Franziskus, der „absolute Monarch“ und das Unfehlbarkeitsdogma nach Hans Küng

Papst Franziskus mit der Ferula
Papst Franziskus mit der Ferula

(Rom) „Papst Fran­zis­kus, unfehl­ba­rer als er, ist kei­ner“, so der Vati­ka­nist San­dro Magi­ster. Der „Papst der Wider­sprü­che“ zeigt sich einer­seits in einem Dank­schrei­ben an Hans Küng bereit, das Unfehl­bar­keits­dog­ma zur Dis­kus­si­on zu stel­len. Ande­rer­seits kon­zen­triert er wie kei­ner sei­ner bei­den Vor­gän­ger, von denen er und sei­ne Entou­ra­ge sich distan­zie­ren, die Macht in sei­nen Hän­den und „han­delt wie ein abso­lu­ter Mon­arch“.

Der von der katho­li­schen Kir­che ver­ur­teil­te Schwei­zer Theo­lo­ge Hans Küng hat­te vor zwei Mona­ten an den Papst appel­liert, das Unfehl­bar­keits­dog­ma von 1870 zu über­den­ken. Das waren Küngs „Glück­wün­sche“ an Fran­zis­kus zum drit­ten Jah­res­tag der Erwäh­lung zum Papst.

Papst Fran­zis­kus ant­wor­te­te Küng, was die­ser umge­hend den Medi­en bekannt­mach­te. Der Papst, so Küng, habe fak­tisch einer „unein­ge­schränk­ten Dis­kus­si­on über das Unfehl­bar­keits­dog­ma“ grü­nes Licht erteilt.

Küngs Appell das Unfehlbarkeitsdogma zu überdenken

„Kurio­ser­wei­se ver­öf­fent­lich­te Küng nicht das Ant­wort­schrei­ben des Pap­stes“, son­dern beschränk­te sich dar­auf, des­sen Inhalt selbst wie­der­zu­ge­ben. Küng erwies sich damit als zwei­ter Euge­nio Scal­fa­ri, der die Ant­wor­ten des Pap­stes in Inter­views selbst for­mu­lier­te.

Aller­dings ist es Papst Fran­zis­kus, der seit drei Jah­ren sei­nen Gesprächs­part­nern die­sen Spiel­raum läßt. Sel­ten erfolg­te durch das vati­ka­ni­sche Pres­se­amt eine Kor­rek­tur oder gar ein Demen­ti.

Im Gegen­satz zu Johan­nes Paul II. und erst recht zu Bene­dikt XVI. regiert Papst Fran­zis­kus mit eiser­ner Hand und einer Macht­fül­le, wie sie seit Jahr­zehn­ten von kei­nem Papst mehr in Anspruch genom­men wur­de. Fran­zis­kus ver­hält sich, als wol­le er als letz­ter abso­lu­ter Mon­arch in die Kir­chen­ge­schich­te ein­ge­hen, denn gleich­zei­tig, so jeden­falls Hans Küng, sei aus­ge­rech­net er bereit, das Unfehl­bar­keits­dog­ma in Fra­ge zu stel­len.

Das eine muß aber nichts mit dem ande­ren zu tun haben. Papst Fran­zis­kus ist nicht anti­au­to­ri­tär. Ganz im Gegen­teil. Weder Papst-Kri­ti­ker noch Papst-Ver­trau­te erwar­ten sich, daß der argen­ti­ni­sche Papst vom Unfehl­bar­keits­dog­ma Gebrauch machen und ex cathe­dra eine Glau­bens­wahr­heit ver­kün­den wird.

Küng interpretiert den Papst, veröffentlicht aber nicht dessen Antwort

Die Bereit­schaft, das Dog­ma der päpst­li­chen Unfehl­bar­keit, wenn er ex cathe­dra spricht, in Fra­ge zu stel­len, muß daher in kei­nem Wider­spruch zur Macht­kon­zen­tra­ti­on und auto­ri­tä­ren Macht­aus­übung des Pap­stes ste­hen.

Küngs Auf­for­de­rung an den Papst war am ver­gan­ge­nen 9. März ergan­gen. Dabei han­del­te es sich um eine wohl­vor­be­rei­te­te Akti­on, wie die gleich­zei­ti­ge Ver­brei­tung des Appells in meh­re­ren Spra­chen zeig­te. Ver­schie­de­ne gro­ße Medi­en stell­ten sich dafür zur Ver­fü­gung, in Ita­li­en La Repub­bli­ca, die ein­zi­ge Tages­zei­tung, die der Papst, laut eige­ner Anga­be, täg­lich liest, womit man wie­der bei Euge­nio Scal­fa­ri wäre. Magi­ster beschreibt La Repub­bli­ca als „wich­tig­ste lai­zi­sti­sche, pro­gres­si­ve und ultra­ber­go­glia­ni­sche Tages­zei­tung“.

