Nun ist es fix: Amazonassynode wird den Zölibat angreifen

Instrumentum laboris vorgestellt

Die Amazonassynode wird den priesterlichen Zölibat angreifen und nach „neuen Ämtern“ für Frauen suchen - alles auf Wunsch von Papst Franziskus.
Die Amazonassynode wird den priesterlichen Zölibat angreifen und nach „neuen Ämtern“ für Frauen suchen - alles auf Wunsch von Papst Franziskus.

(Rom) Nun ist es offi­zi­ell, auch für jene, die es bis­her ver­drängt haben. Die Ama­zo­nas­syn­ode will der Anfang vom Ende des prie­ster­li­chen Zöli­bats sein: Sie wird sich mit der Zulas­sung ver­hei­ra­te­ter Prie­ster befas­sen. Und nicht nur damit.

Gestern wur­de in Rom das Instru­men­tum labo­ris der Ama­zo­nas­syn­ode vor­ge­stellt. Eine Über­ra­schung dürf­te das Doku­ment nur für jene sein, die vor unan­ge­neh­men Wirk­lich­kei­ten lie­ber die Augen ver­schlie­ßen. Nun liegt es schwarz auf weiß vor, daß die von Papst Fran­zis­kus ein­be­ru­fe­ne Son­der­syn­ode über den süd­ame­ri­ka­ni­schen Regen­wald über die Zulas­sung ver­hei­ra­te­ter Prie­ster dis­ku­tie­ren wird.

Pantomimesynode mit vorgefertigtem Ergebnis?

Aus­führ­lich berich­te­te gestern Phil­ip Pul­lel­la, der Vati­kan-Kor­re­spon­dent der inter­na­tio­na­len Pres­se­agen­tur Reu­ters. Pul­lel­la gehört zu den über­zeug­ten Ber­go­glia­nern und sichert durch sei­ne Bericht­erstat­tung die welt­wei­te Ver­brei­tung eines päpst­li­chen Vor­sto­ßes, für den er zugleich den Boden bereitet.

Reu­ters spricht bereits in der Mel­dungs­über­schrift von einer „histo­ri­schen Wende“:

„Ein Doku­ment des Vati­kans vom Mon­tag sagt, daß die Kir­che die Prie­ster­wei­he von ver­hei­ra­te­ten Män­nern in Betracht zie­hen muß.“

Es folgt der Zusatz: „in abge­le­ge­nen Gegen­den des Ama­zo­nas“. Eine Ein­schrän­kung, die aber völ­lig wert­los ist, da es kein gespal­te­nes Prie­ster­tum in der latei­ni­schen Kir­che gibt. Was in einem ent­le­ge­nen Win­kel des Ama­zo­nas-Urwal­des oder auf einer abge­le­ge­nen Süd­see­insel gilt, gilt auch für Osna­brück, Basel oder Graz. 

Ent­spre­chend schreibt Reu­ters:

daß es sich um „eine histo­ri­sche Wen­de“ han­delt, „von der eini­ge sagen, daß sie den Weg ebnen könn­te, sie auch in ande­ren Gegen­den ein­zu­set­zen, wo Prie­ster­man­gel herrscht“. 

Es kann kein Zwei­fel bestehen, daß Pul­lel­la nicht nur eine per­sön­li­che Ein­schät­zung, son­dern die Ziel­set­zung des päpst­li­chen Umfel­des wiedergibt.

