„So hart dies jetzt klingen mag, aber es ist gut, wenn Missbrauchsfälle bekannt werden“

P. Hans Zollner über den Mißbrauchsgipfel im Vatikan

Interview von P. Hans Zollner über den Mißbrauchsgipfel im Vatikan.
Interview von P. Hans Zollner über den Mißbrauchsgipfel im Vatikan.

(Rom) In einem Monat beginnt im Vati­kan das Gip­fel­tref­fen, um über den sexu­el­len Miß­brauch von Min­der­jäh­ri­gen durch Kle­ri­ker zu bera­ten. Das Tref­fen wird drei Tage dau­ern, vom 21. — 24. Febru­ar. Das von Papst Fran­zis­kus beauf­trag­te Orga­ni­sa­ti­ons­ko­mi­tee besteht aus vier Per­so­nen. Stel­lung­nah­men in der Öffent­lich­keit gaben bis­her nur zwei Komi­te­e­mit­glie­der ab: Kar­di­nal Bla­se Cup­ich, der Erz­bi­schof von Chi­ca­go, und der deut­sche Jesu­it Hans Zoll­ner. Mit P. Zoll­ner ver­öf­fent­lich­te Vati­can­News gestern ein Inter­view, das wegen der Bedeu­tung des The­mas voll­in­halt­lich wie­der­ge­ge­ben wird. Die The­se von Papst Fran­zis­kus, das Haupt­pro­blem sei der „Kle­ri­ka­lis­mus“, greift Zoll­ner nicht auf. Über­haupt spricht er die Ursa­chen für den sexu­el­len Miß­brauch durch Kle­ri­ker nicht an. Der Fokus ist auf die Opfer gerich­tet, nicht auf die Täter.

Zollner hofft auf Folgetreffen für römischen Kinderschutz-Gipfel

Der deut­sche Jesu­it Hans Zoll­ner gehört dem Orga­ni­sa­ti­ons­ko­mi­tee des Gip­fels an. Er lehrt Psy­cho­lo­gie an der päpst­li­chen Uni­ver­si­tät Gre­go­ria­na in Rom und lei­tet das dort ansäs­si­ge Zen­trum für Kin­der­schutz. Papst Fran­zis­kus berief ihn 2017 zum Kon­sul­tor an die Kle­rus­kon­gre­ga­ti­on, wo Zoll­ner das The­ma Kin­der­schutz in der Prie­ster­aus­bil­dung ver­tieft.

Fra­ge: Pater Zoll­ner, noch knapp vier Wochen bis zum Tref­fen der Bischö­fe zum The­ma Kin­der­schutz. Wie geht es Ihnen?

Pater Zoll­ner: „Auch wenn jetzt vie­les gleich­zei­tig auf ein­mal kommt, eigent­lich recht gut. Die Zusam­men­ar­beit sowohl inner­halb der Vor­be­rei­tungs­grup­pe als auch die Koope­ra­ti­on mit den jeweils zustän­di­gen Stel­len der römi­schen Kurie funk­tio­niert rei­bungs­los. Alle bemü­hen sich in dem wich­ti­gen Anlie­gen des Kin­der­schut­zes zusam­men­zu­ar­bei­ten, und gemein­sam wird dar­um gerun­gen, wie dies am besten gesche­hen kann. Hier ist inten­siv erleb­bar, was es heißt, einer Welt­kir­che anzu­ge­hö­ren, in der unter­schied­lich­ste Kul­tu­ren, Men­ta­li­tä­ten, Gepflo­gen­hei­ten und Denk­wei­sen nicht nur irgend­wie mit­ein­an­der aus­kom­men müs­sen, son­dern auch auf gegen­sei­ti­ge Unter­stüt­zung und Zusam­men­ar­beit ange­wie­sen sind. Dar­in steckt eine gro­ße Her­aus­for­de­rung. Wir müs­sen dar­auf ach­ten, dass uns das nicht pas­siert, dass wir zwar vom sel­ben spre­chen, letzt­end­lich aber Unter­schied­li­ches damit mei­nen. Unter­schied­li­che Bil­der von Kind­heit, ver­schie­de­ne Ver­ständ­nis­wei­sen von Auto­ri­tät oder auch dif­fe­rie­ren­de Auf­fas­sun­gen dar­über, was Pri­vat­heit bzw. die Defi­ni­ti­on von deren Gren­zen bedeu­ten. spie­len oft unaus­ge­spro­chen mit. Vor­schnell anzu­neh­men es ist doch sowie­so alles klar, wäre ein Feh­ler und alle Maß­nah­men, so gut sie auch gemeint sind und ener­gisch ange­gan­gen wer­den, wür­den ohne Nach­hal­tig­keit ins Lee­re lau­fen.“

