[Update] Der deutsche Synodale Irrweg – Zum Sechsten

Wohin wird der synodale Sonderweg „sui generis“ führen?

Führt der Synodale Weg in das, was die Kirchengeschichte eine "Räubersynode" nennt?
Führt der Synodale Weg in das, was die Kirchengeschichte eine "Räubersynode" nennt?

Der deut­sche Syn­oda­le Irr­weg – zum Ersten
Der deut­sche Syn­oda­le Irr­weg – zum Zwei­ten
Der deut­sche Syn­oda­le Irr­weg – zum Drit­ten
Der deut­sche Syn­oda­le Irr­weg – zum Vier­ten
Der deut­sche Syn­oda­le Irr­weg – zum Fünften

Von Hubert Hecker.

Zusam­men­fas­sung: Die Lei­tung der Deut­schen Bischofs­kon­fe­renz benutz­te die MHG-Miss­brauchs­stu­die als Vehi­kel, um die vier Syn­odal­fo­ren mit der Aus­ar­bei­tung von weit­rei­chen­den Struk­tur­ver­än­de­run­gen sowie welt­kirch­li­chen Fra­gen zu beauf­tra­gen. Gegen die­ses Vor­ge­hen rich­te­te sich der Papst­brief vom Juni 2019, der ange­sichts des dra­ma­ti­schen Rück­gangs von Glau­ben und Kirch­lich­keit den Pri­mat der Evan­ge­li­sie­rung for­der­te. Kar­di­nal Marx gelang es, die Anlie­gen von Papst und Kurie aus­zu­brem­sen: Die Syn­odal­ver­samm­lung soll wei­ter­hin pri­mär an Struk­tur­re­for­men arbei­ten ohne grund­le­gen­de Bin­dung an das Evan­ge­li­um, die kirch­li­che Leh­re und kir­chen­recht­li­che Pro­zess­re­geln. Die­ses Vor­ge­hen nann­te eine Syn­oda­lin das Recht auf „Nar­ren­frei­heit“.

Die Herbst­voll­ver­samm­lung der Deut­schen Bischofs­kon­fe­renz 2018 in Ful­da befass­te sich schwer­punkt­mä­ßig mit der MHG-Stu­die zu Miss­brauch in der Kir­che. Nach den Emp­feh­lun­gen der Stu­die ver­pflich­te­te sich die Bischofs­ver­samm­lung zu zwei Hand­lungs­strän­gen der Aufarbeitung:

  • Zum einen wur­de ein Maß­nah­men­ka­ta­log in fünf Teil­pro­jek­ten auf­ge­stellt: unab­hän­gi­ge Miss­brauchs­auf­ar­bei­tung mit Betrof­fe­nen und exter­nen Fach­leu­ten, Lei­stun­gen zur Aner­ken­nung des zuge­füg­ten Leids, unab­hän­gi­ge Anlauf­stel­len für Betrof­fe­ne, Stan­dar­di­sie­rung in der Füh­rung der Per­so­nal­ak­ten der Kle­ri­ker, Moni­to­ring für Inter­ven­ti­on und Prä­ven­ti­on. Arbeits­grup­pen mit ähn­li­chen Auf­trä­gen sind auch in eini­gen Diö­ze­sen ein­ge­rich­tet wor­den. Auf natio­na­ler wie diö­ze­saner Ebe­ne ist die Arbeit an den Pro­jek­ten mit Beschlüs­sen und Ver­öf­fent­li­chun­gen vor­an­ge­schrit­ten. Die Pro­jekt- und Prä­ven­ti­ons­auf­ga­ben sind im Wesent­li­chen berech­tigt. Zu dem Kom­plex: ‚Lei­stun­gen zur Aner­ken­nung des zuge­füg­ten Leids‘ hat die Herbst­voll­ver­samm­lung der Deut­schen Bischofs­kon­fe­renz 2020 den Beschluss gefasst, in allen Diö­ze­sen ein­heit­lich vor­zu­ge­hen. Die Umset­zung in die­sem und den ande­ren Punk­ten soll hier nicht wei­ter kom­men­tiert werden.
  • In einem zwei­ten Auf­ar­bei­tungs­kom­plex ging es um die Emp­feh­lun­gen zu dem drit­ten Pro­jekt­ziel der MHG-Stu­die: Iden­ti­fi­zie­rung von „kirch­li­chen Struk­tu­ren“ ein­schließ­lich der Moral­leh­re, die das Miss­brauchs­ge­sche­hen begün­stigt hät­ten. Die Bischö­fe nann­ten damals aus­drück­lich die „zöli­ba­tä­re Lebens­form“ und „Aspek­te der katho­li­schen Sexu­al­mo­ral“. Die soge­nann­ten syste­mi­schen Ursa­chen soll­ten gemein­sam mit Wis­sen­schaft­lern und Ver­tre­tern des Zen­tral­ko­mi­tees der deut­schen Katho­li­ken in einem „struk­tu­rier­ten Gesprächs­pro­zess“ erör­tert wer­den. Damit waren die Grund­zü­ge des Syn­oda­len Wegs fest­ge­legt. In der Früh­jahrs­voll­ver­samm­lung der deut­schen Bischö­fe erfolg­te im März 2019 der ein­stim­mi­ge Beschluss zur Syn­odal­ver­samm­lung mit drei (spä­ter vier) Arbeits­the­men in Foren. Wie­der­um ein hal­bes Jahr spä­ter beschloss die DBK-Ver­samm­lung mehr­heit­lich die Syn­odal­sta­tu­ten mit 51 Ja-Stim­men, 12 Gegen­stim­men und einer Enthaltung.

Die­ser zwei­te Hand­lungs­pro­zess der DBK ist äußerst pro­ble­ma­tisch. Die kri­ti­schen Punk­te sol­len hier im Über­blick zusam­men­fas­send reka­pi­tu­liert wer­den. Im zwei­ten Teil die­ses Bei­trags wird der syn­oda­le Pro­zess unter die Lupe genommen.

Wissenschaftlich nicht gedecktes Vorgehen zum Forumsthema Sexualmoral

Zu dem Forums­the­ma Neu­kon­zep­ti­on der katho­li­schen Sexu­al­mo­ral gab es in der MHG-Stu­die kei­ne sub­stan­ti­el­len Aus­sa­gen und erst recht kei­ne ent­spre­chen­de Emp­feh­lung. Die Wis­sen­schaft­ler hät­ten sich lächer­lich gemacht mit der Behaup­tung, dass die tra­di­tio­nell stren­ge Sexu­al­mo­ral der Kir­che eine für Tei­le der römisch-katho­li­schen Kir­che cha­rak­te­ri­sti­sche Homo­pho­bie begün­stigt hät­te. Es war also ein Täu­schungs­ma­nö­ver, das Miss­brauchs­ge­sche­hen als Vor­wand für eine grund­le­gen­de Neu­fas­sung der katho­li­schen Sexu­al­mo­ral zu missbrauchen.