Wie bereits bei den vor­her­ge­hen­den Syn­oden, die von Papst Fran­zis­kus ein­be­ru­fen wur­den, die bei­den Fami­li­en­syn­oden und die Jugend­syn­ode, ist es Fran­zis­kus selbst, der die Linie vor­gibt und Motor der Akti­on ist. Das Kir­chen­ober­haupt betont zwar, daß es sich um einen „Weg“ hand­le, als wür­de er ihn ergeb­nis­of­fen nur ansto­ßen. Tat­säch­lich spricht der Ablauf der Ereig­nis­se dafür, daß Fran­zis­kus die Pla­nung der Syn­oden bereits mit einem kla­ren Ziel beginnt. Das Ziel wird erst schritt­wei­se ent­hüllt, viel­leicht nie ganz. Dafür spricht, daß der erste kon­kre­te Schritt für die Fami­li­en­syn­oden die Rede von Kar­di­nal Wal­ter Kas­per im Febru­ar 2014 war, mit der er die Zulas­sung wie­der­ver­hei­ra­te­ter Geschie­de­ner for­der­te. Fran­zis­kus hat­te ihm den Auf­trag zur Rede erteilt, und das – anders als üblich – nur ihm allein. Die Fami­li­en­syn­ode hat­te damit eine kla­re Vor­ga­be. Über das Ergeb­nis, ver­packt in eine Fuß­no­te, mit der die indi­rek­te Zulas­sung von Schei­dung und Zweit­ehe umge­setzt wur­de, konn­ten sich nur jene wun­dern, die nicht wahr­ha­ben wol­len, was Sache ist.

Exotisches Idylll, hinter dem knallharte, westliche 68er-Interessen stehen.
Exo­ti­sches Idylll, hin­ter dem knall­har­te, west­li­che 68er-Inter­es­sen stehen.

Ver­gleich­bar ver­läuft die Vor­be­rei­tung für die Ama­zo­nas­syn­ode. Deren Ursprün­ge las­sen sich bis April 2014 zurück­ver­fol­gen, als Fran­zis­kus den befrei­ungs­theo­lo­gisch moti­vier­ten, öster­rei­chi­schen Mis­si­ons­bi­schof Erwin Kräut­ler in Audi­enz emp­fing. Die Quint­essenz der Begeg­nung faß­te Kräut­ler damit zusam­men, end­lich einen Papst in Rom zu sehen, der die Auf­he­bung des Zöli­bats als Vor­aus­set­zung für das Prie­ster­tum ange­hen wer­de. Der Weg von der soge­nann­ten „Ama­zo­nas-Werk­statt“, in der Kräut­ler und Kar­di­nal Clau­dio Hum­mes schon damals am ver­hei­ra­te­ten Prie­ster­tum bastel­ten, zur Ama­zo­nas­syn­ode war dann nicht mehr weit. 2015 erklär­te Fran­zis­kus, daß die Fra­ge ver­hei­ra­te­ter Prie­ster „auf mei­ner Agen­da“ ist. Im Früh­jahr 2017 bekun­de­te er die Bereit­schaft, über ver­hei­ra­te­te Prie­ster zu reden. Kurz dar­auf gab er im Herbst 2017 offi­zi­ell die Ein­be­ru­fung einer Syn­ode über den Ama­zo­nas bekannt. 

Der Stein war längst in den Teich gewor­fen und zieht seit­her sei­ne Kreise.

Seit Jah­res­be­ginn 2019 über­schla­gen sich die Ereig­nis­se. Im Janu­ar ließ Fran­zis­kus die Kat­ze aus dem Sack mit einer sei­ner kryp­ti­schen, lang­at­mig-gewun­de­nen Spon­tan­ant­wor­ten. Er sag­te zu ver­hei­ra­te­ten Prie­stern „Nein, außer…“. Kar­di­nal Clau­dio Hum­mes, der Ver­ant­wort­li­che für die Syn­oden­vor­be­rei­tung, erklär­te unum­wun­den, daß die Syn­ode über ver­hei­ra­te­te Prie­ster spre­chen wird. Eine gan­ze Rei­he von Bischö­fen aus dem deut­schen Sprach­raum depo­nier­ten bereits ihren „Wunsch“ nach einem ver­hei­ra­te­ten Kle­rus. Das Stich­wort Zöli­bat fällt weni­ger oft, um mög­lichst kei­ne schla­fen­den Hun­de zu wecken.