Fra­ge: Kann man da über­haupt auf einen gemein­sa­men Nen­ner kom­men? Gibt es nicht all­zu gro­ße Unter­schie­de inner­halb die­ser einen Welt­kir­che?

Pater Zoll­ner: „Die Fra­ge und die damit ver­bun­de­ne Sor­ge sind einer­seits natür­lich ver­ständ­lich. Aber ande­rer­seits, wenn wir es auf­ge­ben, nach gemein­sa­men Wegen und wech­sel­sei­ti­gem Ver­ste­hen zu suchen, was blie­be dann noch übrig von der einen katho­li­schen, apo­sto­li­schen Kir­che? Hie­ße das dann nicht auch, dass es gar nicht mög­lich ist, gemein­sam zu glau­ben, sich gemein­sam an den himm­li­schen Vater zu wen­den? Der Leib Chri­sti, der aus ver­schie­de­nen Glie­dern besteht, wür­de sich auf­lö­sen. Theo­lo­gisch gese­hen wäre das eine Bank­rott­erklä­rung und auch eine ziem­lich unfrom­me Zurück­wei­sung des Hei­li­gen Gei­stes, in dem wir alle ver­bun­den sind. Uns bleibt gar nichts Ande­res übrig, als uns den Schwie­rig­kei­ten inter­kul­tu­rel­ler Kom­mu­ni­ka­ti­on und inter­kul­tu­rel­ler Koope­ra­ti­on zu stel­len, mit denen sich jede supra­na­tio­na­le Orga­ni­sa­ti­on in unse­rer Zeit kon­fron­tiert sieht. Doch bei uns als Kir­che geht es nicht bloß um die prak­ti­sche Fra­ge, dass man sich um Effek­ti­vi­tät und Effi­zi­enz wil­len irgend­wie ver­ste­hen soll­te. Im kirch­li­chen Bereich geht es um die Fra­ge des Selbst­ver­ständ­nis­ses, um das eige­ne Wesen. Auch wenn wir in der Ver­gan­gen­heit unter Umstän­den dem The­ma Inter­kul­tu­ra­li­tät zu wenig Beach­tung bei­gemes­sen haben, ent­bin­det uns dies nicht von der Pflicht, jetzt ange­mes­sen damit umzu­ge­hen.“

Fra­ge: Wäre es da nicht ein­fa­cher, ein­mal „auf den Tisch zu hau­en“, um mög­lichst schnell zu Ergeb­nis­sen zu kom­men, noch dazu wenn es um Kin­der- und Jugend­schutz geht?

Pater Zoll­ner: „Sicher­lich, das kann man machen und muss es wahr­schein­lich auch. Bleibt es jedoch dabei und dies viel­leicht sogar aus­schließ­lich, dann wird man lang­fri­stig nicht unbe­dingt wirk­lich etwas errei­chen. Las­sen Sie mich dazu fol­gen­den Ver­gleich anstel­len. Ein Schwer­kran­ker braucht den sofor­ti­gen und ent­schie­de­nen Zugriff durch den Not­arzt. Lan­ge Dis­kus­sio­nen dar­über, was denn jetzt die rich­ti­ge Maß­nah­me sein könn­te, wie sie sich spä­ter aus­wirkt, wer bei der Ent­schei­dungs­fin­dung noch betei­ligt wer­den soll­te etc., kön­nen lebens­ge­fähr­lich sein. Doch eines ist auch klar: der Not­arzt mit sei­nem ad hoc-Han­deln allein wird den Kran­ken nicht wie­der gesund machen, da braucht es schon noch den Kran­ken­haus­auf­ent­halt, die Reha­bi­li­ta­ti­on, die schritt­wei­se Wie­der­ein­glie­de­rung in den „nor­ma­len“ All­tag. Ähn­lich ver­hält es sich bei der Auf­ar­bei­tung jener tie­fen Kri­se, in der sich die Kir­che auf Grund der Miss­bräu­che und dem Umgang damit befin­det.