Nur am Ran­de sprach die Miss­brauchs-Stu­die ein Rand­the­ma der kirch­li­chen Sexu­alleh­re an. Im zwei­ten Teil­pro­jekt stell­ten die MHG-Pro­fes­so­ren nach ein­fühl­sa­men Inter­views mit haupt­säch­lich homo­se­xu­el­len Miss­brauchskle­ri­kern die „Ver­mu­tung“ in den Raum, dass „gesell­schaft­li­che Tabui­sie­rung von gleich­ge­schlecht­li­chen Bezie­hun­gen … sowie eine für Tei­le der römisch-katho­li­schen Kir­che cha­rak­te­ri­sti­sche Homo­pho­bie zum sexu­el­len Miss­brauch an Min­der­jäh­ri­gen bei­getra­gen haben könn­te“. Man­fred Lütz nann­te es einen „Tief­punkt“ von wis­sen­schaft­li­cher Arbeit, „ohne jede Daten­grund­la­ge“ vage Mut­ma­ßun­gen anzu­stel­len zur Ursäch­lich­keit von Miss­brauch in kirch­li­chen Lehrelementen.

Doch die DBK-Bischö­fe über­nah­men die­se vor­ur­teils­be­haf­te­ten Annah­men ohne jede Erör­te­rung. Die unbe­grün­de­ten Ver­mu­tun­gen von Pro­fes­so­ren mutier­ten dabei zu angeb­lich wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­sen. Mit der Über­nah­me der The­sen war unver­kenn­bar das Ziel ver­bun­den, die kirch­li­che Leh­re zur Homo­se­xua­li­tät grund­le­gend zu ver­än­dern. Auch die­ser Punkt gehört zu den unlau­te­ren Vor­ge­hens­wei­sen in der Begrün­dungs­ge­schich­te zum Forums­the­ma Sexualmoral.

Einvernehmen zwischen DBK-Führung und MHG-Autoren?

Zu dem Forums­the­ma „zöli­ba­tä­re Lebens­form“ fin­det sich in den Emp­feh­lun­gen der MHG-Stu­die nur eine Hypo­the­se ohne jede wei­te­re Begrün­dung: Der Zöli­bat kön­ne „kei­ne allei­ni­ge Erklä­rung für sexu­el­len Miss­brauch“ sein, aber eben doch „ein mög­li­cher Risi­ko­fak­tor“. Mit den Zah­len und Daten der Teil­pro­jek­te ist die­se The­se weder ver­bun­den noch wis­sen­schaft­lich zu bele­gen. Die Behaup­tung vom Risi­ko­fak­tor Zöli­bat ist eine halb­ga­re par­tei­ische Mei­nungs­äu­ße­rung, die in einer wis­sen­schaft­li­chen Unter­su­chung nichts zu suchen hat. Der unwis­sen­schaft­li­che Cha­rak­ter der Zöli­bats-Aus­sa­ge zeigt sich auch dar­an, dass sich die MHG-Autoren nicht mit den For­schungs­er­geb­nis­sen der Pro­fes­so­ren Krö­ber, Pfeif­fer, Ley­graf u. a. aus­ein­an­der­setz­ten, nach denen der Zöli­bat ein pro­tek­ti­ver Schutz­fak­tor für Miss­brauchs­ver­su­chun­gen ist. Die Mut­ma­ßun­gen der MHG-Autoren über den „mög­li­chen Risi­ko­fak­tor Zöli­bat“ hat­ten den Rele­vanz­wert einer Mei­nung bei Straßenbefragungen.

So steht die Fra­ge im Raum, war­um die unbe­grün­de­te Mei­nungs­ma­che gegen den Zöli­bat so viel media­le und kirch­li­che Beach­tung ent­fal­te­te. Die Autoren hat­ten die­se und ande­re „angeb­lich spek­ta­ku­lä­re Ergeb­nis­se“ (M. Lütz) an kir­chen­spe­zi­fi­schen Struk­tur­män­geln an den Anfang ihrer Stu­die gesetzt, um größt­mög­li­che Medi­en­ef­fek­te zu errei­chen, was in der zöli­bats­kri­ti­schen Medi­en­öf­fent­lich­keit auch gelang. Dar­über hin­aus ent­sprach die­se „Emp­feh­lung“ dem Pro­jekt­ziel der 1,2 Mill. Euro teu­ren Stu­die, wonach kirch­lich-syste­mi­sche Ursa­chen für Miss­bräu­che prä­sen­tiert wer­den soll­ten. Es war also ein erwar­te­tes Ergeb­nis, das Kar­di­nal Marx als Vor­sit­zen­der der DBK bei der MHG-Publi­ka­ti­on im Herbst 2018 zum Anlass nahm zu der The­se, der Zöli­bat sei für die ergeb­nis­of­fe­ne Dis­kus­si­on frei­ge­ge­ben und müs­se „auf den Prüf­stand gestellt“ wer­den“ (katholisch.de vom 5. 10. 2018). So schließt sich der Kreis: Die von der DBK-Füh­rung gewünsch­ten kir­chen­kri­ti­schen Emp­feh­lun­gen der Miss­brauchs­stu­die konn­ten als Vor­wand für die von pro­gres­si­ven Kir­chen­kräf­ten schon län­ger geplan­te Auf­wei­chung des Zöli­bats genutzt werden.

An der Agen­da des Syn­oda­len Weges, gra­phisch dar­ge­stellt von der Tages­post (rechts) am 18.10.2018, hat sich wider bes­se­res Wis­sen nichts geändert.

Mit der Keule des Klerikalismus gegen das sakramentale Priestertum und bischöfliche Vollmacht

Für das Forums­the­ma „Macht und Gewal­ten­tei­lung“ bedien­ten sich die DBK-Bischö­fe wie­der aus dem Emp­feh­lungs­ka­sten der MHG-Stu­die. In einer schma­len Pas­sa­ge spre­chen die Autoren Kri­tik an kle­ri­ka­li­sti­schen Struk­tu­ren an. Unter der Kle­ri­ka­lis­mus-Theo­rie, 2003 erst­mals vom eng­li­schen Kano­ni­sten Doyle auf­ge­stellt, ver­steht die Stu­die „das hier­ar­chisch-auto­ri­tä­re System“ der Kir­che. Das kön­ne auf Sei­ten der Prie­ster zu der Hal­tung füh­ren, Amt und Wei­he für Domi­nanz über Lai­en und zur Anbah­nung von Miss­brauch zu gebrau­chen. Zu die­ser Doyle-Hypo­the­se gibt es kei­ne wis­sen­schafts­fun­dier­ten Aus­ein­an­der­set­zun­gen. Im 7. Teil­pro­jekt der MHG-Stu­die, in dem die Ankla­gen der Opfer zur Spra­che kom­men, spe­ku­lie­ren die Autoren über „kle­ri­ka­le Struk­tu­ren“. Bei der Ana­ly­se der ein­zel­nen Miss­brauchs­fäl­le zeigt sich dage­gen, dass die mei­sten nicht in das Kle­ri­ka­lis­mus-Sche­ma pas­sen, wie im Bei­trag (1) auf­ge­zeigt wird. Jeden­falls kann die sech­zehn­zei­li­ge MHG-Pas­sa­ge zum Kle­ri­ka­lis­mus, die ohne Bezug zu den ermit­tel­ten Daten an die Stu­die bezie­hungs­los ange­hef­tet wur­de, den Arbeits­grup­pen des Syn­oda­len Wegs kei­ne soli­de Basis bereitstellen.