Küngs Vor­stoß war kei­ne Über­ra­schung: „Schon ein Leben lang will Küng das päpst­li­che Unfehl­bar­keits­dog­ma demo­lie­ren. Das Ver­fah­ren, das 1979 mit dem Ent­zug der Lehr­erlaub­nis für katho­li­sche Theo­lo­gie ende­te, hat­te sei­nen Aus­gang von zwei, rund zehn Jah­re zuvor erschie­ne­nen Büchern ‚Die Kir­che‘ und ‚Unfehl­bar?‘ genom­men.“

Die­se und ande­re Tex­te wer­den im fünf­ten Band von Küngs gesam­mel­ten Wer­ke noch in die­sem Jahr in Deutsch­land erschei­nen. Sie lie­fer­ten den Anstoß zum Appell an Papst Fran­zis­kus.

Kurz nach Ostern traf in Tübin­gen die Ant­wort des Pap­stes ein. Sie trägt das Datum 20. März. Über­mit­telt wur­de es durch die Apo­sto­li­sche Nun­tia­tur in Ber­lin.

Fran­zis­kus spricht Küng als „lie­ben Mit­bru­der“ an. Das ist aber auch schon die ein­zi­ge von Küng wört­lich zitier­te Stel­le der päpst­li­chen Ant­wort. „Vom Rest weiß man nicht, in wie weit er sich mit der Erzäh­lung des Theo­lo­gen deckt“, so Magi­ster. Bekannt ist nur so viel, daß die Aus­sa­gen und Hand­lun­gen von Fran­zis­kus ins­ge­samt ein stän­di­ges „Stop-and-go“ sind. Das gilt auch für die Fra­ge nach der päpst­li­chen Auto­ri­tät und dem damit ver­bun­de­nen Unfehl­bar­keits­dog­ma.

Zwei Reden von Franziskus zur Autorität des Papstes

Magi­ster macht im Zusam­men­hang mit dem Unfehl­bar­keits­dog­ma auf zwei Reden des Pap­stes auf­merk­sam, die er als „Schlüs­sel­mo­men­te“ bezeich­net.

Die erste Rede ist die Anspra­che zum Abschluß der ersten Bischofs­syn­ode, die Fran­zis­kus am 14. Okto­ber 2014 hielt.

Der Papst war damals sicht­lich irri­tiert, ja ver­är­gert über den Ver­lauf der Bischofs­syn­ode, der „weit unter sei­nen refor­me­ri­schen Erwar­tun­gen“ geblie­ben war. Bei der Schluß­ab­stim­mung waren alle umstrit­te­nen Para­gra­phen von der Syn­ode abge­lehnt wor­den. In sei­ner Rede ließ Fran­zis­kus die Syn­oda­len — Kar­di­nä­le und Bischö­fe — wis­sen, daß sie zwar dis­ku­tie­ren und abstim­men könn­ten, daß das letz­te Wort jedoch ihm zuste­he.

Im Vor­feld der Bischofs­syn­ode war es Fran­zis­kus, der das bis­her in der katho­li­schen Kir­che fak­tisch unbe­kann­te Wort von der „Syn­oda­li­tät“ geprägt hat­te. Zum Abschluß eben die­ser Syn­ode aber, sprach er plötz­lich über die Auto­ri­tät und Macht des Pap­stes als „ober­ster Hir­te und Leh­rer“. Die ent­spre­chen­den Stel­len zitier­te er aus dem Kir­chen­recht und berief sich damit auf die juri­di­sche Struk­tur der Kir­che, von der er anson­sten mehr­fach zu ver­ste­hen gege­ben hat­te, sie ganz und gar „nicht zu lie­ben“, so Magi­ster.

Es fehl­te auch nicht die Ermah­nung an die Syn­oda­len, daß eine Syn­ode „cum Petro et sub Petro“ statt­fin­det, also nicht nur „mit“ dem Nach­fol­ger des Petrus.

Die zwei­te Rede folg­te ein Jahr spä­ter und wur­de wäh­rend zwei­ten Bischofs­syn­ode gehal­ten, die für Fran­zis­kus nicht min­der ent­täu­schend ver­lief. Die Wider­stän­de gegen sei­ne „Öff­nun­gen“ und die Ver­tei­di­gung der katho­li­sche Ehe- und Moral­leh­re erwie­sen sich viel stär­ker als erwar­tet. Der Papst moch­te 2013 geglaubt haben, er müs­se mit der Ein­be­ru­fung einer Syn­ode nur die Vor­aus­set­zun­gen schaf­fen, und schon wer­de die gan­ze Kir­che dank­bar den „Schrei des Vol­kes“ hören und einen libe­ra­len Weg beschrei­ten. Das war ein offen­sicht­li­cher Trug­schluß, eine Fehl­ein­schät­zung der Wirk­lich­keit, die Fran­zis­kus zu stän­di­gen Kurs­kor­rek­tu­ren zwang.

