Cal­vin wur­den wie­der in den Schaf­stall ein­ge­las­sen, die eucha­ri­sti­sche Gast­freund­schaft ist in man­chen Orten bereits Stan­dard und die Frau­en nähern sich immer mehr dem Altar. 

Wäh­rend die Medi­en sich auf die Geschos­se kon­zen­trier­ten, die er auf die Kir­che abfeu­er­te, war Hans Küng damit beschäf­tigt, sei­ne Saat in der Kir­che auszusäen.

*Ste­fa­no Fon­ta­na ist Direk­tor des Inter­na­tio­nal Obser­va­to­ry Car­di­nal Van Thu­an for the Social Doc­tri­ne of the Church (Kar­di­nal-Van-Thu­an-Beob­ach­tungs­stel­le für die Sozi­al­leh­re der Kir­che) und Chef­re­dak­teur der Kir­chen­zei­tung des Erz­bis­tums Tri­est, das von Erz­bi­schof Giam­pao­lo Crepal­di gelei­tet wird. Fon­ta­na pro­mo­vier­te in Poli­ti­scher Phi­lo­so­phie mit einer Arbeit über die Poli­ti­sche Theo­lo­gie. Ab 1980 lehr­te er Jour­na­li­sti­sche Deon­to­lo­gie und Geschich­te des Jour­na­lis­mus an der Uni­ver­si­tät Vicen­za, seit 2007 Phi­lo­so­phi­sche Anthro­po­lo­gie und Phi­lo­so­phie der Spra­che an der Hoch­schu­le für Erzie­hungs­wis­sen­schaf­ten (ISRE) von Vene­dig. Autor zahl­rei­cher Bücher. Zu den jüng­sten gehö­ren „La nuo­va Chie­sa di Karl Rah­ner“ („Die neue Kir­che von Karl Rah­ner. Der Theo­lo­ge, der die Kapi­tu­la­ti­on vor der Welt lehr­te“, Fede & Cul­tu­ra, Vero­na 2017), gemein­sam mit Erz­bi­schof Crepal­di „Le chia­vi del­la que­stio­ne socia­le“ („Die Schlüs­sel der sozia­len Fra­ge. Gemein­wohl und Sub­si­dia­ri­tät: Die Geschich­te eines Miß­ver­ständ­nis­ses“, Fede & Cul­tu­ra, Vero­na 2019).

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: NBQ


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2 Kommentare

  1. Auch bei Hans Küng gilt die wich­ti­ge Unter­schei­dung zwi­schen sub­jek­tiv (Per­so­nen­be­zo­gen) und objek­tiv (Sach­be­zo­gen)
    Wie es sub­jek­tiv in ihm aus­sah weiß nur er und Gott allein, da steht uns kein Urteil zu, das ist verboten.
    Objek­tiv aber war er ein Häre­ti­ker und viel schlim­mer noch ein See­len­mör­der. Wie vie­le sind durch sei­ne Ein­las­sun­gen gegen den Glau­ben, die Kir­che, die Tra­di­ti­on vom Glau­ben abgefallen ?
    Das wird er vor dem Stif­ter der Kir­che ver­ant­wor­ten müs­sen, beten wir für sei­ne arme Seele.

  2. Eine erneu­te, welt­um­span­nen­de Bischofs­ver­samm­lung im Vati­kan wäre für die pro­gres­si­ven Kräf­te in der Tat eher kon­tra­pro­duk­tiv. Rie­fe es doch welt­wei­te Auf­merk­sam­keit inner­halb und außer­halb der Kir­che her­vor, wel­che in der Regel zu einer posi­ti­ven oder nega­ti­ven Erwar­tungs­hal­tung füh­ren wür­de. Die­se Erwar­tungs­hal­tung hät­te eine inter­es­sier­te und inten­si­ve Rezep­ti­on der Kon­zils­do­ku­men­te zur Fol­ge mit dem Ergeb­nis Wider­stand oder ent­täusch­te Erwartung.

    Eine „ele­gan­te­re“ Mög­lich­keit ist, die „nor­ma­ti­ve Kraft des Fak­ti­schen“ zu nut­zen, da man die abso­lu­te Hege­mo­nie über die kirch­li­chen Struk­tu­ren errun­gen hat. Wird die real mas­siv ver­än­der­te Lebens­wirk­lich­keit nicht förm­lich doku­men­tiert, weckt man nicht die sprich­wört­li­chen „schla­fen­den Hun­de“ und gibt Kri­ti­kern kei­ne förm­li­che Hand­ha­be. Auch ver­mei­det man eine über­zo­ge­ne Erwar­tungs­hal­tung am ultra­pro­gres­si­ven Flü­gel, weil sich moder­ni­sti­sche Heiß­spor­ne von einem Kon­zil noch viel mehr Ver­än­de­rung erwar­tet hätten.
    Zudem hat jeder (auch der soweit wie irgend mög­lich for­mu­lier­te) Tat­be­stand doch letzt­end­lich einen Wort­laut und damit auch eine Aus­le­gungs­gren­ze. Der Rege­lungs­cha­rak­ter etwai­ger Kon­zils­kon­sti­tu­tio­nen und ‑dekre­te eines for­mel­len „Drit­ten Vati­ka­nums“ sowie die umset­zen­den Instruk­tio­nen wären kri­ti­schen Blicken kon­zils­kon­ser­va­ti­ver Krei­se (und deren Bemü­hun­gen, die­se so zurück­hal­tend wie mög­lich aus­zu­le­gen) ausgesetzt.

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