Um einer gesamt­kirch­li­chen Debat­te – und einem vor­pro­gram­mier­ten – Kon­flikt aus dem Weg zu gehen, berief Fran­zis­kus kei­ne all­ge­mei­ne Bischofs­syn­ode ein, son­dern eine Son­der­syn­ode. Das Ein­zugs­ge­biet ist ein­ge­schränkt auf die Diö­ze­sen, die Anteil am Ama­zo­nas-Tief­land haben. Die­se Restrik­ti­on auf ein Gebiet, mit einem stark befrei­ungs­theo­lo­gisch gepräg­ten Epi­sko­pat, beson­ders in Bra­si­li­en, das allein den größ­ten Teil des Ama­zo­nas umfaßt, dient dazu, die „Öff­nung“ leich­ter zu handhaben.

Die „ent­le­ge­nen“ Gebie­te des Ama­zo­nas, von denen seit 2014 die Rede ist, sind zwar ter­ri­to­ri­al von gigan­ti­schen Aus­ma­ßen. Kon­kret geht es aber nur um etwa 250.000 – 300.000 Indi­os. Wie vie­le davon katho­lisch sind, wur­de bis­her von kei­ner Stel­le gesagt, die mit der Syn­oden­vor­be­rei­tung befaßt ist.

Der weit­aus größ­te Teil der mehr als 1,3 Mil­li­ar­den Katho­li­ken bleibt damit von der Syn­ode und die epo­cha­le Ent­schei­dung über den Zöli­bat und ein ver­hei­ra­te­tes Prie­ster­tum aus­ge­schlos­sen. Pul­lel­la sagt es im Reu­ters-Bericht offen: Was unter Aus­schluß der katho­li­schen Öffent­lich­keit für besten­falls 0,02 Pro­zent der Katho­li­ken ein­ge­führt wird, gilt danach für alle. Das ist der Trick, anders kann man es nicht nen­nen. Der Ama­zo­nas ist ledig­lich der exo­ti­sche, abge­le­ge­ne Tür­öff­ner für eine Alt-68er-For­de­rung. Das Ziel ist die Besei­ti­gung des west­li­chen, pro­gres­si­ven Kir­chen­krei­sen unzu­gäng­li­chen bis ver­haß­ten Zöli­bats. Die Pra­xis in den ortho­do­xen Kir­chen zeigt, daß der Zöli­bat im Weltk­le­rus inner­halb kur­zer Zeit ver­nich­tet sein wür­de und sich nur mehr im Orden­skle­rus hal­ten könn­te. Selbst dort könn­te, anders als in der Ortho­do­xie, der ver­hei­ra­te­te Kle­rus in die soge­nann­ten Neu­en Geist­li­chen Gemein­schaf­ten ein­drin­gen, die alle Stän­de umfassen.

Aller­dings ver­wei­sen pro­gres­si­ve Krei­se im Zusam­men­hang mit der von ihnen immer neu ent­fach­ten Zöli­bats­de­bat­te zwar ger­ne auf den ver­hei­ra­te­ten Kle­rus der Ortho­do­xen, stre­ben in Wirk­lich­keit aber das schran­ken­lo­se pro­te­stan­ti­sche „Modell“ an. Die Ortho­do­xen wis­sen, trotz der seit Jahr­hun­der­ten gel­ten­den Zöli­bats­auf­wei­chung, daß sie damit nicht die eigent­li­che Voll­form, wie sie Jesus Chri­stus selbst vor­leb­te, durch­ge­hal­ten haben. Zumin­dest eini­ge Ein­schrän­kun­gen hal­ten sie daher auf­recht: eine Ehe­schlie­ßung ist nur vor der Prie­ster­wei­he mög­lich; sobald die Wei­he erfolgt ist, ist sie aus­ge­schlos­sen; ein ver­hei­ra­te­ter Mann, der zum Prie­ster geweiht wird, kann daher, soll­te er Wit­wer oder von sei­ner Frau ver­las­sen wer­den, kei­ne neue Ehe eingehen.

Pressekonferenz gestern: v.l. Fabio Fabene, Kardinal Baldisseri, Vatikansprecher Gistotti, der Jesuit Yanez.
Gestern: v.l. Fabio Fabe­ne, Kar­di­nal Bal­dis­se­ri, Vati­kan­spre­cher Gisot­ti, P. Yanez SJ.