Fra­ge: Und das heißt kon­kret?

Pater Zoll­ner: „Das heißt, Sofort­maß­nah­men (wie z. B. Ent­fer­nung von Tätern aus Ämtern, Ent­las­sun­gen aus dem Kle­ri­ker­stand, Erlas­sen von Richt­li­ni­en) sind uner­läss­lich. Den­noch braucht es noch etwas Ande­res, etwas das tie­fer geht, etwas das zu ver­än­der­ten Hal­tun­gen und Ein­stel­lun­gen führt und die Sen­si­bi­li­tät für von sexu­el­lem Miss­brauch Betrof­fe­ne und deren Anlie­gen stärkt. Vor­schrif­ten allei­ne kön­nen for­mal ohne inne­re Betei­li­gung und wirk­li­ches Ver­ständ­nis abge­ar­bei­tet wer­den, die Über­wa­chung von deren Ein­hal­tung viel­leicht sogar dele­giert wer­den, um dann nach anfäng­li­cher Auf­re­gung im Nebel der Unauf­merk­sam­keit und Nach­läs­sig­keit zu ver­schwin­den. Das kann nie­mand wol­len. Wenn dem so ist, dann braucht es aber auch die Bereit­schaft zu wirk­li­chen Bil­dungs­pro­zes­sen, die die Men­schen, in unse­rem Fall haupt­säch­lich die kirch­lich Ver­ant­wort­li­chen, wirk­lich ver­än­dern. Dies geht nicht von heu­te auf mor­gen.“

Fra­ge: Das heißt, es braucht Ihrer Mei­nung nach viel Kom­mu­ni­ka­ti­on, Aus­tausch und Dis­kus­si­on. Besteht da nicht die Gefahr, dass es nur beim Reden bleib? Ver­ste­hen Sie die Men­schen, die dar­über sehr ent­täuscht wären?

Pater Zoll­ner: „Natür­lich kann ich das ver­ste­hen; noch dazu vor dem Hin­ter­grund des jah­re­lan­gen bzw. jahr­zehn­te­lan­gen Ver­suchs auf kirch­li­cher Sei­te die Din­ge aus­zu­sit­zen, zu ver­schlei­ern oder — noch schlim­mer — zu ver­tu­schen. Die Sor­ge ist ver­ständ­lich, dass die Kir­che erneut ver­sucht, jetzt nicht durch Ver­schwei­gen, son­dern gleich­sam anders her­um durch vie­le Wor­te Pro­ble­me nur zuzu­decken statt sie wirk­lich auf­zu­ar­bei­ten. Blie­be es nur beim Reden, wür­de die Kir­che den Rest jener Glaub­wür­dig­keit ver­spie­len, auf den sie exi­sten­ti­ell ange­wie­sen ist, will sie ihrem Ver­kün­di­gungs­auf­trag gerecht wer­den. Glau­ben ver­kün­den ohne Glaub­wür­dig­keit geht nicht. Trotz aller Befürch­tun­gen bit­te ich jedoch eines zu beden­ken. Das Tref­fen im Febru­ar ist weder der Beginn noch der End­punkt kirch­li­chen Enga­ge­ments zum Schutz von Kin­dern und Jugend­li­chen.“

Fra­ge: Son­dern?

