Malteserorden wählt morgen trotz Protesten neuen Großmeister

In nur 18 Monaten die zweite Großmeisterwahl

Von Fra Ruy Gonçalo do Valle Peixoto de Villas Boas als interimistischer Statthalter des Ordens wurde für morgen die Wahl des Großmeisters ausgerufen.
Fra Ruy Gonçalo do Valle Peixoto de Villas Boas, als er 2015 die feierliche Profeß ablegte. Als Statthalter des Ordens berief er für morgen zur Wahl des Großmeisters ein.

(Rom) Am ver­gan­ge­nen 29. April ver­starb in Rom Fra Gia­co­mo Dal­la Tor­re del Tem­pio di San­gui­net­to, der 80. Groß­mei­ster und Fürst des Sou­ve­rä­nen Mal­te­ser­or­dens. Trotz hef­ti­ger Pro­te­ste wur­de für mor­gen der Gro­ße Staats­rat ein­be­ru­fen, um den neu­en Groß­mei­ster zu wählen.

Seit dem Tod des Groß­mei­sters lei­tet der Por­tu­gie­se Fra Ruy Gon­ça­lo do Val­le Pei­xo­to de Vil­las Boas den Orden als inte­ri­mi­sti­scher Statt­hal­ter. Zu den vor­dring­li­chen Auf­ga­ben des Statt­hal­ters gehört die Vor­be­rei­tung und Durch­füh­rung von Neu­wah­len. Zu die­sem Zweck wur­de von Fra Vil­las Boas für den 7./8. Novem­ber der Gro­ße Staats­rat, eines der wich­tig­sten Gre­mi­en des Mal­te­ser­or­dens, einberufen.

Der Gro­ße Staats­rat wählt den neu­en Groß­mei­ster auf Lebens­zeit. Die Ver­samm­lung fin­det ab mor­gen in der Vil­la Magi­stra­le statt, dem römi­schen Palast des Groß­mei­sters. Der Palast in der Nähe der Spa­ni­schen Trep­pe ist exter­ri­to­ri­al und nicht Teil des ita­lie­ni­schen Staats­ge­bie­tes. Der Mal­te­ser­or­den ist ein sou­ve­rä­nes Völkerrechtssubjekt.

Für die Wahl des 81. Groß­mei­sters und Für­sten des Ordens ist „die Mehr­heit der anwe­sen­den Stimm­be­rech­tig­ten plus eine Stim­me erfor­der­lich“. Wahl­be­rech­tigt sind der Statt­hal­ter, die Mit­glie­der des Sou­ve­rä­nen Rates, der Ordens­prä­lat, die Prio­ren oder, im Fall einer Vakanz, ihre stän­di­gen Ver­tre­ter (Pro­ku­ra­to­ren, Vika­re, Statt­hal­ter), die Pro­feß­bail­lis, zwei von jedem Prio­rat dele­gier­te Pro­feß­rit­ter, ein Pro­feß­rit­ter und ein Obö­di­enz­rit­ter als Ver­tre­ter der Rit­ter „in gre­mio reli­gio­nis“, fünf Regen­ten von Sub­prio­ra­ten sowie fünf­zehn Ver­tre­ter von Ordens-Asso­zia­tio­nen. Ins­ge­samt sind das 56 Wähler.

„Die dem Gro­ßen Staats­rat ange­hö­ren­den Mit­glie­der des Ersten Stan­des haben das Recht, einen Drei­er­vor­schlag ein­zu­brin­gen. Soll­te ein sol­cher jedoch nicht inner­halb des ersten Sit­zungs­ta­ges des Gro­ßen Staats­rats vor­ge­legt oder kein dar­in genann­ter Kan­di­dat in den drei ersten Wahl­gän­gen gewählt wer­den, so besteht für wei­te­re Wahl­gän­ge kei­ne Bin­dung mehr an den Dreiervorschlag.“

Wähl­bar sind nur Mit­glie­der des Ersten Stan­des, der Pro­feß­rit­ter, und von die­sen nur jene, von denen alle vier Groß­el­tern ade­li­ger Abkunft sind und sich der Adel min­de­stens 200 Jah­re nach­wei­sen läßt. Das redu­ziert den Kreis der poten­ti­el­len Kandidaten.

