Der Konflikt zwischen Fokolarini und Jesuiten um die Seligsprechung von Chiara Lubich

Der Schatten von Kardinal Martini

Papst Franziskus beim Earth Day der Fokolarbewegung 2016
Papst Franziskus beim Earth Day der Fokolarbewegung 2016.

(Rom) Seit dem vergangenen 26. Mai ist Msgr. Angelo Becciu, der frühere Substitut im vatikanischen Staatssekretariat, Präfekt der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse. Am 28. Juni kreierte ihn Papst Franziskus auch zum Kardinal. Der neue Kardinalpräfekt ist seit langem mit der Fokolarbewegung verbunden. Deshalb gilt es als wahrscheinlich, daß Chiara Lubich, die Gründerin und langjährige Vorsitzende der Fokolarbewegung, bald seliggesprochen werden könnte.

Der Vatikanist Sandro Magister spürte diesen Gerüchten nach und stieß auf mögliche Hindernisse:

„Weil die Gegner ihrer Seligsprechung nicht zu unterschätzen sind“.

Chiara Lubich (1928-2008)
Chiara Lubich (1928-2008)

Die Gegner sitzen vor allem im Jesuitenorden, und dem gehört bekanntlich auch Papst Franziskus an. Magister verweist auf Carlo Maria Kardinal Martini SJ, der 2012 verstorbene, ehemalige Erzbischof von Mailand. Der Gründer des innerkirchlichen Geheimzirkels von Sankt Gallen und Jahrgangskollege von Chiara Lubich übt auch post mortem noch großen Einfluß auf die Kirche aus.

Jesuit ist auch Jean-Marie Hennaux, Professor an der Theologischen Fakultät des Jesuitenordens in Brüssel und Autor „der schneidendsten bisher veröffentlichten Kritik am theologischen Denken von Chiara Lubich“.

Pater Hennaux sieht das Bedenkliche an diesem Denken in einem Text von 1950 verdichtet. Darin schrieb Lubich:

„Jede Seele der Fokolarini hat ein Ausdruck von mir zu sein und nichts anderes. Mein Wort enthält die aller Fokolarini. Ich fasse alle zusammen. Wenn ich auftrete, so haben sie sich von mir erzeugen zu lassen, mit mir zu kommunizieren. Auch ich habe ihnen wie Jesus zu sagen: ‚Und wer mein Fleisch ißt…‘

Im Dezember 2014, so Magister, legte Pater Hennaux seine Kritik an der Theologie von Chiara Lubich dem Bischof von Frascati, Raffaello Martinelli, vor, der ihn darum gebeten hatte, kurz bevor er das Seligsprechungsverfahren für die Gründerin der Fokolarbewegung am 27. Januar 2015 offiziell eröffnete. In Frascati befindet sich das Generalhaus der Bewegung.

Sammelband über „sektiererische Abweichungen“ bei Bewegungen
Sammelband über „sektiererische Abweichungen“ bei Bewegungen

Inzwischen ist die Kritik von Pater Hennaux allgemein zugänglich, da sie 2017 Eingang in den Sammelband „Vom Mißbrauch zur Freiheit“ (De l’emprise à la liberté. Dérives sectaires au sein de l’Église. Témoignages et réflexions) fand, der sich „sehr kritisch“ mit angeblich „sektiererischen Abweichungen“ in der Kirche befaßt. Gemeint ist damit nicht nur die Fokolarbewegung. Das Buch richtet sich auch gegen das Opus Dei, die Legionäre Christi und den Neokatechumenalen Weg.

Die Idee zum Buch stammt ebenfalls aus dem Jesuitenorden. Sie entstand im belgischen Ausbildungszentrum des Ordens, dem Centre Spirituel Ignatien La Pairelle in Wallonien, Konkret gefördert wurde sie vom Jesuitentheologen und Kirchenrechtler P. Benoit Manvaux. Er war bereits Vorsitzender von Lumen vitae und ist inzwischen als Generalprokurator des Jesuitenordens in Rom tätig.

Der Sammelband, in den Editions Mols verlegt, liegt in französischer und italienischer Sprache vor. Magister: „Die Fäden in der Vorbereitungsphase zog die Italienerin Renata Patti, die im Alter von zehn Jahren in die Fokolarbewegung kam und sie im Alter von 50 Jahren verließ.“ Patti bekleidete 22 Jahre lang Aufgaben bei der Europäischen Kommission und wurde Studentin der erwähnten Theologischen Fakultät des Jesuitenordens in Brüssel. 2012 trat sie mit einer langen Denkschrift an die Öffentlichkeit, in der sie ihren Werdegang in der Fokolarbewegung bis zu ihrem Austritt schildert. Darin enthalten war auch der oben zitierte, bis dahin unbekannte Lubich-Text von 1950.

„Im Buch fällt aber vor allem das Kapitel auf, in dem sie ihre beiden Begegnungen mit Kardinal Martini in seinem letzten Lebensjahr 2012 schildert. Zwei Begegnungen jeweils von einer Dauer von 50 Minuten.“

Bei der ersten Begegnung am 7. Januar 2012 stand das Buch des Franzosen Olivier Le Gendre „Confession d’un Cardinal“ im Mittelpunkt des Gesprächs. Das Buch enthält vertrauliche Informationen eines Kardinals, dessen Name ungenannt bleibt. Martini gab Patti nicht nur zu verstehen, die Ansichten dieses Kardinals zu teilen, sondern sich auch denken zu können, um wen es sich dabei handelt.