Aus wel­chen Grün­den aber erfreu­te sich die schwach fun­dier­te Kle­ri­ka­lis­mus­the­se bei Papst, Bischö­fen und Theo­lo­gen so gro­ßer Beliebt­heit? Bis­her war das Wort ‚Kle­ri­ka­lis­mus‘ nur als Kampf­be­griff von selbst­er­klär­ten Kir­chen­fein­den lai­zi­stisch-frei­mau­re­ri­scher Pro­ve­ni­enz bekannt. Was aber treibt Kir­chen­leu­te dazu, in die­se Ker­be zu hau­en? Sie kön­nen sich damit erstens als fort­schritt­lich und insti­tu­ti­ons­kri­tisch prä­sen­tie­ren. Das Wort ‚Kle­ri­ka­lis­mus‘ weckt Asso­zia­tio­nen zu dem kon­ser­va­ti­ven Kir­chen­sek­tor, auf den man die angeb­li­chen oder wirk­li­chen Miss­stän­de abschie­ben kann. Und schließ­lich kann man mit dem Begriff der ‚über­grif­fi­gen Kle­ri­ker‘ von der Groß­zahl an post-kle­ri­ka­len Miss­brauchsprie­stern ablenken.

Im Syn­odal­fo­rum zu ‚Macht und Gewal­ten­tei­lung‘ wird die angeb­li­che „Macht­fül­le“ von Bischö­fen und Prie­stern als kle­ri­ka­li­stisch denun­ziert. Die gesam­te hier­ar­chi­sche Kir­chen­struk­tur soll ent­spre­chend den Stan­dards der moder­nen demo­kra­ti­schen Ver­fas­sungs­staa­ten nach den Kri­te­ri­en Legi­ti­ma­ti­on, Gewal­ten­tei­lung, Macht­kon­trol­le, Par­ti­zi­pa­ti­on und Gleich­be­rech­ti­gung der Geschlech­ter umge­baut wer­den, heißt es in dem Papier der vor­be­rei­ten­den Arbeits­grup­pe für das Forum. Schließ­lich sei mit der Beauf­tra­gung von Frau­en in Füh­rungs­po­si­tio­nen und Wei­he­äm­tern die „män­ner­bün­di­sche Abge­schlos­sen­heit des Kle­rus“ auf­zu­bre­chen – so Stim­men zu dem vier­ten Forum.

Die Stunde der progressiven Theologen …

Auf der Früh­jahrs­voll­ver­samm­lung der Deut­schen Bischofs­kon­fe­renz im März 2019 setz­te die DBK-Füh­rung unter dem dra­ma­ti­sie­ren­den Mot­to: „Die Kir­che in Deutsch­land erlebt eine Zäsur“ fol­gen­de Eckpunkte:

  • Was nach den Mut­ma­ßun­gen und Mei­nun­gen der MHG-Stu­die als miss­brauchs­för­dern­de kirch­li­che Struk­tu­ren und Leh­ren erwo­gen wor­den war, wur­de nun­mehr von Kar­di­nal Marx ohne wei­te­re Erör­te­rung als wis­sen­schaft­lich bewie­se­ne Tat­sa­che behauptet.
  • Dar­aus resul­tie­re die For­de­rung nach tief­grei­fen­den Refor­men die­ser kirch­li­chen Sek­to­ren und Systeme.
  • Drei Hoch­schul­theo­lo­gen mar­kier­ten in ihren Stu­di­en­tag-Refe­ra­ten die Reich­wei­te der Kri­tik und gaben Emp­feh­lun­gen für die „Neu­aus­rich­tung“ der Kirche:

Prof. Eber­hard Schocken­hoff / Frei­burg stell­te die kirch­li­che Sexu­al­mo­ral als lebens­fremd und teil­wei­se ana­chro­ni­stisch vor, um sie mit­hil­fe human­wis­sen­schaft­li­cher Erkennt­nis­se neu zu kon­zi­pie­ren als ‚lebens­na­he und men­schen­ge­rech­te Sexu­al­ethik‘.
Prof. Phil­ipp Mül­ler / Mainz fol­ger­te aus der kri­sen­haf­ten Situa­ti­on der prie­ster­li­chen Lebens­ge­stal­tung eine Reform in den Zugangs­be­din­gun­gen zum Prie­ster­tum – auch mit der Auf­he­bung des Zöli­bats und dem Zugang von Frau­en zu kirch­li­chen Ämtern.
Prof. Gre­gor Maria Hoff / Salz­burg for­der­te eine radi­ka­le Säku­la­ri­sie­rung von kirch­lich-sakra­men­ta­ler Macht, da der Kle­rus sich mit der Sakra­li­sie­rung gegen Kri­tik immu­ni­sie­re und für sei­nen Sta­tus­er­halt instrumentalisiere.

… führt den DBK-Beschluss zu einer fatalen Agenda

Durch die Aus­wahl der Refe­ren­ten bzw. ihre inhalt­li­che Beauf­tra­gung hat­te sich die DBK-Füh­rung zu weit­rei­chen­den kirch­li­chen Struk­tur­ver­än­de­run­gen bekannt, die weit­ge­hend von dem ursprüng­li­chen Anlass gelöst waren. Trotz­dem hielt Kar­di­nal Marx in sei­ner Pres­se­er­klä­rung an der Fik­ti­on fest, dass die Reform­agen­da Grund und Begrün­dung allein in den Miss­brauchs­vor­komm­nis­sen hät­ten: Wegen der „Fäl­le kle­ri­ka­len Macht­miss­brauchs“ sei die kle­ri­ka­le Macht­struk­tur der Kir­che und der Zöli­bat in Fra­ge zu stel­len sowie die kirch­li­che Sexu­alleh­re neu zu konzipieren.

Auf die­ser Basis beschlos­sen dann die deut­schen Bischö­fe ein­stim­mig, gemein­sam mit dem Zen­tral­ko­mi­tee der deut­schen Katho­li­ken einen „syn­oda­len Weg der offe­nen Debat­te“ zu den kirch­li­chen Reform­vor­ha­ben zu gehen. Drei Arbeits­grup­pen berei­te­ten auf­grund der Refe­ra­te die spä­te­ren Foren vor. Die fol­gen­de vier­schrit­ti­ge Argu­men­ta­ti­on aus der Pres­se­er­klä­rung von Kar­di­nal Marx soll­te das grund­le­gen­de Nar­ra­tiv wer­den, mit dem der Syn­oda­le Weg seit­her begrün­det wird:
Die „Erschüt­te­run­gen“ durch die Miss­bräu­che von Kle­ri­kern ver­lang­ten /
dass die „Blockie­run­gen des Den­kens“ und Redens fal­len müss­ten /
um für „neue Posi­tio­nen und neue Wege“ offen zu sein /
damit nach den Struk­tur­re­for­men der Glau­be wie­der „wach­sen und tie­fer wer­den“ könne.