Mor­gen ver­sam­melt sich der Gro­ße Staats­rat inner­halb von 18 Mona­ten zum zwei­ten Mal, um einen neu­en Groß­mei­ster zu wählen.

„Nach dem fünf­ten unent­schie­de­nen Wahl­gang ent­schei­det der Gro­ße Staats­rat mit glei­cher Mehr­heit, ob nun­mehr ein Groß­mei­ster-Statt­hal­ter für höch­stens ein Jahr gewählt wer­den soll. Wird dies abge­lehnt, wer­den die Wahl­gän­ge für die Wahl eines Groß­mei­sters wie­der auf­ge­nom­men. Bei Zustim­mung fin­det eine Stich­wahl zwi­schen den bei­den Kan­di­da­ten statt, die im fünf­ten Wahl­gang die mei­sten Stim­men auf sich ver­ei­ni­gen konn­ten, wobei der Kan­di­dat mit den mei­sten Stim­men obsiegt. Gibt es nun nur einen ein­zi­gen Kan­di­da­ten, so benö­tigt die­ser die Mehr­zahl der anwe­sen­den Stimmen.“

Es ist daher nicht aus­ge­schlos­sen, daß der inte­ri­mi­sti­sche Statt­hal­ter für ein Jahr zum Statt­hal­ter des Groß­mei­sters gewählt wird, um in zwölf Mona­ten einen neu­en Anlauf zur Wahl eines Groß­mei­sters anzu­set­zen. Fra Vil­las Boas, der am 27. Novem­ber 81 wird, ist der zwei­te Sohn des Vis­count von Guil­ho­mil und Enkel des Barons von Paçô Viei­ra. Sein Nef­fe Luís André de Pina Cab­ral e Vil­las Boas ist ein in der Sport­welt bekann­ter Fuß­ball­trai­ner, der bereits Clubs wie FC Por­to, Chel­sea, Inter Mai­land und Tot­ten­ham trai­nier­te und der­zeit Trai­ner von Olym­pi­que Mar­seil­le ist.
Fra Vil­las Boas trat 1984 in den Mal­te­ser­or­den ein (Drit­ter Stand) und wur­de 1996 Obö­di­enz­rit­ter (Zwei­ter Stand). Nach dem Tod sei­ner Frau Maria da Con­ce­i­ção im Jahr 2008 leg­te er die Gelüb­de ab und wur­de Pro­feß­rit­ter (Erster Stand). Beim Gene­ral­ka­pi­tel 2019 war er zum Groß­kom­tur des Ordens bestellt worden.

Proteste gegen eine Corona-Wahl

Trotz hef­ti­ger Pro­te­ste gegen die Ein­be­ru­fung hält die der­zei­ti­ge Ordens­füh­rung an der Neu­wahl fest. Meh­re­re Wäh­ler rie­fen sogar den Hei­li­gen Stuhl um Hil­fe an. Sie for­dern eine Ver­schie­bung des Wahl­ter­mins, da die mei­sten Wahl­be­rech­tig­ten aus dem Aus­land anrei­sen müs­sen und meh­re­re von ihnen wegen der gel­ten­den Coro­na-Maß­nah­men Rom nicht errei­chen können.

Papst Fran­zis­kus und Groß­mei­ster Festing, als die­ser noch im Amt war.

Unter ande­rem rich­te­ten sie­ben bri­ti­sche Pro­feß­rit­ter, das sind mehr als zehn Pro­zent des Ersten Stan­des, ein Schrei­ben an den ernann­ten Kar­di­nal Toma­si, die Wahl zu ver­schie­ben. Unter ihnen befin­det sich auch Fra Mat­thew Festing, den Fran­zis­kus 2017 zum Rück­tritt als Groß­mei­ster gedrängt hatte.

