Übersiedlung von Chicago nach Washington?

Die Personalpolitik von Papst Franzskus

Kardinal Cupich mit Papst Franziskus
Kardinal Cupich mit Papst Franziskus

(Rom) Der Vati­kan schweigt zu den jüng­sten Ent­hül­lun­gen, daß Kar­di­nal Donald Wuerl bereits seit 2004 vom homo­se­xu­el­len Miß­brauch durch Kar­di­nal Theo­do­re McCarrick, sei­nem Vor­gän­ger als Erz­bi­schof von Washing­ton, wuß­te. Unter­des­sen wächst der Druck, daß mög­lichst bald ein neu­er Erz­bi­schof für Washing­ton ernannt wird. Kar­di­nal Bla­se Cup­ich wird als poten­ti­el­ler Kan­di­dat genannt – um die Linie bei­zu­be­hal­ten.

Der schweigsame Papst

Kar­di­nal Wuerl wur­de im ver­gan­ge­nen Okto­ber als Erz­bi­schof von Washing­ton eme­ri­tiert. Der öffent­li­che Druck war nach der Ver­öf­fent­li­chung des Penn­syl­va­nia Report zu groß gewor­den. Dar­in wird der Pur­pur­trä­ger beschul­digt, Miß­brauch­stä­ter vor Straf­ver­fol­gung geschützt zu haben.

Zugleich tra­ten Fra­gen zu sei­nem Vor­gän­ger, Ex-Kar­di­nal McCarrick, auf, dem Papst Fran­zis­kus im Juli 2018 nach ent­spre­chen­den Medi­en­be­rich­ten die Kar­di­nal­s­wür­de ent­zog.  Was wuß­te Wuerl über des­sen sexu­el­les Fehl­ver­hal­ten? Wuerl beteu­er­te noch im Som­mer des Vor­jah­res hoch und hei­lig, nichts gewußt und nicht ein­mal etwas geahnt zu haben. Inzwi­schen steht aber fest, daß Wuerl bereits 2004 über McCarricks Ver­derbt­heit infor­miert war. Er muß also vor aller Öffent­lich­keit gelo­gen haben.

Eben­so ste­hen Fra­gen im Raum, wie es Wuerl mit der Sexua­li­tät hält, da er per­sön­li­cher Sekre­tär des ehe­ma­li­gen Bischofs von Pitts­burgh war, der wegen der gro­ßen Schar sei­ner homo­se­xu­el­len Lust­kna­ben bekannt war. Nun­ti­us Viganò zählt Wuerl in sei­nem Dos­sier vom 26. August 2018 zum Kreis der hoch­ran­gi­gen Homo­phi­len in der Kir­che.

Papst Fran­zis­kus eme­ri­tier­te Wuerl zwar, ernann­te ihn jedoch zugleich wie­der zum Apo­sto­li­schen Admi­ni­stra­tor von Washing­ton. Im Klar­text änder­te sich zwar der Rechts­ti­tel, doch schal­tet und wal­tet Wuerl wei­ter­hin im Erz­bis­tum wie zuvor.

Erneut fällt auf, wie ein so aus­ge­spro­chen elo­quen­ter Papst wie Fran­zis­kus, in allen umstrit­te­nen und zen­tra­len Momen­ten sei­nes Pon­ti­fi­kats ein eiser­nes Schwei­gen zum Mar­ken­zei­chen sei­ner Amts­füh­rung macht. Die­ses selek­ti­ve Schwei­gen wird in der Kir­che als Bela­stung emp­fun­den. Wann immer die Welt, mit Sicher­heit aber die Kir­che, von ihm eine Ant­wort erwar­tet, fällt das argen­ti­ni­sche Kir­chen­ober­haupt in eine Sprach­lo­sig­keit. Ob es sich dabei um die Dubia der vier Kar­di­nä­le zum umstrit­te­nen nach­syn­oda­len Schrei­ben Amo­ris lae­ti­tia oder um die ern­sten und hoch­bri­san­ten Anschul­di­gun­gen des ehe­ma­li­gen Nun­ti­us für die USA, Msgr. Car­lo Maria Viganò, han­delt.