Mit die­ser Argu­men­ta­ti­ons­fi­gur hat­ten die Bischö­fe eine fata­le Agen­da ein­ge­lei­tet. Ange­sichts des all­ge­mei­nen Glau­bens­ver­lu­stes und des Rück­gangs der kirch­li­chen Betei­li­gung, auf die die Päp­ste Bene­dikt und Fran­zis­kus mehr­fach hin­ge­wie­sen haben, ver­folg­te die Deut­sche Bischofs­kon­fe­renz nicht den nahe­lie­gen­den Pri­mat der Evan­ge­li­sie­rung, son­dern ver­steif­te sich auf die Prio­ri­tät von Struk­tur­re­for­men. Und ent­ge­gen aller Logik und Erfah­run­gen behaup­te­te sie, nach Besei­ti­gung von die­sen angeb­li­chen „Blockie­run­gen“ wür­den sich wie­der wach­sen­der Glau­ben und blü­hen­de Kir­chen­land­schaf­ten einstellen.

Der kritische Papstbrief zu dem synodalen Weg der kirchlichen Strukturreformen…

In der päpst­li­chen Kurie wur­den die Vor­ha­ben der DBK mit gro­ßer Sor­ge wahr­ge­nom­men. Im Hin­ter­grund stan­den die anma­ßen­den Beschlüs­se der Deut­schen Bischofs­kon­fe­renz vom Früh­jahr 2018, nach denen nicht-katho­li­schen Ehe­part­nern die Kom­mu­ni­on gereicht wer­den könn­te. Bei jener Ent­schei­dung und auch wie­der bei den Beschlüs­sen vom Früh­jahr 2019 ging es um welt­kirch­lich rele­van­te Fra­gen wie das Ver­hält­nis zum Pro­te­stan­tis­mus, kirch­li­che Leh­re, Zöli­bat, Hier­ar­chie etc. Nach Recher­chen der Her­der-Kor­re­spon­denz sei­en im Mai 2019 die Spit­zen der Glaubens‑, Kle­rus- und Bischofs­kon­gre­ga­ti­on gemein­sam mit Kar­di­nal-Staats­se­kre­tär Pie­tro Paro­lin über­ein­ge­kom­men, beim Papst ein Schrei­ben anzu­re­gen, in dem er die Deut­sche Bischofs­kon­fe­renz an die Ein­heit mit Rom erin­nern sol­le.i Fran­zis­kus habe sich das Anlie­gen zu eigen gemacht und zu einem Grund­satz­schrei­ben an das „pil­gern­de Volk Got­tes in Deutsch­land“ ausgeweitet.

Der Papst­brief mit Datum vom 29. Juni 2019, dem Fest der Apo­stel­für­sten Petrus und Pau­lus, geht mit kei­nem Wort auf die Miss­brauchs­vor­fäl­le ein. Indem Fran­zis­kus die sexu­el­len Über­grif­fe von sün­di­gen Prie­stern mit Recht nicht als Anlass für eine Reform­agen­da ansieht, legt er indi­rekt einen kri­ti­schen Ein­wand gegen das ent­spre­chen­de Begrün­dungs­kon­strukt der DBK-Bischö­fe vor. Der Papst zeigt dage­gen ande­re Grün­de für eine not-wen­di­ge Reform­agen­da auf: Mit Rück­griff auf Ana­ly­sen von Papst Bene­dikt beklagt Fran­zis­kus „die zuneh­men­de Ero­si­on und den Ver­fall des Glau­bens“ in der Kir­che in Deutsch­land. Die Glau­bens­kri­se zei­ge sich „in einem dra­sti­schen Rück­gang der Besu­cher der Sonn­tags­mes­se sowie beim Emp­fang der Sakramente“.

Aus die­ser päpst­li­chen Ana­ly­se der Kri­se des Glau­bens und der Kirch­lich­keit folgt eine völ­lig ande­re Reform­agen­da als die der DBK-Bischö­fe. Fran­zis­kus kri­ti­siert unver­blümt den fal­schen Weg, „einen struk­tu­rel­len, orga­ni­sa­to­ri­schen und funk­tio­na­len Wan­del“ ein­lei­ten zu wol­len. Son­dern man müs­se unse­re geist­lich abge­stor­be­nen Gemein­den neu evan­ge­li­sie­ren. Der „Weg der Reform von Struk­tu­ren, Orga­ni­sa­tio­nen und Ver­wal­tung“ sei eine Ver­su­chung des Pela­gia­nis­mus, der im Ver­trau­en auf die Reor­ga­ni­sa­ti­on der Din­ge gera­de die leben­di­ge Kraft des Evan­ge­li­ums und sei­ne mis­sio­na­ri­sche Dyna­mik abwürgt. Damit käme man viel­leicht zu einem „gut struk­tu­rier­ten, funk­tio­nie­ren­den und moder­ni­sier­ten kirch­li­chen Orga­nis­mus“, aber „ohne See­le und die Fri­sche des Evan­ge­li­ums“. Sol­che Ansät­ze stamm­ten aus einer „ver­welt­lich­ten Gei­stes­hal­tung“, die die Kir­che „an den Zeit­geist anpas­sen“ will. Fran­zis­kus ver­weist dabei auf ein Wort aus sei­nem Schrei­ben Evan­ge­lii gau­di­um von der „ersticken­den Welt­lich­keit“ einer „ver­welt­lich­ten Kir­che unter spi­ri­tu­el­ler und pasto­ra­ler Drapierung“.

Kann man noch deut­li­cher aus­drücken, dass sich die Mehr­heit der deut­schen Bischö­fe mit den Struk­tur­re­for­men des Syn­oda­len Wegs auf dem Irr­weg befindet?

Um die­se Fehl­ent­wick­lung zu ver­mei­den, müss­ten alle Erneue­run­gen mit dem „Pri­mat der Evan­ge­li­sie­rung“ begin­nen. Die sei das „Leit­kri­te­ri­um einer pasto­ra­len Bekeh­rung schlecht­hin“. Von den deut­schen Bischö­fen ver­lan­ge die­ser „geschicht­li­che Moment“ ein ernst­haf­tes und bewuss­tes Her­an­ge­hen im neu­en Hören auf die Wor­te des Evan­ge­li­ums. Der Papst zitiert in sei­nem Brief viel­fach neu­te­sta­ment­li­che Schriftworte.

