Franziskus: Interkommunion ist kein Problem

Interkommunion
Wie Franziskus sich die Hände in Unschuld wäscht und die deutschen Bischöfe auffordert, die Interkommunion umzusetzen.

(Rom) Auf dem Rückflug von Genf nach Rom bezeichnete Papst Franziskus im Gespräch mit den Journalisten den Proselytismus als Hürde für die Ökumene. Zugleich versicherte er, daß ihm die Handreichung zur Interkommunion der Mehrheit der Deutschen Bischofskonferenz sogar „restriktiv“ erscheine und erteilte den deutschen Bischöfen grünes Licht, die Interkommunion umzusetzen – Hauptsache formal als Diözesen und nicht als Bischofskonferenz.

Bei der fliegenden Pressekonferenz stellte Roland Juchem vom Centrum Informationis Catholicum, dem gemeinsamen, römischen Korrespondentenbüro der katholischen Nachrichtenagenturen im deutschen Sprachraum, dem Papst eine Frage zum umstrittenen Interkommunion-Vorstoß der Mehrheit der Deutschen Bischofskonferenz. Die im Februar beschlossene Handreichung wurde vom Vatikan blockiert, nachdem eine Minderheit von sieben Bischöfen in Rom Dubia (Zweifel) an der Vorgehensweise und zum Inhalt vorbrachte. Glaubenspräfekt Ladaria sagte ein ziemlich deutliches Nein zur Interkommunion. Eine Reihe kleiner Signale ließen zugleich Zweifel aufkommen, ob von Papst Franziskus aber wirklich ein Nein gewollt ist. Seine Antwort im Flugzeug bestätigte die Zweifel.

Roland Juchem: Heiliger Vater, sie sprechen häufig von konkreten Schritten in der Ökumene. Heute zum Beispiel haben sie es erneut wiederholt, indem sie gesagt haben: „Sehen wir das, was konkret machbar ist, anstatt uns durch das entmutigen zu lassen, was nicht getan werden kann.“ Die deutschen Bischöfe haben jüngst beschlossen, einen Schritt [zur sogenannten „Interkommunion“] zu machen, daher fragen wir uns, warum dann Erzbischof Ladaria [Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre] einen Brief geschrieben hat, der ein bißchen wie eine Notbremsung scheint. Nach dem Treffen vom vergangenen 3. Mai wurde erklärt, daß die deutschen Bischöfe eine möglichst einstimmige Lösung finden sollten. Was werden die nächsten Schritte sein? Wird zur Klärung ein Eingriff des Vatikans nötig sein, oder werden die deutschen Bischöfe eine Antwort finden müssen?

Papst Franziskus: Gut. Das ist nichts Neues, weil im Codex des Kirchenrechts ist das vorgesehen, wovon die deutschen Bischöfe gesprochen haben: die Kommunion in Sonderfällen. Und sie haben auf das Problem der gemischten Ehen geschaut: ob es möglich ist oder nicht. Der Codex sagt aber, daß der Bischof der Teilkirche [Partikularkirche, lat. Ecclesiae particulares] – dieses Wort ist wichtig: partikular [particularis], wenn es um eine Diözese geht – diese Sache zu regeln hat: Es liegt in seiner Hand. So steht es im Codex. Die deutschen Bischöfe, nachdem sie gesehen hatten, daß die Sache nicht klar war und auch einige Priester Dinge taten, die nicht mit dem Bischof übereinstimmten, wollten sie dieses Thema studieren und haben diese Studie gemacht, die – ich will nicht übertreiben –, eine Studie von vor mehr als einem Jahr ist, ich weiß es nicht genau, aber mehr als ein Jahr, gut gemacht ist, gut gemacht ist. Und die Studie ist restriktiv: Was die Bischöfe wollten, ist, klar zu sagen, was im Codex steht. Und auch ich, der sie gelesen hat, sage: Das ist ein restriktives Dokument. Das war kein „allen öffnen“. Nein. Das war eine gut durchdachte Sache, mit kirchlichem Geist. Und sie wollten es für die Ortskirche machen: nicht für die Teilkirche. Das wollten sie nicht. Die Sache ist dann abgerutscht, das heißt, indem sie sagten, daß es für die Deutsche Bischofskonferenz ist. Und darin liegt ein Problem, weil der Codex das nicht vorsieht. Er sieht die Zuständigkeit des Diözesanbischofs vor, aber nicht der Bischofskonferenz. Warum? Weil eine von einer Bischofskonferenz approbierte Sache gleich universal wird. Und das war die Schwierigkeit der Diskussion: Nicht so sehr der Inhalt, sondern das. Sie haben das Dokument geschickt; dann gab es zwei oder drei Treffen des Dialogs und der Klärung; und Erzbischof Ladaria hat jenes Schreiben geschickt, aber mit meiner Genehmigung. Er hat es nicht allein gemacht. Ich habe ihm gesagt: „Ja, es ist besser einen Schritt vorwärts zu machen und zu sagen, daß das Dokument noch nicht reif ist – das besagte das Schreiben –, und daß die Sache noch mehr studiert werden sollte.“ Dann gab es ein weiteres Treffen, und am Ende werden sie die Sache studieren. Ich denke, daß das ein Orientierungsdokument sein wird, damit jeder Diözesanbischof das regeln kann, was bereits das Kirchenrecht erlaubt. Es gab kein Bremsen, nein. Es war ein Regeln der Sache, damit sie einen guten Weg nimmt. Als ich die lutherische Kirche in Rom besucht habe, wurde eine allgemeine Frage gestellt, und ich habe gemäß dem Geist des Codex des Kirchenrechtes geantwortet, jenem Geist, den sie [die deutschen Bischöfe] jetzt suchen. Vielleicht hat es nicht die richtige Information im richtigen Moment gegeben. Es gibt ein bißchen Verwirrung. Aber das ist die Sache. In der Teilkirche erlaubt es der Codex; in der Ortskirche geht das nicht, weil es universal wäre. Das ist es.