Zum bereits auf­ge­stau­ten Schwei­gen kommt nun noch das Schwei­gen zum Fall Wuerl hin­zu. Dem Erz­bis­tum Washing­ton kommt als Haupt­stadt­bis­tum in den USA ein beson­de­res Pre­sti­ge und beson­de­re Bedeu­tung zu, wenn­gleich tra­di­tio­nell Chi­ca­go als das bedeu­tend­ste Bis­tum der Ver­ei­nig­ten Staa­ten gilt. Washing­ton liegt aller­dings näher am Zen­trum der Macht. Der dor­ti­ge Erz­bi­schof hat daher auch grö­ße­re Sicht­bar­keit.

Kardinal Wuerls Wissen

Kar­di­nal Wuerl gehört zum Kreis der Papst-Freun­de. Das zeig­te sich an zahl­rei­chen klei­ne­ren und grö­ße­ren Gesten. Wäh­rend Fran­zis­kus Bischö­fe, die ihm nicht zu Gesicht ste­hen, mit Voll­endung des 75. Lebens­jah­res sofort eme­ri­tiert, zöger­te er die­sen inner­kirch­lich­bis heu­te umstrit­te­nen Pen­sio­nie­rung­me­cha­nis­mus bei Wuerl drei Jah­re hin­aus.

„Die Sache ist sehr ernst, unter ande­rem des­halb, weil sie zu der logi­schen Schluß­fol­ge­rung führt: Wenn Wuerl wuß­te und behaup­te­te, nichts gewußt zu haben, dann gibt es noch mehr Grün­de zur Annah­me, daß auch die Zög­lin­ge von McCarrick, Kevin Far­rell , Joseph Tobin und Blai­se Cup­ich, wuß­ten, und auch sie gelo­gen haben“, so Info­Va­ti­ca­na.

Alle drei Genann­ten wur­den von Papst Fran­zis­kus zu Kar­di­nä­len erho­ben. Zumin­dest zu den bei­den Letz­te­ren herrscht Über­ein­stim­mung, daß sie die Pur­pur­wür­de „allein durch die lan­ge Hand McCarricks“ erhiel­ten, die bis zu Papst Fran­zis­kus nach San­ta Mar­ta reich­te. Das­sel­be scheint auch für Far­rell zu gel­ten, ist aber nicht so ein­deu­tig.

Aus Rom ist aber nur Stil­le zu hören. Selbst die sonst so geschwät­zi­ge Entou­ra­ge von Fran­zis­kus hüllt sich in Schwei­gen. Washing­ton ist aller­dings ein zu bedeu­ten­des Bis­tum, um es in der Schwe­be zu belas­sen. Die Ernen­nung eines neu­en Erz­bi­schofs wird mit zuneh­men­der Insi­stenz erwar­tet.

Blase Cupich nach Washington?

Der US-ame­ri­ka­ni­sche Jour­na­list Roc­co Palmo, der über beste Kennt­nis­se zum Epi­sko­pat der USA ver­fügt, ist der Mei­nung, daß Kar­di­nal Cup­ich von Chi­ca­go nach Washing­ton beru­fen wer­den könn­te. Cup­ich gehört zum McCarrick-Kreis, was bedeu­ten wür­de, daß im inner­kirch­li­chen Macht­ge­fü­ge, die­sel­be Rich­tung den Bischofs­stuhl in der Haupt­stadt behaup­ten könn­te. Aller­dings steht Cup­ich kaum weni­ger in der Miß­brauchs­kri­tik als Wuerl. Er muß­te bereits zuge­ben, über eini­ge Miß­brauch­stä­ter Bescheid gewußt, aber nichts unter­nom­men zu haben. Die homo­phi­le Gesin­nung des Kar­di­nals ist seit Jah­ren bekannt. Cup­ich ver­stieg sich am Beginn des jüng­sten Miß­brauchs­skan­dals sogar zu Aus­sa­gen wie: Der Papst habe „drin­gen­de­re“ und „wich­ti­ge­re“ Din­ge, um die er sich küm­mern müs­se, z.B. den Kli­ma­wan­del.