Die DBK-Bischö­fe haben die päpst­li­che Ermah­nung zur geist­li­chen Erneue­rung aus dem Geist des Evan­ge­li­ums weit­ge­hend igno­riert. Sie behar­ren auf pela­gia­ni­schen Struk­tur­ver­än­de­run­gen. In ihren Schrif­ten fin­det man kaum etwas von der Hin­wen­dung zu den Wor­ten des Evan­ge­li­ums. In den Tex­ten zur Syn­ode und den Syn­odal­fo­ren kom­men Ver­wei­se auf die bibli­sche Grund­la­ge des Glau­bens prak­tisch nicht vor. Der Antrag von eini­gen Bischö­fen, statt Struk­tur­ver­än­de­run­gen die Glau­bens­er­neue­rung durch Evan­ge­li­sie­rung zum Mit­tel­punkt der Syn­ode zu machen, wur­de von der syn­oda­len Voll­ver­samm­lung mit gro­ßer Mehr­heit abgelehnt.

In wei­te­ren Aus­füh­run­gen zur Syn­oda­li­tät betont der Papst die Betei­li­gung der Gläu­bi­gen an Erneue­rungs­pro­zes­sen sowie die Kol­le­gia­li­tät der Bischö­fe einer Teil­kir­che. Beson­de­res Augen­merk rich­tet er auf die welt­kirch­li­che Syn­oda­li­tät. In Zei­ten star­ker Frag­men­tie­rung und Pola­ri­sie­rung sei der Sen­sus Eccle­siae bei allen Debat­ten außer­or­dent­lich wich­tig. Ins­be­son­de­re müss­ten die Teil­kir­chen in allen Bera­tun­gen und Pro­zes­sen stets in leben­di­ger „Gemein­schaft mit dem gan­zen Leib der Kir­che“ blei­ben. Auch in die­sem Hin­weis steckt eine deut­li­che Kri­tik an den ver­schie­de­nen Son­der­we­gen der deut­schen Kir­che, ins­be­son­de­re bei dem Syn­oda­len Weg.

… von Kardinal Marx ausgekontert

Wie reagier­te der dama­li­ge Vor­sit­zen­de der Deut­schen Bischofs­kon­fe­renz auf die­se kri­ti­schen Ein­wän­de? 2015 hat­te Kar­di­nal Rein­hard Marx im Vor­feld der vati­ka­ni­schen Fami­li­en­syn­ode ziem­lich schroff gefor­dert, dass die katho­li­sche Kir­che in Deutsch­land bezüg­lich Ehe und Fami­lie auf „neu­en Wegen“ vor­an­ge­hen soll­te ein­schließ­lich von Para­dig­men­wech­seln, also von völ­lig neu­en sexu­al­ethi­schen Kon­zep­ten. Man kön­ne in die­sen Fra­gen nicht auf die römi­sche Syn­ode war­ten. Schließ­lich „sind wir kei­ne Filia­le von Rom“.

2019 ging Marx geschmei­di­ger vor. Der Ant­wort­brief an Papst Fran­zis­kus lässt sei­ne Hand­schrift erken­nen, ist aber auch von ZdK-Prä­si­dent Tho­mas Stern­berg unter­schrie­ben. Zunächst neh­men die bei­den zustim­mend alle posi­ti­ven Stich­wor­te von Fran­zis­kus auf: Man füh­le sich „bestärkt“ durch das Schrei­ben sei­ner Hei­lig­keit in der gemein­sa­men „Sor­ge um die Zukunft der Kir­che“. Er ver­si­cher­te: „wir wol­len auf Got­tes Wort hören“, den „Weg der Erneue­rung als geist­li­chen Pro­zess gestal­ten“, man müss­te nach dem „Pri­mat der Evan­ge­li­sie­rung“ vor­ge­hen, den (welt-) „kirch­li­chen Sinn“ beher­zi­gen sowie „ver­bun­den und in Ein­heit mit der gan­zen Kir­che“ bleiben.

Die­se ein­lei­ten­de Wie­der­ho­lung eini­ger Begrif­fe aus dem Papst­schrei­ben scheint den Ein­druck von Zustim­mung gegen­über dem Adres­sa­ten zu ver­mit­teln. Die wei­te­re Text­ana­ly­se zeigt dage­gen, dass Marx und Stern­berg hin­ter die­ser umgar­nen­den Freund­lich­keit der schein­ba­ren Über­ein­stim­mung doch nur ihre bis­he­ri­ge Agen­da fort­füh­ren wol­len:
Mit kei­nem Wort gehen die bei­den auf die ent­schei­den­de Kri­tik des Pap­stes gegen­über kirch­li­chen Struk­tur­re­for­men und pela­gia­ni­schem Aktio­nis­mus ein. Sie igno­rie­ren auch das Kern­stück der päpst­li­chen Argu­men­ta­ti­on, nicht dem Irr­weg der struk­tu­rel­len Reor­ga­ni­sa­ti­on der Kir­che zu fol­gen, son­dern mit der Neue­van­ge­li­sa­ti­on der Gemein­den eine mis­sio­na­ri­sche Dyna­mik für die pil­gern­de Kir­che zu ent­fal­ten. Statt­des­sen hal­ten sie unver­än­dert an eben die­sem Pro­gramm des Syn­oda­len Wegs fest, indem sie schrei­ben: „Wir wol­len“ wei­ter­hin mit den vier Syn­odal­fo­ren die struk­tu­rel­len Refor­men der Kir­che forcieren.

Die­sen Affront gegen die päpst­li­chen Wei­sungs­wor­te kaschie­ren Marx und Stern­berg mit einer Umstel­lung: Den vom Papst kon­sta­tier­ten Gegen­satz von irre­lei­ten­dem Struk­tur­wan­del statt mis­sio­na­ri­scher Evan­ge­li­sie­rung ver­su­chen sie damit zu neu­tra­li­sie­ren, dass sie den vom Papst kri­ti­sier­ten Weg der Struk­tur­re­for­men als Vor­stu­fe der Neue­van­ge­li­sie­rung aus­ge­ben: „Wir wol­len“ den struk­tu­rel­len Wan­del der deut­schen Kir­che ent­lang der Forumsthe­men „mit der Per­spek­ti­ve der Evan­ge­li­sie­rung“ ein­lei­ten. Im Sin­ne die­ser Sprach­re­ge­lung drück­te sich der Lim­bur­ger Bischof Bät­zing aus, als er Ende 2019 zur anste­hen­den Syn­oden­ar­beit sag­te: „Wenn wir Brücken bau­en zur Lebens­wirk­lich­keit der Men­schen und Blocka­den lösen (sie­he oben Marx‘ Sprach­re­ge­lung), dann fan­gen wir an, im besten Sinn zu evan­ge­li­sie­ren.“ Mit die­sem Vor­ge­hen ver­mit­teln die besag­ten Bischö­fe den Ein­druck, als wür­den sie dem Anlie­gen des Pap­stes zum Pri­mat der Evan­ge­li­sie­rung statt Struk­tur­re­for­men fol­gen. Aus der Ana­ly­se des Ant­wort­briefs geht jedoch her­vor, dass wei­ter­hin der struk­tu­rel­le Wan­del im Vor­der­grund steht.