Die­se zwei­te Rede hielt Fran­zis­kus beim Fest­akt zum 50. Jah­res­tag des Kon­zil­sen­des. Der Fest­akt signa­li­sier­te nach außen den Auf­stieg von Wiens Erz­bi­schof, Kar­di­nal Chri­stoph Schön­born, in der päpst­li­chen Gunst. Schön­born war von Fran­zis­kus beauf­tragt wor­den, die Fest­re­de zu hal­ten. Dem öster­rei­chi­schen Pur­pur­trä­ger soll­te weni­ge Tage danach eine Schlüs­sel­stel­lung zukom­men, am Syn­oden­en­de die sich abzeich­nen­den Spal­tung zu ver­hin­dern.

Wört­li­che sag­te Fran­zis­kus am 17. Okto­ber 2015:

„Der syn­oda­le Weg beginnt im Hin­hö­ren auf das Volk […]. Der Weg der Syn­ode setzt sich fort im Hin­hö­ren auf die Hir­ten. […] Und schließ­lich gip­felt der syn­oda­le Weg im Hören auf den Bischof von Rom, der beru­fen ist, als ‚Hir­te und Leh­rer aller Chri­sten‘ zu spre­chen.“

Franziskus beruft sich auf Pastor aeternus: päpstliche Autorität über „alle Christen“

Ersters Vatikanisches Konzil
Erstes Vati­ka­ni­sches Kon­zil

„Ach­tung“, so Magi­ster. „Hier hat Fran­zis­kus nicht mehr wie im Vor­jahr den Canon 749 des Kodex des Kir­chen­rechts zitiert, der die Auto­ri­tät des Pap­stes über die chri­sti­fi­de­les pro­kla­miert, also die Gläu­bi­gen, die der katho­li­schen Kir­che ange­hö­ren.“

Dies­mal zitier­te er die dog­ma­ti­sche Kon­sti­tu­ti­on Pastor aeter­nus des Ersten Vati­ka­ni­schen Kon­zils, die die Auto­ri­tät des Pap­stes über „alle Chri­sten“ betont, also auch die Ortho­do­xen, Pro­te­stan­ten und ande­re Getauf­te auf der gan­zen Welt, die zur Rück­kehr in die Ein­heit der Kir­che geru­fen sind.

Das Erste Vati­ka­ni­sche Kon­zil wie ins­ge­samt das gesam­te vor­kon­zi­lia­re Lehr­amt gilt in der Nach­kon­zils­zeit als so ver­pönt, daß es sich bis auf Bene­dikt XVI. kaum in vati­ka­ni­schen Doku­men­ten zitiert wird. Um so mehr erstaunt, daß aus­ge­rech­net Papst Fran­zis­kus auf das Erste Vati­ca­num und die dog­ma­ti­sche Kon­sti­tu­ti­on Bezug nimmt, mit dem das Unfehl­bar­keits­dog­ma ver­bun­den ist.

Die­se Kon­sti­tu­ti­on ent­hält, wie es damals noch üblich war, die Ver­kün­dung des Lehr­sat­zes und die Ver­ur­tei­lung wider­spre­chen­der Mei­nung. Die Pas­sa­ge ist inso­fern von Bedeu­tung, weil die Ver­ur­tei­lung ohne Zwei­fel Hans Küng trifft, der eben die­ses Dog­ma der päpst­li­chen Unfehl­bar­keit in Fra­ge stellt und über­wun­den wis­sen will.

Wört­lich heißt es in Pastor aeter­nus:

„Oder wer sagt, der Papst habe bloß einen grö­ße­ren Teil, nicht aber die gan­ze Fül­le höch­ster Gewalt, oder die­se Gewalt sei kei­ne ordent­li­che und unmit­tel­ba­re über die Gesamt­heit der Kir­chen wie über jede ein­zel­ne, über alle Hir­ten und Gläu­bi­gen wie über jeden ein­zel­nen: der sei im Bann.“

Die „Her­me­neu­ti­ker des Bruchs“ hören es nicht ger­ne, doch auch das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil bekräf­tig­te in der dog­ma­ti­schen Kon­sti­tu­ti­on Lumen gen­ti­um das Unfehl­bar­keits­dog­ma und zitier­te aus­drück­lich Pastor aeter­nus „die schwar­ze Bestie von Küng und Anhän­gern“, so Magi­ster.

Lumen gen­ti­um begnügt sich aller­dings mit der Auto­ri­tät über die Katho­li­ken, wäh­rend Papst Fran­zis­kus sei­ne Auto­ri­tät gemäß 1870 über alle Chri­sten beton­te:

„Die Tat­sa­che, dass die Syn­ode immer cum Petro et sub Petro han­delt – also nicht nur cum Petro, son­dern auch sub Petro – ist kei­ne Begren­zung der Frei­heit, son­dern eine Garan­tie für die Ein­heit.“

„Man darf davon aus­ge­hen, daß er bereits im Sinn hat­te, was er in der nach­syn­oda­len Exhor­ta­tio Amo­ris Lae­ti­tia schrei­ben wür­de, indem er sei­ne höch­ste Auto­ri­tät in Anspruch nimmt, um deut­lich hin­aus­zu­ge­hen, bis wohin die Syn­ode gehen woll­te“, so Magi­ster.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: MiL (Screen­shot)

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