Grund­sätz­lich stellt sich damit die Fra­ge: War­um soll­te die römi­sche Kir­che einem „hal­ben“ Modell fol­gen, wo sie selbst unter erheb­li­chen Mühen zwei­tau­send Jah­re die Voll­form bewahrt hat? Mehr noch: Die latei­ni­sche Kir­che ist der ein­zi­ge Teil der Chri­sten­heit, der sie durch­ge­hal­ten hat. Dar­in bestä­tigt sich auf beson­de­re Wei­se ihr Anspruch, die wah­re Kir­che Jesu Chri­sti zu sein. 

Es wird gera­de­zu zum Rät­sel, wie Tei­le der Kir­che die Besei­ti­gung eines sol­chen Bewei­ses für ihre Fül­le besei­ti­gen wol­len kön­nen. Es liegt daher nahe, daß recht­gläu­bi­ge Tei­le der Kir­che, dar­in einen Angriff auf die Wahr­heit sehen, und eine bewuß­te oder unbe­wuß­te Schä­di­gung der Kir­che erkennen.

Das gilt um so mehr, als die Zöli­bats­geg­ner sich nicht am ortho­do­xen, son­dern am pro­te­stan­ti­schen Modell ori­en­tie­ren, also an einem Modell, dem kein Ver­ständ­nis eines sakra­men­ta­len Prie­ster­tums zugrun­de liegt. Dar­an wird unüber­seh­bar, daß die wirk­li­chen Pro­mo­to­ren der ama­zo­ni­schen Zöli­bats­auf­wei­chung nicht im Ama­zo­nas zu fin­den sind, son­dern in den kirch­li­chen 68er-Krei­sen des Westens, beson­ders im deut­schen Sprach­raum, der seit den 60er Jah­ren in eine neue, offe­ne Unru­he getre­ten ist. 

Der Paragraph 129 des Instrumentum laboris

Das Instru­men­tum labo­ris bil­det das Arbeits­pa­pier, auf des­sen Grund­la­ge die Syn­oden­ar­bei­ten statt­fin­den wer­den. Es gibt damit die Linie vor: eine ein­deu­ti­ge Linie. Sie ist im Para­graph 129 ent­hal­ten. Dar­in ist von „neu­en Dien­sten“ die Rede. Im Punkt 129.a.2 heißt es (Ver­hand­lungs­spra­che der Syn­ode wird Spa­nisch sein):

„Afir­man­do que el celi­ba­to es un don para la Igle­sia, se pide que, para las zonas más remo­tas de la región, se estu­die la posi­bi­li­dad de la orde­nación sacer­do­tal para per­so­nas ancia­nas, pre­fe­ren­te­men­te indí­ge­nas, res­pe­ta­das y acep­ta­das por su comu­ni­dad, aun­que ten­gan ya una fami­lia con­sti­tui­da y estable, con la finali­dad de ase­gur­ar los Sacra­ment­os que acom­pa­ñen y sosten­gan la vida cristiana.“ 

Wört­lich:

„In der Bekräf­ti­gung, daß der Zöli­bat ein Geschenk an die Kir­che ist, wird dar­um gebe­ten, für die ent­le­gen­sten Gebie­te der Regi­on die Mög­lich­keit der Prie­ster­wei­he für älte­re, vor­zugs­wei­se indi­ge­ne Män­ner zu prü­fen, die von ihrer Gemein­schaft respek­tiert und aner­kannt wer­den, auch wenn sie bereits eine kon­sti­tu­ier­te und sta­bi­le Fami­lie haben, um die Sakra­men­te zu gewähr­lei­sten, die das christ­li­che Leben beglei­ten und erhalten.“