Pater Zoll­ner: „Ich hof­fe sehr und gehe davon aus, dass im Nach­gang zu die­ser Zusam­men­kunft regel­mä­ßig und kon­ti­nu­ier­lich dar­über berich­tet wird, wel­che Fort­schrit­te es gibt gegen­über dem, was im Febru­ar bespro­chen und beschlos­sen wur­de, und was hin­ge­gen noch der Umset­zung gemäß einer zuvor fest­ge­leg­ten Zeit­schie­ne bedarf. Trans­pa­renz braucht es eben nicht nur bei der Auf­ar­bei­tung ein­zel­ner Miss­brauchs­fäl­le, son­dern genau­so hin­sicht­lich der Maß­nah­men zur Qua­li­täts­si­che­rung der Prä­ven­ti­on und Auf­ar­bei­tung als sol­cher.“

Fra­ge: Da gibt es nur ein Pro­blem. Die Geduld der Men­schen hat einen gewis­sen End­punkt erreicht. Hin­zu­kommt, dass immer wie­der neue Fäl­le bekannt wer­den und man den Ein­druck hat, das Gan­ze nimmt kein Ende.

Pater Zoll­ner: „So hart dies jetzt klin­gen mag, aber es ist gut, wenn Miss­brauchs­fäl­le bekannt wer­den. Dies bedeu­tet, es wird nichts ver­tuscht, man stellt sich den Vor­komm­nis­sen im eige­nen Ver­ant­wor­tungs­be­reich, Betrof­fe­ne fin­den Gehör und haben eine Stim­me. Dass es über­haupt von Miss­brauch Betrof­fe­ne im Raum der Kir­che gibt, ist außer­or­dent­lich bit­ter. Nichts­de­sto­trotz wer­den wir dies auch in Zukunft trotz aller Anstren­gun­gen nicht zu 100 Pro­zent ver­hin­dern kön­nen, denn wir kön­nen weder in die ein­zel­nen Men­schen hin­ein­se­hen und fest­stel­len, was sie wann antreibt, noch kön­nen wir sie hun­dert­pro­zen­tig in ihrem Ver­hal­ten len­ken und bestim­men. Das Wis­sen dar­um soll­te uns jedoch nicht ent­mu­ti­gen, son­dern im Gegen­teil uns Ori­en­tie­rung für unser Han­deln geben. Dazu gehört es, bereit zu sein, alles in Kräf­ten Ste­hen­de zu tun, um Miss­brauch zu ver­hin­dern und, falls gesche­hen, auf­zu­ar­bei­ten. Eine Maß­nah­me oder eine bestimm­te Art von Maß­nah­me, noch dazu viel­leicht nur für eine begrenz­te Zeit, reicht dabei nicht aus.“

Fra­ge: Apro­pos Zeit. Die Zeit zur Vor­be­rei­tung des Febru­ar­tref­fens war ja nicht gera­de lang…

Pater Zoll­ner: „Sagen wir mal so: Aus welt­li­cher Sicht ist es für die Kir­che eine gute Gele­gen­heit zu zei­gen, oder zumin­dest ein­zu­üben, dass sie kam­pa­gnen­fä­hig ist und sich in Sachen Kom­mu­ni­ka­ti­on, Akti­ons­be­reit­schaft sowie Agi­li­tät als kon­kur­renz­fä­hig bzw. eben­bür­tig mit der moder­nen Welt erweist. Aus kirch­li­cher Sicht muss Geschwin­dig­keit nicht Ein­bu­ßen an Qua­li­tät bedeu­ten, noch dazu, wenn die in Fra­ge ste­hen­de The­ma­tik schon län­ge­re Zeit und unter­schied­li­chen Orten von meh­re­ren Akteu­ren kom­pe­tent behan­delt wird. Hin­zu kommt, dass das für Febru­ar gewähl­te For­mat geeig­net ist, um ein drän­gen­des Pro­blem im Blick auf zen­tra­le Stell­schrau­ben anzu­ge­hen und ent­spre­chen­de Lösungs­stra­te­gien mög­lichst flä­chen­deckend zu initi­ie­ren. Das Tref­fen im Febru­ar ist nicht die end­gül­ti­ge Lösung aller Pro­ble­me und muss es nicht sein. Was es jedoch schon sein soll­te, ist ein wich­ti­ger Mei­len­stein auf einer über­schau­ba­ren Zeit­schie­ne mit damit ver­bun­de­nen Arbeits­auf­trä­gen.“

Fra­ge: Was heißt das jetzt genau? Wor­um geht es kon­kret im Febru­ar?

