Der neue Humanismus ist „eine gefährliche Mode“

Gedanken von Prof. Ettore Gotti Tedeschi

Was hat es mit dem „Neuen Humanismus“ auf sich, der derzeit in vieler Munde ist, besonders im kirchlichen Kontext? Der Finanzethiker Ettore Gotti Tedeschi warnt und wagt im Zusammenhang mit der Amazonassynode einige Deduktionen.
Was hat es mit dem „Neuen Humanismus“ auf sich, der derzeit in vieler Munde ist, besonders im kirchlichen Kontext? Der Finanzethiker Ettore Gotti Tedeschi warnt und wagt im Zusammenhang mit der Amazonassynode einige Deduktionen.

(Rom) Vor dem „neu­en Huma­nis­mus“ als einer „gefähr­li­chen Mode“ warnt der Finanzethi­ker und ehe­ma­li­ge Prä­si­dent der Vati­kan­bank IOR, Etto­re Got­ti Tede­schi. Der Finanz­ex­per­te gehört zu den Unter­zeich­nern der Cor­rec­tio Filia­lis de hae­re­si­bus pro­pa­ga­tis an Papst Fran­zis­kus. Die Ama­zo­nas­syn­ode ver­su­che, so Got­ti Tede­schi, die „aktu­el­le phi­lo­so­phi­sche Lei­er auch in die Chri­sten­heit ein­zu­füh­ren“. Die Gefah­ren sei­en aber unüber­seh­bar. Sie rei­chen von einem unkri­ti­schen Jubel für die Indio-Kul­tu­ren bis zu einer öko­lo­gi­schen Sicht­wei­se, die mehr heid­nisch als christ­lich sei.

Der­zeit kur­sie­re ein neu­es „Zau­ber­wort“ durch die aktu­el­le poli­ti­sche und kul­tu­rel­le Dis­kus­si­on und fül­le die Medi­en: der „neue Huma­nis­mus“. Bemer­kens­wert dar­an sei, so Got­ti Tede­schi in einem gestern von der Tages­zei­tung La Veri­tà ver­öf­fent­lich­ten Kom­men­tar, daß die­se kei­nes­wegs neue For­mel heu­te par­al­lel sowohl im Bereich von Moral, Wirt­schaft und Poli­tik ver­wen­det wer­de.

Als Bei­spie­le nennt der ehe­ma­li­ge IOR-Prä­si­dent die viel­dis­ku­tier­te Rede des neu­en und alten ita­lie­ni­schen Mini­ster­prä­si­den­ten Giu­sep­pe Con­te, der soeben das bis­her bei­spiel­lo­se Kunst­stück zustan­de brach­te, trotz eines Regie­rungs­wech­sels von rechts nach links Regie­rungs­chef von zwei ver­schie­de­nen, ja gegen­sätz­li­chen Par­la­ments­mehr­hei­ten zu blei­ben.

Giuseppe Conte am 29. August, verspricht einen „neuen Humanismus“
Giu­sep­pe Con­te, am 29. August, ver­spricht einen „neu­en Huma­nis­mus“

Am 29. August trat der par­tei­lo­se Con­te vor die Pres­se, nach­dem er von Staats­prä­si­dent Ser­gio Mattarel­la den Auf­trag zur Regie­rungs­bil­dung erhal­ten hat­te und hielt eine Rede mit der er den Wech­sel von der bis­he­ri­gen Mehr­heit aus Fünf­ster­ne­be­we­gung und der Lega von Matteo Sal­vi­ni zu einer neu­en weit nach links ver­scho­be­nen Mehr­heit mit den Links­de­mo­kra­ten (PD) und der radi­ka­len Lin­ken (LeU) bekannt­gab. Bei die­ser vor­ge­zo­ge­nen Regie­rungs­er­klä­rung sprach er von einem „neu­en Huma­nis­mus“, den es zu ver­tre­ten gel­te. Seit­her wird in Ita­li­en leb­haft dis­ku­tiert, was er damit genau gemeint und an wen er damit wel­che Signa­le aus­ge­sandt habe.