Neben der Zulas­sung eines ver­hei­ra­te­ten Prie­ster­tums sieht das Arbeits­pa­pier auch eine „stär­ke­re, pasto­ra­le Rol­le für die Frau­en“ vor. Obwohl den Frau­en mit 129.c ein eige­ner Bereich gewid­met ist, fin­den sie bereits im Bereich 129.a Erwäh­nung. Und das geschieht in ein­deu­tig zweit­deu­ti­ger Form: 

„Pro­mo­ver vocacio­nes autóc­to­nas de varo­nes y muje­res como respue­sta a las nece­sidades de aten­ción pastoral-sacramental.“

„För­de­rung von auto­chtho­nen Beru­fun­gen von Män­nern und Frau­en als Ant­wort auf die Bedürf­nis­se einer pasto­ral-sakra­men­ta­len Aufmerksamkeit.“

Die ver­schwom­me­ne For­mu­lie­rung ver­knüpft neue Dien­ste, Frau­en und Sakra­men­te. Bis zum Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil war die Spen­dung aller Sakra­men­te dem Wei­he­prie­ster­tum vor­be­hal­ten. Seit­her fand eine Auf­split­te­rung statt. Tau­fe und Ehe­schlie­ßung kön­nen seit­her auch ver­hei­ra­te­te Dia­ko­ne durch­füh­ren. Das Wei­he­sa­kra­ment ist Bischö­fen vor­be­hal­ten. Der Punkt 129.a.3 ist ganz den Frau­en gewidmet:

„Iden­ti­fi­car el tipo de mini­ste­rio ofi­cial que pue­de ser con­fe­r­ido a la mujer, toman­do en cuen­ta el papel cen­tral que hoy des­em­pe­ñan en la Igle­sia amazónica.“ 

„Die Art des offi­zi­el­len Dien­stes iden­ti­fi­zie­ren, der den Frau­en über­tra­gen wer­den kann, unter Berück­sich­ti­gung der zen­tra­len Rol­le, die sie heu­te in der Ama­zo­nas­kir­che spielen.“

Instrumentum laboris
Instru­men­tum laboris

Ent­hält das Arbeits­pa­pier den Ansatz dazu, erst­mals in der Kir­chen­ge­schich­te Dia­ko­nin­nen zu schaf­fen, also Frau­en zum Wei­he­sa­kra­ment zuzu­las­sen? Auf der Pres­se­kon­fe­renz gestern blieb die Fra­ge offen. Es wur­de aus­drück­lich dar­auf hin­ge­wie­sen, daß die „Dia­ko­nin­nen“ im Instru­men­tum labo­ris kei­ne Erwäh­nung fin­den. Dazu habe Fran­zis­kus bereits in sei­ner Rede an die Gene­ral­obe­rin­nen Stel­lung genom­men und gesagt, es brau­che zum The­ma noch eine wei­te­re Ver­tie­fung. Grund dafür war, daß die von ihm 2016 ein­ge­rich­te­te Stu­di­en­kom­mis­si­on „zu kei­nem ein­hel­li­gen“ Ergeb­nis gekom­men ist, so Kuri­en­bi­schof Fabio Fabe­ne, von Fran­zis­kus 2014 ernann­ter Unter­se­kre­tär der Bischofs­syn­ode, der zusam­men mit Kar­di­nal Loren­zo Bal­dis­se­ri, Gene­ral­se­kre­tär der Bischofs­syn­ode, und P. Hum­ber­to Miguel Yanez SJ, Pro­fes­sor der Moral­theo­lo­gie an der Päpst­li­chen Uni­ver­si­tät Gre­go­ria­na, die Pres­se­kon­fe­renz gab. 

Archaisches Konzept: Den Dorfältesten zum Priester weihen

Laut dem Arbeits­pa­pier wird in 129.a.1 das Bild von Dorf­äl­te­sten skiz­ziert, die – obwohl ver­hei­ra­tet – zu Prie­stern ihrer Gemein­schaft gewählt und geweiht wer­den sol­len. Die­ses archai­sche Kon­zept will einen exo­ti­schen Touch von Ama­zo­nas-Regen­wald und Indio-Roman­tik ver­mit­teln, das sich aller­dings in Luft auf­lö­sen muß, wenn gleich­zei­tig die feste Absicht besteht, das­sel­be Modell für alle Tei­le der Kir­che ein­zu­füh­ren, wo ein Prie­ster­man­gel herrscht (obwohl die­se ande­ren Tei­le bei der Ein­füh­rung nicht mit­re­den können).