Pater Zoll­ner: „Die inhalt­li­che Arbeit ist auf drei Tage ange­legt, wobei jeder Tag ein bestimm­tes Leit­the­ma hat, das für kirch­lich Ver­ant­wort­li­che auf­grund der Prä­gung ihres Hand­lungs­kon­tex­tes von beson­de­rem Inter­es­se sein muss. Ent­spre­chend der für einen ange­mes­se­nen Umgang mit dem Phä­no­men Miss­brauch beson­ders rele­van­ten Kern­punk­te sind dies erstens das Leit­the­ma Verantwortung/Verantwortlichkeit, zwei­tens das Leit­the­ma Rechen­schafts­pflicht und drit­tens das Leit­the­ma Trans­pa­renz. Jeder Tag umfasst drei Vor­trä­ge, die das ent­spre­chen­de Leit­the­ma jeweils unter dem Gesichts­punkt, erstens, des ein­zel­nen Bischofs, sei­ner Auf­ga­ben und per­sön­li­chen Hal­tun­gen, zwei­tens, der Gemein­schaft der Bischö­fe und ihres Mit­ein­an­ders sowie drit­tens der gan­zen Gemein­schaft der Kir­che als Volk Got­tes erschlie­ßen. Bei der Aus­wahl des Krei­ses der Vor­tra­gen­den wur­de auf Viel­falt geach­tet. In die­sem Sinn hat man sich bemüht, Frau­en und Män­ner, Kle­ri­ker und Lai­en, Ver­tre­ter unter­schied­li­cher Kon­ti­nen­te, aber auch Pro­fes­sio­nen zu gewin­nen. Die Teil­neh­mer der Febru­ar­ver­an­stal­tung selbst haben die Gele­gen­heit, das Gehör­te im Anschluss in mode­rier­ter Grup­pen­ar­beit ver­tieft zu dis­ku­tie­ren und kon­kre­te Vor­schlä­ge für das wei­te­re Vor­ge­hen zu machen. Der Hei­li­ge Vater, der an der gan­zen Ver­an­stal­tung teil­neh­men wird, fasst am Ende des Tref­fens das Erar­bei­te­te zusam­men, wobei davon aus­zu­ge­hen ist, dass er dabei selbst eini­ge rele­van­te Neue­run­gen und Ver­än­de­run­gen ver­bind­lich an- bzw. ver­kün­den wird.“

Fra­ge: In wel­cher Form wer­den vom Miss­brauch Betrof­fe­ne selbst am Tref­fen betei­ligt sein?

Pater Zoll­ner: „Ja, es ist wich­tig, dass Betrof­fe­ne selbst zu Wort kom­men und dass nicht nur über sie gespro­chen wird. Dies soll den Betrof­fe­nen gegen­über jenen Respekt und jene Wert­schät­zung sowie Ach­tung zum Aus­druck brin­gen, die ihnen viel zu lan­ge und viel zu oft von Sei­ten der Kir­che ver­wei­gert wur­den. In der­sel­ben Absicht hat der Hei­li­ge Vater auch alle Teil­neh­mer am Febru­ar­tref­fen nach­drück­lich dar­um ersucht, das zu tun, was das Tref­fen als sol­ches aus Zeit- und Platz­grün­den so nicht lei­sten kann: mit Miss­brauchs­op­fern in ihren Ver­ant­wor­tungs­be­rei­chen Kon­takt auf­zu­neh­men, sich per­sön­lich mit ihnen zu tref­fen und auf Augen­hö­he aus­zu­tau­schen sowie sich von deren Erfah­run­gen berüh­ren zu las­sen. Es ist gleich­sam als noch­ma­li­ge Ver­ge­gen­wär­ti­gung die­ser Begeg­nun­gen und der damit ver­bun­de­nen Erfah­run­gen sowie Erkennt­nis­se gedacht, wenn wäh­rend der Tagung meh­re­re vom Miss­brauch Betrof­fe­ne bei den Wort­got­tes­dien­sten, die zwei­mal täg­lich statt­fin­den wer­den, auf unter­schied­li­che Wei­se Zeug­nis über ihr Leben able­gen wer­den. Dies reicht vom per­sön­lich gespro­che­nen Wort, über Video­bot­schaf­ten und vor­ge­tra­ge­ne Zita­te bis hin zur künst­le­ri­schen Gestal­tung.“