Kar­di­nal Marx blieb bei der unwah­ren Begrün­dungs­be­haup­tung, dass mit den ange­peil­ten Struk­tur- und Lehr­ver­än­de­run­gen „die Ursa­chen des Miss­brauchs­skan­dals bekämpft“ wür­den. Danach ver­kehr­te er die päpst­li­che Wei­sung vom Pri­mat der Evan­ge­li­sie­rung in das Gegen­teil: Mit den vor­ran­gi­gen kirch­li­chen System­ver­än­de­run­gen wür­den „die Vor­aus­set­zun­gen dafür ver­bes­sert, dass wir uns selbst evan­ge­li­sie­ren“, um dann die Evan­ge­li­sie­rung von Kir­che und Welt zu voll­enden. Bei die­ser Marx’schen Pro­zes­sar­gu­men­ta­ti­on wird über­deut­lich, dass er auf dem Syn­oda­len Weg den Pri­mat vom kirch­li­chen System­wan­del vor­an­stel­len will, das Evan­ge­li­um und die Evan­ge­li­sie­rung dage­gen hintanstellt.

Auch der Syn­oden­theo­lo­ge Tho­mas Söding bedient die­ses Nar­ra­tiv der Bischö­fe. Auf der ersten Syn­odal­ver­samm­lung am 31. Janu­ar 2020 sag­te er: „Pri­mat des Evan­ge­li­ums heißt (…), dass wir dann auf die Über­zeu­gungs­kraft des Evan­ge­li­ums setz­ten, wenn ech­te Ver­än­de­run­gen anste­hen: bei der Macht­ver­tei­lung, den Rol­len von Prie­stern, den Dien­sten von Frau­en, der Sexu­al­mo­ral. Alles, was sich hier ändert, um die Evan­ge­li­sie­rung zu för­dern, ist schon Evan­ge­li­sie­rung.“ Im Klar­text: Struk­tur­ver­än­de­run­gen sei­en mit Evan­ge­li­sie­rung identisch.

Kar­di­nal Marx sprach am 19. Sep­tem­ber 2019 mit dem Papst über des­sen Brief. Als Ergeb­nis ver­kün­de­te er: „kei­ne Stopp­schil­der aus Rom für den Syn­oda­len Weg“, den man unver­än­dert „wei­ter­ge­hen“ wer­de. Wie konn­te das sein, da der Papst­brief dem Syn­oda­len Weg doch schwer­wie­gen­de Feh­ler vor­ge­wor­fen hat­te? Hat der Papst nicht die Rocha­de in Mar­xens Argu­men­ta­ti­on in des­sen Ant­wort­brief durch­schaut, in dem die Evan­ge­li­sie­rung hint­an­ge­stellt und der Pri­mat der pela­gia­ni­schen Struk­tur­re­for­men pro­pa­giert wird? Wir wis­sen nicht, ob und mit wel­chen wei­te­ren Ver­spre­chun­gen oder Dro­hun­gen der elo­quen­te Marx den Papst umgarnt hat. Das Pres­se­fo­to nach die­ser Begeg­nung spricht jeden­falls Bän­de: Es zeigt einen zufrie­den schau­en­den Marx und einen betrübt drein­blicken­den Fran­zis­kus. Der gewich­ti­ge deut­sche Kar­di­nal hat­te sich offen­bar mit sei­ner Umar­mungs­tak­tik von schein­ba­rer Zustim­mung und hin­ter­sin­ni­gem Fest­hal­ten an den kri­ti­sier­ten Struk­tur­re­for­men beim Papst durchgesetzt.

Hin­zu kommt, dass die­ser Papst in wich­ti­gen kirch­li­chen Lehr­fra­gen laviert, indem er mehr­fach zwi­schen Ja und Nein schwan­ken­de Ant­wor­ten oder zwei­deu­ti­ge Aus­sa­gen in den Raum stell­te. Er zeigt nicht die lehr­mä­ßi­ge Klar­heit und lehr­amt­li­che Bestimmt­heit der bei­den Vor­gän­ger­päp­ste. Papst Johan­nes Paul II. und Kar­di­nal Ratz­in­ger hat­ten vor 25 Jah­ren den deut­schen Bischö­fen kla­re, begrün­de­te Ansa­gen zu der Schein­aus­stel­lung bei Abtrei­bungs­be­ra­tun­gen gesetzt. Sie führ­ten sechs Jah­re lang gedul­dig Gesprä­che, lie­ßen sich aber nicht durch die Win­kel­zü­ge von Kar­di­nal Leh­mann und Bischof Kam­p­haus an der Nase rum­füh­ren, son­dern wur­den ihrer Ver­ant­wor­tung als Hir­ten und Leh­rer der Kir­che gerecht.

Am deutschen Synodalwesen soll die Weltkirche genesen?

Die Kuri­en­krei­se, die den Papst­brief ange­regt hat­ten, schrie­ben auch einen eige­nen Brief an Kar­di­nal Marx zu dem vor­lie­gen­den Sta­tut des Syn­oda­len Wegs. Kuri­en­kar­di­nal Ouel­let führ­te in sei­nem Schrei­ben aus, die deut­sche Syn­odal­ver­samm­lung hät­te kein Recht, über The­men, die die Welt­kir­che betref­fen, ver­bind­li­che Beschlüs­se zu fas­sen. Bezüg­lich der Ver­fah­rens­re­geln erin­ner­te er dar­an, dass die Syn­oda­li­tät „kein Syn­onym für Demo­kra­tie und Mehr­heits­ent­schei­dun­gen“ sei. Außer­dem dürf­ten über lehr­amt­li­che Fra­gen die Bischö­fe zwar mit den Lai­en­or­ga­ni­sa­tio­nen bera­ten, aber sich nicht von einer Mehr­heit über­stim­men las­sen. Laut Syn­odal­sta­tut bil­den die 69 Bischö­fe eine Min­der­heit in der Ple­nar­ver­samm­lung von 230 Synodalen.