Die Erwäh­nung im Arbeits­pa­pier, daß der prie­ster­li­che Zöli­bat ein „Geschenk“ für die Kir­che sei, gilt offen­bar nur mehr mit Ein­schrän­kung, da sie nur als Ein­lei­tung dient, um im zwei­ten Teil des Sat­zes das eigent­li­che Ziel zu nen­nen: ver­hei­ra­te­te Prie­ster einzuführen.

Die­se Begrün­dung, um die Sakra­men­ten­spen­dung für das gläu­bi­ge Volk sicher­zu­stel­len, lie­ße sich pro­blem­los auf ande­re, vor allem west­li­che Gegen­den über­tra­gen, etwa die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, um dem herr­schen­den Prie­ster­man­gel zu begeg­nen. Nicht the­ma­ti­siert wür­de damit aller­dings, war­um es die­sen Prie­ster­man­gel über­haupt gibt. Dabei gilt wohl eher: Wer kei­ne Prie­ster­be­ru­fun­gen will, bekommt auch keine.

Über­se­hen wird, daß es auch im Her­zen Euro­pas das heu­te bekann­te, kapil­la­re Netz von Pfar­rei­en und Seel­sor­ge­sta­tio­nen die mei­ste Zeit der ver­gan­ge­nen 2000 Jah­re so nicht gab. Das heu­ti­ge Pfarr­netz ist über­haupt erst das Ergeb­nis des 19. Jahr­hun­derts, und die Dich­te der Seel­sor­ge­sta­tio­nen erst das Ergeb­nis der Neu­zeit. War­um die­sel­be Ent­wick­lung für die Ama­zo­nas-Indi­os unzu­mut­bar sein soll, erschließt sich nicht. Schon gar nicht, wenn man die zur Schau getra­ge­ne Abnei­gung, manch­mal sogar Feind­se­lig­keit bestimm­ter latein­ame­ri­ka­ni­scher Krei­se, auch in der Kir­che, gegen das „kolo­nia­li­sti­sche“ euro­päi­sche (west­li­che) Modell kennt. Genau die­ses Modell soll aber in den Ama­zo­na­sur­wald expor­tiert wer­den, um einem „Sakra­men­ten­not­stand“ zu begeg­nen. Dabei wur­de auf der gest­ri­gen Pres­se­kon­fe­renz zur Vor­stel­lung des Instru­men­tum labo­ris aus­drück­lich betont, daß der Ama­zo­nas von „neo­ko­lo­nia­li­sti­scher Aggres­si­on und Aus­beu­tung befreit“ wer­den soll.

Dahin­ter wer­den unschwer tak­ti­sche Über­le­gun­gen erkenn­bar, die in dia­lek­ti­scher Form belie­bi­ge Aspek­te ver­men­gen, um das ange­streb­te, eigent­li­che Ziel, die Auf­he­bung des Zöli­bats, zu erreichen.

Exotisches Amazonas-Modell für die ganze Weltkirche

Pul­lel­la betont daher gleich zwei­mal in sei­ner Reu­ters-Mel­dung, daß das Ama­zo­nas-Modell dann auch „in ande­ren Tei­len der Erde als Ant­wort auf den Prie­ster­man­gel“ die­nen könn­te. Zudem son­dern erin­nert er dar­an, daß es Fran­zis­kus selbst war, der im März 2017 in einem Inter­view mit der Wochen­zei­tung Die Zeit sei­ne Bereit­schaft erklär­te, über die Zulas­sung ver­hei­ra­te­ter Prie­ster zu spre­chen. Der­sel­be Fran­zis­kus, der dann am 9. Sep­tem­ber 2017 in Kolum­bi­en vor einem Mas­sen­pu­bli­kum, das weni­ger libe­ral als die Leser­schaft der Zeit ist, ganz ener­gisch, das Prie­ster­tum zu ver­tei­di­gen schien – und auch den Zöli­bat. Daß es in der heu­ti­gen Zeit kei­ne Beru­fun­gen gebe, sei ein „Mär­chen“, so Franziskus: 