Die Kri­ti­ker des flie­gen­den Macht­wech­sels, des­sen erklär­tes Ziel der von Ber­lin und Paris gewoll­te Aus­schluß der Lega aus der Regie­rung war, spre­chen von einer EU-Agen­da und einem Signal an Brüs­sel und das „glo­ba­li­sti­sche Estab­lish­ment“. Wie­der ande­re ver­wei­sen auf die Frei­mau­re­rei und zitier­ten Reden des Groß­mei­sters des Groß­ori­ent von Ita­li­en, der in den ver­gan­ge­nen Jah­ren wie­der­holt von einem „neu­en Huma­nis­mus“ sprach, so Groß­mei­ster Gusta­vo Raf­fi in sei­nem Appell von 2007 für einen „neu­en Früh­ling“ durch einen „neu­en Huma­nis­mus“.

November 2015 in Florenz
Novem­ber 2015 in Flo­renz

Im katho­li­schen Kon­text, teils ver­ein­nah­mend, teils kri­tisch, wur­de auf Papst Fran­zis­kus ver­wie­sen, den der Links­ka­tho­lik Con­te zitiert habe. Das Kir­chen­ober­haupt habe mehr­fach auf einen „neu­en Huma­nis­mus“ ver­wie­sen, dar­un­ter am 10. Novem­ber 2015 in sei­ner Anspra­che in der Kathe­dra­le von Flo­renz und der von ihm am 6. Mai 2016 anläß­lich der Ver­lei­hung des Karls­prei­ses geäu­ßer­te „Traum von einem neu­en Huma­nis­mus“.

Der Brücken­schlag zum Ver­weis, daß die Frei­mau­re­rei – vor allem die histo­risch beson­ders kir­chen­feind­li­che, roma­ni­sche Frei­mau­re­rei – sich in den ver­gan­ge­nen Jah­ren erstaun­lich posi­tiv, teils gera­de­zu eupho­risch über Papst Fran­zis­kus äußer­te, lag für eini­ge Beob­ach­ter daher nahe.

Auch Got­ti Tede­schi ver­weist im Zusam­men­hang mit dem „neu­en Huma­nis­mus“ auf Papst Fran­zis­kus, denn die­ser Begriff tau­che eben­so im Zuge der bevor­ste­hen­den Ama­zo­nas­syn­ode auf wie der inter­na­tio­na­len Welt­wirt­schafts­ta­gung Eco­no­my of Fran­ces­co, die für 2020 in Assi­si geplant ist.

Im Rah­men der Ama­zo­nas­syn­ode wer­de ein „neu­er Öko-Huma­nis­mus“ beschwo­ren, so der Finanzethi­ker, der „in Wirk­lich­keit mehr einem bestimm­ten, heid­ni­schen Huma­nis­mus ähnelt“. Im Zusam­men­hang mit der Wirt­schafts­ta­gung in Assi­si wer­de ein „neu­er, zivi­ler Huma­nis­mus“ ver­spro­chen mit einer Wirt­schaft, die auf „Bezie­hung, Koope­ra­ti­on, Ver­tei­lungs­ge­rech­tig­keit, Inklu­si­on und Brü­der­lich­keit“ auf­baue und vor allem „nicht pro­fit­ori­en­tiert“ sein wer­de.

Logo der Economy of Francesco
Logo der Eco­no­my of Fran­ces­co

In der Poli­tik fin­de der Begriff Ver­wen­dung, so Got­ti Tede­schi, um die Wer­te einer künf­ti­gen Gesell­schaft „ohne Ungleich­heit“ zu benen­nen, der ein neu­es Ver­ständ­nis von „glo­ba­lem All­ge­mein­wohl“ zugrun­de lie­ge. Jedes Par­ti­ku­lar­in­ter­es­se eines Staa­tes, eines Vol­ke, eines Klas­se oder Grup­pe ste­he dazu im Wider­spruch.