Fra­ge: Wor­an wer­den Sie, wor­an wird die Öffent­lich­keit fest­ma­chen kön­nen, dass das Tref­fen im Febru­ar erfolg­reich war?

Pater Zoll­ner: „Im Bild gespro­chen: die Lawi­ne ist ins Rol­len gekom­men und kann nicht mehr auf­ge­hal­ten wer­den. Kon­kret mei­ne ich damit, dass das in Rom Ver- und Behan­del­te über die Teil­neh­mer sei­nen Weg in die jewei­li­gen Orts­kir­chen fin­det und ent­spre­chen­de mess­ba­re Wir­kun­gen ent­fal­tet; dass die Teil­neh­mer dies­be­züg­lich ihre Lei­tungs­ver­ant­wor­tung wahr­neh­men; dass Klar­heit über not­wen­di­ge Instru­men­ta­ri­en gewon­nen wur­de, die dann auch ein­ge­setzt wer­den; dass bis­he­ri­ge Hemm­nis­se im Blick auf einen ange­mes­se­nen Umgang mit Miss­brauch deut­lich erkannt, benannt und nach einem mög­lich festen Zeit­plan dem­entspre­chend besei­tigt wer­den; dass alle ermu­tigt nach Hau­se zurück­keh­ren, um sich aktiv und ohne Scheu den Rea­li­tä­ten stel­len zu kön­nen und vor allem: dass auf allen Sei­ten sich die Bereit­schaft abzeich­net, die­ses Tref­fen im Febru­ar nicht das letz­te sei­ner Art sein zu las­sen, um sich dann über Fort­ent­wick­lun­gen und wei­te­re Zukunfts­schrit­te aus­zu­tau­schen und dar­auf ver­bind­lich zu ver­ein­ba­ren.“

Fra­ge: Und wenn es dann heißt, das ist aber ein dürf­ti­ges Ergeb­nis?

Pater Zoll­ner: „Mir ist klar, dass nicht weni­ge jetzt sagen wer­den, das ist aber eher mager! Vie­le wer­den sogar viel zu hohe Erwar­tun­gen an den Erfolg des Tref­fens haben. Das ist für alle bela­stend, in die­ser Wei­se gleich­sam zum Erfolg ver­ur­teilt zu sein. Gleich­zei­tig ist es jedoch trö­stend und stär­kend zugleich, sich klar zu machen: Die Erwar­tun­gen an den Erfolg der Ver­an­stal­tung im Febru­ar sind zugleich jener Rest an Hoff­nung und posi­ti­ver Erwar­tung an die Kir­che, der ihr noch etwas zutraut. Und Zutrau­en, das ist immer schon ein biss­chen Ver­trau­en. Soll­te jenes wach­sen, dann wäre das ein wich­ti­ger Erfolg oder bes­ser gesagt ein Stück weit Hei­lung für die, die die Kir­che durch ihr Ver­hal­ten ent­täuscht, ver­letzt, ent­rech­tet und krank­ge­macht hat.“

Fra­ge: Das Ver­trau­en in die Kir­che wird auch davon abhän­gen, ob das kla­re Signal kommt, dass inner­halb der Kir­che Einig­keit dar­über besteht, dass in Sachen Miss­brauch ganz drin­gen­der Hand­lungs­be­darf besteht. Weiß man jetzt schon, wie vie­le der Ein­ge­la­de­nen da sein wer­den?