„Und kommt nicht her, um mir zu erzäh­len: ‚Nein, natür­lich, es gibt nicht so vie­le Beru­fun­gen für eine beson­de­re Wei­he, weil – das ist klar – mit die­ser Kri­se, die wir erle­ben…‘. Wißt Ihr, was das ist? Das sind Mär­chen? Ist das klar? Auch inmit­ten die­ser Kri­se, beruft Gott.“

Die Gläu­bi­gen waren begei­stert und gut­gläu­bi­ge Medi­en berich­te­ten, der Papst habe damit einer mög­li­chen Ein­füh­rung ver­hei­ra­te­ter Prie­ster eine Absa­ge erteilt. Katholisches.info schrieb hingegen: 

„Papst Fran­zis­kus ist bekannt für Aus­sa­gen, die in ihrer Unschär­fe in direk­tem Wider­spruch zu ande­ren von ihm getä­tig­ten Aus­sa­gen ste­hen oder zumin­dest zu ste­hen schei­nen. Dar­über, ob es sich dabei um Unacht­sam­keit in einem impro­vi­sier­ten Rede­stil oder um bewuß­te Absicht han­delt, gehen die Mei­nun­gen in Erman­ge­lung offi­zi­el­ler Kor­rek­tu­ren, Demen­tis oder Inter­pre­ta­tio­nen aus­ein­an­der. Eine Aus­sa­ge, die er am ver­gan­ge­nen Sams­tag vor gro­ßem Publi­kum in Kolum­bi­en tätig­te, scheint in der zen­tra­len Fra­ge des Prie­ster­tums Klar­heit zu schaf­fen. Tut sie das aber wirklich?“

Inzwi­schen kann kein Zwei­fel bestehen, daß sei­ne kolum­bia­ni­sche Rede zwar die Beru­fun­gen ver­tei­dig­te, aber nicht das zöli­ba­tä­re Prie­ster­tum. Als Jesu­it ist er selbst ein glaub­wür­di­ger Ver­tre­ter des Zöli­bats, doch die Fra­ge dreht sich um den Weltk­le­rus. Fran­zis­kus nahm zwar bereits auf viel­ge­stal­ti­ge Wei­se zum prie­ster­li­chen Zöli­bat Stel­lung, ohne die­sen bis­her aber wirk­lich zu ver­tei­di­gen. Sei­ne Wort­mel­dung, per­sön­lich „kein Pro­blem“ mit dem Zöli­bat zu haben, kann eine wirk­li­che Ver­tei­di­gung und Begrün­dung nicht ersetzen. 

Franziskus am 10. Mai 2019 mit den Generaloberinnen: Frage der Diakoninnen offengelassen.
Fran­zis­kus am 10. Mai 2019 mit den Gene­ral­obe­rin­nen: Fra­ge der Dia­ko­nin­nen offengelassen.

Klare Schwerpunktsetzung: aggressiver Ökologismus und Angriff gegen den Zölibat

An der Son­der­syn­ode vom 6.–27. Okto­ber 2019 wer­den neben den Bischö­fen des Ama­zo­nas-Tief­lan­des und den Vor­sit­zen­den der Bischofs­kon­fe­ren­zen der Staa­ten, die Anteil am Ama­zo­nas haben noch von Fran­zis­kus ernann­te „Ver­tre­ter, ein­schließ­lich der Indio-Völ­ker“ teil­neh­men, so Reu­ters. Sie wer­den am Ende über die ver­schie­de­nen Para­gra­phen des Schluß­do­ku­ments abstim­men und dann dem Papst über­ge­ben: „der ent­schei­den wird, ob er sie in ein offi­zi­el­les Apo­sto­li­sches Schrei­ben umwan­delt, das sich auf die Syn­oden­ver­samm­lun­gen stützt“.