Doch genau die­se Ver­stö­ße gegen kirch­li­ches Ver­fah­rens­recht mach­te sich die Syn­odal­ver­samm­lung mit der demo­kra­ti­schen Gleich­stel­lung von Bischö­fen und Lai­en in Bera­tung und Mehr­heits­ent­schei­dung zu eigen. Es besteht offen­sicht­lich wei­te­rer Klä­rungs­be­darf zu der ange­spro­che­nen Dif­fe­renz zwi­schen kirch­lich-syn­oda­lem und poli­tisch-demo­kra­ti­schem Ver­fah­ren, das deutsch-pro­gres­si­ve Krei­se der katho­li­schen Kir­che über­stül­pen wollen:

  • In der Demo­kra­tie sind die Inter­es­sens­stand­punk­te von Ein­zel­nen, Grup­pen und Par­tei­en Aus­gangs­punkt im Streit der sich wech­sel­sei­tig als Glei­che aner­ken­nen­den Dis­ku­tan­ten. Über den Zwi­schen­schritt der Wah­len von Volks­ver­tre­tern fin­den die Reprä­sen­tan­ten Lösun­gen im Kom­pro­miss als Inter­es­sens­aus­gleich oder durch Mehr­heits­ent­schei­dun­gen. Die betei­lig­ten Par­tei­en, Inter­es­sen­grup­pen und Ver­bän­de legen ihre Grund­sät­ze und Zie­le nach eige­nem Gut­dün­ken fest.
  • Im Pro­zess der kirch­li­chen Bera­tun­gen und Syn­oden sind dage­gen die Glau­bens­grund­sät­ze der Kir­che unver­füg­bar in der Leh­re und Per­son Jesus Chri­stus vor­ge­ge­ben und im apo­sto­li­schen Glau­bens­be­kennt­nis fest­ge­schrie­ben. Des­halb kön­nen die Gläu­bi­gen nicht belie­big nach eige­nen Inter­es­sen vor­ge­hen oder als Gemein­schaft über Glau­bens­in­hal­te abstim­men. Denn der Sou­ve­rän der Kir­che ist nicht das Volk Got­tes, son­dern Jesus Chri­stus, der Herr. Die Bewah­rung der Glau­bens­leh­re und die Hir­ten­sor­ge hat Jesus den Apo­steln und damit den Bischö­fen auf­ge­ge­ben. Daher haben ihre Bera­tun­gen und Beschlüs­se auf Kon­zi­li­en und Syn­oden zu Aus­le­gung, Ver­kün­di­gung und Lei­tungs­fra­gen völ­lig ande­ren Cha­rak­ter als die eines Par­la­ments. Denn sie sind an die Schrift und Dog­men der Kir­che gebun­den, wie das jeder Bischof in sei­nem Amts­eid bekräf­tigt. Aus die­sem Grund kön­nen bei syn­oda­len Zusam­men­künf­ten der Bischö­fe zwar Anhö­run­gen und Bera­tun­gen mit kirch­lich unge­bun­de­nen Lai­en erlaubt sein, die aber kein Abstim­mungs­recht und ins­be­son­de­re kei­ne dies­be­züg­li­che Gleich­stel­lung bei kirch­li­chen Ent­schei­dun­gen ein­for­dern können.

Auf die kri­ti­schen Ein­wän­de der vati­ka­ni­schen Kurie zu den unhalt­ba­ren Ver­fah­rens­re­geln des Syn­oda­len Wegs ant­wor­te­te Kar­di­nal Marx eben­so geschmei­dig wie auf den Papst­brief: Die DBK hät­te bewusst kei­ne kir­chen­recht­lich vor­ge­se­he­ne Form für die deut­sche Syn­odal­ver­samm­lung gewählt. Des­halb brau­che man sich auch nicht an die vor­ge­schrie­be­nen Regeln des Kir­chen­rechts und der kirch­li­chen Syn­oden­tra­di­ti­on zu hal­ten. Zudem nahm er sich das Recht her­aus, Fra­gen, bei denen das römi­sche „Lehr­amt Fest­le­gun­gen getrof­fen“ habe, wei­ter­hin nach Belie­ben zu debat­tie­ren. (Die­se Infra­ge­stel­lung des Lehr­amts bestä­tig­te eine Abstim­mungs­mehr­heit der Ple­nar­ver­samm­lung, nach der auch Vor­la­gen behan­delt wer­den kön­nen, die den lehr­amt­li­chen Fest­le­gun­gen wider­spre­chen.) Die welt­kirch­li­che Syn­oda­li­tät in lehr­amt­li­cher Ein­heit mit der gesam­ten Kir­che ver­dreh­te Marx in das Gegen­teil, indem er erwar­te­te, dass die Ergeb­nis­se der deut­schen Son­der­weg­syn­ode „auch für die Welt­kir­che und für ande­re Bischofs­kon­fe­ren­zen … hilf­reich“ sei­en.ii Gegen die­se Anma­ßung, dass die Welt­kir­che am deut­schen Syn­odal­we­sen gene­sen soll, hört man jetzt schon Stim­men von ita­lie­ni­schen, fran­zö­si­schen und pol­ni­schen Theo­lo­gen: Der Syn­oda­le Weg defor­mie­re das Evan­ge­li­um und habe vor­ran­gig poli­ti­sche „sub­ver­si­ve Zie­le“.iii

Bischöflicher Gegenwind; aber mächtige Medienpuste treibt das Synodalschiff weiter

Die Bischö­fe Voder­hol­zer und Woel­ki hat­ten aus den Impul­sen des päpst­li­chen Lehr­schrei­bens einen alter­na­ti­ven Sta­tu­ten­ent­wurf für die Syn­ode vor­ge­legt. Statt der bis­he­ri­gen „über­be­ton­ten Kon­zen­tra­ti­on auf Struk­tur­fra­gen“ in den Foren plä­dier­ten die bei­den für neue The­men­for­ma­te, die dem Pri­mat der Evan­ge­li­sie­rung und der mis­sio­na­ri­schen Sen­dung der Kir­che ent­sprä­chen. Auf der Herbst­voll­ver­samm­lung der Deut­schen Bischofs­kon­fe­renz in Ful­da 2019 wur­den die­se Vor­schlä­ge von der Mehr­heit der Bischö­fe abge­schmet­tert. Bei der anschlie­ßen­den Abstim­mung über die offi­zi­el­len Sta­tu­ten­re­geln ent­schie­den sich immer­hin 13 der 64 deut­schen Bischö­fe, also ein Fünf­tel, nicht für die Vor­la­ge der DBK-Füh­rung. Die­se kir­chen- und glau­bens­treue Min­der­heit der Bischö­fe wird auch in den Foren wei­ter­hin ihre kri­ti­sche Stim­me erheben.

Ende Janu­ar 2020 fand die Eröff­nung und erste Ple­nar­ver­samm­lung des Syn­oda­len Wegs in Frank­furt statt. Die Füh­rung von DBK und ZDK sowie die kirch­li­chen Hof­me­di­en waren voll des Lobes, dass Lai­en­ver­tre­ter, in alpha­be­ti­scher Rei­hen­fol­ge neben Bischö­fen sit­zend, nach Belie­ben über Struk­tur­re­for­men und Lehr­amts­fra­gen debat­tie­ren und abstim­men könn­ten. Die BDKJ-Ver­tre­te­rin Pau­li­na Hau­ser (26) ist dar­über begei­stert, dass die Jugend­ver­tre­ter „ein biss­chen Nar­ren­frei­heit haben“ und auf der Syn­ode „das her­aus­hau­en, was ihnen auf der Zun­ge liegt“.iv

„Narrenfreiheit“ der Laien

Wie oben dar­ge­legt, stellt die deut­sche Syn­odal­ver­samm­lung die syn­oda­le Bera­tungs­ord­nung der Kir­che auf den Kopf:

  • Die mehr­heit­li­che Lai­en­ver­samm­lung will und kann kei­ne regu­lä­re kirch­li­che Syn­ode sein. Sie maßt sich aber an, über bischöf­li­che und prie­ster­li­che Lei­tungs­fra­gen zu ent­schei­den und abzu­stim­men und sogar über welt­kirch­li­che Lehr­amts­fra­gen – etwa bei der grund­stür­zen­den Neu­kon­zep­ti­on der kirch­li­chen Sexualmoral.
  • Die Frank­fur­ter Syn­odal­ta­gung fühlt sich weder gebun­den an die biblisch-apo­sto­li­schen und kirch­lich-dog­ma­ti­schen Grund­la­gen­tex­te noch an den sen­sus eccle­siae, also den Ein­klang mit der Gesamtkirche.
  • Auch von einer Hin­füh­rung zum Evan­ge­li­um (Evan­ge­li­sie­rung) ist in den Tex­ten des Syn­oda­len Wegs nur als deko­ra­ti­ver Nach­schlag zu den Struk­tur­re­for­men die Rede.