Die Ent­schei­dung, die Pro­te­ste und Appel­le zu igno­rie­ren, wur­de laut Fran­ca Gian­sol­da­ti, Vati­ka­ni­stin der römi­schen Tages­zei­tung Il Mess­ag­ge­ro, „von der der­zei­ti­gen Spit­ze der Ordens­re­gie­rung getrof­fen, die vom deut­schen Frei­herrn Boe­sela­ger gelei­tet wird“. Albrecht Frei­herr von Boe­sela­ger, der Groß­kanz­ler des Ordens, war Anlaß und Motor der Füh­rungs­kri­se von 2016/2017, die zum Sturz des dama­li­gen Groß­mei­sters führ­te, da sich Papst Fran­zis­kus hin­ter Boe­sela­ger stellte.

Ohne die Zustim­mung des päpst­li­chen Son­der­de­le­ga­ten kann im Orden aber nichts ent­schie­den wer­den. Wenn die Wahl ohne Rück­sicht auf die aus­län­di­scher Wäh­ler durch­ge­zo­gen wird, dann geschieht die­se nicht ohne Zustim­mung von San­ta Mar­ta.

Schrei­ben bri­ti­scher Profeßritter

Fra Festing gehört auch zum klei­nen Kreis der Wähl­ba­ren. Für sei­ne Wie­der­wahl gibt es kei­nen recht­li­chen Hinderungsgrund.

Für Sonn­tag ist in Anwe­sen­heit des neu­en päpst­li­chen Son­der­de­le­ga­ten Sil­va­no Toma­si in der ordens­ei­ge­nen Kir­che San­ta Maria del Prio­ra­to auf dem Aven­tin die Ange­lo­bung des neu­en Groß­mei­sters oder des Statt­hal­ters des Groß­mei­sters vor­ge­se­hen. Papst Fran­zis­kus wird Toma­si beim Kon­si­sto­ri­um am kom­men­den 28. Novem­ber zum Kar­di­nal kreieren.

Toma­si war unmit­tel­bar in den Sturz des 79. Groß­mei­sters Fra Mat­thew Festing Ende Janu­ar 2017 ver­wickelt und steht in direk­tem Zusam­men­hang mit den „Schwei­zer Mil­lio­nen“ des Ordens. Mit sei­ner Ernen­nung zum Son­der­de­le­ga­ten und sei­ner Erhe­bung in den Kar­di­nal­s­rang habe sich Fran­zis­kus, so Kri­ti­ker, wie ein Ele­fant im Por­zel­lan­la­den ver­hal­ten. Ande­re sehen dar­in eine offen­kun­di­ge Beloh­nung eines zwei­fel­haf­ten Ver­hal­tens.

Die Ernen­nung eines neu­en Son­der­de­le­ga­ten wur­de durch die Ent­las­sung von Kar­di­nal Ange­lo Becciu aus all sei­nen Ämtern nach Bekannt­wer­den des Finanz­skan­dals um Immo­bi­li­en­käu­fe in Lon­don not­wen­dig. Becciu war von Febru­ar 2017 bis Ende Sep­tem­ber päpst­li­cher Dele­gat beim Mal­te­ser­or­den. Der Son­der­de­le­gat übt alle Rech­te und Pflich­ten eines Kar­di­nal­pro­tek­tors aus, ein Amt, das offi­zi­ell eigent­lich Kar­di­nal Ray­mond Bur­ke inne­hat. Seit dem Sturz von Groß­mei­ster Festing beließ Fran­zis­kus dem US-ame­ri­ka­ni­schen Kar­di­nal nur mehr den Titel.

Ange­lo­bung von Groß­mei­ster Dal­la Tor­re im Mai 2019. Links der dama­li­ge päpst­li­che Son­der­de­le­gat Ange­lo Becciu, dahin­ter Groß­kanz­ler Boe­sela­ger, seit dem Sturz von Groß­mei­ster Festing der star­ke Mann im Orden.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Orderofmalta/MiL (Screen­shot)

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