Die Poli­tik habe die­ses „glo­ba­le All­ge­mein­wohl“ zu garan­tie­ren, indem sie die Ober­hand über die Wirt­schaft zurück­ge­win­ne. Iro­ni­sie­rend merkt der inter­na­tio­nal bekann­te Bank­ma­na­ger dazu an:

„Ergo haben wir einen neu­en Huma­nis­mus zu erwar­ten, der öko­lo­gisch, spi­ri­tu­ell, öko­no­misch, poli­tisch, sehr human, sehr sozi­al und viel­leicht auch ein biß­chen heid­nisch ist.“

Um die Bedeu­tung die­ser Ent­wick­lung zu ver­ste­hen, „emp­feh­le ich, die Ama­zo­nas­syn­ode nicht zu unter­schät­zen, die im kom­men­den Okto­ber in Rom statt­fin­den wird“. Sie könn­te als eine Art „inof­fi­zi­el­les Kon­zil“ ver­stan­den und gehand­habt wer­den mit mög­li­chen (von der Syn­ode viel­leicht gar nicht gewoll­ten und vor­ge­se­he­nen) Aus­wir­kun­gen, die Auf­merk­sam­keit ver­die­nen.

Hin­ter der star­ken Beto­nung von „Natur“ und „Natür­lich­keit“, die sich nicht auf das Natur­recht bezieht, son­dern bio­lo­gisch gemeint ist, schei­ne sich eine „uni­ver­sa­le Umwelt­re­li­gi­on“ zu ver­ber­gen, die auch ein „wirt­schaft­li­ches Pro­jek­te“ anstrebt. Das Ziel schei­ne „‚grü­ner‘ Kapi­ta­lis­mus“ zu sein. Got­ti Tede­schi äußert den Ver­dacht, daß dar­un­ter auch ein schritt­wei­ser Rück­bau erreich­ter Stan­dards und eine pro­gres­si­ve Bevöl­ke­rungs­re­du­zie­rung zu ver­ste­hen sei.

Die­ser Ver­dacht ent­ste­he, weil „ein ari­sto­te­li­scher Syl­lo­gis­mus durch Prä­mis­sen, Über­le­gun­gen und Schluß­fol­ge­run­gen“ auf eine Wei­se ver­wen­det wer­de, der „logisch nicht halt­bar“ sei. Die mora­li­schen und öko­no­mi­schen Prä­mis­sen des Instru­men­tum labo­ris der Ama­zo­nas­syn­ode „sind nicht all­ge­mein aner­kannt und vie­le gel­ten als will­kür­lich“. Ver­schie­de­ne theo­lo­gi­sche Über­le­gun­gen des­sel­ben Arbeits­pa­piers wer­den „von vie­len Theo­lo­gen sogar als häre­tisch“ beur­teilt, die zudem vor­der­grün­dig auf ein klei­nes Gebiet, den Ama­zo­nas, bezo­gen sind, in Wirk­lich­keit aber auf die gan­ze Welt aus­ge­wei­tet wer­den könn­ten.

„Die Über­le­gun­gen zu öko­no­mi­schen Lösun­gen sind sogar uto­pisch.“

Und die poli­ti­schen Ansät­ze wür­den gera­de­zu dik­tiert. Dem­entspre­chend, so Got­ti Tede­schi, sei­en auch die Schluß­fol­ge­rung „will­kür­lich“ und könn­ten „sowohl in mora­li­scher als auch in poli­ti­scher und öko­no­mi­scher Hin­sicht unvor­her­seh­ba­re Fol­gen“ zei­ti­gen.

Das logi­sche Defi­zit des Gan­zen lege den Ver­dacht nahe, daß „das wah­re Ziel die Vor­be­rei­tung einer grü­nen, öko-kapi­ta­li­sti­schen Revo­lu­ti­on“ sei mit dem Ziel einer glo­ba­len Neu­ver­tei­lung der Macht.