Eine in der „Confession“ genannte Ansicht betrifft angebliche „sektiererische Abweichungen“ von geistlichen Bewegungen.

Kardinal Martini: Johannes Paul II. hat mit den Bewegungen übertrieben… Und zudem existiert kein Bischof der Welt, es gibt den Bischof von Rom… Die Kirche hatte nie eine eindeutige Meinung: ein bißchen mit den Bewegungen und ein bißchen nicht. Aber die Kirche hat nicht die Kraft…

Patti: Aber dann, Eminenz, müßte man wirklich über unsere Kirche weinen…

Kardinal Martini: Nein. Das geht vorbei, es geht vorbei!

Patti: Das geht vorbei? Und Benedikt XVI.?

Kardinal Martini: Auch er geht vorbei. Ich habe ihn ihm April [2011] gesehen. Ich habe einen alten und müden Mann gesehen. Ich hoffe, daß er bald zurücktreten wird. Dann machen wir Schluß mit dem Staatssekretär und dem Staatssekretariat.

Patti: Und dann, Eminenz?

Kardinal Martini: Dann wird es ein Konklave geben, das vielleicht [Angelo] Scola wählen wird.

Patti: Ich meine, daß Scola mit einer Bewegung verbunden ist.

Kardinal Martini: Ja, Comunione e Liberazione. Er hat sie verlassen, aber im Herzen ist er immer dort geblieben.

Bei der zweiten Begegnung am 12. März 2012 stand die Denkschrift von Renata Patti im Mittelpunkt, die der Kardinal gelesen hatte.

Kardinal Martini: Ich wußte nicht, daß die Fokolarbewegung so streng ist, ein bißchen wie das Opus Dei.

Patti: Eminenz, diese Dinge weiß man nicht. Sie werden zu versteckt gehalten… Chiara [Lubich] wollte immer bei der Hierarchie eine gute Figur machen.

Kardinal Martini: Aber der Papst muß das wissen! Es stimmt, daß weibliche Mitglieder der Fokolarbewegung im Vatikan in den Sekretariaten aller Dikasterien sind und auch die Päpstliche Familie zählt zwei Laienmitglieder von Comunione e Liberazione. In den vatikanischen Botschaften, den Nuntiaturen, gibt es weibliche Mitglieder der Fokolarbewegung. Man kommt nie bis zum Papst durch. Aber mir ist es im vergangenen Jahr gelungen, zweimal einen direkten Kontakt mit ihm zu haben. Ich werde dem Papst bezüglich der Bewegungen einen Brief schreiben!“

Patti: Eminenz, sie verschaffen mir eine unendliche Freude!

Kardinal Martini: Ja, aber ich werde es nicht alleine tun: Im April werden wir mit einigen Bischöfen in die Schweiz gehen – so werden auch sie freier sein. Wir werden über die Bewegungen nachdenken und dem Papst schreiben!

Dazu Magister:

„Martini begab sich tatsächlich im April in die Schweiz, aber ohne den beabsichtigen Brief zu verwirklichen.“

Fokolarbewegung (Logo)
Fokolarbewegung (Logo)

Bei der zweiten Begegnung mit Patti wurde der Kardinal über das Projekt des Sammelbandes informiert, dessen Veröffentlichung er wärmstens unterstützte. Sein persönlicher Sekretär, Don Damiano Modena, begab sich in der Folge zweimal nach Belgien, um an den Vorbereitungstreffen teilzunehmen. Er scheint auch unter den Autoren auf.

Kardinal Martini, der sich selbst als „Ante-Papa“ bezeichnete und als Gegenspieler von Johannes Paul II. und Benedikt XVI. sah, starb im Sommer 2012. Ein anderer Jesuit, Pater Silvano Fausti, der langjährige Beichtvater von Kardinal Martini, enthüllte im März 2015, daß der Jesuitenkardinal nicht von dieser Welt abtrat, ohne im Juni 2012 von Papst Benedikt XVI., der ihn besuchte, energisch den Rücktritt zu verlangen.

Jesuit ist auch Papst Franziskus. Am 24. April 2016 ehrte er die Fokolarbewegung mit einem vorher nicht bekanntgegebenen Besuch beim Earth Day, dem „Tag der Erde“, in Rom. Bei der Eine-Welt-Veranstaltung äußerte Papst Franziskus umstrittene Ansichten. Laut Magister sage das aber nichts darüber aus, was Papst Franziskus wirklich über die Fokolarbewegung denkt:

„Er hat zwei Fokolarini-Kardinäle, den Italiener Becciu und den Brasilianer João Braz de Aviz, an der Spitze der Dikesterien für die Heiligsprechungen und die Orden. Aber als Jesuit ist nicht ausgeschlossen, daß er die Vorbehalte teilt, die ein anderer Mitbruder, P. Giuseppe De Rosa, 2005 in der römischen Jesuitenzeitschrift La Civiltà Cattolica , mit einer giftigen Pfeilspitze gegen die Bischöfe – und Kardinäle – veröffentlichte, die der Fokolarbewegung nahestehen“.

Text: Giuseppe Nardi
Bild: Vox Cantoris/Focolarini (Screenshots)

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*