Pater Zoll­ner: „Der Anmel­d­pro­zess läuft noch, aber man kann jetzt schon sagen, der aller­größ­te Teil der Ein­ge­la­de­nen hat sich bereits ange­mel­det. Es han­delt sich dabei neben den Vor­sit­zen­den der ein­zel­nen Bischofs­kon­fe­ren­zen z. B. auch um Häup­ter der Ori­en­ta­len, Gene­ral­obe­rin­nen und Gene­ral­obe­re der Orden, apo­sto­li­sche Admi­ni­stra­to­ren, sowie Kar­di­nä­le der römi­schen Kurie. Man kann allei­ne schon an die­ser Auf­zäh­lung erken­nen, dass die Katho­li­sche Kir­che nicht der erra­ti­sche Block ist, von dem ange­nom­men wird, dass er exi­stiert. Die Füh­rungs­struk­tur in der katho­li­schen Kir­che ist auf Grund histo­ri­scher Ent­wick­lun­gen und theo­lo­gisch-kir­chen­recht­li­cher Grund­la­gen sehr viel­fäl­tig. Dies gilt es — neben prak­ti­schen Fra­gen wie: „Haben wir die rich­ti­ge email-Adres­se?“, „Hat jeder Zugang zum Inter­net?“ — immer wie­der zu berück­sich­ti­gen, wenn alle betei­ligt und mit­ge­nom­men wer­den sol­len, um gemein­sa­me Zie­le zu errei­chen.“

Fra­ge: Da scheint ja das „Kir­chen­ma­nage­ment“ vor gro­ßen Her­aus­for­de­run­gen und Auf­ga­ben zu ste­hen. Wie gehen Sie damit um?

Pater Zoll­ner: „Dass es da Her­aus­for­de­run­gen gibt, ist in gewis­ser Hin­sicht sicher­lich eine zutref­fen­de Fest­stel­lung. Den­noch geht es schon auch noch um etwas Ande­res als nur Manage­ment; es geht um etwas Wich­ti­ge­res. Es geht um die theo­lo­gi­sche Fra­ge des rech­ten Ver­hält­nis­ses von Orts- und Welt­kir­che, das sich am Ende auch in jenen prak­ti­schen Fra­ge­stel­lun­gen ganz kon­kret aus­wirkt. Zuvor muss sich jeder der Betei­lig­ten jedoch klar wer­den, dass das Zuein­an­der von Orts- und Welt­kir­che in der Klä­rung von Kom­pe­ten­zen und damit eng ver­bun­de­nen Ver­ant­wort­lich­kei­ten sei­nen Nie­der­schlag fin­det. Wenn die Zustän­dig­kei­ten zwi­schen Orts- und Welt­kir­che bzw. den jewei­li­gen Lei­tungs­ver­ant­wort­li­chen unklar sind, dann wird sich das nega­tiv aus­wir­ken, und das des­avou­iert de fac­to die dahin­ter­ste­hen­de Theo­lo­gie. Nicht zuletzt des­halb, um das Ver­hält­nis von Orts- und Welt­kir­che in mög­lichst ange­mes­se­ner Wei­se zu berück­sich­ti­gen, haben wir bei der Vor­be­rei­tung der Tagung auch einen Fra­ge­bo­gen an alle Ein­ge­la­de­nen ver­schickt, mit dem der jewei­li­ge Sach­stand bezüg­lich des Umgangs mit dem The­ma Miss­brauch vor Ort erho­ben wer­den soll. Ziel dabei ist es, sich der Gemein­sam­kei­ten und Unter­schie­de auf welt­kirch­li­cher Ebe­ne bewusst zu wer­den, die Basis für gemein­sa­me Anstren­gun­gen zu klä­ren bzw. zu erar­bei­ten, unter­schied­li­che For­men von Kor­rek­tur­be­darf zu erken­nen sowie das Poten­ti­al und die Kom­pe­ten­zen der ein­zel­nen Orts­kir­chen für alle frucht­bar zu machen.“

Fra­ge: Vie­le enga­gie­ren sich, wol­len hel­fen im Blick auf die Tagung. Kann noch etwas schief­ge­hen? Was sind Ihrer Mei­nung nach die kri­ti­schen Punk­te?