Erst im letz­ten von ins­ge­samt drei­zehn Absät­zen spricht Pul­lel­la auch über ande­res, über „eine star­ke Ver­tei­di­gung für den Umwelt­schutz im Ama­zo­nas, gegen die Abhol­zung, den ille­ga­len Berg­bau und für die Ent­wick­lungs­pro­jek­te zur För­de­rung der Ein­ge­bo­re­nen-Kul­tu­ren und des für den Pla­ne­ten deli­ka­ten, vita­len Öko­sy­stems“. Die Gewich­tun­gen sind ein­deu­tig ver­teilt: Der zen­tra­le Punkt der Ama­zo­nas­syn­ode ist der Angriff auf den prie­ster­li­chen Zöli­bat und die Zulas­sung ver­hei­ra­te­ter Prie­ster. Nicht anders war es bei der Fami­li­en­syn­ode mit der Zulas­sung wie­der­ver­hei­ra­te­ter Geschie­de­ner zu den Sakra­men­ten. Der Rest war vor allem deko­ra­ti­ves und beschö­ni­gen­des Beiwerk.

Da das zen­tra­le Ergeb­nis der Syn­oden bereits vor­ab fest­zu­ste­hen scheint (das hat­ten drei­zehn Kar­di­nä­le bereits am Beginn der zwei­ten Fami­li­en­syn­ode kri­ti­siert), könn­te auch von Phan­tom­syn­oden gespro­chen wer­den. Secretum meum mihi spricht von „Pan­to­mi­me­syn­oden“.

Die Aus­sa­ge ist gar nicht so gewagt, wenn man davon aus­geht, daß die Ama­zo­nas­syn­ode nicht nur die Regen­wald-Indi­os zum Ziel hat, son­dern viel­leicht mehr noch die säku­la­ri­sier­te Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land. Der Ama­zo­nas wird damit ledig­lich zum Tarn­be­griff für Deutsch­land. Der bun­des­deut­sche Epi­sko­pat, schwer im Ver­dacht, einer Form der Simo­nie zu frö­nen, ist bereits in den Start­lö­chern, um am Tag nach Syn­oden­schluß den „Beru­fungs­not­stand“ aus­zu­ru­fen und nach der Ver­öf­fent­li­chung des nach­syn­oda­len Schrei­bens durch Fran­zis­kus ver­hei­ra­te­te Män­ner zur Prie­ster­wei­he zuzu­las­sen – auf der Grund­la­ge der von ihm gewähr­ten dezen­tra­len Synodalität. 

Das Sze­na­rio ist seit der Fami­li­en­syn­ode und der Zulas­sung ver­hei­ra­te­ter Geschie­de­ner oder pro­te­stan­ti­scher Ehe­part­ner zur Kom­mu­ni­on hin­läng­lich bekannt. Es braucht dann nur mehr einen Mehr­heits­be­schluß der Deut­schen Bischofs­kon­fe­renz und den ersten Bischof, der voll­ende­te Tat­sa­chen schafft. Das Rom von Papst Fran­zis­kus hat bis­her nach dem Mot­to Qui tacet, con­sen­ti­re vide­tur dazu schwei­gen oder die Vor­stö­ße sogar aus­drück­lich begrüßt.

Die Ama­zo­nas­syn­ode ver­mit­telt in Sum­me den Ein­druck, ledig­lich ein Schau­lauf zu ein, ein insze­nier­tes Thea­ter, um – so ist anzu­neh­men – einen wei­te­ren Punkt in der Agen­da der Geheim­grup­pe von Sankt Gal­len abzu­ar­bei­ten, von der Jor­ge Mario Ber­go­glio erfolg­reich auf den Stuhl Petri geho­ben wurde. 

Die Zeit, sich Illu­sio­nen hin­zu­ge­ben, ist knapp geworden.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Vatican.va/VaticanNews (Screen­shots)

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