„Die­se kapi­ta­li­sti­sche Revo­lu­ti­on, die daher nur ‚Busi­neß‘ sein könn­te, behaup­tet, sich auf der Not­wen­dig­keit eines neu­en, huma­ne­ren Huma­nis­mus zu grün­den, und bean­sprucht mora­li­sche und poli­ti­sche Auto­ri­tät.“

Man wer­de nach der Ama­zo­nas­syn­ode und nach der Wirt­schafts­ta­gung in Assi­si 2020 genaue­ren Ein­blick in das ange­streb­te Pro­gramm haben, so Got­ti Tede­schi. Den­noch wol­le er, damit es even­tu­ell nicht zu spät ist, zwei deduk­ti­ve Anmer­kun­gen wagen.

„Wenn die Syn­ode von der wis­sen­schaft­lich nicht aus­rei­chend geklär­ten Annah­me aus­geht, daß die Prio­ri­tät die Bewah­rung des Ist-Zustan­des der Schöp­fung ist (zum Bei­spiel des Ama­zo­nas) und die Kul­tu­ren der Ahnen (heid­ni­sche Reli­gio­nen) die Natur mehr ach­ten als die „ent­wickel­ten“ Reli­gio­nen, liegt die Schluß­fol­ge­rung nahe, daß es kei­ne mehr zu ver­kün­den­de Wahr­heit gibt, son­dern nur mehr eine zu respek­tie­ren­de Frei­heit, da der Natu­ra­lis­mus die Wahr­heit ist. Dar­aus folgt, daß der neue Öko-Huma­nis­mus, den Men­schen als Sub­jekt der Erde sieht, für den nur die Geset­ze der Natur gel­ten, es aber kei­ne abso­lu­te Wahr­heit und Moral gibt. Die ein­zi­ge Moral und Ethik ergibt sich aus der Bewah­rung der Erde.“

Wenn der alte Kapi­ta­lis­mus raub­tier­haft, völ­ker­mor­dend, raff­gie­rig, und kon­su­mi­stisch ist, nur die Pro­fit­ma­xi­mie­rung für weni­ge sucht, ohne den pro­du­zier­ten Reich­tum zu ver­tei­len, und die Poli­tik dem Markt unter­wor­fen und den Huma­nis­mus ver­zerrt hat, muß der neue Huma­nis­mus fol­ge­rich­tig das Gegen­teil anstre­ben. Er darf nicht den Pro­fit maxi­mie­ren, son­dern muß den Reich­tum für das glo­ba­le All­ge­mein­wohl ver­tei­len. Der neue Huma­nis­mus inter­pre­tiert das Leben nach einem wis­sen­schaft­lich-bio­lo­gi­schen Schlüs­sel, wes­halb die Rol­le des Men­schen in der Schöp­fung zurück­ge­drängt wer­den soll, was das Wirt­schafts­wachs­tum unter­bre­chen könn­te. Die Leug­nung des wich­tig­sten Teils der Gene­sis bedeu­tet aber die Ver­wirk­li­chung eines neu­en Huma­nis­mus im Sin­ne der Katha­rer.

Mit Erfolg wür­den nach die­sem Den­ken jene regie­ren, die ein strik­tes „Öko-Pro­gramm“ ver­wirk­li­chen, die Ein­wan­de­rung unter­stüt­zen, um damit das Vor­drin­gen ver­schie­de­ner Kul­tu­ren, auch der Ahnen­kul­te, und den Syn­kre­tis­mus, auch mit heid­ni­schen Reli­gio­nen, zu för­dern mit dem Ziel, einen Aus­gleich zu den mono­the­isti­schen Reli­gio­nen zu schaf­fen.

Got­ti Tede­schi stellt daher in Rich­tung päpst­li­ches Umfeld die abschlie­ßen­de Fra­ge:

„Wer­den sie uns also, den Rosen­kranz zur Sei­te gelegt, bald Dar­stel­lun­gen heid­ni­scher Göt­zen des neu­en Huma­nis­mus zei­gen?“

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: francescoeconomy.org

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