Roland Juchem: Die Ortskirche ist die [Bischofs-] Konferenz?

Papst Franziskus: Es ist die Konferenz. Aber die Konferenz kann studieren und Orientierungen geben, um den Bischöfen in der Handhabung der Sonderfälle zu helfen. Danke.

Die Anspielung von Papst Franziskus auf „eine allgemeine Frage“ in der lutherischen Christuskirche in Rom bezieht sich auf die deutsche Lutheranerin Anke de Bernardinis, die mit einem katholischen Italiener verheiratet ist. Sie fragte Franziskus am 15. November 2015, ob und wann sie und ihr Mann gemeinsam die Kommunion empfangen könnte. Die langatmige Antwort, die Franziskus ihr gab, läßt sich als ein Nein, Jein, Ja zusammenfassen. Er könne und werde nie eine solche Erlaubnis (zur Interkommunion) erteilen, wenn aber das Gewissen des einzelnen Protestanten nach reiflicher Überlegung zum Schluß komme, die Kommunion empfangen zu können, dann, ja dann…

Heilige Kommunion ohne Communio?
Heilige Kommunion ohne Communio?

Kurzum, jeder solle selber entscheiden. Franziskus reduzierte den Kommunionempfang zur bloßen Gewissensfrage und erteilte damit der Do-it-your-self-Interkommunion grünes Licht. Ein dialektisches „Meisterstück“ mit revolutionären Zügen als würde Franziskus sagen: Die Kirche sagt Nein zur Interkommunion, ich sage Nein zur Interkommunion, meine aber in Wirklichkeit Ja, übernehme aber keine Verantwortung dafür.

In der Sache antwortete Franziskus gestern auf derselben Linie. Vor allem reduzierte er eine meritorische Frage zur formalen Frage und verschanzte sich mit einer eigenwilligen Interpretation hinter dem Kirchenrecht. Franziskus als „Doktor des Gesetzes„? Das einzige „Problem“ in der Interkommunion-Frage, so der Papst, habe lediglich darin bestanden, daß die Mehrheit der deutschen Bischöfe ihren Beschluß als Bischofskonferenz und nicht als Diözesanbischöfe umsetzen wollten.

Und zur eigentlichen Frage, ob und in welchem Umfang der Kommunionempfang durch Protestanten angeblich durch den Codex Iuris Canonici erlaubt ist, obwohl sie nicht zur katholischen Kirche konvertiert sind und wollen, hat der Papst nichts zu sagen?

Offenbar nicht.

Doch der Schein trügt, denn er sagte sogar sehr viel und revolutioniert die Kirche in Lehre und Praxis. Dabei den Eindruck zu vermitteln, als würde er inhaltlich nichts sagen, scheint gezielter Teil der Strategie zu sein. Denn wenn ein Nein in ein Ja verkehrt wird, wie es durch Franziskus in der lutherischen Kirche in Rom geschehen ist und wie er es gestern implizit auf dem Rückflug von Genf nach Rom wiederholte, trifft das Gegenteil zu.

Franziskus war vor allem sehr deutlich und sein Stoßrichtung klar. Er verteidigte die Handreichung der DBK-Mehrheit, indem er ihr attestierte, angeblich „restriktiv“ zu sei. Ein dialektischer Kunstgriff, um einen revolutionären Eingriff als harmlos erscheinen zu lassen.

Der Papst sandte zugleich eine eindeutige Botschaft an die Diözesanbischöfe. Jeder könne die Interkommunion in seine Diözese regeln wie er wolle, und die Bischofskonferenz, die zwar nicht zuständig sei, könne „Orientierungen“ geben. Mit anderen Worten: Macht weiter mit der Interkommunion wie geplant, sagt nur nicht Bischofskonferenz, sondern Einzeldiözese. Die Botschaft wird bei den deutschen Bischöfen ankommen.

Die Folgen? Man muß kein Augure sein, um sie erahnen zu können. In der Mehrheit der Diözesen wird die Interkommunion schon bald hochoffizielle Wirklichkeit sein, und die Diözesen der Minderheit werden durch die Macht des Faktischen schnell so unter Druck geraten, daß sie spätestens nach dem nächsten Bischofswechsel nachziehen werden. Und alles verpackt in schöne Worte.