Pater Zoll­ner: „Schief­ge­hen kann daher immer etwas. Doch letzt­end­lich bin ich guten Mutes, und gera­de als Chri­sten soll­ten wir das alle auch gemein­sam sein. Der Herr selbst hat uns ver­hei­ßen, dass er bei uns sein wird bis ans Ende aller Tage. Wir soll­ten daher die­ses Tref­fen im Febru­ar dem Herrn im Gebet anver­trau­en und das im Bewusst­sein sowie mit dem guten Gewis­sen, alles, was in unse­ren Kräf­ten steht, getan zu haben. Dazu gehört im Übri­gen eben­so unse­re bald frei­ge­schal­te­te Home­page mit einem offe­nen, für alle zugäng­li­chen Bereich und einem ande­ren, der den Teil­neh­mern des Tref­fens vor­be­hal­ten ist. Mit den damit zur Ver­fü­gung gestell­ten Infor­ma­tio­nen hof­fen wir sowohl zu hohen als auch zu nied­ri­gen Erwar­tun­gen an das Tref­fen begeg­nen zu kön­nen. Es wäre eine gro­ße Freu­de, wenn es damit gelän­ge, die Men­schen für das kirch­li­che Enga­ge­ment im Bereich Kin­der- und Jugend­schutz zu inter­es­sie­ren, Ver­trau­en auf­zu­bau­en und zu der Erkennt­nis zu moti­vie­ren, der Schutz von Kin­dern und Jugend­li­chen ist unser aller gemein­sa­me Auf­ga­be, zu der jeder und jede an sei­nem, an ihrem Platz etwas bei­tra­gen kann.“

Ein­lei­tung: Giu­sep­pe Nar­di
Inter­view: Vati­can­News
Bild: Vati­can­News

1 Kommentar

  1. Inter­es­sant, dass die­ser Miss­brauchs­gip­fel jetzt defi­ni­tiv auf den Schutz der Kin­der und Jugend gerich­tet wird. Die Fra­ge des Auto­ri­täts­miss­brau­ches eines Prie­sters z.B. mit einer 16, 17 oder 20…jährigen Per­son gilt es da wohl dann nicht zu klä­ren, da straf­recht­lich nicht rele­vant. Oder wie darf man das alles ver­ste­hen?
    Fol­gen­de Aus­sa­ge im Inter­view fin­de ich bil­lig: Wir soll­ten daher die­ses Tref­fen im Febru­ar dem Herrn im Gebet anver­trau­en und das im Bewusst­sein sowie mit dem guten Gewis­sen, alles, was in unse­ren Kräf­ten steht, getan zu haben.
    Das scheint mir ein gro­ßer Man­gel an Krea­ti­vi­tät, vor allem, da der Hei­li­ge Geist der unend­li­che Krea­ti­ve ist. Immer wie­der den­ke ich an unauf­ge­ar­bei­tet „Fäl­le“ allei­ne bei uns in Öster­reich. Wo sich nichts bewegt und Täter­net­ze nach wie vor mau­ern.
    Vie­le Opfer haben schon längst auf­ge­ge­ben und ver­zich­ten voll­ends auf irdi­sche Wie­der­gut­ma­chun­gen sei­tens der Kir­che. Der Herr selbst wird Gericht hal­ten. Die Mäch­ti­gen die sich jahr­zehn­te­lang erlaub­ten als Prie­ster Chri­sti durch ihr Tun und Las­sen Opfer see­lisch leben­dig zu ver­gra­ben stür­zen.

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