Auf die oben genann­ten Bedin­gun­gen für jede kirch­li­che Syn­oden­ver­samm­lung hat Papst Fran­zis­kus hin­ge­wie­sen. Die syn­oda­len Text-Autoren dage­gen stüt­zen sich haupt­säch­lich auf welt­li­che „Erkennt­nis­se“, um die Kir­che in ihrer Kon­sti­tu­ti­on an die poli­ti­schen Regeln des demo­kra­ti­schen Staa­tes anzu­glei­chen. In die­sem Hori­zont dis­ku­tie­ren Teil­neh­mer die vor­ge­leg­ten Text­the­sen wie ein welt­li­cher Inter­es­sen­ver­band oder par­la­men­ta­ri­scher Debat­tier­club: Jedes Syn­odal-Mit­glied haut das her­aus, was ihm auf der Zun­ge liegt. Am Maß­stab der kirch­li­chen Pflicht zur biblisch und dog­ma­tisch gebun­de­nen Bera­tung ist das die Metho­de der welt­li­chen Narrenfreiheit.

Frü­her hat man eine Syn­ode, die außer­halb der kirch­li­chen Regeln, der kir­chen­recht­li­chen Regu­la­ri­en und des sen­sus eccle­siae ope­rier­te, ein irre­gu­lä­res „Räu­ber­kon­zil“ genannt, heu­te heißt sie Syn­oda­ler Weg als „Pro­zess sui gene­ris“ (Marx). Steht am Ende des Pro­zess-Durch­laufs der Syn­oda­len Weg­ge­nos­sen eine (deut­sche) ‚Kir­che eige­ner Art‘?

Bild: Wikicommons/Tagespost/Montage (Screen­shot)


i Das Brief­ge­heim­nis: Her­der Kor­re­spon­denz 10/2019

ii Marx weist Kri­tik aus Rom mit schar­fen Wor­ten zurück: FAZ vom 16. 9. 2019

iii Die Tages­post vom 15. 10. 2020

iv Die Nar­ren­frei­heit nut­zen als Jugend­ver­tre­ter auf dem Syn­oda­len Weg, in: Der Wein­berg 5/2020, Monats­zeit­schrift der OMI-Ordensgemeinschaft

[Update] Der vor­lie­gen­de Text ist eine über­ar­bei­te­te Fas­sung des am 20. Okto­ber ver­öf­fent­lich­ten Beitrags.

2 Kommentare

  1. Wie ver­blö­det ist der deut­sche Klerus?
    Die­sel­ben Medi­en, die die syn­oda­le Gei­ster­fahrt beju­beln, fei­ern die hohen Kir­chen­aus­tritt Zahlen.
    Dreht euch nur schön wei­ter um euch selbst, der letz­te macht das Licht aus.

  2. Ich kann es nicht mehr lesen, was sol­len die gan­zen Arbeits­grup­pen, Räte, Foren, eben all das, was in dem Arti­kel genannt ist?
    Unser drei­fal­ti­ger Gott kommt mit 10 Gebo­ten aus und Jesus hat sie zu zwei­en zusam­men­ge­fasst, dem Gebot der Got­tes­lie­be (aus gan­zer See­le und aus gan­zem Her­zen) und dem Gebot der Näch­sten­lie­be (aber nicht mehr als Selbst­lie­be, das ist das, was Papst und Bischö­fe im Hin­blick auf die Migra­ti­on nicht beachten).
    Alles ist so ver­dreht, dass man es nicht mehr gera­de bie­gen kann.
    Es muss ein Neu­an­fang her, ohne all das, was oben genannt ist und ohne Bischofs­kon­fe­renz, ohne Zd„K“, ohne BD„K„J, ohne „K„fD ohne alle Funk­tio­nä­re und ohne die mei­sten jet­zi­gen Bischö­fe, ohne Pfarr­ge­mein­de­rä­te, Pasto­ral-sonst­was, ohne alle, die den Hei­lig­sten Leib des Herrn mit unge­weih­ten Hän­den anfas­sen wol­len, ohne alle, die den Altar­raum bevöl­kern wol­len, ohne fast alle heu­ti­gen Theo­lo­gen, ohne alle Öku­me­ni­ker, ohne Kon­ze­le­bran­ten und ohne son­sti­ge Kir­chen­zer­stö­rer und vor allem ohne Kir­chen­steu­er, die haupt­säch­lich Kuckuck­s­ei­er ausbrütet.
    Wir brau­chen Bischö­fe und Prie­ster, die alles glau­ben, was die katho­li­sche Kir­che zu glau­ben vor­legt und der Offen­ba­rung und der Tra­di­ti­on nicht wider­spricht, die Eucha­ri­sti­sche Anbe­tun­gen hal­ten, die vol­ler Lie­be und Got­tes-Ehr­furcht so vie­le Hei­li­ge Mess­op­fer fei­ern, wie nur mög­lich, die einen zur Anbe­tung und Ehr­furcht hin­füh­ren­den Sakral­raum für die gött­li­che Lit­ur­gie för­dern , die Pre­dig­ten hal­ten, die der Hei­li­gung der Men­schen die­nen, die die Sou­ta­ne tra­gen, die an den Hoch­al­tä­ren fei­ern zum Herrn hin, die Kate­che­sen für Erwach­se­ne und Kin­der hal­ten, die See­len ret­ten wol­len, die gar nicht anders als zöli­ba­tär leben wol­len und kön­nen, denn ihre gan­ze Lie­be gehört dem Herrn, da ist kei­ne Lie­be für eine Frau mehr übrig. Im Him­mel gibt es kei­ne Ehen mehr, denn die von Gott gewoll­te Zahl der Men­schen im Him­mel ist erreicht. Prie­ster sind auch in der Ewig­keit Priester.
    Gläu­bi­ge, die das auch alles nicht mehr wol­len, was in dem Arti­kel oben genannt ist, kön­nen sicher Prie­ster vor­schla­gen, die zum Bischof geweiht wer­den könn­ten, denn die gibt es, in der Regel sind sie vom Bischof „in die Pam­pa“ versetzt.

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