Text: Giuseppe Nardi
Bild: InfoVaticana/MiL

7 Kommentare

  1. Kein päpstliches Wort zum hl. Sakrament der Buße, kein Wort zum hl. Sakrament der Priesterweihe, nicht einmal zum hl. Sakrament der Krankensalbung in Lebensgefahr – neben der christlich-katholischen Taufe die drei unabdingbaren Voraussetzungen für den gültigen – und wirkmächtigen – Empfang der hl. Eucharistie. Die Protestantisierung der katholischen Kirche wird von Jorge M. Bergoglio mit allerlei Winkelzügen, aber enorm zielstrebig vorangetrieben.

    Wir leben tatsächlich in einer Zeit der großen Irrungen und Wirrungen, der Spaltungen, ja des Zusammenbruchs jeder kirchlichen Ordnung. Und dies in Verantwortung des Papstes und all derer, die ihn 2013 auf den Schild gehoben haben. Apokalyptische Zeichen? Sehr wahrscheinlich!

    • Sorry – eine Unklarheit meinerseits: Das Sakrament der Krankensalbung zählt natürlich üblicherweise nicht zu den Voraussetzungen für den gültigen Empfang der hl. Eucharistie. Es sollte aber in jenen Ausnahmefällen, die eine Notsituation bei Nichtkatholiken rechtfertigen – also bei unmittelbar drohender Todesgefahr – wenn möglich stets in Verbindung mit der Kommunion gespendet werden.

  2. Schreiben wir alle Diözesanbischöfe an, dass wir Gläubigen von Ihnen erwarten, dass sie die bisherige Lehre der römisch-katholischen Kirche zu den Sakramenten in ihren Diözesen bekräftigen, ihre Priester und Religionslehrer anweisen, entsprechend zu predigen, zu lehren und dies auch zu kontrollieren.

    Wenn jeder Katholik das große Wunder der Transsubstantiation, des eucharistischen Sakramentes richtig glaubt, müsste er seinen nicht-katholischen Ehepartner warnen, dieses Sakrament zu empfangen, denn er weiß ja, dass dieser sich damit das Gericht isst – und das kann ja wohl keine eheliche Liebe wollen.

    Jeder Nicht-Katholik, in dem die Sehnsucht nach dem Empfang der Allerheiligsten Eucharistie aufkeimt, würde anstreben schnellst-möglich katholisch zu werden und sich mit dem Empfang des Sakramentes der Buße auf den Empfang des Herrn vorzubereiten.

    Wenn er wirklich Sehnsucht nach dem Herrn hat, weshalb sollte er weiter zu einer Gemeinschaft gehören wollen, die ihm den Herrn nie spenden kann, weshalb sollte er dort Brot wollen?

    Wenn beide Ehepartner mal hier die Allerheiligste Eucharistie und mal da Brot empfangen wollen, dann glauben beide nicht und sehnen sich beide nicht und beiden ist es egal, dass sie sündigen.

  3. Man soll die Nachrichten über den Franziskus nicht mehr lesen, denn das Herz blutet und die Seele? Wo geht sie hin nach seiner Auffassung?

  4. Das päpstliche Wollen wird man in der Tat kaum ergründen können, wenn man sich lediglich auf das konzentriert, was er sagt. Oftmals viel relevanter ist, wie er es sagt und vor allen Dingen, was er nicht sagt. Mithin sollte man hier stärker hybride Kommunikationsmuster in den Blick nehmen (https://kirchfahrter.wordpress.com/2017/05/01/hybride-kommunikationsmuster-im-kirchlichen-raum/): Antwortet der Pontifex auf die gestellte Frage oder auf eine ganz andere? Beantwortet er alle Fragen oder läßt er Fragen offen? Benutzt er mehrdeutige Begriffe?
    Viele arglose Menschen sind regelrecht auf Kirchenrecht und Dogmen fixiert, solange hier nichts geändert wird, ist für sie alles in Ordnung. Dabei wird offenkundig der Hebel der Veränderung im realen Alltagsleben der Kirche angesetzt: Wenn jeder Bischof – von Rom geduldet bzw. gefördert – machen kann, was er will, wen interessiert, was im CIC steht? Mit seinen Stehgreif-Interviews, sibyllinischen Äußerungen in „fliegenden Pressekonferenzen“ und mehrdeutigen Hinweisen prägt dieser Papst die Wahrnehmung von Kirche, was in Texten steht, wird dann sowieso bald von der „normativen Kraft des Faktischen“ überholt werden – der Begriff „Do-it-your-self-Interkommunion“ ist in diesem Zusammenhang gut gewählt…

  5. Er hat geschafft, die Kirche zu spalten auf Liberalen und Konservativen, das ist sehr schmerzhaft. Die böse Welt hat verdient so einen Papst zu haben, weltlich und nicht katholisch. Die Wahrheit des Evangeliums wurde verändert.

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