Aller­dings bezwei­felt Palmo, daß Fran­zis­kus es tat­säch­lich wagen wird, Cup­ich nach Washing­ton zu set­zen. Aller­dings bestä­tigt sich im gan­zen Fall die Ernen­nungs­po­li­tik von Fran­zis­kus. Wer ihm nicht gewo­gen ist, der wird not­falls auch unsanft ent­fernt. Wer ihm gewo­gen ist, der kann mit dem Rück­halt des Pap­stes rech­nen, solan­ge es irgend­wie geht. Kein Ber­go­glia­ner muß sich dar­um sor­gen, bei etwas Gegen­wind von Fran­zis­kus fal­len­ge­las­sen zu wer­den, wie es in der Poli­tik üblich ist.

Fran­zis­kus erwies auch im der­zei­ti­gen Sturm Cup­ich sei­ne Gunst, indem er ihn in das vier­köp­fi­ge Orga­ni­sa­ti­ons­ko­mi­tee für den Miß­brauchs­gip­fel Ende Febru­ar ernann­te, wäh­rend er Sean Patrick O’Malley, einen ande­ren US-Kar­di­nal, der Vor­sit­zen­der der Päpst­li­chen Kin­der­schutz­kom­mis­si­on und daher mit der Fra­ge ver­traut ist, nicht berück­sich­tig­te. Kar­di­nal O’Malley geriet im ver­gan­ge­nen Jahr gleich mehr­fach in der Miß­brauchs­fra­ge mit Fran­zis­kus über Kreuz.

Dabei ging es immer um die Art, wie mit den bischöf­li­chen, also hoch­ran­gi­gen Miß­brauch­stä­tern umge­gan­gen wer­den soll. Fran­zis­kus ver­such­te jeweils, die Täter — die ihm zu Gesicht ste­hen müs­sen und nach Mög­lich­keit zu schüt­zen, auch in die­sem Fall, so lan­ge irgend­wie mög­lich.

„Ein echter Fluch“

Die Erfah­run­gen der ver­gan­ge­nen Jah­re zei­gen auch, daß Fran­zis­kus sich nicht durch öffent­li­chen Druck beein­drucken läßt. Der muß schon eine gewis­se Schwel­le errei­chen, um ihn in sei­nen Ent­schei­dun­gen zu beein­flus­sen.

Noch einen wei­te­ren Aspekt sieht Info­Va­ti­ca­na:

„Es ist kein Geheim­nis, daß der Papst mit Schlüs­seler­nen­nun­gen mehr die Loya­li­tät als die Kom­pe­tenz belohnt, wie der Fall sei­ner Lands­leu­te Zan­chet­ta und Vic­tor Manu­el „Tucho“ Fer­nan­dez zeigt.“

Der Vati­ka­nist San­dro Magi­ster bemerk­te zur Per­so­nal­po­li­tik von Fran­zis­kus, daß der Papst „Mit­ar­bei­ter mit einer Ver­gan­gen­heit“ bevor­zu­ge. Gemeint ist eine dunk­le Ver­gan­gen­heit wie (homo)sexuelle „Schwä­chen“ oder eine zwei­fel­haf­te Ortho­do­xie. Die Liste ist beacht­lich und bezieht nicht nur Bischof Zan­chet­ta ein, son­dern auch den „Mann des Pap­stes“ in Latein­ame­ri­ka und Koor­di­na­tor des C9-Kar­di­nal­s­ra­tes, der der­zeit auf einen C6-Kar­di­nal­s­rat geschrumpft ist, Kar­di­nal Oscar Rodri­guez Mara­dia­ga. Dazu gehö­ren natür­lich auch Ex-Kar­di­nal McCarrick, Kar­di­nal Dan­neels, Kar­di­nal Coc­co­pal­me­rio und Kar­di­nal Erra­zu­riz.

Bemer­kens­wer­ter ist, daß Info­Va­ti­ca­na jüngst auch Kar­di­nal Rein­hard Marx, den mäch­tig­sten Mann der Kir­che in Deutsch­land in die­sem Zusam­men­hang erwähn­te.

Info­Va­ti­ca­na schrieb zum die­sem Aus­wahl­kri­te­ri­um des Pap­stes:

„Das scheint ein ech­ter Fluch zu sein“.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Info­Va­ti­ca­na